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25.03.2020 | Originalien | Ausgabe 3/2020 Open Access

Psychotherapeut 3/2020

Integrativer Modellentwurf zu Coping und Abwehr ehemaliger BundeswehrsoldatInnen

Zeitschrift:
Psychotherapeut > Ausgabe 3/2020
Autoren:
Dr. med. Loni Brants, Katrin Schuy, Simone Dors, Marie Horzetzky, Heinrich Rau, Peter L. Zimmermann, Andreas Ströhle, Stefan Siegel
Abgesehen von teils traumatisierenden Erlebnissen im Ausland und Diskriminierungserfahrungen in Deutschland sind (ehemalige) BundeswehrsoldatInnen mit diversen Herausforderungen konfrontiert, die ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit erfordern. Hierbei kommen die Prozesse des Coping und der Abwehr zum Tragen, die lange Zeit in Theorie und Wissenschaft strikt getrennt wurden. Ein schulenübergreifendes Instrument zur Identifikation und Darstellung bewusster und unbewusster Bewältigungsmechanismen, das Abwehr und Coping integriert, existierte bislang nicht. Ein erster Entwurf hierzu wurde im Rahmen der vorliegenden Studie erarbeitet.

Hintergrund

Auslandseinsätze der Bundeswehr sind zu 85,5 % mit dem Erleben von belastenden, teils traumatisierenden Ereignissen und einer erhöhten Prävalenz für psychische Erkrankungen bei einer insgesamt geringen Therapieinanspruchnahme verbunden (Wittchen et al. 2012). Im Gegensatz zum breiten Kenntnisstand über die psychische Gesundheit beispielsweise US-amerikanischer SoldatInnen ist über den Umgang mit belastenden Ereignissen und psychischer Krankheit aktiver deutscher BundeswehrsoldatInnen kaum etwas bekannt (Kowalski et al. 2012). Dies gilt für die Bewältigungsmechanismen ehemaliger BundeswehrsoldatInnen, die inzwischen aus dem militärischen System ausgeschieden sind, umso mehr (Siegel et al. 2017). Neben teils traumatischen Erlebnissen im Ausland und Diskriminierungserfahrungen in Deutschland sehen sich (ehemalige) Bundeswehrsoldaten im Allgemeinen mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert, die ein extrem hohes Maß an Anpassungsfähigkeit erfordern. Hierzu zählen die Eingliederung in das Militärsystem, Kriegserfahrungen im Ausland, dieWiedereingliederung in den militärischen Berufsalltag und das Familienleben nach der Rückkehr aus dem Auslandseinsatz, das endgültige Verlassen des Militärs, die Wiedereingliederung in das zivile Leben und ggf. der Umgang mit Symptomen einer Traumafolgestörung (Schuy et al. 2019; Brants et al. 2018). Wissenschaftliche Untersuchungen mit dem Fokus auf Möglichkeiten der bewussten und unbewussten Bewältigung in dieser Gruppe existierten gemäß dem Wissen der Autoren des vorliegenden Beitrag bislang nicht.

