Die Ergebnisbetrachtung ist unterteilt in drei Themenschwerpunkte: Ist-Analysen, wissenschaftliche Theorien und Modelle, Effekte.
Ist-Analysen
Die Arbeit zieht für die Untersuchung die Empfehlungen des GKV-Spitzenverbandes heran [
22]. Dazu zählen Analysen der Arbeitsunfähigkeiten im Betrieb, Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz, anonymisierte Fallauswertungen des betrieblichen Eingliederungsmanagements nach § 167 Abs. 2 SGB IX und anonymisierte Ergebnisse der arbeitsmedizinischen Vorsorge und betriebsärztlichen Tätigkeit. Weitere Analyseinstrumente zur Erfassung der gesundheitlichen Risiken sind Arbeitsplatzbegehungen, standardisierte Befragungen von Mitarbeiter:innen zur Arbeit und Gesundheit einschließlich des Gesundheitsverhalten, Altersstrukturanalysen, Arbeitssituationsanalysen sowie Gesundheitszirkel. Eine Übersicht über die in den Studien eingesetzten Analysen ist dem Online-Material 2 zu entnehmen.
Vier der 41 Studien beschreiben eine den Maßnahmen vorangestellte Bedarfsanalyse [
15,
23,
27,
46]. Analysen, die im Rahmen der Maßnahmen durchgeführt werden, wurden von den Review-Autor:innen als Teil der Intervention betrachtet. Ist-Analysen zu Beginn von Maßnahmen führten 25 Studien durch [
3,
6,
11,
13,
14,
20,
23,
25,
28‐
33,
35,
38,
41,
43‐
45,
47‐
51,
54]. In den übrigen 12 Studien wurde keine Form der Bedarfserhebung durchgeführt. Zahlreiche Studien analysieren den Gesundheitszustand von Beschäftigten, z. B. im Rahmen von Screenings und verknüpfen damit eine Kick-off-Veranstaltung im Rahmen des Interventionsprogramms. Betriebsärztliche Untersuchungen dienten in mehreren Studien als Ausgangspunkt für die Bestimmung gesundheitlicher Risiken. Muto et al. [
41] nutzten das Format auch zur Rekrutierung von Teilnehmenden (TN), genauer für Einzelberatungen von Betroffenen mit Auffälligkeit beim BMI, diastolischem Blutdruck, systolischem Blutdruck, Gesamtcholesterin, HDL, Triglyceriden und Blutzucker. Fleig et al. [
20] und Bünger et al. [
11] rekrutierten ebenfalls TN für ihre Maßnahmen über betriebsärztliche Checks, setzten aber gegensätzlich zu Muto et al. [
41] voraus, dass keine Kontraindikation wie diagnostizierter Diabetes Typ 1 oder 2 oder koronare Herzkrankheiten vorlagen. Eine Bestimmung der Gesundheitssituation bezogen auf Ergonomie führten Jindo et al. [
31] im Rahmen von Arbeitssituationserfassungen mittels Sensorentechnik durch. Hier wurden nach einer Umgestaltung von Büroräumen Arbeitsplatzbegehungen mit Videoanalysen durchgeführt.
Menzel et al. [
38], Piper et al. [
43] und Wollesen et al. [
54] führten Kombinationen aus Arbeitsplatzbegehungen, Screenings für Ergonomie und Muskelfunktion, Körperzusammensetzungsanalysen (BIA), Fragebögen zur Selbsteinschätzung bezogen auf den Lebensstil sowie Beschwerdeerfassung bezogen auf das Muskel-Skelett-System durch. Pieper et al. [
43] kombinierten Erhebungsmethoden der Fremdbeurteilung und Selbsteinschätzung. Fragebögen zum Bewegungsverhalten wurden genutzt, um physisch inaktive Mitarbeitende (MA) im Unternehmen zu identifizieren und zur freiwilligen Teilnahme am Programm anzusprechen [
33].
