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11.01.2022 | Hypercholesterinämie | Nachrichten

Wiederanstieg des kardiovaskulären Risikos

Hohes HDL-Cholesterin ist nicht immer ein gutes Zeichen

Autor:
Dr. Beate Schumacher

Bei der Abschätzung des kardiovaskulären Risikos muss das HDL-Cholesterin wohl differenzierter als bisher bewertet werden. Offenbar sind nicht nur niedrige, sondern auch sehr hohe Werte mit einem Anstieg der kardiovaskulären Mortalität verknüpft.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Wegen seiner antiatherogenen Wirkung gilt HDL-Cholesterin (HDL-C) landläufig als das „gute Cholesterin“. Doch vom Guten kann es offensichtlich auch ein Zuviel geben: Forscher aus Südkorea erinnern daran, dass HDL-C-Spiegel über 70 mg/dl nicht unbedingt ein günstiges Zeichen sind. Gerade bei jüngeren Erwachsenen und bei Männern scheint mit höheren Werten das Risiko, an einer kardiovaskulären Erkrankung (CVD) zu sterben, wieder zuzunehmen. Darauf weist eine prospektive Studie hin, die den Zusammenhang zwischen HDL-C und kardiovaskulärer Mortalität anhand von Routineuntersuchungen der südkoreanischen Bevölkerung über einen Zeitraum von neun Jahren verfolgt hat. 

Risikoanstieg vor allem bei Jüngeren und Männern 

Von 15,9 Millionen Teilnehmern ohne kardiovaskuläre Vorerkrankung starben 108.000 an einer CVD. Dabei zeigte sich durchgängig eine U-förmige Beziehung zwischen dem anfänglichem HDL-C-Spiegel und der kardiovaskulären Mortalität, unabhängig von Alter und Geschlecht. Als optimal erwiesen sich über die gesamte Kohorte hinweg HDL-C-Konzentrationen von 50–79 mg/dl. Der optimale Bereich für Frauen schloss höhere Werte ein als der für Männer (50–89 mg/dl versus 50–79 mg/dl). Auch mit dem Alter verlagerte sich der optimale HDL-C-Bereich in Richtung höherer Werte: von 40–69 mg/dl (< 45 Jahre) über 50–79 mg/dl (45–64 Jahre) auf 60–89 mg/dl (≥ 65 Jahre). Generell fiel das zusätzliche Risiko für kardiovaskulär bedingte Todesfälle bei Werten unterhalb des optimalen Intervalls höher aus als bei Werten oberhalb davon. Der Risikozuwachs bei Werten über dem Optimum war zudem bei Jüngeren und bei Männern größer als bei Älteren und bei Frauen.

Eine U-förmige Assoziation mit dem HDL-C-Spiegel zeigte sich unabhängig von der Art der kardiovaskulären Todesursache. Besonders ausgeprägt war bei HDL-C-Werten ≥ 80 mg/dl der Anstieg von plötzlichem Herztod (SCD), hämorrhagischem Schlaganfall und Herzinsuffizienz. Unter der Annahme, die kardiovaskuläre Mortalität würde bei HDL-C-Spiegeln zwischen 60 und 150 mg/dl linear zunehmen, wäre jeder Anstieg der Werte um 39 mg/dl mit einem um 9% höheren Risiko eines kardiovaskulären Todes und einem um 37% bzw. um 20% höheren Risiko für SCD bzw. herzinsuffizienzbedingten Tod verbunden.

Experten warnen vor falscher Sicherheit 

„Unsere Daten zeigen, dass HDL-C-Werte oberhalb des optimalen Bereichs, anders als lange angenommen, keine protektive Wirkung auf kardiovaskuläre Erkrankungen haben“, lautet das Resümee der Studienautoren um Prof. Sang-Wook Yi (Kwandong-Universität in Gangneung). Im Bereich ab 50 mg/dl sei ein HDL-C-Anstieg wahrscheinlich nicht mit einer weiteren Risikoreduktion verbunden, und gerade junge Menschen mit hohen HDL-C-Spiegeln könnten sogar ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben. Yi et al. warnen daher, dass „die meisten Vorhersagemodelle das kardiovaskuläre Risiko von Menschen mit hohen und sehr hohen HDL-C-Werten unterschätzen könnten“.  

Ein Nachteil der Studie ist, dass die Ergebnisse womöglich nicht 1:1 auf Nichtasiaten zu übertragen sind. Studien in den USA und Dänemark haben ebenfalls eine U-förmige Beziehung festgestellt, das HDL-C-Optimum lag hier etwas höher (USA: 60–79 mg/dl im Alter über 50; Dänemark: 40–80 mg/dl bei Männern, 60–100 mg/dl bei Frauen). In der Dyslipidämie-Leitlinie von ESC und EAS wird bereits auf das Problem sehr hoher HDL-C-Werte hingewiesen, dort heißt es: „Ärzte sollten sich bewusst sein, dass bei extrem hohen Werten (> 90 mg/dl bzw. > 2,3 mmol/l) ein erhöhtes Risiko für atherosklerotische CVD zu bestehen scheint; solche HDL-C-Werte können nicht zur Risikovorhersage verwendet werden.“

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Höhe des HDL-Cholesterins (HDL-C) und der kardiovaskulären Mortalität?

Antwort: Die kardiovaskuläre Sterblichkeit steigt nicht nur bei niedrigen, sondern auch bei sehr hohen HDL-C-Spiegeln, vor allem bei jüngeren Erwachsenen und Männern. Optimal ist ein Bereich von 50–79 mg/dl.

Bedeutung: Die üblichen Vorhersagemodelle dürften das kardiovaskuläre Risiko von Menschen mit sehr hohen HDL-C-Werten unterschätzen.

Einschränkung: Studie aus Südkorea; optimale HDL-C-Werte für Europäer könnten etwas höher liegen.


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