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22.10.2019 | Intensivmedizin | Interview | Onlineartikel

Peer-Support-System

Psychosoziale Unterstützung für Ärzte – ohne zu pathologisieren

Interview führte:
Johanna Graf-Schindler
Interviewt wurde:
Dr. med. Andreas Schießl

Dramatische Todesfälle, lebensgefährliche Situationen und Behandlungsfehler sind nur einige der Auslöser, die zu akutem psychischen Stress bei Ärzten führen können. Ein Austausch zu diesen Akutsituationen findet selten statt. „Wenn ein Kind im Op. verstirbt, machen wir einfach weiter“, sagt Andreas Schießl. Der Verein PSU-Akut e.V. möchte dies ändern.

Im medizinischen Alltag stoßen Ärzte regelmäßig an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit – oder müssen sie sogar überwinden. Auch bei routinierten Mitarbeitern kann es durch solche Extremsituationen zur sekundären Traumatisierung kommen.

Im Bereich der Rettungsdienste und Feuerwehren sind Konzepte zur psychosozialen Prävention einsatzspezifischer Belastungen, wie beispielsweise die Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE), bereits seit Jahren etabliert. Dabei handelt es sich um systematische Einzel- und Gruppengesprächstechniken nach potentiell traumatisierenden Situationen.

In der Ärzteschaft braucht es jedoch dringend strukturierte Konzepte um mit schwerwiegenden Ereignissen umzugehen – denn diese gibt es noch nicht großflächig.

Der Verein PSU-Akut e.V. will dies in der medizinischen Versorgung einführen. Das zentrale Ziel ist die Ausbildung von sogenannten Peers (aus dem Englischen für Kollege, Kollegin). Der Peer stellt einen kollegialen Ansprechpartner dar, der Kolleginnen und Kollegen beim Umgang mit akuten Belastungssituationen helfen kann. Der Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Schießl ist Anästhesist und Oberarzt am Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Schön Klinik München-Harlaching. Hier beantwortet er Fragen zum Thema und zum Verein.

Herr Schießl, Systeme, die eine psychosoziale Unterstützung ermöglichen, sind in anderen Berufsgruppen bereits etabliert. Beim Rettungsdienst, der Feuerwehr und der Polizei gibt es diese zum Beispiel schon lange. Haben Sie sich daran orientiert?

Schießl: Ich persönlich beschäftige mich bereits seit zehn Jahren mit diesem Thema. Ich war als Notarzt bereits bei unterschiedlichsten Einsätzen dabei, und habe dort miterlebt, dass die Polizei und die Feuerwehr Nachbesprechungen haben. Obwohl das alles harte Jungs sind, ist dort die psychosoziale Unterstützung selbstverständlich. Dort gehören strategische und emotionale Nachbesprechungen fest dazu.
Ein anderes Beispiel für fest integrierte psychosoziale Unterstützung im Arbeitsalltag: Wenn ein Flugzeug in Frankreich abstürzt, gibt es eine deutschlandweite Betreuung aller Flugbegleiter und Piloten – obwohl diese ja gar nicht dabei waren. Wenn bei uns jedoch ein Kind im Op. verstirbt, machen wir einfach weiter. Das ist ein Gegensatz, der jedoch zum Glück langsam verschwindet.

Warum kommt das bei Ärzten erst so spät?

Schießl: Darüber habe ich mir schon viele Gedanken gemacht. Auf der einen Seite: Innerhalb der Ärzteschaft wurde daran einfach nicht gedacht. Sowohl intern als auch extern. Ganz nach dem Motto: Die Ärzte, die haben das studiert, die können das alles. In Wirklichkeit ist das jedoch nicht so. Es wird eher verdrängt oder weggeschoben – da spricht man einfach nicht drüber. Oft hört man den Satz: „Wenn man das nicht aushält, ist man eben fehl am Platz“. Dazu kommt zusätzlich, dass es ein großes Angebot an nachfolgenden Kollegen gibt, und somit ist der Druck auf den Einzelnen immens.

Hat sich jetzt etwas an der Wahrnehmung geändert?

Schießl: In den letzten Jahren hat sich auf jeden Fall etwas verändert. Das alles hat sich auch in dem neu ausformulierten Genfer Gelöbnis kumuliert [1]. In der Deklaration steht inzwischen drinnen: Ich werde auf meine eigene Gesundheit und mein Wohlergehen achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können. Außerdem ist meiner Meinung nach auch die gesellschaftliche Wahrnehmung insgesamt eine andere.

Sie arbeiten als Anästhesist in der Schön Klinik München-Harlaching. Dort gibt es den Peer-Support bereits seit über drei Jahren. Wie kam es zu der Einführung?

