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Über dieses Buch

Das bewährte Fachbuch zum Kinderschutz in der Medizin bietet Strategien für den Umgang mit Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, fundierte fachliche Grundlagen für die Diagnose, Sicherheit in Rechtsfragen und erprobte Konzepte für die Intervention.

Fundierte somatische Diagnostik

Leitliniengerecht, hohe Evidenz Rationale diagnostische Strategien Forensische Befundsicherung Kindergynäkologische Grundlagen

Umsichtige Intervention & Prävention

Gesprächsführung mit Eltern Interdisziplinäre Netzwerke schaffen und nutzen Frühe Hilfen Umgang mit Missbrauch in Institutionen

Gesellschaftliche und rechtliche Grundlagen

Auszüge wichtigster Gesetze Gesetzlicher Opferschutz, psychosoziale Folgen

Kompakt und praxisrelevant

Korrekte Anamnese und Dokumentation Merkblätter, Checklisten, Internetadressen Praxistipps, Differenzialdiagnosen und Fallstricke

Vom „unguten Gefühl“ zu evidenzbasiertem Handeln.

Unter Berücksichtigung der neuesten internationalen Leitlinien, Literatur, Gesetze und Rechtsprechung.

Das erste deutschsprachige Handbuch für fachgerechte medizinische Diagnostik und Intervention. Das notwendige „Handwerkszeug“ für Ärzte und andere Gesundheitsberufe, um in der täglichen Praxis die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Als Leitfaden, Ratgeber und Nachschlagewerk für Ärzte, aber auch alle anderen beteiligten Fachleute im Kinderschutz: Juristen, Polizei, Jugendämter, Beratungsstellen ….

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

1. Einleitung

Kindesmisshandlung ist keine eigene Erkrankung im engeren Sinne. Neben den rein körperlichen, behandelbaren und in der Regel abheilenden Verletzungsfolgen und Folgen einer Mangelversorgung für die körperliche und geistige Entwicklung kommen jedoch regelmäßig psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei betroffenen Kindern und Jugendlichen dazu. Hinsichtlich der psychischen Gesundheit sind sie mit einer ungünstigen Prognose verknüpft. Kindesmisshandlung und -vernachlässigung ist ein epidemiologisch bedeutsames und gesellschaftlich relevantes Thema, das zudem mit hohen gesellschaftlichen und ökonomischen Folgekosten behaftet ist. Ärzte und andere Akteure im Gesundheitswesen spielen eine wichtige Rolle im multiprofessionellen Kinderschutz. Für den umfassenden und fachlich fundierten Umgang mit Kindeswohlgefährdungen in diesem Bereich hat sich mittlerweile der Begriff medizinischer Kinderschutz oder Kinderschutz in der Medizin etabliert. Je nach Art der Misshandlung bzw. Vernachlässigung und je nach Rolle, Funktion und Spezialisierung der verschiedenen medizinischen Berufsgruppen ergeben sich unterschiedliche Aufgabenfelder auf diesem Gebiet.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

Körperliche Kindesmisshandlung

Frontmatter

2. Diagnostik bei körperlicher Kindesmisshandlung und Vernachlässigung

Somatische Befunde sind meistens der Ausgangspunkt des Verdachtes auf eine körperliche Kindesmisshandlung. Bei der Diagnosefindung sind sie einer der beweiskräftigsten und im sozio-legalen System hoch bewerteten Parameter. Die fachgerechte und wissenschaftlich abgesicherte Befunderhebung, Interpretation, Diagnose und Differenzialdiagnose sind elementare Voraussetzungen, um aus einem körperlichen Befund die Diagnose einer Kindesmisshandlung abzuleiten. Diese Diagnose kann weitreichende Folgen haben, wie z. B. die Einbeziehung des Jugendamtes, familienrechtliche Eingriffe (einschließlich der Einschränkung der elterlichen Sorge oder andere Kindesschutzmaßnahmen) oder strafrechtliche Konsequenzen. Daher ist eine möglichst strukturierte und vollständige Form der Anamneseerhebung und Befunddokumentation erforderlich, wie sie im 7 Anhang und in dem Leitfaden der AG KiM und den DAKJ »Empfehlungen zu Kinderschutz an Kliniken« ausgearbeitet sind. Da die Krankenakte zu einem späteren Zeitpunkt Bestandteil eines Ermittlungsverfahrens werden kann, ist besondere Sorgfalt erforderlich.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

