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Arthroskopie

Iliotibialbandsyndrom, „Runner′s Knee“

  • Open Access
  • 02.09.2025
  • AGARehab
Erschienen in:

Zusammenfassung

Das Iliotibialbandsyndrom (ITBS) stellt eine der häufigsten Überlastungsprobleme bei Läufer*innen dar und ist die häufigste Laufverletzung der lateralen Seite des Knies. Der zugrunde liegende pathologische Mechanismus ist noch nicht einheitlich definiert. Es scheint sich aber um eine Kombination aus einer Friktion des Iliotibaltraktes am lateralen Femurepikondylus bei wiederholter Beugung und einer Kompression des stark innervierten Fettpolsters zwischen iliotibialem Band (ITB) und Epicondylus lateralis zu handeln. Die Ursachen des ITBS sind vielfältig und reichen von anatomischen Veränderungen, muskulären Dysbalancen bis hin zu funktionellen Einflussfaktoren wie der Lauftechnik. Ziel aller Maßnahmen sollte eine Ökonomisierung des Muskeltonus und des Alignments sein, um die Kompression des Gewebes zwischen ITB und Epikondyle zu minimieren. Empfohlen wird ein Kraftausdauertraining der Hüftmuskulatur in Kombination mit Lauftechniktraining. Eine Integration von Dehnübungen scheint sinnvoll.
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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Definition der Erkrankung/Verletzung

  • Zweithäufigste Diagnose bei Läuferinnen und Läufern
  • 5–14 % der Verletzungen im Laufsport, bis 24 % im Radsport [13]
  • Pathogenese 2 Modelle:
    1.
    Friktionsmodell: ITB gleitet bei Knieflexion von 0 auf 30° Knieflexion von anterior nach posterior über den lateralen Kondylus des Femur. Irritation der Bursa durch Friktion an der Knieaußenseite.
     
    2.
    Impingementmodell: Abweichung des Femur in der Frontalebene (nach lateral oder medial) durch z. B. schwache Hüftmuskulatur. Dadurch entsteht ein Impingement des gut durchbluteten und innervierten Fettpolsters zwischen ITB und Epicondylus lateralis.
     

Diagnosestellung

  • Anamnese: lateraler Knieschmerz nach ungewohnter Steigerung des Laufumfangs, Schuhwechsel oder Bergabläufen. Schmerzzunahme bis zu Messerstichen, die zum Abbruch führen. Submaximale Schmerzen verschwinden beim Wechsel vom Joggen zum Gehen.
  • Klinik: Druckschmerz über dem oft sehr gespannten Tractus iliotibialis am lateralen Kondylus und am Tuberculum Gerdyi. Meniskuszeichen negativ.
  • Funktionstests: Noble-Test [4], Laufbandanalyse
  • Bildgebung: Röntgenaufnahme (Ausschlussdiagnostik), Dopplersonographie, MRT (am sensitivsten mit i.v.-KM)

Differenzialdiagnose

a.
Myofasziale Schmerzen
 
b.
Außenmeniskusläsion
 
c.
Laterale Gonarthrose
 
d.
Lumbale Pathologie
 
e.
Patellofemoraler Schmerz
 

Typische(r) Patient(in) – Erkrankungsalter, Geschlecht, Sportart

  • Laufsportler*innen/Radsportler*innen mittleren Lebensalters
  • Frauen mit verstärkter Hüftadduktion und Knie-Innenrotation [5]
  • Männer mit vermehrter Knieadduktion [6]

Typischer Verletzungsmechanismus bzw. Risikofaktoren

  • Risikofaktoren:
    • dynamischer Valgus Innenrotation [5]
    • Varische Beinachse [6]
    • Schnelles Erhöhen des Laufvolumens
    • Bergläufe
    • Schmale Schrittbreite
    • Beim Radsportler: zu starke Innenrotation des Schuhs auf dem Pedal (Cleat-Position)

Wichtige Zusatzdiagnostik

  • MRT mit i.v.-KM, Dopplersonographie, Röntgenaufnahme Knie in 2 Ebenen stehend, ggf. Rosenberg-Aufnahmen

Indikation konservative Therapie

  • Immer primär konservativer Therapieversuch

Ablauf der konservativen Therapie/wichtige Aspekte

Wichtigste Bausteine: Edukation und Training:
  • Edukation: Patient sollte lernen:
    1.
    Gute Prognose, braucht aber Zeit und Trainingsanpassung
     
    2.
    Training ist der wichtigste Baustein in der Therapie und muss mit hoher Compliance konsequent durchgeführt werden (Übungsvorschläge im Artikel)
     