Coping und Abwehr als Bewältigungsformen

Beutel ( 1990, S. 1–12) definiert Coping-Mechanismen als „vorwiegend bewusste, nicht automatisierte, sowohl kognitiv-erlebnisorientierte als auch behaviorale Prozesse in bestehenden oder erwarteten Belastungssituationen“. Spätestens seit dem von Lazarus et al. entwickelten transaktionalen Stressmodell (Lazarus und Launier 1981; Lazarus und Folkman 1984) wurden Coping-Mechanismen zum Gegenstand intensiver psychologischer Forschung (Übersicht: Schwarzer 1998). Die in der Folge entwickelten Kategoriensysteme und Messinstrumente, wie der bis heute genutzte Coping Orientation to Problems Experienced Scale (COPE; Kato 2015; Carver et al. 1989), machten es möglich, Coping-Mechanismen durch Selbstauskunft zu erfahren und Coping-Konzepte zu entwickeln. Die Rolle individueller Persönlichkeitseigenschaften und (biografischer) Motive wurde dabei jedoch oft vernachlässigt (Steffens und Kächele 1988). Lazarus ( 2000) selbst räumte ein, dass unbewusste Intentionen auf diese Weise kaum abgebildet würden. Obwohl die Forschungsergebnisse der letzten Jahre den hohen Anteil unbewusster, intuitiv verlaufender Prozesse insbesondere bei komplexen, schnell zu treffenden Entscheidungen untermauern (Horr et al. 2014; Gigerenzer und Kober 2009), hat sich daran bisher wenig geändert.
Abwehrmechanismen können „als unbewusste, vorwiegend kognitiv-erfahrungsbezogene Prozesse, die eine Einengung oder Verzerrung von intersubjektiver Realität, Selbstwahrnehmung oder beidem implizieren“, definiert werden (Beutel 1990, S. 1–12). Psychoanalytiker verschiedener Strömungen interpretieren Abwehr auf unterschiedliche Weise, wobei jede Definition das Risiko einer zu großen Vereinfachung mit sich bringt. In ihrem 600-seitigen Buch über den aktuellen Stand von Theorie und Forschung zu Abwehrmechanismen, betonen Hentschel et al. ( 2004) zu Recht die Komplexität des Themas. Nach der Theorieentwicklung von Sigmund Freud und deren Weiterentwicklung durch seine Tochter Anna Freud ( 2006 [1936]) wurde das Konzept der Abwehr durch die verschiedenen Strömungen innerhalb der psychoanalytischen Lehre um intrapsychische und interpersonale Perspektiven ergänzt. Hierbei wurde die Beschaffenheit der individuellen psychischen Struktur und ihrer entsprechenden Mechanismen u. a. im Rahmen der psychodynamischen Diagnostik hervorgehoben (Cierpka 2014). Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat es durch Autoren wie Vaillant ( 1971, 1992), Laughlin ( 1979) und König ( 1997) immer wieder Taxonomiebestrebungen gegeben, wobei sich Zahl und Einteilung der Mechanismen je nach Autor deutlich unterschieden (Seiffge-Krenke 2017). Relative Einigung scheint in der psychoanalytischen Lehre darüber zu bestehen, dass Abwehr- und auch Coping-Mechanismen klare Ich-Funktionen haben bzw. sind, wobei die Abwehr zur intrapsychischen Regulation, das Coping eher zu realer Anpassung und Problemlösung eingesetzt werden (Steffens und Kächele 1988). In anderen Worten: Erst die entsprechende (unbewusste) Abwehr ermöglicht ein erfolgreiches (bewusstes) Coping (Cierpka 2014).
Zahlreiche namenhafte Autoren haben sich in den letzten Jahrzehnten wiederholt kritisch zu einer expliziten Trennung von Coping/Bewältigung und Abwehr geäußert (Cierpka 2014; Steffens und Kächele 1988; Beutel 1990). So schreiben Steffens und Kächele bereits 1988: „Wir halten es … für sinnvoll, eine strikte Trennung von Bewältigung und Abwehr aufzugeben. Beide Vorgänge ergänzen sich, schließen sich keineswegs alternativ aus.“ Trotzdem kam es in der Vergangenheit wiederholt zu „Verleugnungsbemühungen der Verwandtschaftsbeziehungen“ von Coping- und Abwehrkonzepten (Cierpka 2014; Steffens und Kächele 1988; Beutel 1990). Auch jetzt deuten der Einsatz von Coping-Selbst-Rating-Inventaren in der klinisch-psychiatrischen Praxis und Wissenschaft auf der einen bzw. die Fokussierung auf unbewusste Konflikte und Abwehrmechanismen psychoanalytischer Therapeuten und Wissenschaftler auf der anderen Seite auf ein bis zum heutigen Tag noch sehr einseitiges Vorgehehen hin. Ein praxisnahes, schulenübergreifendes und integratives Modell zur Identifikation und Darstellung von Coping- und Abwehrmechanismen bei Traumafolgestörungen existiert gemäß Wissen der Autoren bislang nicht. Dies kann verwundern, da Mechanismen zur Bewältigung aversiver Situationen (z. B. Sport oder Rauschmittelkonsum) und/oder unbewusste Abwehrmechanismen (z. B. Rationalisieren oder Spalten) in der Diagnostik, Therapieplanung und Prognoseeinschätzung von Psychotherapeuten verschiedener Schulen eine wichtige Rolle spielen. Dies gilt in besonderem Maß für Patienten mit Traumafolgestörungen, in deren Behandlung Ich-stützende, affektregulierende Maßnahmen von großer praktischer Bedeutung sind.