3. Misshandlungsbedingte Kopfverletzungen und Schütteltrauma-Syndrom

Etwa 1–10% aller Kindesmisshandlungen betreffen den Kopf und das Zentralnervensystem (ZNS). Als charakteristische Konstellation beim klassischen Schütteltrauma-Syndrom wird die Koinzidenz einer variablen, oft aber schweren und prognostisch ungünstigen diffusen Hirnschädigung (Enzephalopathie) mit subduralen Hämatomen und meist ausgeprägten retinalen Blutungen beschrieben. Bei einer bislang hohen Variabilität der Terminologie ist »Abusive Head Trauma« (AHT) mittlerweile der international empfohlene und anerkannte Begriff. Diese Verletzungen haben die gravierendsten Auswirkungen aller Misshandlungsformen, d. h. die höchste Morbidität und Mortalität. Nach amerikanischen Schätzungen sind 80% der Todesfälle durch ZNS-Verletzungen im Säuglingsalter auf Misshandlungen zurückzuführen. Insgesamt sind sie mit 66–75% die häufigste misshandlungsbedingte Todesursache und die häufigste Säuglingstodesursache im 2. Lebenshalbjahr. In etwa jeweils einem Drittel kommt es zu schweren, mittleren oder leichten bzw. fehlenden Folgeschäden. Das Risiko für junge männliche Säuglinge, Kinder aus belasteten sozioökonomischen Lebensumständen und Kinder alleinerziehender, junger Mütter ist erhöht. In etwa einem Drittel aller Fälle finden sich Hinweise auf vorhergehende Misshandlungen mit Schädigungen sowohl des Gehirns als auch anderer Organsysteme und vorherige Kontakte zur Jugendhilfe.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

4. Hautbefunde

Die Haut als größtes Organ des Körpers ist bei nahezu 90% der misshandelten Kinder betroffen. Hämatome sind dabei die häufigste klinische Manifestation einer Misshandlung. Für die Beurteilung von Hautbefunden als Indikatoren einer Misshandlung spielen das Verteilungsmuster – Lokalisation –, das Erscheinungsbild – Art – und das Alter des Kindes und der damit verbundene Grad an Mobilität die größte Rolle. Die früher oft zitierte unterschiedliche zeitliche Zuordnung – Mehrzeitigkeit – hat aufgrund der Unzuverlässigkeit der Zuordnung verschiedener Farben zu einem definierten Hämatomalter weitestgehend an Bedeutung verloren. Die gängige Gleichsetzung »multiple Hämatome unterschiedlichen Alters« mit einer Kindesmisshandlung ist aus verschiedenen Gründen nicht (mehr) zulässig. Die Art und die Lokalisation von Hautbefunden lassen dagegen häufiger Rückschlüsse auf die Verursachung zu, insbesondere zur Differenzialdiagnose eines Sturz- oder Schlaggeschehens. Bestimmte Muster, wie Bissverletzungen, sind so charakteristisch, dass allein hieraus der begründete Verdacht auf eine Misshandlung entsteht. Die Verletzungen aus absichtlich beigebrachten thermischen Einwirkungen sind oft schon aufgrund ihrer erheblichen Schmerzhaftigkeit besonders schwerwiegend.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

