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Open Access 12.04.2022 | Kindesmissbrauch | Journal Club

Pornografiekonsum, deliktbegünstigende Kognitionen, atypische sexuelle Interessen und sexuelle Übergriffigkeit gegenüber Kindern

verfasst von: S. Schmidt, Dr. A. Voulgaris

Erschienen in: Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie

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Der Konsum von Pornografie und die damit verbundenen Auswirkungen scheinen in der aktuellen Medienlandschaft einen zuverlässigen Platz einzunehmen. Begibt man sich im Internet über die Eingabe „Pornografiekonsum“ in einer Suchmaschine auf Erkundungstour, finden sich neben diversen Buchempfehlungen interessante Einträge und Fragen, wie: „Ist Pornosucht heilbar?“ „Wie merkt man, dass man pornosüchtig ist?“ „Ist Pornografiekonsum schädlich?“ und schließlich neben vielen anderen: „Was passiert, wenn jemand pornosüchtig ist?“
Mit Anteilen von Letzterem beschäftigt sich die im Januar 2022 im Journal of Sex Research publizierte Arbeit von Sarah Paquette, Sébastien Brouilette-Alarie und Michael C. Seto., in der 241 Männer, die in der Vorgeschichte unterschiedliche Sexualstraftaten begangen haben, untersucht und mögliche Zusammenhänge zwischen der Art der konsumierten Pornografie, den deliktbegünstigenden Überzeugungen sowie abweichenden sexuellen Interessen in Bezug auf sexuell übergriffiges Verhalten gegenüber Jungen und Mädchen betrachtet werden sollten.
Das Interesse an dieser Forschungsfrage ist nicht neu; Teilaspekte wurden bereits in anderen Studien untersucht. Dabei zeigen sexuell übergriffige Männer ein umfangreiches Spektrum an supportiven Einstellungen und Überzeugungen hinsichtlich der von ihnen begangenen Delikte. Diese deliktbegünstigenden Kognitionen haben einen prädiktiven Wert im Zusammenhang mit einem erneuten Begehen eines Sexualdeliktes (Hanson und Morton-Bourgon 2005; Helmus et al. 2013). Obwohl es Forschung zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Pornografiekonsum und deliktbegünstigenden Überzeugungen und Einstellungen gegenüber Frauen gibt, gibt es keine vergleichbaren Untersuchungen zu Kindern. Vorausgesetzt, dass deliktbegünstigende Kognitionen einen Risikofaktor für sexuelle Übergriffe gegenüber Kindern darstellen, könnte ein zusätzlicher Pornografiekonsum das Risiko noch weiter erhöhen. Babchishin et al. (2015) folgerten in ihrer Metaanalyse, dass Männer, die sowohl Missbrauchsabbildungen konsumierten als auch direkt übergriffig gegenüber Kindern waren, am ehesten eine Pädophilie hatten. So zeigte sich weiterhin in einer Metaanalyse von Allen et al. (2000), dass es unter Sexualstraftätern zu einer signifikanten Erhöhung der sexuellen Erregung kam, wenn der Inhalt des gezeigten pornografischen Materials der Sexualstraftat entspricht. Es gibt darüber hinaus gute Belege dafür, dass der Konsum von Missbrauchsabbildungen mit einem sexuellen Interesse an Kindern verknüpft ist (Blanchard et al. 2007; Seto et al. 2006; Seto 2013), was allerdings nicht bedeutet, dass nicht auch andere Formen von Pornografie konsumiert werden.
Die hier vorgestellte Studie untersuchte nun den Zusammenhang unterschiedlicher Effekte, die Pornografiekonsum auf die sexuelle Übergriffigkeit gegenüber Kindern haben könnte. So sollte es auch darum gehen, ob das Ausmaß an Konsum das Risiko für entsprechende Straftaten bei Menschen mit einer Prädisposition, wie atypischem sexuellem Interesse und prokriminellen Einstellungen, beeinflusst. Für die Autoren ergaben sich daher im Vorfeld folgende Fragen:
1.
Spiegelt der Inhalt der geschauten Pornografie bei Sexualstraftätern auch deren sexuelles Interesse wider?
 