Ziel der Arbeit

Ziel der dargestellten Untersuchung war es, durch persönliche, offene Interviews einen Einblick in die Abwehr- und Coping-Mechanismen ehemaliger BundeswehrsoldatInnen mit Einsatzerfahrung unter besonderer Berücksichtigung ihrer militärischen Laufbahn zu erhalten. Somit war es möglich, anhand einer Gruppe von Menschen, die aufgrund ihrer beruflichen Laufbahn sowie schwer zu verarbeitender Erfahrungen ein hohes Maß an Anpassungsleistungen erbringen mussten, den ersten Entwurf für ein schulenübergreifendes Instrument zur Identifikation und Darstellung bewusster und unbewusster Bewältigungsmechanismen zu entwickeln.

Material und Methode

Rekrutierung und „sampling“

Die Rekrutierung erfolgte über eine projekteigene Webseite und das Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Mit 98 potenziellen Teilnehmern wurden (fern-)mündliche Kurzinterviews zur Erfragung der soziodemografischen Daten geführt, 43 wurden in der Folge nacheinander zu offenen Interviews eingeladen. Es wurden ehemalige Einsatzsoldaten der Bundeswehr mit und ohne Symptomatik sowie mit und ohne Inanspruchnahme psychosozialer Leistungen ausgewählt, um im Sinne des „theoretical sampling“ eine kontrastierende Auswahl (Corbin und Strauss 2008) und möglichst hohe Variabilität zu erreichen (Tab.  1). Jedes Interview wurde zeitnah im Rahmen einer teaminternen Forschungsintervision hinsichtlich Ablauf, Inhalt und Gegenübertragung nachbesprochen, mit vorangehenden Interviews verglichen und das weitere Sampling festgelegt. Nach insgesamt 43 Interviews war eine theoretische Sättigung erreicht. Bezugnehmend auf die dargestellte Fragestellung wurden 16 Interviews der detaillierten Textanalyse unterzogen. Diese waren anhand kontrastierender Merkmale (Herkunft, Alter, Geschlecht, Beziehungsstatus, Kinderanzahl, Ausbildungsstand, militärischer Rang, Organisationsbereich, Einsatzland und -dauer, psychische Symptombelastung, Psychotherapieerfahrung, Wehrdienstbeschädigungsantrag) ausgewählt worden. Die daraus erarbeiteten Konzepte zur Qualitätssicherung wurden mit den verbleibenden 27 Interviews abgeglichen.
Tab. 1
Merkmale der Stichprobe ( n = 43) zur VeteranInnenbefragung
Einbezogene Interviews (Anzahl, n)
43
Davon weiblich
4
Davon männlich
39
Alter (Jahre)
Altersspanne
29–69
Altersdurchschnitt
40,4
Standardabweichung
± 12,3
Erwerbsstatus (Anzahl, n)
Erwerbstätig
25
Arbeitssuchend
4
Sonstiges (z. B. krank, Student)
14
Dienstgrad (Anzahl, n)
Mannschaft
6
Unteroffizier
30
Leutnant
3
Hauptmann
3
Stabsoffizier
1
Organisationseinheit (Anzahl, n)
Heer
23
Marine
6
Luftwaffe
2
Streitkräftebasis (SKB)
5
Zentraler Sanitätsdienst (ZSanDst)
5
Wehrverwaltung
2
Teilnahme an Auslandseinsätzen (Einsatztage)
90–2190
90–300
27
301–600
8
Mehr als 600
8
Gesundheitsstatus (Anzahl, n)
Diagnose einer psychischen Erkrankung a
24
Wehrdienstbeschädigung a
19
Symptome einer psychischen Erkrankung ohne Diagnose a
9
Ohne Symptome einer psychischen Erkrankung a
10
aNach Angaben der TeilnehmerInnen