5. Knochenverletzungen

Knöcherne Verletzungen gehören zu den ersten Manifestationen, die mit einer Kindesmisshandlung in Verbindung gebracht wurden. Systematische Reviews erlauben mittlerweile valide statistische Schlussfolgerungen, einschließlich Metaanalysen. Sie bestätigen die hohe Assoziation von Frakturen bei jungen Kindern, v. a. < 18 Monaten, und multiplen Frakturen mit Kindesmisshandlungen. Nach Schätzungen beruhen etwa 8–12% aller Frakturen bei Kindern und 12–20% aller Frakturen bei Säuglingen und Kleinkindern auf einer Misshandlung, etwa jede 2.–4. Fraktur im 1. Lebensjahr, darunter wiederum die meisten bei prämobilen Säuglingen in einem Alter unter 4 Monaten. Misshandlungsbedingte Frakturen betreffen überwiegend Kinder unter 3 Jahren: 55–70% werden bei Kindern unter einem Jahr gefunden, 80% bei Kindern unter 18 Monaten. Akzidentelle Frakturen hingegen betreffen häufiger ältere Kinder. Sie werden zu 2% bei Kindern unter 18 Monaten beobachtet, zu 85% hingegen bei über 5-jährigen Kindern. Grundsätzlich korrelieren abnehmendes Alter und abnehmende Mobilität mit einer Zunahme der Wahrscheinlichkeit, dass eine Misshandlung zugrunde liegt. Etwa 40% der Frakturen sind klinisch unerwartet (»Zufallsbefunde«) und ohne adäquate Anamnese hochverdächtig. Es liegt eine hohe Koinzidenz mit anderen Misshandlungsformen vor. Insbesondere Opfer nichtakzidenteller Schädel-Hirn-Verletzungen weisen zusätzliche Frakturen auf.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

6. Viszerale und HNO-Verletzungen, seltene und schlecht klassifizierbare Formen der Kindesmisshandlung

Während bei misshandelten Kindern relativ häufig Verletzungen der Hals-, Nasen- und Ohrenregion sowie der Mundhöhle und der Zähne auftreten, sind thorakale und (intra-)abdominelle Verletzungen zwar relativ selten, dafür aber bezüglich der Schwere und Lebensgefährlichkeit der Verletzungen von umso größerer Bedeutung. Der Kopf, das Gesicht und insbesondere der HNO-Bereich sowie der Nacken sind bei bis zu 65–75% der misshandelten Kinder betroffen. Etwa die Hälfte betrifft dabei das Gesicht oder die Mundhöhle. Viszerale Verletzungen betreffen ein weites Spektrum an Organen. Bei weitem am häufigsten sind jedoch die des Bauchraums. Sie betreffen etwa 0,5–4% aller Misshandlungsfälle. Nach den ZNS-Verletzungen stellen sie jedoch die zweithäufigste Todesursache bei Misshandlungen dar. Neben dem Spektrum häufiger Formen der Kindesmisshandlung durch stumpfe Gewalt, Schütteltrauma sowie thermische misshandlungsbedingte Verletzungen, ist im Einzelfall an speziell definierte, seltene oder auch ungewöhnliche Formen der Kindesmisshandlung zu denken, zu denen auch das Münchhausen-Syndrom-by-Proxy, absichtliche Intoxikationen und die Genitalverstümmelung zählen
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

Sexueller Kindesmissbrauch

Frontmatter

7. Grundlagen

Die klinisch-medizinische Auseinandersetzung mit sexuellem Kindesmissbrauch ist ein vergleichsweise junges Phänomen. Erst in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde hauptsächlich in amerikanischen und einigen britischen Arbeiten das Spektrum klinischer Befunde beschrieben und der Stellenwert der medizinischen Diagnostik als Teil einer obligat multiprofessionellen Herangehensweise etabliert. Die ärztliche Beschäftigung mit dem Thema hat sich erst in den letzten Jahren hin zu evidenzbasierter Forschung und konsensusbasierter Festlegung der »Best Clinical Practice« entwickelt und erfährt zunehmend auch in Deutschland fachliche Akzeptanz. Bei der überwiegenden Mehrzahl sexuell missbrauchter Kinder lassen sich keine auffälligen körperlichen Befunde erheben. Dennoch spielt die korrekte Erhebung, Dokumentation und auf der Grundlage aktueller Evidenz basierende Interpretation sowohl etwaiger Befunde als auch der Gesamtsituation eine große Rolle und kann erhebliche Implikationen für den Schutz und die Betreuung betroffener Kinder haben.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

