Die Infektion mit Influenzaviren führt zu einer der wichtigsten akuten Atemwegserkrankungen während der winterlichen Saison. Kinder sind im Vergleich zu anderen Altersgruppen häufiger erkrankt. Sie erkranken schwerer, ebenso wie auch die Senioren im Alter ab 60 Jahren, und sie geben die Infektion leichter an andere weiter, nicht zuletzt an Haushaltskontakte, innerhalb der Familie und in Gemeinschaftseinrichtungen. Besonders Kindertagesstätten (Kitas) und Schulen [
10,
16] Kinder tragen damit erheblich zu der Verbreitung der jährlichen saisonalen Influenzaepidemie bei [
11]. Zudem haben Daten aus den USA für die vergangenen Jahre eine zunehmende Häufung sowie einen relevant höheren Anteil schwerer klinischer Verläufe unter Kindern gezeigt. Beispielsweise wurde die Grippesaison 2022/2023 als besonders schwerwiegend innerhalb der Gruppe von Kindern und Jugendlichen klassifiziert [
16].
Wie den Auswertungen in
Infektionsepidemiologisches Jahrbuch des Robert Koch-Instituts Jahr für Jahr zu entnehmen ist (zuletzt publiziert für das Jahr 2022), ist die Krankheitslast in keiner anderen Altersgruppe so hoch wie bei Kindern und Jugendlichen (Abb. 6.30.2 dort, stratifiziert in Altersgruppen < 1, 1, 2, 3, 4, 5 bis 9, 10 bis 14 und 15 bis 19 Jahre) [
14].
Mögliche Komplikationen der Influenza sind Pneumonie, Otitis media, Sinusitis, Myositis, Karditis, Enzephalitis, respiratorisches Versagen und Tod. Hauptsächlich betroffen davon sind im Kindesalter Säuglinge und Kleinkinder, besonders im Alter unter 2 Jahren. Frühgeborene haben ein erhöhtes Risiko der Hospitalisation. Zudem sind Kinder mit zusätzlichen Erkrankungen stärker gefährdet, z. B. bei Asthma, Immundefizienz oder Adipositas. Besonders gefährdet sind Neugeborene und ihre Mütter ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft und bei Risikofaktoren schon im ersten Drittel.
Die aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zum Schutz vor Influenza sind komplex. Aktiv geimpft werden sollen unmittelbar vor oder am Beginn der Saison:
-
alle Menschen ab 60 Jahren und Heimbewohner,
-
alle Menschen mit Vorerkrankungen, bereits ab einem Alter von 6 Monaten, und ihre Haushaltskontaktpersonen,
-
alle Schwangeren ab dem 2. Trimenon, bei Gefährdung schon ab dem 1. Trimenon, wodurch auch das Neugeborene geschützt wird,
-
medizinisches Personal und Personen in Einrichtungen mit umfangreichem Publikumsverkehr.
Die Umsetzung dieses vielfältigen Programms ist problematisch. Die Rate der Kinder und Jugendlichen mit Vorerkrankungen, die gegen Influenza geimpft wurden, betrug in den Jahren 2009–2018 unter 20 % [
3,
4,
9]. Etwa 23 % der Schwangeren wurden in der Saison 2020/2021 geimpft, mit rückläufiger Tendenz [
12]. Die durchschnittliche Impfrate des medizinischen Personals betrug 2022/2023 59 % [
13]; bei Menschen mit Publikumsverkehr sind die Impfquoten nicht bekannt, vermutlich aber ebenfalls sehr niedrig.
Die derzeitigen Impfindikationen der STIKO umfassen fast alle durch Influenza besonders gefährdeten Personen. Nicht genannt werden jedoch primär gesunde Säuglinge und Kleinkinder, die nach Verlust des Nestschutzes gefährdet sind. Das ist bei Impfung der Mutter in der Schwangerschaft nach etwa 3 Lebensmonaten der Fall, sonst noch früher. Auch jenseits des Säuglingsalters sind es Kinder und Jugendliche, die die höchsten Influenzainzidenzen in Deutschland aufweisen (RKI 2022). Die aktuelle Impfindikation gilt nur für Kinder (sowie auch für Jugendliche und Erwachsene) mit Grundkrankheiten. Hier fällt obendrein auf, dass Adipositas als häufige Vorerkrankung nicht genannt wird.