Datenerhebung und -analyse

Die Datenerhebung erfolgte in offenen, persönlichen Interviews. Die Interviews wurden mit einer Frage nach dem beruflich-militärischen und privaten Werdegang begonnen; der weitere Gesprächsverlauf ergab sich aus den Schilderungen des Befragten bzw. Nachfragen des Interviewers. Bewusste Coping-Mechanismen (z. B. Alkoholkonsum, Sport etc.) wurden im Gesprächsverlauf teils unaufgefordert berichtet, teils zu einem späteren Zeitpunkt direkt erfragt. Unbewusste Coping- und Abwehrmechanismen wurden aus den sehr detailliert beschriebenen Situations- und Handlungsabläufen der Teilnehmer abgeleitet (z. B. Rationalisierung, Verleugnung etc.) oder während des Interviews festgestellt (z. B. Affektisolation, Dissoziation, Entwertung etc.).
Die Interviews wurden im MP3-Format aufgezeichnet und verschriftlicht. Für diese Verschriftlichung wurde ein einfaches Transkriptionssystem gewählt (buchstäbliche Übertragung unter Weglassung von dialektalen Eigenheiten, Funktionswörtern und Verständnissignalen sowie unter Sprach- und Interpunktionsglättung (Dresing und Pehl 2015)).
Der methodische Auswertungsprozess in Anlehnung an das Prinzip der Grounded Theory und der thematischen Analyse beinhaltet die iterative Generierung von Hypothesen und Entwicklung neuer Modelle. Entsprechend Chapman et al. ( 2015) wurde sich dem Material iterativ über induktive Erarbeitung, Deduktion und Validierung angenähert, um eine im Material verankerte und daraus erwachsene Theorie zu entwickeln. Die Datenerhebungs- und Analyseprozesse wurden weitergeführt, bis eine „Sättigung“ eintrat, d. h., sich keine neuen Erkenntnisse aus der Datenerhebung und Analyse mehr ergaben. Diese Herangehensweise entsprach den von Guest et al. ( 2012) genannten Schritten:
1.
Kennenlernen des Materials,
 
2.
Identifizierung von Themenbereichen,
 
3.
Identifizierung von Strukturen und
 
4.
Aufbau eines theoretischen Modells, basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen.
 
Der erste Schritt bestand aus dem Kennenlernen des Materials durch das wiederholte Hören der Interviews, Lesen der Transkripte sowie Erstellen von Notizen und Querverweisen. Erste Codes wurden vergeben, um die Bedeutung von Abschnitten und Beobachtungen festzuhalten oder zusammenfassen. Im zweiten Schritt erfolgte die Identifizierung von Themenbereichen, indem einander ähnelnde oder miteinander verbundene Codes kombiniert, kontrastiert und zusammengefügt werden. Der dritte Schritt enthielt die Überprüfung und Analyse der gefundenen Bereiche zur Identifizierung von dahinter liegenden thematischen Strukturen und Reduktion übergeordneter Themenbereiche anhand neuer Rohdaten aus dem laufenden Prozess der Datenerhebung und -analyse. Der vierte und letzte Schritt bestand im Aufbau eines theoretischen Modells, basierend auf den im Material gefundenen Mechanismen unter ständiger Gegenprüfung mit neuem Material sowie nun auch unter Einbezug aktueller Literatur und bestehender Modelle.