8. Anamnese und Untersuchung bei sexuellem Missbrauch eines Kindes

Vor der Untersuchung eines Kindes oder Jugendlichen bei Verdacht auf einen sexuellen Missbrauch muss eine sorgfältige Anamnese erfolgen. Deren Umfang hängt von den Umständen des Einzelfalles bzw. den Umständen der Vorstellung zur medizinischen Untersuchung ab. Schließlich bestimmt auch die Erfahrung des Untersuchers Art und Ausmaß sowohl der Anamneseerhebung als auch der durchzuführenden Untersuchungen. Bei fehlender Erfahrung ist es sinnvoller, an entsprechend ausgebildete Kollegen oder Zentren weiter zu verweisen. Die Untersuchungssituation muss so gestaltet werden, dass die potenziellen Ängste der Kinder berücksichtigt werden. Jeglicher Zwang oder Druck, um die Untersuchung durchzuführen, ist kontraindiziert.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

9. Befunde und Klassifikation

Bei der überwiegenden Mehrzahl sexuell missbrauchter Kinder lassen sich keine auffälligen körperlichen Befunde erheben. Die korrekte Erhebung, Dokumentation und auf aktueller Evidenz basierende Interpretation der Gesamtsituation kann dennoch erhebliche Implikationen für den Schutz und die umfassende ärztliche Betreuung betroffener Kinder haben. Die medizinische Untersuchung kann dazu beitragen, ein durch den Missbrauch verursachtes pathologisches Körperselbstbild durch die ärztliche Bestätigung körperlicher Normalität und Integrität zu entlasten. Voraussetzung für eine fachgerechte medizinische Betreuung sind kinder- und jugendgynäkologische und forensische Kenntnisse. Dazu kommt die Kenntnis der methodischen Einschränkungen und Aussagefähigkeit medizinischer Befunde und die Berücksichtigung aktueller Empfehlungen, Leitlinien und Klassifikationen. Die Gründe für die hohe Rate an Normalbefunden (> 90%) bei sexuellem Kindesmissbrauch müssen jedem Arzt bekannt sein, um Fehleinschätzungen der Aussagen der Opfer aufgrund fehlender Verletzungsbefunde zu vermeiden. Beweisend sind massive, akute anogenitale Verletzungen, die nicht akzidentell erklärbar sind, eine gesicherte Gonorrhö, Syphilis oder HIV-Infektion (nach Ausschluss einer angeborenen Infektion), eine Schwangerschaft oder der Nachweis von Sperma in oder auf dem Körper eines Kindes. Für eine Reihe von Befunden, die als missbrauchsverdächtig gelten, ist die Zuordnung mit Unsicherheiten behaftet, da die Datenlage für eine definitive Bewertung noch unzureichend ist. Trotz des hier skizzierten Stellenwertes der medizinischen Diagnostik beruht die Diagnose des sexuellen Missbrauchs von Kindern nach wie vor in erster Linie auf einer qualifiziert erhobenen Aussage des Kindes.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

10. Sexuell übertragbare Infektionen und prophylaktische Maßnahmen

Sexuell übertragene Infektionen (»sexually transmitted infections«, STI) werden insgesamt selten bei sexuellen Kindesmissbrauch gefunden, können aber gelegentlich die einzigen medizinischen Hinweise sein. Das US-amerikanische Center for Disease Control (CDC) erklärt, dass die Diagnose einer sexuell übertragenen Erkrankung bei einem Kind jenseits der Neonatalperiode, bis auf einige Ausnahmen, einen sexuellen Kindesmissbrauch nahelegt. Die Wertigkeit unterscheidet sich entsprechend den jeweiligen Erregern bzw. Infektionen. Die Diagnostik sexuell übertragbarer Infektionen unterliegt bei präpubertären Kindern altersgemäßen Besonderheiten, die bei der Abstrichentnahme, der Bewertung der Ergebnisse und bei der Therapie berücksichtigt werden müssen. Abstriche und das Anlegen von Kulturen auf sexuell übertragbare Krankheiten sollten nur in ausgewählten Fällen durchgeführt werden, da die Ausbeute von positiven Befunden bei asymptomatischen Kindern sehr gering ist. Daher wird ein selektives Screening empfohlen. Indikationen für eine Postexpositionsprophylaxe ergeben sich ausschließlich bei akuten Vergewaltigungen, in der Regel bei Adoleszenten.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

