Die Kopf-Hals-Sonographie stellt den klinischen Goldstandard in der bildgebenden Abklärung vieler Krankheitsbilder in der HNO dar [
4,
6,
18,
33,
56,
71]. Dabei hat der Ultraschall nachgewiesenermaßen einen zentralen Stellenwert in der Primärdiagnostik, Verlaufskontrolle und Operationsplanung in der Kopf-Hals-Onkologie [
1,
6,
56,
71]. Neben einer gründlichen Durchführung der Ultraschalluntersuchung selbst spielt die Befunderstellung eine zentrale Rolle und sorgt für einen hohen diagnostischen Qualitätsstandard, der die Basis für eine angemessene Therapieplanung und -durchführung darstellt. Während die konventionelle FTR mit einer niedrigen Intra- und Interrater-Reliabilität hinsichtlich Befundqualität und v. a. Vergleichbarkeit assoziiert ist, stellt die SR diesbezüglich einen vielversprechenden Ansatz dar [
30,
76].
Auswirkungen auf die Aus- und Weiterbildung sowie die Qualitätssicherung
Während die praktische Durchführung von Ultraschalluntersuchungen einen gewissen Stellenwert in der Lehre und den Curricula der meisten medizinischen Hochschulen hat, werden Medizinstudierende mit der entsprechenden Befunddokumentation in aller Regel erst im Praktischen Jahr oder auch erst nach Approbation mit Beginn der Weiterbildung konfrontiert [
114]. Der damit einhergehende Mangel an Ausbildung in der Befunderstellung resultiert vielfach in einem geringen Verständnis für die Befundstruktur, deren Inhalt, die korrekte Terminologie und in einer mangelnden Kenntnis der zu befundenden Strukturen. Dies steht in einem deutlichen Widerspruch zur Bedeutung des Befundes einer jeden diagnostischen Untersuchung und dessen Implikationen für medizinische Entscheidungsfindung und Therapieplanung. Der Befund stellt dabei die Essenz einer jeden Untersuchung dar, da er deren Inhalt, Beurteilung und Ableitungen daraus vermittelt. Zusätzlich ist er u. U. die Ausgangsbasis für Kontrolluntersuchungen, wie sie beispielsweise in der Kopf-Hals-Onkologie im Rahmen der Nachsorge nach festem Schema erfolgen [
56,
57,
100].
Eine genaue Befundung ist dabei äußerst anspruchsvoll, da die Kopf-Hals-Region eine Vielzahl wichtiger Strukturen auf vergleichsweise geringem Raum aufweist. Auch die Interpretation der dreidimensionalen Topographie kann dabei herausfordernd sein [
7]. Diese Schwierigkeiten werden durch einen Mangel an Standardisierung der Terminologie und Relevanz der anatomischen Strukturen verstärkt, die unerfahrenen Studierenden und Weiterbildungsassistenten möglicherweise unverständlich erscheinen. Darüber hinaus stellen Unklarheiten bei der Struktur eines Befundes, dessen Inhalt und Aufbau typische Hindernisse bei der Befunderhebung dar.
Daher kann SR als ein zentraler Baustein in der Verbesserung der Lehre im Studium und der ärztlichen Weiterbildung angesehen werden, da sie den Lernprozess begleitet und unterstützt, indem insbesondere noch unerfahrene Untersucher durch die Untersuchung und Befundung geführt werden, auf den relevanten Inhalt hingewiesen werden und ihnen die korrekte Terminologie an die Hand gegeben wird [
53]. Dies wird durch diverse Studienergebnisse untermauert, die zeigen, dass die Anwendung einer SR zu weniger übersehenen pathologischen Veränderungen führt und die SR mit einer höheren diagnostischen Genauigkeit assoziiert ist [
51,
63,
110].
Vergleichbarkeit
Trotz der vielen evidenten Vorteile der Sonographie bleibt die Interrater-Reliabilität ein zentrales Manko des Diagnostikums. Diese schnitt in Studien traditionell für die CT- und MRT-Diagnostik überlegen ab [
40]. Jedoch existieren insgesamt nur wenig Daten zur Interrater-Reliabilität in der Kopf-Hals-Region und variieren in anderen Körperregionen stark nach Region und pathologischer Veränderung [
108]. Dies kann zu großen Problemen bei der Abklärung von pathologischen Veränderungen im Weichgewebe der Kopf-Hals-Region und in der Folge zur Fehldiagnosen und intraoperativen Komplikationen führen [
17]. Durch den Einsatz von SR wurde in der Folge im Rahmen von Studien eine hohe reproduzierbare Interrater-Reliabilität für die Kopf-Hals-Sonographie nachgewiesen, die sich mit bekannten Daten zu CT und MRT messen kann [
24]. Dies ermöglicht, insbesondere unter Berücksichtigung der positiven Effekte auf Befundqualität und zeitliche Effizienz, eine genauere und insbesondere reproduzierbarere Ultraschalldiagnostik.
