Im Jahr 2024 ist das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte 1,5 °C-Ziel erstmalig überschritten worden. Infolge der anhaltenden menschengemachten Zerstörung natürlicher Lebensräume werden die klimabedingten Gesundheitsfolgen und Gesundheitsrisiken in den kommenden Jahren stark zunehmen. Für eine adäquate Gesundheitsprävention und medizinische Versorgung ist eine umfassende Ausbildung der Studierenden als zukünftige Ärzt:innen im Bereich Planetary Health unabdingbar. Für eine zeitnahe Implementierung einer kompetenzbasierten Lehre müssen systematische Barrieren identifiziert und abgebaut werden.
Einführung
Infolge der zunehmenden Globalisierung und des technologischen Fortschritts ist der Mensch zur dominierenden Kraft von ökologischen Prozessen geworden („great acceleration“). Dabei hat die Menschheit bis heute mehrere planetare Grenzen überschritten. Mit Planetary Health entstand in der jüngeren Vergangenheit eine transdisziplinäre Gesundheitsdefinition, welche die Integrität der ökologischen Systemen als Gesundheitsdeterminante untersucht [
17,
18].
Die steigende Inzidenz und die geografische Ausbreitung einer Vielzahl an Erkrankungen können auf klimabedingte Veränderungen zurückgeführt werden [
9]. Die durch den Klimawandel gesteigerte Wahrscheinlichkeit von extremen Temperaturlagen, Unwettern und schweren Niederschlägen geht ebenfalls mit einer gesteigerten Mortalität und Morbidität einher [
8,
10]. Des Weiteren behindern die ökologischen Folgen des Klimawandels den sicheren Zugang zu Nahrung und sauberem Wasser in einigen Regionen der Welt [
27,
36]. Ebenfalls sind die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen auf die mentale Gesundheit in Form von chronischem Stress und Existenzängsten nicht zu vernachlässigen [
41]. Damit stellt der Klimawandel nicht nur ein schwer zu kalkulierendes Gesundheitsrisiko dar, sondern ist die größte medizinische Herausforderung für das 21. Jahrhundert [
42]. Die Umsetzung von weitgreifenden Klimaschutzmaßnahmen wäre eine effektive Maßnahme zur Minimierung dieser Gesundheitsrisiken [
37]. Eine Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 °C anstatt auf 3 °C würde in Deutschland 1000 Herzinfarkte/Jahr verhindern [
6]. Gleichfalls könnte der weltweite Verzicht auf fossile Brennstoffe jährlich 3,6 Mio. vorzeitige Todesfälle verhindern [
23].
In Anbetracht der anhaltenden Überschreitung der planetaren Grenzen und der damit verbundenen Gesundheitsfolgen ist eine kompetenzbasierte Lehre im Bereich Planetary Health von zunehmender Bedeutung [
19,
28]. Im Zuge der Dringlichkeit haben internationale Organisationen, medizinische Fachgesellschaften und Universitäten Initiativen und Absichtserklärungen zur Integration von Planetary Health in das Curriculum verabschiedet [
43]. Dennoch gaben in einer weltweiten Befragung der International Federation of Medical Students’ Associations (IFMSA) nur 15 % der medizinischen Hochschulen an, dass Planetary Health Bestandteil ihres Curriculums sei [
28]. Diese Ergebnisse unterstreichen die Diskrepanz zwischen dem Bedarf an Lehre im Bereich Planetary Health und dem aktuellen Angebot, das häufig auf Wahlfachangebote beschränkt ist [
11,
13].
In dieser Forschungsarbeit wurden durch eine Studierendenbefragung sowie eine Analyse des „Nationalen Kompetenzbasierten Lernkatalog 2.0“ (NKLM 2.0) systemische Barrieren eruiert, die eine kompetenzbasierte Lehre des Faches Planetary Health verhindern.
Methodik
Bei der Analyse von systemischen Barrieren einer kompetenzbasierten Lehre im Bereich Planetary Health lag ein thematischer Schwerpunkt auf dem Teilbereich „Klimawandel und Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen“. Hierzu wurden eine anonyme Online-Befragung der Studierenden und eine deskriptive Analyse des „Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin 2.0“ (NKLM 2.0) durchgeführt. Ein positives Ethikvotum (Lfd. Nr. 576/20) zur Durchführung der Online-Befragung wurde vorab eingeholt.