    3.
    Training darf leichte Schmerzen bereiten (bis 3/10 VAS)
     
  • Trainingsprogression [7, 8]:
    • Phase 1: Aktivitätsmodifikation und eventuell Ruhephase
      • Kräftigung der Hüftabduktoren und Außenrotatoren
      Übungen z. B.: Clam-Shell mit Widerstandsband, Thomas-Dehnung, Bridging (Abb. 1, 2 und 3)
    • Phase 2: Funktionelles Retraining unter Gewichtsbelastung
    Übungen z. B.: Running Man, Lunges, Step-up, Step-down, Side-Stepping, kontrollierte Mini-Jumps, kontrollierte Mini-Jumps (Abb. 4, 5, 6 und 7)
    • Phase 3: Zurück zur Laufbelastung
      Übungen z. B.: Mini-Hops, laterale Hops, einbeinige Niedersprünge, Treppe, Laufen/Gehen als Intervalltraining (Abb. 8)
Abb. 1
Clam-Shell mit Widerstandsband
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Abb. 2
Thomas-Dehnung
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Abb. 3
Bridging
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Abb. 4
Running Man
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Abb. 5
Side-Stepping mit Widerstandsband
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Abb. 6
Lunge (Ausfallschritt)
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Abb. 7
Step-down
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Abb. 8
Laterale Hops
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Cave: Beckenkontrolle während der Übungen!
Wichtige weitere Therapiemaßnahmen:
  • In akut-entzündlicher Situation: lokal (±systemisch) antiphlogistisch (Salbe, Pflaster), ggf. Iontophorese oder Infiltration
  • In chronischer Situation: STWT, Infiltrationen
  • Beseitigung modifizierbarer Risikofaktoren (z. B. Schuhkorrektur, Cleat-Position ...)

Pitfalls

  • Es gibt keine One-fits-all-Lösung
  • Dem Patienten gut zuhören und dementsprechend Training anpassen

Assessment

  • Running Readiness Scale ([9]; Tab. 1; Abb. 9)
Tab. 1
Ranking für Übungen mit viel Glutealaktivität bei gleichzeitig geringer Tensor-fascia-latae-Spannung. (Nach [10, 11])
Übung
GTA-Index (gerundet)
1. Clam mit Widerstand
99,5
2. Clam ohne Widerstand
88
3. Running Man
70,5
4. Side-Step mit Widerstand
64
5. Bridge mit Widerstand
49
6. Hüftextension aus Bauchlage ohne Widerstand
48,5
7. Hüftabduktion aus Seitlage ohne Widerstand
45
8. Bridge ohne Widerstand
41,5
9. Hüftextension aus Vierfüßlerstand mit Widerstand
36
10. Step-up
32
11. Squat
28
12. Hüftabduktion im Stand mit Widerstand Spielbein
29,5
13. Hüftabduktion im Stand mit Widerstand Standbein
29
14. Hüftextension aus Vierfüßlerstand ohne Widerstand
28
15. Hüftextension im Stand mit Widerstand Standbein
24
16. Hüftextension im Stand mit Widerstand Spielbein
19,5
17. Lunge (Ausfallschritt)
18
Gluteal-to-tensor Fascia Latae Muscle Activation (GTA) Index
Abb. 9
ITB-Syndrom Rehabilitationsphasen. (Nach [12])
Bild vergrößern

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

W. Schoch und A. Hirschmüller geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien. Für Bildmaterial oder anderweitige Angaben innerhalb des Manuskripts, über die Patient/-innen zu identifizieren sind, liegt von ihnen und/oder ihren gesetzlichen Vertretern/Vertreterinnen eine schriftliche Einwilligung vor.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://​creativecommons.​org/​licenses/​by/​4.​0/​deed.​de.