Auf Basis einer unternehmensweiten Fehlzeitenanalyse in Kombination mit einer psychischen Gefährdungsanalyse identifizierte Graf [
23] einen Handlungsbedarf, der zur Einführung eines betrieblichen „wellness programms“ führte.
Die Selbsteinschätzung von MA zur Job-Performance adressierten Terry et al. [
51] anhand eines Items eines Fragebogens.
Hwang et al. [
30] wandten in einer Befragung zu Beginn eines Raucherentwöhnungsprogramms bereits weiche Faktoren an und ermittelten neben Arbeitsanforderungen auch Ausprägungen zwischenmenschlicher Konflikte, Jobunsicherheit, mangelnder Belohnung und Organisationsklima.
Anknüpfend an die Leitlinien des GKV-Spitzenverbands [
21] betrachtet das Review die Empfehlungen von Badura, der für das Ziel einer nachhaltig gesundheitsorientierten Unternehmensführung vorschlägt, Ist-Analysen zur Ermittlung der Gesundheitssituation durchzuführen und diese um die Dimensionen Kultur, Führung, Beziehungsklima, Klarheit der Ziele und Sinnhaftigkeit der Aufgabenstellung zu erweitern [
4].
Dieser mitarbeiterorientierten Ausrichtung mit der Zielsetzung der Qualitätssteigerung der sozialen Organisation folgte keine der Studien mit einer vorangestellten Ist-Analyse. Folgende Studien inkludierten einzelne Teile der von Badura angeregten Dimensionen in ihre zu Beginn der Interventionen durchgeführten Analysen [
23,
30,
33].
Wissenschaftliche Theorien und Modelle
Eine Übersicht über verwendete, wissenschaftlich basierte Theorien und Modelle, die als Grundlage zur Konzeption der BGF-Maßnahmen in den untersuchten Studien genutzt wurden, ist dem Online-Material 3 zu entnehmen. Die Mehrheit der untersuchten Studien führt keine Theorien oder Modelle an [
1‐
3,
6,
7,
11‐
13,
15,
17,
25‐
27,
29‐
33,
35,
41,
43‐
45,
50,
55]. Fünf der untersuchten Studien lag eine einzelne wissenschaftliche Theorie bzw. ein einzelnes wissenschaftliches Modell zugrunde. Diese waren das transtheoretische Modell [
42], das sozialkognitive Prozessmodell („health action process approach“; HAPA-Modell [
20]), das ASE-Modell [
16] oder das sozialökologische Modell [
46,
47].
Einige weitere Publikationen (
n = 7) nutzen mehrere Theorien und Modelle, auf deren Erkenntnisse die durchgeführten BGF-Maßnahmen basieren. Die Aufklärungskampagnen und Seminare zur individuellen Gesundheitsprävention von Terry et al. [
51] fußen auf den theoretischen Grundlagen des PRECEDE-PROCEED-Modells für die Intervention und für die (kosten)effiziente Planung und Erstellung von Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung auf den Inhalten des Health-belief-Modells. Merrill und Merrill [
39] nennen das PRECEDE-PROCEED-Modell, das Health-belief-Modell sowie das transtheoretische Modell als Grundlage ihrer Arbeit. Williams et al. [
53] nutzten zur Beobachtung von Verhaltensweisen der TN die „theory of planned behavior“ (TPB), „theory of reasoned action“ (TRA) und „health self-empowerment theory“ (HSET). Menzel et al. [
38] binden das PRECEDE-PROCEED-Modell sowie die Theorie des „intervention mapping“ ein. Im Rahmen des BASE-Programms in der Studie um Wollesen et al. zur Prävention von (Rücken)beschwerden werden das HAPA-Modell sowie die Theorie der mentalen Introferenz und die Theorie subjektiver Imperative (TSI) als Grundlage der Konzeption genannt [
54]. Cook et al. beziehen sich auf eine sozialkognitive Lerntheorie nach Bandura sowie das transtheoretische Modell von Prochaska [
14]. Graf orientierte sich bei seinen Beratungsprozessen an der Logotherapie und Existenzanalyse nach Viktor Frankl und kombinierte dies mit Erkenntnissen der Systemtheorie [
23].