Ergebnisse

Insgesamt zeigte sich eine sehr große Zahl und Bandbreite an beschriebenen, benannten und beobachteten Abwehr- und Coping-Mechanismen innerhalb der befragten Gruppe und auch innerhalb der einzelnen Interviews. So konnten im ersten Schritt der thematischen Analyse (nach Guest et al. 2012; Chapman et al. 2015) 1960 Textabschnitte extrahiert werden, die Formen der bewussten und unbewussten Konfliktbewältigung enthielten und sich wiederum zu 89 Codes zusammenfassen ließen. Diese 89 Codes konnten im zweiten Analyseschritt entsprechend ihrem Inhalt, Motiv und ihrer Funktion 15 übergeordneten Coping- und Abwehr-Bereichen zugeteilt werden. Im Rahmen des dritten Schritts, der Überprüfung und Analyse der gefundenen Bereiche zur Identifizierung von dahinter liegenden thematischen Strukturen, konnten die bestehenden 15 Bereiche auf die fünf übergeordneten Themenbereiche „Verhalten“, „Beziehung“, „Emotion“, „Reflexion“ und „Zeit“ reduziert werden. Im vierten Schritt wurden bereits bekannte theoretische Grundannahmen mit den neu gefundenen Daten und Strukturen abgeglichen und in ein Modell integriert. Dabei wurden die 5 gefundenen Bereiche entsprechend ihrer Ausprägung von Minus (−) nach Plus (+) grafisch in einem Achsenmodell dargestellt. Die Achsen illustrieren die wertneutralen, sich gegenüberliegenden Pole eines Kontinuums.
Der Großteil der Befragten zeigte im Rahmen belastender Situationen Coping- und Abwehrmechanismen mehrerer Achsen und innerhalb dieser mitunter auch zu beiden Polen tendierende Ausprägungen sowie dominierende, sich wiederholende Kernmechanismen eines bestimmten Achsenpols. In der grafischen Darstellung finden sich an beiden Seiten des Kontinuums erklärende Poldefinitionen und jeweils darunter ausgewählte Beispielzitate aus dem Interviewmaterial (Abb.  1).
Insgesamt wurde bei allen Befragten eine Häufung bewusster Coping-Mechanismen im hohen Aktivitätsbereich sowie eine große, teils mehr teils weniger bewusste Notwendigkeit, in der sozialen Gruppe zu bestehen und sich mit dieser verbunden zu fühlen, deutlich. Der große Wunsch nach Nähe und Verbundenheit führte mitunter zum Zurückstellen und zum Verdrängen eigener Bedürfnisse oder seltener in stark abgewehrter Form zum totalen Rückzug, dem Entwerten oder Vermeiden von intimen Situationen und den damit verbundenen Gefühlen. Emotionale Reflexion im Sinne von Wahrnehmung, Einordnung und Mitteilung von Gefühlen zeigte sich insgesamt weniger deutlich, bzw. kam es wiederholt zu Situationen, in denen emotionales Erleben (auch innerhalb der Interviews) verdrängt, rationalisiert, bagatellisiert oder geleugnet wurde. Dies traf jedoch nicht auf die Gruppe der Befragten mit Psychotherapieerfahrung zu, die ihre emotionalen Erfahrungen meist entsprechend offen verbalisierte.