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Titel
Iliotibialbandsyndrom, „Runner′s Knee“
Verfasst von
Wolfgang Schoch
Anja Hirschmüller
Publikationsdatum
02.09.2025
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Arthroskopie / Ausgabe 5/2025
Print ISSN: 0933-7946
Elektronische ISSN: 1434-3924
DOI
https://doi.org/10.1007/s00142-025-00787-x
1.
Zurück zum Zitat van der Worp MP, van der Horst N, de Wijer A, Backx FJ, Nijhuis-van der Sanden MW (2012) Iliotibial band syndrome in runners: a systematic review. Sports Med 42(11):969–992. https://​doi.​org/​10.​2165/​11635400-000000000-00000 (PMID: 22994651)CrossRefPubMed
2.
Zurück zum Zitat Orchard JW, Fricker PA, Abud AT, Mason BR (1996) Biomechanics of iliotibial band friction syndrome in runners. Am J Sports Med 24(3):375–379. https://​doi.​org/​10.​1177/​0363546596024003​21 (PMID: 8734891)CrossRefPubMed
3.
Zurück zum Zitat Taunton JE, Ryan MB, Clement DB, McKenzie DC, Lloyd-Smith DR, Zumbo BD (2002) A retrospective case-control analysis of 2002 running injuries. Br J Sports Med 36(2):95–101. https://​doi.​org/​10.​1136/​bjsm.​36.​2.​95 (PMID: 11916889, PMCID: PMC1724490)CrossRefPubMedPubMedCentral
4.
Zurück zum Zitat Noble HB, Hajek MR, Porter M (1982) Diagnosis and treatment of iliotibial band tightness in runners. Phys Sportsmed 10(4):67–74. https://​doi.​org/​10.​1080/​00913847.​1982.​11947203 (PMID: 29265972)CrossRefPubMed
5.
Zurück zum Zitat Mucha MD, Caldwell W, Schlueter EL, Walters C, Hassen A (2017) Hip abductor strength and lower extremity running related injury in distance runners: a systematic review. J Sci Med Sport 20(4):349–355. https://​doi.​org/​10.​1016/​j.​jsams.​2016.​09.​002 (Epub 2016 Sep 20, PMID: 27693442)CrossRefPubMed
6.
Zurück zum Zitat Baker RL, Souza RB, Rauh MJ, Fredericson M, Rosenthal MD (2018) Differences in knee and hip adduction and hip muscle activation in runners with and without iliotibial band syndrome. PM R 10(10):1032–1039. https://​doi.​org/​10.​1016/​j.​pmrj.​2018.​04.​004 (Epub 2018 Apr 26, PMID: 29705166)CrossRefPubMed
7.
Zurück zum Zitat Friede MC, Innerhofer G, Fink C, Alegre LM, Csapo R (2022) Conservative treatment of iliotibial band syndrome in runners: Are we targeting the right goals? Phys Ther Sport 54:44–52. https://​doi.​org/​10.​1016/​j.​ptsp.​2021.​12.​006 (Epub 2021 Dec 27, PMID: 35007886)CrossRefPubMed
8.
Zurück zum Zitat Geisler PR (2020) Iliotibial band pathology: synthesizing the available evidence for clinical progress. J Athl Train 56(8):805–815. https://​doi.​org/​10.​4085/​JAT0548-19 (PMID: 33351908)CrossRefPubMed
9.
Zurück zum Zitat Harrison K, Williams DSB, Darter BJ, Sima A, Zernicke R, Shall M, Finucane S (2023) The running readiness scale as an assessment of kinematics related to knee injury in novice female runners. J Athl Train 58(2):120–127. https://​doi.​org/​10.​4085/​1062-6050-404-21 (PMID: 34793590, PMCID: PMC10072094)CrossRefPubMed
10.
Zurück zum Zitat Selkowitz DM, Beneck GJ, Powers CM (2013) Which exercises target the gluteal muscles while minimizing activation of the tensor fascia lata? Electromyographic assessment using fine-wire electrodes. J Orthop Sports Phys Ther 43(2):54–64. https://​doi.​org/​10.​2519/​jospt.​2013.​4116 (Epub 2012 Nov 16, PMID: 23160432)CrossRefPubMed
11.
Zurück zum Zitat Bishop BN, Greenstein J, Etnoyer-Slaski JL, Sterling H, Topp R (2018) Electromyographic analysis of gluteus maximus, gluteus medius, and tensor fascia latae during therapeutic exercises with and without elastic resistance. Int J Sports Phys Ther 13(4):668–675 (PMID: 30140560, PMCID: PMC6088126)CrossRefPubMedPubMedCentral
12.
Zurück zum Zitat Willy RW, Meira EP (2016) Current concepts in biomechanical interventions for patellofemoral pain. Int J Sports Phys Ther 11(6):877–890 (PMID: 27904791, PMCID: PMC5095941)PubMedPubMedCentral

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Bildnachweise
Arthropedia, Knochensäge im Einsatz bei Knie-TEP/© Issara / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodellen), Älterer Mann schaut kritisch auf Tabletten/© Mediteraneo / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell), Speicheldrüsensonographie der Glandula parotis links bei Sjögren-Syndrom/© Zehrfeld N. et al. / all rights reserved Springer Medizin Verlag GmbH