Effekte
Im Online-Material 4 ist für jede der 41 Studien das zugehörige Untersuchungsziel extrahiert worden. Die Zielsetzungen sind unterschiedlich präzise formuliert. Manche Studienautor:innen geben für ihr Ziel genau an, mithilfe welcher Parameter die Wirkung einer Maßnahme untersucht werden soll [
35,
42,
55]. In einer Vielzahl der Studien wird das Ziel unspezifisch definiert, ohne die konkret berücksichtigten Outcomes zu benennen [
1,
2,
11,
39,
45,
48].
Fast jede der 41 Studien berichtet über mindestens eine positive Veränderung, die durch die in der Studie untersuchte BGF-Maßnahme hervorgerufen wird. Dabei spielt es in der Darstellung der Wirksamkeit keine Rolle, ob die Maßnahmen von langer oder kurzer Dauer bzw. Intensität sind.
In 10 der 41 Studien kann im Rahmen der statistischen Auswertung keine Angabe zum Konfidenzintervall oder Signifikanzniveau gefunden werden (Online-Material 4). Von den 10 Studien nehmen die Autor:innen in einer Studie keine statistische Auswertung vor [
26]. In den meisten restlichen Studien liegt das Konfidenzintervall bei 95 % oder das Signifikanzniveau wird mit 5 % bzw. α = 0,05 angegeben. Manche Studien geben auch ein
p < / ≤ 0,01 als statistisch signifikant an [
27,
43]. Die Schlussfolgerungen der Studienautor:innen lassen auf wirksame Interventionen in mindestens einem untersuchten Themenfeld schließen. In einigen Studien findet keine Follow-up-Messung nach einem längeren Zeitraum ohne Intervention statt [
1,
3,
7,
12‐
15,
23,
24,
26,
27,
30,
32,
35,
38,
43‐
50,
55]. Zwei Studien [
33,
39] führen nach 1 bis 3 Jahren mindestens eine weitere Follow-up-Messung zur erneuten Erhebung von Teilnehmendendaten durch und zeigen hierdurch nachhaltige Effekte bzw. signifikante Veränderungen im Gesundheitszustand der Teilnehmer:innen durch die untersuchten Maßnahmen.
Die Ergebnisdarstellung (Online-Material 4) zeigt, dass in manchen Studien explizit auf eine hohe Dropout-Rate hingewiesen wird [
7,
44].
In einigen Studien werden Scores der Teilnehmer:innen ermittelt und beurteilt, die aus einem oder mehreren Parametern oder Faktoren wie körperlicher Fitness, Ernährungsverhalten und Tabak‑/Nikotingebrauch bestehen [
11,
13,
29,
30,
46,
55]. Konkrete Beispiele für Scores sind darüber hinaus das „personal wellness profil“ (PWP), welches in 2 der 41 Studien zum Einsatz kommt [
39,
51], der Framingham Risk Score [
2] sowie der Global Health Score [
45]. Eine weitere Vorgehensweise der Ergebniserhebung stellt die Selbsteinschätzung zum persönlichen Gesundheitsstatus der Teilnehmenden über Fragebögen dar [
1,
42]. In Abgrenzung dazu wird auch die Veränderung der persönlichen (Gesundheits)wahrnehmung der Teilnehmenden abgefragt [
33,
48,
50]. Des Weiteren finden Blutuntersuchungen statt, um z. B. Aussagen über Cholesterin- und Triglyceridwerte treffen zu können [
7,
29,
51]. In anderen Studien werden biometrische Messungen durchgeführt, in denen u. a. Größe, Gewicht und Blutdruck erhoben werden [
6,
27,
39,
42].