Weiterhin sollen zwar Personen mit Publikumsverkehr und Tätigkeiten im medizinischen Bereich geimpft werden, nicht aber Kinder, denen bei der Verbreitung eine Schlüsselrolle zukommt [
11]. Zusätzlich fällt auf, dass Personal in Kitas und Schulen bei den beruflichen Indikationen zur Influenzaimpfung nicht explizit genannt ist.
Daraus ergibt sich, dass das bestehende Impfprogramm der STIKO sinnvollerweise durch die Impfung aller Kinder ergänzt werden könnte. Die WHO empfiehlt die saisonale Impfung auch primär gesunder Kinder ohne Grunderkrankungen (
www.who.int/teams/global-influenza-programme/vaccines). Das dient dem direkten Schutz der Personen dieser Altersgruppe, indirekt auch dem der Kinder im Alter unter 6 Monaten, die noch nicht selbst geimpft werden können und besonders gefährdet sind, und der Verminderung der Fallzahlen in der Allgemeinbevölkerung während der winterlichen Epidemie durch Unterbrechung der Infektionsketten. Dies hätte auch zur Folge, dass Kinder mit Vorerkrankungen, die selbst unter die aktuelle STIKO-Impfempfehlung fallen, noch besser geschützt wären, weil zusätzlich die Ansteckungsgefahr durch Altersgenossen geringer wird. Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2024 zeigte eine geschätzte Effektivität der Grippeimpfung zur Verhinderung sekundärer Influenzafälle unter den ungeimpften Haushaltskontakten von 21 % (95 %-Konfidenzintervall [95 %-KI] 1,4–36,7 %, [
8]).
Die für Kinder zur Verfügung stehenden saisonalen Influenzaimpfstoffe sind in Tab.
1 aufgeführt (
www.pei.de/DE/arzneimittel/impfstoffe/influenza-grippe/influenza-node.html). Die WHO empfiehlt seit September 2023 den Wechsel von quadri- zu trivalenten Influenzaimpfstoffen ohne die B/Yamagata-Linie, da dieser Stamm aktuell weltweit nicht mehr zirkuliert. Die STIKO aktualisierte daher ihre Impfempfehlung auf Influenzaimpfstoffe mit jeweils von der WHO empfohlener Antigenkombination. Für die Saison 2024/2025 war bereits der lebend-attenuierte Influenzaimpfstoff („live attenuated influenza vaccine“, LAIV) in trivalenter Antigenkombination (Nr. 2) verfügbar, für die inaktivierten Influenzaimpfstoffe wird die Verfügbarkeit trivalenter Antigenkombinationen ab der Saison 2025/2026 erwartet [
1].
Es gibt 5 Präparate, die ab einem Alter von 6 Monaten für die parenterale
Applikation zugelassen sind (alle außer Fluenz). Drei dieser fünf Impfstoffe (Nr. 4, 5, 6 in Tab.
1) können
auch subkutan verabreicht werden, was bei Nutzung einer feinen Nadel den Schmerz vermindern kann.
Fünf Impfstoffe werden unter Verwendung von Hühnerembryonen hergestellt, für einen Impfstoff (Nr. 1 in
Tab.
1) werden die Viren in Zellkulturen gezüchtet. Er enthält deshalb kein Hühnereiweiß und ist der einzige
geeignete Impfstoff für Menschen mit einer Allergie auf Hühnereiweiß. Die Dosis beträgt bei allen
parenteralen Impfstoffen 0,5 ml.