2.
Hat die Form der geschauten Pornografie einen Effekt auf einen sexuellen Kindesmissbrauch?
 
3.
Bietet der Pornografiekonsum zu bestehenden sexuellen Interessen und einer prokriminellen Einstellung eine zusätzliche Erklärung für sexuelle Übergriffigkeit gegenüber Kindern, und schließlich
 
4.
hat Pornografie auf Männer mit hohem Risiko für eine Sexualstraftat eine andere Wirkung als auf diejenigen mit einem niedrigeren Risiko?
 
Rekrutiert wurden die Probanden über die Justizvollzugsanstalt und Behandlungszentren für Menschen mit problematischem sexuellen Verhalten in Quebec, Kanada. Für den Studieneinschluss mussten sie männlich, erwachsen und straffällig geworden sein. Die Stichprobe umfasste 241 Männer, die durchschnittlich 41,05 Jahre alt waren und entweder ein „Hands-on“-Delikt begangen, Missbrauchsabbildungen konsumiert oder eine „nichtsexuelle“ Straftat (z. B. Drogen, Überfall, Raub, Bedrohung, Erpressung, n = 31) begangen hatten. Informationen wurden zum einen über offizielle strafrechtliche Daten und über Fragebogen, die von den Probanden ausgefüllt wurden, erhoben.
Von den Probanden hatten 98 direkte Interaktionen mit ihren kindlichen Opfern, 41 (41,84 %) davon wurden im direkten Kontakt, 34 (34,69 %) im Rahmen von Online-Kontakten und 23 (23,47 %) mit beidem übergriffig. Es wurden dabei nur 55 Männer (56,12 %) straffällig, ohne dass Missbrauchsabbildungen genutzt worden. Von den Männern mit weiblichen Opfern (n = 84) waren 25 (29,76 %) online straffällig und 62 (73,81 %) waren im direkten Kontakt sexuell übergriffig geworden. Bei den Probanden mit männlichen Opfern (n = 20) hatten 6 (30 %) diese online bedrängt, und 16 (80 %) waren im direkten Kontakt übergriffig. So schlussfolgern die Autoren, dass Männer mit weiblichen Opfern wahrscheinlicher im Internet übergriffig werden als diejenigen mit männlichen Opfern. Im Hinblick auf einen direkten sexuellen Übergriff ergaben sich keine Unterschiede.
Von den 112 der Probanden, die wegen des Konsums von Missbrauchsabbildungen straffällig geworden sind, gab es dabei nur 45 Probanden (40,18 %) dieser Gruppe ohne ein weiteres Delikt mit direktem Opferkontakt.
Die Studienteilnehmer wurden von Juni 2015 bis Juni 2016 von den Autoren untersucht. Um Informationen zur konsumierten Pornografie zu erhalten, wurde ein entsprechend zugeschnittener Fragebogen entwickelt. Deliktbegünstigende Überzeugungen wurden über die Molest Scale und typisches bzw. atypisches sexuelles Interesse wurde mittels Sexual Interest Cardsort Questionnaire erhoben.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Probanden, die Delikte im Zusammenhang mit Missbrauchsabbildungen begangen hatten, häufiger sowohl ein sexuelles Interesse an Jungen als auch an Mädchen berichteten. Dies fand sich bei Männern mit Hands-on-Delikten nicht. Insgesamt zeigten Männer mit sexuellen Übergriffen eher deliktbegünstigende Überzeugungen als nicht sexuell übergriffige Männer. Hinsichtlich der Pornografienutzung fiel auf, dass Männer die Missbrauchsabbildungen konsumiert hatten, zusätzlich auch mehr legale Erwachsenenpornografie, Material mit zoophilen Inhalten und erzwungener Sexualität konsumierten. Unter den Männern, die sexuellen Kindesmissbrauch begangen hatten, konsumierten diejenigen mit weiblichen Opfern häufiger Inhalte mit erzwungener Sexualität als jene mit männlichen Opfern. Das Vorliegen einer paraphilen Störung, einer „courtship disorder“, korrelierte signifikant mit dem Konsum von legaler Erwachsenenpornografie, Missbrauchsabbildungen sowie Material mit zoophilen und gewalttätigen Inhalten. Interessanterweise zeigte sich auch eine Korrelation zwischen dem Interesse an konsensueller Sexualität mit Männern und dem Gebrauch von Missbrauchsabbildungen. Im direkten Vergleich der Teilnehmer mit weiblichen und denen mit männlichen Opfern zeigte sich kein Unterschied im Umfang des Konsums der Abbildungen. Die Regressionsanalyse zeigte dann einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Missbrauchsabbildungen und sexuellen Übergriffen gegenüber Jungen und Mädchen unter Berücksichtigung von deliktbegünstigenden Kognitionen sowie den selbst angegebenen sexuellen Interessen der Probanden. Dabei war lediglich ein Zusammenwirken von sexuellem Interesse an Jungen und dem Konsum von Missbrauchsabbildungen mit sexuell übergriffigem Verhalten gegenüber Jungen verknüpft. Allerdings erhöhte der Konsum von Missbrauchsabbildungen die Intensität des Zusammenhanges zwischen dem sexuellen Interesse an Jungen und einem möglichen sexuell übergriffigen Verhalten auf Jungen, was einen möglichen katalytischen Effekt hervorhebt.
Hinsichtlich der ursprünglichen Frage nach durch den Konsum von Pornografie vermittelten Effekten zeigen die Ergebnisse damit sowohl direkte als auch indirekte Zusammenhänge zwischen dem Konsum von Missbrauchsabbildungen und sexuellem Kindesmissbrauch. Auch die Ergebnisse vorhergehender Studien, dass Männer, die Missbrauchsabbildungen konsumieren, eher zu einer Überbeschäftigung mit Sex neigen als Männer, die offline sexuell übergriffig gegenüber Kindern werden, konnten mit der aktuellen Untersuchung bestätigt werden. Während alle Männer, die online sexuell übergriffig alle Formen der Pornografie nutzten, nutzten Offline-Straftäter überwiegend Missbrauchsabbildungen. Dabei sollte nochmals hervorgehoben werden, dass bei einer sexuellen Ansprechbarkeit für Jungen ein Zusammenhang zwischen Missbrauchsabbildungskonsum und sexuellen Übergriffen an Jungen aufgezeigt werden konnte. Bei Mädchen zeigte sich dies nicht. So konnte der im Vorfeld erwähnte katalytische Einfluss von Missbrauchsabbildungen nur unter Männern, die an Jungen interessiert waren, festgestellt werden.
Die Autoren schlussfolgerten nach ihren Studienergebnissen, dass das Wissen über den Konsum von Missbrauchsabbildungen die Prognosestellung bezüglich der Rückfallwahrscheinlichkeit für einen sexuellen Missbrauch erleichtern könnte, v. a. für die Fälle, in denen es um männliche Opfer geht. Im Weiteren könnten darüber eine bessere Einschätzung des Rückfallrisikos gelingen sowie auch eine genauere Zuweisung zu entsprechenden Behandlungsmöglichkeiten. Dabei gibt es mittlerweile einige Instrumente, die diese Informationen erheben, wie der SSPI‑2 oder der CPORT. Gleichermaßen betonten die Autoren die Relevanz der Studienergebnisse für die Strafverfolgung. So könnte unter dem Wissen, welche Inhalte an Missbrauchsabbildungen konsumiert werden, möglicherweise eine Priorisierung der polizeilichen Arbeit erfolgen.