Diskussion

Einordnung der Ergebnisse

Bei der Darstellung der Ergebnisse in Achsenform handelt es sich um das erste, aus dem Material gewonnene Modell zur Veranschaulichung eines integrativen, Psychotherapieschulen und -strömungen verbindenden Denkansatzes. Im Rahmen diagnostischer Gespräche soll so ohne den Einsatz weiterer Fragebogen und unabhängig von der psychotherapeutischen Prägung eine erste Einschätzung der bewussten und unbewussten Bewältigungsmöglichkeiten des Gegenübers getroffen werden können. In Teilbereichen lehnt sich das gewählte Achsenmodell an bereits bestehende Coping‑, Abwehr- und Strukturmodelle an, wie beispielsweise die Strukturbestimmung innerhalb der operationalisierten psychodynamischen Diagnostik (OPD), oder aktuelle Coping-Inventare, wie den COPE, auf den im nächsten Absatz eingegangen wird. Eine nachträgliche Anpassung an diese Konstrukte erschien nicht zielführend, insbesondere weil sich die meisten Coping-Inventare ausschließlich mit bewussten Vorgängen beschäftigen, die psychodynamische Diagnostik hingegen nur selten eine explizite Erhebung bewusster Coping-Mechanismen/-Stile vorsieht. Daher wurde sich für den Versuch der Integration verschiedener psychologischer Perspektiven entschieden. Entsprechend den Prinzipien qualitativer Forschung rückten das subjektive Erleben des Individuums und die von ihm genannten und gezeigten Mechanismen unter Einbezug seiner individuellen Motive in den Vordergrund.
Überschneidungen des Achsenmodells wurden, wie bereits erwähnt, mit den Skalen des von Carveret al. ( 1989) entwickelten COPE gefunden. Das Messinstrument ist ein theoriebasiertes Self-Rating-Inventar und umfasst die Kategorien „positive reinterpretation and growth“, „mental disengagement“, „focus on and venting of emotions“, „use of instrumental social support“, „active coping“, „denial“, „religious coping“, „humor“, „behavioral disengagement“, „restraint“, „use of emotional social support“, „substance use“, „acceptance“, „suppression of competing activities“ und „planning“. Bis auf den Bereich „turning to religion“ fanden sich alle Kategorien, teils wörtlich, teils in abgewandelter Form, auch innerhalb der hier entwickelten Codes und Bereiche wieder, was als Hinweis sowohl auf die Qualität des Sampling der vorliegenden Studie als auch der Analyse zu sehen ist. Da einerseits Religion und Kirche in den USA eine andere Rolle spielen als in weiten Teilen Deutschlands, und die Abkehr von Religion und Glaube andererseits Folge schwerer Traumatisierung sein kann (Herman 2018), erscheint das „Fehlen“ dieser Kategorie innerhalb der hier untersuchten Gruppe plausibel.
Das entwickelte Modell deckt somit einen Großteil bestehender Coping-Kategorien und auch eine Vielzahl bekannter Abwehrmechanismen ab, verdeutlicht aber zusätzlich den Beziehungsaspekt und ermöglicht die Identifizierung des in diesem Zusammenhang neuen Bereichs der unbewussten, (inhaltlichen und/oder affektiven) zeitlichen Gebundenheit. Abschließend lässt sich sagen, dass nur durch die gewählte Art der Interviewführung, das Einbeziehen der Situation und des Gesprächszusammenhangs sowie den schul- und theorieoffenen Ansatz eine genaue Differenzierung zwischen emotionalem und reflexivem Umgang, das Erkennen der individuellen Motive, Abstufungen und Ausprägungen von beziehungs- und emotionenzulassendem bzw. -abwehrendem Verhalten sowie die Identifikation des zeitlichen Fokus möglich wurden.
Als ein die Therapieinanspruchnahme erschwerender Faktor ist die im Militär, insbesondere im Auslandseinsatz, möglicherweise besonders notwendige Fähigkeit, emotionale Verwundungen und die eigene Vulnerabilität zu verdrängen, teilweise auch zu leugnen, zu sehen. Die (totale) Kontrolle von Affekten könnte als notwendiger Teil der soldatischen Identität erlebt werden und einer das emotionale Erleben fördernden Psychotherapie im Weg stehen (Schuy et al. 2019). Inwiefern das Vermeiden emotionaler Situationen, die verminderte Wahrnehmung von Gefühlen und/oder eine verminderte Fähigkeit zur Emotionsregulation auch Teil einer Traumafolgesymptomatik waren, lässt sich innerhalb dieser Befragung nicht klären. Viele der befragten VeteranInnen berichteten eher von Mechanismen wie der Ausübung von Einzelsportarten, dem Konsum von Alkohol oder dem Aggressionsabbau in Computerspielen statt von Handlungen, die über Bindung, Nähe und emotionale Verbundenheit zu sozialer Einbindung führen würden. Diese ist bekanntermaßen ein starker protektiver Faktor in der Entwicklung von Traumafolgestörungen. Eben diese, meist unbewussten, Emotionen (und somit auch Nähe) abwehrenden Mechanismen stellen eine große Barriere bei der Therapiesuche bzw. dem Einlassen auf eine psychotherapeutische Beziehung dar und können die soziale Isolation und Einsamkeit verstärken.

Stärken und Limitationen der Studie

Es handelt sich bei der Untersuchung um eine Pilotstudie zur Identifizierung sowie zur modellhaften Veranschaulichung von bewussten und unbewussten Bewältigungsmechanismen ehemaliger SoldatInnen mit Einsatzerfahrung. Mit 43 Interviews hat die Studie eine für ein qualitatives Design breite Datenbasis. Aufgrund der hohen medialen Resonanz (der Aufruf zur Teilnahme an der Studie wurde online innerhalb der ersten Woche allein 28.000 geteilt) sowie der zusätzlichen Rekrutierung im Bundeswehrkrankenhaus und innerhalb des Militärs dürfte eine sehr große Zahl ehemaliger SoldatInnen erreicht und durch das differenzierte Sampling eine große Variabilität kontrastierender Fälle eingeschlossen worden sein. Untersuchereinflüsse und daraus resultierende psychodynamische Prozesse konnten durch das Sampling, die divergente Teamzusammensetzung (ärztliche und psychologische MitarbeiterInnen beiderlei Geschlechts mit und ohne Militär- und Einsatzerfahrung, mit und ohne psychotherapeutische Ausbildung unterschiedlicher Art) minimiert werden. Auch konnten sie durch den bewussten Umgang mit Gegenübertragungserleben sowie regelmäßige Teamintervision und -supervision analysiert und in die Auswertung einbezogen werden. Die offenen Interviews ermöglichten aufgrund ihrer geringen Vorgaben und der Möglichkeit späterer Nachfragen sehr detaillierte, individuelle, subjektbezogene Schilderungen der inneren und äußeren Vorgänge. Durch die zusätzliche Analyse von unbewussten Mechanismen, die direkt im Gesprächsverlauf deutlich wurden, konnte einem bewussten oder unbewussten Selektions- bzw. Verzerrungsprozess, wie er in jeder Form von (retrospektiver) Befragung auftritt, entgegengewirkt werden.
Großer Wert wurde auf ein differenziertes Sampling mit dem Ziel der höchstmöglichen Heterogenität gelegt; bei der Datenerhebung und -analyse wurde sich stets an den Qualitätskriterien von Stamer et al. ( 2015) orientiert. Trotzdem muss die Generalisierbarkeit im Sinne einer Repräsentativität im statistischen Sinne, wie generell bei jeder Form qualitativen Vorgehens, nicht gegeben sein. Zudem handelt es sich um das erste Modell einer Pilotstudie. Seine Validierung bzw. kritische Überprüfung auch hinsichtlich seiner praktischen Nutzbarkeit muss und sollte in Folgestudien erfolgen.