11. Differenzialdiagnosen zu Befunden nach sexuellem Missbrauch eines Kindes

Neben den normalen Befunden, Normvarianten und unspezifischen Befunden gibt es eine Anzahl wichtiger Differenzialdiagnosen, die bei der medizinischen Beurteilung von Befunden möglicherweise missbrauchter Kinder zu berücksichtigen sind. Aufgrund der erheblichen psychosozialen und juristischen Implikationen einer falsch positiven Diagnose eines sexuellen Kindesmissbrauchs ist die Kenntnis dermatologischer, infektiöser, systemischer und anderer Erkrankungen im Anogenitalbereich von großer Bedeutung. Dies gilt insbesondere angesichts der geringen Rate diagnostischer Befunde bei missbrauchten Kindern.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

Vernachlässigung, emotionale Misshandlung und mangelnde Fürsorge

Frontmatter

12. Vernachlässigung und mangelnde Fürsorge

Eine Definition des Begriffs »Kindesvernachlässigung« hängt davon ab, welche Fürsorge für Kinder als ausreichend und welche als Vernachlässigung bewertet wird. Dies ist von gesellschaftlichen Normen abhängig, die einem ständigen Wandel unterworfen sind. Bei Vernachlässigung und Verwahrlosung können als Normen nur sehr abstrakte und wenig konkrete Rechtsgüter herangezogen werden, wie z. B. das Recht der Kinder auf eine möglichst weitgehende Verwirklichung ihres Entwicklungspotenzials. Vernachlässigung ist zu definieren im Spannungsfeld der Rechte des Kindes gemäß der UN-Kinderrechtskonvention und der Verantwortung von Eltern und Gesellschaft, diese Rechte zu verwirklichen.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

13. Risikofaktoren, emotionale Misshandlung und psychische Folgen von Kindesmisshandlung und Vernachlässigung

Kinder haben vielfältige Entwicklungsbedürfnisse, die nur in einem sozialen Kontext verwirklicht werden können, der zumindest ausreichenden Schutz, Ernährung, Sicherheit und menschliche Zuwendung garantiert. Die Unreife des Gehirns des menschlichen Säuglings bei der Geburt und in den ersten Lebensjahren bietet große Chancen, das biologische Potenzial durch positive Einflüsse zu nutzen und zu stärken, aber auch Risiken, es durch negative Einflüsse einzuschränken. Das Wechselspiel der biologischen Mitgift des Individuums und der sozialen Umwelt wird durch die Vernetzung von entwicklungspsychologischer und neurobiologischer Forschung zunehmend besser verstanden. Wichtige Instrumente der Interaktion sind die sensorische Kontaktaufnahme, Spiegelung von Reaktionen auf innere und äußere Stimuli, Bestärkung von Gegenseitigkeit und Gemeinsamkeit, die die Herausbildung einer »inneren Welt« beim Kind ermöglichen.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

Kindstötung

Frontmatter

14. Grundlagen

Tötungen von Neugeborenen, Säuglingen, Kleinkindern und Kindern sind insgesamt selten. Vor allem die Zahl der Tötungen von Neugeborenen hat im Vergleich zu der Situation vor der Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs deutlich abgenommen, ebenso wie die Müttersterblichkeit nach illegalen Schwangerschaftsabbrüchen (z. B. beim sog. »Seifenabort«). Obwohl in Anbetracht der Berichterstattung in den Medien der Eindruck entstehen kann, es sei in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu einer Zunahme von Tötungsdelikten an Säuglingen und Kindern gekommen, lässt sich eine solche Entwicklung statistisch nicht belegen.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

15. Tötung von Neugeborenen und Säuglingen

Tötungen von Neugeborenen werden nahezu ausschließlich von den Müttern verübt, bei Säuglingen und Kindern gibt es auch männliche Täter. Bei der Tötung von Säuglingen und Kleinkindern zeigt sich das gesamte Spektrum gewaltsamer Todesursachen: Ersticken, Erdrosseln, Ertränken, stumpfe Gewalt, scharfe Gewalt, Verbrennen und Vergiften; nur bei dieser Altersgruppe findet sich das Schütteltrauma. Eine Besonderheit ist weiterhin das Töten durch Unterlassen erforderlicher Hilfs- und Schutzmaßnahmen.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