Tab. 1
In Deutschland zugelassene und empfohlene saisonale Influenzaimpfstoffe für die nördliche Hemisphäre und die Saison 2024/2025
1 | Flucelvax Tetra | Oberflächenantigene aus Zellkultur | Ab 6 Monaten | i.m. | Ohne Hühnereiweiß |
2 | Fluenz 2024/2025 | Attenuierter Lebendimpfstoff | 2 bis 17 Jahre | Nasal | Laut G‑BA nur bei Spritzenphobie Verschiedene Kontraindikationen |
3 | Influsplit Tetra 2024/2025 | Spaltimpfstoff | Ab 6 Monaten | i.m. | – |
4 | Influvac Tetra 2024/2025 | Oberflächenantigene | Ab 6 Monaten | i.m.; tief s.c. | – |
5 | Vaxigrip Tetra 2024/2025 | Spaltimpfstoff | Ab 6 Monaten | i.m.; s.c. | – |
6 | Xanaflu Tetra 2024/2025 | Oberflächenantigene | Ab 6 Monaten | i.m.; s.c. | – |
Der LAIV wird mithilfe einer Pipette im kleinen Volumen à 0,1 ml in jedes Nasenloch appliziert und ist nur für das Kindes- und Jugendalter zugelassen (Alter 2 bis 17 Jahre). Dieser Lebendimpfstoff ist kontraindiziert bei Überempfindlichkeit gegen Inhaltsstoffe (z. B. Gelatine oder Gentamicin), schwerer Ei-Allergie, Immunschwäche (aufgrund von Erkrankungen oder Immunsuppression), schwerem Asthma oder akutem Giemen, Cochlea-Implantat, Liquorleck, Salizylattherapie und Schwangerschaft. Die vom G‑BA veranlasste Beschränkung der Gabe auf Kinder, bei denen ärztlicherseits eine Spritzenphobie festgestellt wurde, führt dazu, dass dieses kinderfreundliche Präparat ohne die Notwendigkeit eines Stichs häufig nicht genutzt wird, um eine Stigmatisierung des Kindes oder einen Regress des impfenden Arztes zu vermeiden.
Der Impfkalender für Kinder und Jugendliche wird durch Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung erfreulicherweise immer umfangreicher. Dies stellt das Impfmanagement durch die betreuende kinder- und jugendärztliche Praxis jedoch vor zunehmende logistische Herausforderungen.
Die Kommission regt an zu prüfen, zukünftig einen Teil der Impfungen (wieder) als Schulimpfungen anzubieten. Impfprogramme gegen Influenza (insbesondere unter der Verwendung nasaler Impfstoffe) durch eine über den Pakt für den Öffentlichen Gesundheitsdienst gestärkte Schulgesundheitspflege in Zusammenarbeit mit für die Schulgesundheit verantwortlichen schulischen Fachkräften böten eine gute Chance für einen (Wieder‑)Einstieg in schulische Impfprogramme.
Zur erfolgreichen Umsetzung der Empfehlung, alle Kinder ab 6 Monaten jeweils im Herbst vor Beginn der Influenzasaison zu impfen, bedarf es guter Planung. Dies schließt die Durchführung einer Aufklärungskampagne, die andere saisonale Impfungen wie z. B. gegen durch das respiratorisches Synzytialvirus (RSV) bedingte Erkrankungen mitbedenkt, die rechtzeitige Beschaffung und Bereitstellung des Impfstoffs sowie die Instruktion des benötigten Personals ein.
Stellungnahme der Kommission
-
Die Kommission befürwortet die Impfung gegen Influenza allgemein für alle Säuglinge ab 6 Monaten, Kinder ab einem Jahr sowie Jugendliche bis zum Erreichen des 18. Geburtstags.
-
Die Kinder (bzw. ihre Sorgeberechtigten) und Jugendlichen sollen die freie Wahl eines zugelassenen Impfstoffs haben, einschließlich des nasalen Impfstoffs, unter Beachtung der Kontraindikationen. Aus logistischen Gründen können impfende Praxen sich entscheiden, ihren Patienten nur einen Impfstoff anzubieten.
-
Zudem befürwortet die Kommission, dass das gesamte Personal in Kitas und Schulen mit regelmäßigem Kontakt zu dort betreuten oder beschulten Kindern und Jugendlichen gegen Influenza geimpft wird.
-
Darüber hinaus sieht die Kommission eine Notwendigkeit für die Durchführung jährlicher Impfkampagnen gegen saisonale Infektionskrankheiten wie Influenza.
-
Schließlich spricht sich die Kommission dafür aus, unter den Indikationen für eine Influenzaimpfung auch die Adipositas aufzuführen.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.