Schießl: Harlaching ist unsere Pilotklinik. Ich bin Delegierter im ärztlichen Kreis- und Bezirksverband. Auch dort waren sich die Kollegen, sowohl Niedergelassene als auch Klinikärzte, einig, dass man sich um das Problem kümmern muss. Somit haben wir ein Projekt aufgesetzt nach dem Motto: „Den Helfern helfen“. Und dazu haben wir eine kooperierende Klinik gesucht. Zu dem Zeitpunkt waren die kommunalen und universitären Kliniken noch nicht so weit. Ich war 13 Jahre im städtischen Klinikum Schwabing und bin nun seit 12 Jahren in Harlaching. Daher haben wir uns an die private Schön Klinik in Harlaching gewandt und uns zusammengetan.

Was hat sich seit der Einführung konkret verändert?

Schießl: Es hat sich inzwischen einiges geändert. Die Ärzte an der Schön Klinik verdrängen nicht mehr – wir machen nicht mehr einfach nur weiter. Es gehört inzwischen zur systematischen Aufarbeitung dazu, mit Akutsituationen gut umzugehen. Jetzt zählt eben der Gedanke, gesund zu bleiben, jedoch ohne etwas zu pathologisieren. Das hat auch die Führungsebene verstanden.

Wie haben die Kollegen den Peer-Support angenommen?

Schießl: Die Mitarbeiter nehmen das gut an. Zu Beginn gab es natürlich die typischen Fragen: „Ist das etwas für mich?“, „Soll ich da hingehen?“ oder „Wird das dann auch vertraulich behandelt?“. Aber die Zweifel haben sich schnell erübrigt. Auch die Klinikleitung unterstützt uns da sehr. Und jetzt kam es eben dazu, dass der Schön-Konzern sagt: Wir wollen das überall ausrollen.

Es gibt ja bereits eine Hotline. Für wen ist diese gedacht?

Schießl: Das Königsziel ist, dass wir ein Peer-System in den Krankenhäusern aufbauen. Dann sind vor Ort Kollegen bekannt, die ansprechbar sind. Das ist gut für Einzelgespräche und für direkte Kurzbesprechungen. Wenn es aber größere Themen gibt, sollen diese ausgebildeten Peers auf die Unterstützungshotline zurückgreifen können. PSU-Experten bieten hier Beratung an oder kommen zu einer Gruppenintervention dazu, denn diese muss strukturiert sein, damit man nicht noch mehr Schaden verursacht.
Dann betrifft es natürlich auch alle Niedergelassenen – auch sie können in eine Akutsituation geraten. Wenn zum Beispiel ein Patient in einer Zahnarztpraxis auf eine Lokalanästhesie-Spritze allergisch reagiert, und der Zahnarzt reanimieren muss. Auch dafür ist die Hotline gedacht, damit man mit der Praxis eine Nachbesprechung machen kann. Potentiell kann ja sein ganzes Team stark belastet sein. Innerhalb von 24 Stunden können wir mit dem Kollegen in Kontakt treten und schauen, was als nächstes notwendig ist.

Ab wann sollte man damit starten, auf das Thema psychosoziale Unterstützung aufmerksam zu machen?

Schießl: Es sollte bereits im Studium anfangen. Es sollte sowohl über Möglichkeiten der Unterstützung von Patienten und deren Angehörigen, als auch auf den Eigenschutz aufmerksam gemacht werden. Wenn man als Notarzt unterwegs ist, ist man mit Stahlkappen in den Schuhen und einer DIN-normierten Jacke ausgestattet, damit einen alle sehen. Aber die Psyche ist nicht vorbereitet – und das gehört eben auch dazu. Wir sind zum Beispiel auch bei dem Young BDA (Berufsverband Deutscher Anästhesisten) eingeladen. Dabei handelt es sich um die Interessenvertretung der Weiterbildungsassistenten und jungen Fachärzte der Anästhesie. Wir sollen dort nach und nach Fortbildungen machen.

Was sind die Top 3 Ziele des Vereins für kommendes Jahr?

Schießl: Erstens eine stabile Finanzierung. In die Finanzierung fließt momentan noch 60-70% der Energieleistung, die wir aufbringen. Zweitens: Ein Krankenhaus nach dem anderen. Es ist ein Hauptziel, dass wir die Peers in die Kliniken bringen, um die Krankenhäuser davon zu überzeugen, dass sie selber diese Strukturen aufbauen sollen. Zudem ist es ein Ziel, das Thema über die Bayerische Landesärztekammer bayernweit zu etablieren. Und drittens wollen wir in der Öffentlichkeit als Unterstützungsangebot wahrgenommen werden, ohne das Thema zu pathologisieren. Es soll wahrgenommen werden, dass sich die Ärzte um sich selbst kümmern dürfen. So soll ein Prozess angestoßen werden, der es ermöglicht, in diesem schönen Beruf gesund zu bleiben.


Zur Person: Dr. med. Andreas Schießl

Dr. med. Andreas Schießl ist Oberarzt am Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Schön Klinik München-Harlaching und dort zudem der Teamleiter des Peer-Supports. Er ist Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzender des Vereins PSU-akut e.V

Literatur

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