16. Tötung von Kindern

Die Tötungsdelikte an Kindern jenseits des Säuglingsalters können unterteilt werden in akute Taten mit Tötung durch verschiedene Formen der Gewalt (grobe stumpfe Gewalt, scharfe Gewalt, Ersticken, Ertränken, Verbrühen/Verbrennen) und Tötung als Folge einer körperlichen Vernachlässigung, insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern. Im Einzelfall muss auch daran gedacht werden, dass ein Kind durch die Misshandlung und/oder den sexuellen Missbrauch in den Suizid getrieben wurde, wenngleich Suizide im Kindesalter (<14 Jahre) sehr selten sind.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

Beweissicherung und gerichtliche Verfahren

Frontmatter

17. Beweissicherung ohne polizeiliche Hilfe

Straftatbestände zum Nachteil von Säuglingen, Kleinkindern und Kindern sowie ein Missbrauch des elterlichen Sorgerechts bzw. die Vernachlässigung elterlicher Pflichten können und sollen zu behördlichen Maßnahmen führen, zur objektiven Klärung der Sachlage und zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls (§ 8a SGB VIII). Soll trotz eines verwirklichten Straftatbestandes die Polizei bzw. Staatsanwaltschaft nicht eingeschaltet werden, so sind nach Möglichkeit alle Beweismittel zu sichern, kommt es doch nicht selten später zu einer Strafanzeige, oder die Ermittlungsbehörden erlangen auf anderem Wege Kenntnis von einer Kindesmisshandlung und/oder einem Kindesmissbrauch und benötigen dann Unterstützung.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

18. Beweissicherung mit polizeilicher Hilfe

Haben die Ermittlungsbehörden (Polizei, Staatsanwaltschaft) Kenntnis von einer Straftat oder besteht ein diesbezüglicher hinreichender Tatverdacht (§§ 159, 160 StPO), so können die körperliche Untersuchung und/oder ein körperlicher Eingriff veranlasst werden. Dies gilt grundsätzlich sowohl für das Opfer einer Straftat als auch für einen Beschuldigten.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

19. Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch im Strafgesetzbuch

Das Strafgesetzbuch (StGB) unterscheidet die Körperverletzungsdelikte (17. Abschnitt des StGB – Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit) von den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (13. Abschnitt des StGB). Der strafrechtliche Schutz des Menschen beginnt erst mit der Geburt, d. h. mit dem Einsetzen der Presswehen (beim Kaiserschnitt mit dem Ansetzen des Skalpells), während die zivilrechtliche Rechtsfähigkeit des Menschen erst mit der Vollendung der Geburt beginnt (§ 1 BGB). Grundsätzlich ist damit nach Einsetzen der Presswehen ein Tötungsdelikt, also auch Mord (§ 211 StGB) und Totschlag (§§ 212, 213 StGB) möglich, davor gilt strafrechtlich der Schutz des ungeborenen Lebens gem. §§ 218 ff. StGB. Die Misshandlung einer Schwangeren mit der Folge einer Fehlgeburt ist somit strafrechtlich ein Körperverletzungsdelikt und ein strafbarer Schwangerschaftsabbruch, aber kein Tötungsdelikt zum Nachteil des Embryos bzw. Feten.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

20. Gesetzlicher Opferschutz

Gesetzliche Regelungen außerhalb des Strafgesetzbuches zum Schutz von Kindern und Jugendlichen sind zugleich die Umsetzung von Verpflichtungen, die durch Unterzeichnung internationaler Verträge eingegangen wurden. Zu nennen ist hier insbesondere die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Die internationalen Regelungen binden die Unterzeichnerstaaten zumindest rechtlich, auch wenn die Diskrepanz zwischen Rechtsanspruch und Rechtswirklichkeit häufig gravierend ist. Die nationalen Normen finden sich für die Bundesrepublik Deutschland einerseits in den Grundrechten des Grundgesetzes (GG), andererseits in den entsprechenden Schutznormen des Strafgesetzbuches (StGB), des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB), im Jugendschutzgesetz und weiteren Vorschriften. Darauf ist zu verweisen, wenn ohne Kenntnis der existierenden Regelungen (vorschnell) Forderungen zum Ausbau der Kinderschutzgesetzgebung diskutiert werden.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