Fazit und Ausblick

Das dargestellte Modell dient der Veranschaulichung eines gemeinsamen, Psychotherapieschulen und -strömungen verbindenden Denkansatzes, um im Rahmen diagnostischer Gespräche eine erste Einschätzung der bewussten und unbewussten Bewältigungsmöglichkeiten des Gegenübers treffen zu können. Dabei soll auf den Einsatz weiterer Fragebogen oder Selbst-Rating-Inventare verzichtet werden und die Einschätzung unabhängig von der psychotherapeutischen Prägung erfolgen können. Die große individuelle Variabilität der von den ehemaligen SoldatInnen zu verschiedenen Zeitpunkten eingesetzten Mechanismen bestätigt die These, dass die Situation und die empfundene Bedrohung Einfluss auf die „Wahl“ der Coping-Mechanismen haben. Dennoch komme es meistens zum simultanen Gebrauch verschiedener Mechanismen (Olff et al. 2005). Andererseits konnten bei den Teilnehmern individuell wiederkehrende, meist unbewusste Mechanismen identifiziert werden, die weitestgehend situationsunabhängig eingesetzt wurden und die für eine Konstanz persönlicher Kernmechanismen sprechen. Dies deckt sich mit der psychoanalytischen Annahme eines mit der psychischen Struktur verknüpften „Abwehrprofils“ und auch mit Befunden der aktuellen Traumaforschung, nach denen der individuelle Bewältigungsstil Einfluss darauf habe, ob ein Mensch ein Trauma langfristig erfolgreich verarbeitet oder eine Traumafolgestörung entwickelt (Chang et al. 2003; Johnsen et al. 2002).
Weiterführende Forschung über bewusste und unbewusste Bewältigungsmechanismen (bei Traumafolgestörungen) ist unabhängig von den vorgestellten Ergebnissen nötig. Dies trifft in besonderem Maß auf einsatzgeschädigte (ehemalige) BundeswehrsoldatInnen zu, deren Zahl angesichts der globalen und politischen Entwicklungen in der Zukunft vermutlich weiter ansteigen wird. Aus Sicht der Versorgungsforschung könnte beispielsweise die Identifizierung individueller Kernmechanismen im Sinne einer typologischen Einordnung zu verschiedenen Untersuchungszeitpunkten den Einfluss traumatischer Erlebnisse auf den persönlichen Bewältigungsstil beleuchten. Dies könnte langfristig zur Erstellung spezifischer Therapieangebote und einer differenzierteren Auseinandersetzung mit der Frage der persönlichen Vulnerabilität genutzt werden.

Förderung

Das Projekt wurde durch Zuwendungen durch das Bundesministerium der Verteidigung finanziert.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

L. Brants, K. Schuy, S. Dors, M. Horzetzky, H. Rau, P.L. Zimmermann, A. Ströhle und S. Siegel geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Alle beschriebenen Untersuchungen am Menschen oder an menschlichem Gewebe wurden mit Zustimmung der zuständigen Ethikkommission, im Einklang mit nationalem Recht sowie gemäß der Deklaration von Helsinki von 1975 (in der aktuellen, überarbeiteten Fassung) durchgeführt. Das Einverständnis der Ethikkommission der Charité Berlin liegt vor. Von allen beteiligten Patienten liegt eine Einverständniserklärung vor.
Open Access. Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
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