Neben all diesen Punkten existieren große nationale Unterschiede, welche Fachdisziplin den Kopf-Hals-Ultraschall durchführt. Während in vielen Ländern die Radiologie hier die dominierende Fachdisziplin ist, liegt dies im deutschsprachigen und skandinavischen Raum regelhaft in der Hand der HNO-Ärzte [
109]. Dabei stellt insbesondere der sog. „physician-performed focused ultrasound“ einen zentralen Pfeiler bei der Operationsplanung minimal-invasiver Zugänge sowie auch für die etwaige intraoperative Sonographie dar [
62]. Ohne eine entsprechende Expertise durch tägliche Routine ist in diesem Kontext keine sichere Anwendung möglich [
85].
Es existieren multiple Publikationen zum Einfluss der SR auf die Befundqualität in verschiedenen Ausbildungsständen [
25,
26,
28,
29]. Demnach verbessert die Anwendung von SR sowohl bei Medizinstudierenden, jungen und fortgeschrittenen Ärzten in Facharztweiterbildung sowie bei Fachärzten nachhaltig die Befundvollständigkeit, die verwendete Terminologie und auch die Befundung der pathologischen Veränderung. Zudem waren die Befunde signifikant besser lesbar als FTR. Die Befundqualität wurde von den Autoren als Summe aus Befundvollständigkeit, Terminologie, Lokalisation, Ausmaß und Form des pathologischen Befundes und Lesbarkeit definiert. Daraus ergab sich in allen Ausbildungsständen eine signifikant überlegene Befundqualität für die SR (
n = 125; 93,1 vs. 45,6 %;
p < 0,001) [
29]. Im Rahmen weiterführender Analysen konnte für die wirtschaftlich zentrale Frage der für die Befunderstellung aufgewendeten Arbeitszeit gezeigt werden, dass die Zeitersparnis für SR im Vergleich zu FTR umso größer war, je früher SR in die Weiterbildung integriert wurde (R = 0,67; R
2 = 0,449;
p < 0,001) [
29]. Die Zeitersparnis pro Befund lag dabei in frühen Phasen der Ausbildung bei bis zu 2,1 min pro Befund, was bei hoher Untersuchungsfrequenz zu einer relevanten Zeitersparnis pro Jahr führt. Diese Ergebnisse werden durch weitere Publikationen gestützt, die im longitudinalen Verlauf für die SR eine gleichbleibend sehr hohe Befundqualität zeigten, während die Befundqualität mittels FTR sich tendenziell verschlechterte. Zudem nahm die zeitliche Effizienz nur mittels SR im longitudinalen Verlauf stetig zu [
28].
Darüber hinaus wurde gezeigt, dass die Anwenderzufriedenheit durch die Anwendung von SR signifikant steigt (visuelle Analogskale, VAS: 8,6 vs. 3,9;
p < 0,001) [
29]. Mögliche Gründe für die signifikant überlegene Benutzerzufriedenheit könnte der standardisierte SR-Algorithmus unter Einschluss einer vorgegebenen Terminologie sein, der die gängigen klinischen Standards und Leitlinien abbildet [
79]. Dabei fördert die Redundanz der SR den Lernprozess, indem die Unterpunkte der Untersuchung in vorgegebener Reihenfolge abgefragt werden. Folglich zeigt sich, dass die Implementierung einer SR die Adhärenz in der Anwendung von Leitlinien und somit evidenzbasierter Medizin fördert [
27]. Diese Ergebnisse befinden sich dabei im Einklang mit vorherigen Publikationen anderer Arbeitsgruppen, die eine Korrelation von SR mit qualitativ hochwertigen Befunden für verschiedene bildgebende Modalitäten zeigten [
25,
26,
37,
48,
76,
94‐
98,
107,
117], ergänzen diese jedoch auch signifikant im Kontext der HNO sowie um Fragestellungen zur medizinischen Ausbildung.
Integration diagnostischer Parameter bei steigender klinischer Komplexität
In den letzten Jahren hat die Komplexität v. a. innerhalb der Kopf-Hals-Onkologie aufgrund der steigenden Anzahl von diagnostischen Parametern und Staging-Klassifikationen – wie der zuletzt eingeführten Differenzierung zwischen HPV-positiven und -negativen Oropharynxkarzinom in der 8. Auflage der TNM-Klassifikation [
12] – deutlich zugenommen [
50,
78,
84,
104]. Bei dieser spielt die genaue Anzahl von pathologischen Lymphknoten eine noch größere Rolle als bisher. Zudem besteht ein großes Interesse an bildgebenden Parametern zur Beurteilung des Ansprechens auf Radiochemotherapien [
66,
90]. Um dieser steigenden Komplexität gerecht zu werden und um einen höchstmöglichen therapeutischen Standard zu gewährleisten, sind möglichst genaue, detaillierte und vergleichbare Befunde bei der Kopf-Hals-Sonographie von immenser Bedeutung. Während konventionelle Freitextbefunde, u. a. durch eine mangelnde Standardisierung der Terminologie und Befundstruktur, eine tendenziell niedrige Intra- und Interrater-Reliabilität in Bezug auf Befundqualität, Detailliertheit und Vergleichbarkeit aufweisen, stellen strukturierte Befunde einen vielversprechenden neuen Ansatz in der Befunderstellung dar [
30,
76].