Interessenkonflikt

S. Schmidt und A. Voulgaris geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
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Literatur
Zurück zum Zitat Allen M, D’Alessio D, Emmers-Sommers TM (2000) Reactions of criminal sexual offenders to pornography: a meta-analytic summary. In: Roloff M (Hrsg) Communication yearbook, Bd. 22. SAGE, S 139–169 Allen M, D’Alessio D, Emmers-Sommers TM (2000) Reactions of criminal sexual offenders to pornography: a meta-analytic summary. In: Roloff M (Hrsg) Communication yearbook, Bd. 22. SAGE, S 139–169
Zurück zum Zitat Seto MC (2013) Internet sex offenders. American Psychological Association CrossRef Seto MC (2013) Internet sex offenders. American Psychological Association CrossRef
Zurück zum Zitat Abel GG, Becker JV (1979) The sexual interest card sort. (Unpublished manuscript) Abel GG, Becker JV (1979) The sexual interest card sort. (Unpublished manuscript)
Metadaten
Titel
Pornografiekonsum, deliktbegünstigende Kognitionen, atypische sexuelle Interessen und sexuelle Übergriffigkeit gegenüber Kindern
verfasst von
S. Schmidt
Dr. A. Voulgaris
Publikationsdatum
12.04.2022
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Erschienen in
Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie
Print ISSN: 1862-7072
Elektronische ISSN: 1862-7080
DOI
https://doi.org/10.1007/s11757-022-00714-y

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