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29.05.2024 | Hörstörungen | Nachrichten

Britische Untersuchung

Hörschwäche erhöht Demenzrisiko unabhängig von Beta-Amyloid

verfasst von: Thomas Müller

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Hört jemand im Alter schlecht, nimmt das Hirn- und Hippocampusvolumen besonders schnell ab, was auch mit einem beschleunigten kognitiven Abbau einhergeht. Und diese Prozesse scheinen sich unabhängig von der Amyloidablagerung zu ereignen.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Schwerhörige ältere Menschen bauen besonders schnell kognitiv ab, allerdings ist bislang nicht ganz klar, weshalb. Tragen sozialer Rückzug und erschwerte Kommunikation aufgrund der Hörprobleme dazu bei? Benötigt das Gehirn einen konstanten auditorischen Reiz zur Erhaltung wichtiger neuronaler Netzwerke? Oder ist es eher die bereits stattfindende Neurodegeneration, die irgendwann solche Netzwerke beeinträchtigt und damit Hörprobleme verstärkt? Bislang gibt es darauf keine klaren Antworten. Ein Team um Dr. Thomas Parker vom Dementia Research Centre des University College in London kommt aufgrund einer Bildgebungsanalyse bei 287 älteren Menschen zu dem Schluss, dass Beta-Amyloid-Ablagerungen wenig zur Erklärung beitragen. Die Resultate bestätigen jedoch, dass Menschen mit Hörproblemen in besonderem Maße zur Hirn- und Hippocampusatrophie neigen.

Hirnatrophie nur bei Hörminderung kognitiv relevant

Die Teilnehmenden wurden aus der britischen Studie Insight-46 ausgewählt. Alle kamen in derselben Woche im Jahr 1946 zur Welt und waren zu Studienbeginn im Mittel 70,5 Jahre alt, hatten weder eine Demenz noch eine leichte kognitive Beeinträchtigung und auch keine sonstigen gravierenden HNO-Erkrankungen. Alle unterzogen sich anfangs einem Hörtest. Als schwerhörig galten Personen gemäß WHO-Definition mit einer mittleren Tonhörschwelle über die Frequenzen 0,5, 1, 2 und 4 KHz (PTA-4) ab 25 dB im besser hörenden Ohr. Sämtliche Personen wurden zudem anfangs und im Mittel 2,4 Jahre später per kognitivem Assessment sowie struktureller MRT untersucht, zu Studienbeginn erfolgte auch ein Nachweis der Beta-Amyloidlast per PET.

Insgesamt 111 Teilnehmende (39%) hatten zu Beginn eine Hörminderung, 48 (17%) waren Amyloid-positiv, dieser Anteil war unter Personen mit und ohne Hörminderung ähnlich hoch.

Wurden Faktoren wie Alter, Geschlecht, ApoE4-Status, sozioökonomische Stellung, Bildungsgrad und Amyloidwerte zu Beginn berücksichtigt, ergab sich eine signifikant stärkere Abnahme des Gesamthirnvolumens bei Personen mit Hörminderung im Vergleich zu solchen ohne (etwa 7% versus 5,5% pro Jahr), ebenso sank das Hippocampusvolumen mit der Stärke der Hörminderung.

Menschen ohne Hörminderung konnte ein Hirnvolumenverlust wenig anhaben – ihre kognitive Leistung, erfasst mit dem PACC (Preclinical Alzheimer’s Cognitive Composite) blieb weitgehend konstant, dagegen beschleunigte sich unter Menschen mit Hörminderung der kognitive Abbau mit steigendem Hirnvolumenverlust. Menschen mit Hörminderung entwickeln also nicht nur eine stärkere Hirn- und Hippocampusatrophie als solche mit normalem Gehör, die Atrophie wirkt sich bei ihnen auch viel stärker auf die Kognition aus. Da dieser Zusammenhang unabhängig von der Beta-Amyloid-Deposition und dem Volumen der hyperintensen weißen Substanz auftritt, gehen die Forschenden um Parker davon aus, dass weder die Alzheimerpathologie noch zerebrovaskuläre Faktoren dafür entscheidend sind. Allerdings hat man die Teilnehmenden nur einmalig einer PET-Untersuchung unterzogen, es könnte also sein, dass Personen mit Hörminderung schneller Beta-Amyloid ablagern. Schließlich könnte die Teilnehmerzahl zu klein und die Nachbeobachtungsdauer zu kurz für belastbare Resultate gewesen sein.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie hängt eine Hörminderung im Alter mit Hirnatrophie und kognitivem Abbau zusammen?

Antwort: Menschen mit Hörminderung entwickeln nicht nur eine stärkere Hirn- und Hippocampusatrophie als solche mit normalem Gehör, die Atrophie wirkt sich bei ihnen auch stärker auf die Kognition aus. Dies erfolgt einer britischen Studie zufolge weitgehend unabhängig von der Amyloidlast und dem Volumen der Hyperintensitäten der weißen Substanz.

Bedeutung: Eine Hörminderung scheint unabhängig von einer Alzheimerpathologie und zerebrovaskulären Faktoren den kognitiven Abbau zu beschleunigen.

Einschränkung: Geringe Personenzahl, kurze Nachbeobachtungsdauer, nur einmalige PET-Untersuchung.

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Literatur

Parker TD et al. Peripheral hearing loss at age 70 predicts brain atrophy and associated cognitive change. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2024; https://doi.org/10.1136/jnnp-2023-333101

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