Intervention und Prävention

Frontmatter

21. Intervention bei Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung

Grundsätzlich spielen bei der Intervention in Fällen von Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung kulturelle und soziale Erfahrungen sowie das Wertesystem des Betrachters eine große Rolle und sollten reflektiert und wahrgenommen werden. In der Regel handelt es sich bei der Intervention im Kinderschutz um eine Maßnahme, die dazu führen soll, das Kind vor weiterer Gewalt und Deprivationserfahrung zu schützen, eingetretene seelische und (selten) körperliche Schäden und Folgen zu behandeln, den gesellschaftlichen Normen Rechnung zu tragen werden und das Rechtsgefühl und die Würde des betroffenen Opfers wiederherzustellen sowie die sozialen Folgen für das Opfer zu mildern (Opferschutzmaßnahmen).
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

22. Ärztlicher Umgang mit dem Verdacht auf Misshandlung und Vernachlässigung

Ärztlicher Umgang mit Kindeswohlgefährdungen betrifft zahlreiche Berufsgruppen mit unterschiedlicher Expertise und unterschiedlichen Rollen und Aufgaben. Kinder- und Jugendärzte, Kinderchirurgen, Sozial- und Neuropädiater, gelegentlich auch Kinder- und Jugendpsychiater sind meist die fallverantwortliche Berufsgruppe und koordinieren den auch innermedizinisch multiprofessionellen Umgang mit Verdachtsfällen. Je nach Berufsfeld ergeben sich unterschiedliche Ansätze des Umgangs (Praxis, Klinik, öffentliches Gesundheitswesen, Rechtsmedizin). Und je nach Art der Misshandlung ergeben sich unterschiedliche Aufgaben hinsichtlich der Diagnosefindung. Kinderärzte, im Säuglingsalter auch Hebammen, gehören zu den wenigen außerfamiliären Kontaktpersonen, die das Kind bereits im Säuglings- und Vorschulalter regelmäßig sehen.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

23. Spezielle Einrichtungen des Kinderschutzes

Die gesellschaftliche Verantwortung zur Umsetzung von Art. 24 der UN-Kinderrechtskonvention, das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit anzustreben, liegt darin, universelle, nachweislich wirksame Vorsorge- und Interventionsmaßnahmen zu entwickeln, die alle Kinder erreichen. Notwendig ist dafür eine integrierte, koordinierte Versorgung, die bereits während der Schwangerschaft der Mutter beginnt, die Geburtsphase begleitet und in den ersten Lebensjahren mit aufsuchenden Angeboten einhergeht. Verschiedene nichtstaatliche Organisationen und Einrichtungen mit dieser Zielsetzung werden hier skizziert.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

24. Prävention

Maßnahmen zur Prävention lassen sich in drei Stufen unterteilen: Primäre Prävention bezeichnet politische und gesellschaftliche Aktivitäten, die das Ausmaß von Kindesmisshandlung senken, indem Umgebungen und gesellschaftliche Einstellungen gefördert werden, die die Entwicklung von Risikofaktoren für Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und sexuellen Missbrauch vermeiden, sekundäre Prävention zielt auf Maßnahmen, die die Auftretenswahrscheinlichkeit von Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung durch die frühe Identifizierung von Risikofaktoren oder durch Interventionen in frühen Stadien von Misshandlung oder Vernachlässigung reduzieren und tertiäre Prävention bezeichnet die Behandlung und Rehabilitation nach bereits stattgefundener Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung bzw. das Verhindern weiterer Gewalterfahrungen und der Entwicklung von sekundären Folgeschäden, insbesondere psychischer Störungen.
B. Herrmann, R. Dettmeyer, S. Banaschak, U. Thyen

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