Befragung zum Verantwortungsbewusstsein und zur Lehre von Planetary Health
Die Zielgruppe der anonymen Befragung waren die Studierenden der Humanmedizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, die das verpflichtende Blockpraktikum im Fach Anästhesiologie während des Wintersemesters 2021/2022 belegten. Der Teilnahmelink für den digitalen Fragebogen wurde den Studierenden bei der Einführungsveranstaltung des anästhesiologischen Blockpraktikums ausgehändigt. Eine Erinnerung erfolgte zu Beginn des jeweiligen Blockpraktikums. Der Befragungszeitraum erstreckte sich über das Wintersemester 2021/2022. Die Befragung und anschließende deskriptive Auswertung erfolgten mithilfe des webbasierten Umfrage-Tools SoSci Survey (SoSci Survey GmbH, München, Deutschland). Bei der Auswertung wurden nur vollständig ausgefüllte Fragebogen berücksichtigt.
Für die Identifikation potenzieller systemischer Barrieren untersuchte der Fragebogen (1) die studentische Sichtweise zu den erwarteten Konsequenzen des Klimawandels auf die öffentliche Gesundheit, (2) die persönliche und berufliche Verantwortung als angehender Ärzt:in in Bezug auf den Klimawandel und (3) die Integration von Lehrveranstaltungen mit dem Schwerpunkt Klimawandel in der ärztliche Ausbildung. Der Fragenkatalog wurde von den abteilungsinternen Nachhaltigkeitsbeauftragten (P.K., M.C., B.B., S.C.K., C.B., F.W.) sowie den Lehrverantwortlichen (A.D., M.W., G.M.) erarbeitet.
Integration von Planetary Health in den nationalen Lernzielkatalog mittels einer deskriptiven Analyse
Für die Analyse der Integration von Planetary Health in den NKLM 2.0 wurde die aktuelle Version verwendet. Der NKLM 2.0 wird vom medizinischen Fakultätentag herausgegeben und dient der qualitativen Verbesserung der Lehre und des Studiums in der Humanmedizin. Bei der Analyse des NKLM 2.0 wurde nur der Hauptkatalog berücksichtigt, weil dieser als Kerncurriculum für die medizinischen Fakultäten verpflichtend ist. In seiner aktuellen Fassung besitzt der Hauptkatalog kein Kapitel zu Planetary Health. Daher wurde als Surrogatparameter für die Integration die Häufigkeit von Begriffen mit Bezug zu Planetary Health sowie von Klimaveränderungen mit nachgewiesener Gesundheitsgefahr analysiert. Die Analyse erfolgte mithilfe der plattformeigenen Suchfunktion. Zu den Begriffen gehörten (a) Klimawandel, (b) klimabedingt, (c) anthropogene Umweltveränderung, (d) Planetary Health und dessen deutsche Übersetzung sowie (e) planetare Gesundheit. Als Klimafolgen wurden (i) Hitzewelle, (ii) Luftverschmutzung und (iii) Naturkatastrophe untersucht. Anschließend wurde differenziert, ob die Begriffe im Zusammenhang mit Lernzielen oder als eingrenzende Erläuterungen genannt wurden. Wurden die Begriffe im Zusammenhang mit einem Lernziel genannt, wurde weitergehend nach dem Kompetenzniveau, das den Umfang des zu erwerbenden Wissens beschrieb, differenziert. Bei den Kompetenzniveaus wurde zwischen (I) Faktenwissen, (II) Handlungs- und Begründungswissen, (III) Handlungskompetenz unter Anleitung sowie (IV) selbstständiger Handlungskompetenz unterschieden.
Diskussion
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass systemische Barrieren eine kompetenzbasierte Lehre im Bereich Planetary Health behindern. Für die aktuellen Studierenden ist eine fundierte Ausbildung von Bedeutung, weil diese als eine der ersten Ärztegenerationen die klimabedingten Gesundheitsfolgen in der vollen Ausprägung erleben werden [
34]. Gleichzeitig haben Ärzt:innen als vertrauenswürdiger Berufsstand eine wichtige gesellschaftliche Vorbildfunktion mit weitreichender Ausstrahlkraft [
35]. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Gesundheitsaufklärung ist die Tabakprävention, die Jugendliche effektiv am Nikotinkonsum hinderte und die Exposition von Kindern gegenüber Zigarettenrauch minimierte [
20].
Die teilnehmenden Studierenden waren mit den Grundprinzipien der Gesundheitsdefinition Planetary Health vertraut und stimmten den negativen Folgen der ökologischen Zerstörung für die Gesundheit zu. Internationale Studien konnten dieses ebenfalls zeigen [
4,
14,
16,
29]. Damit ist ein unzureichendes Wissen über die klimabedingten Gesundheitsgefahren nicht als systemische Barriere für eine kompetenzbasierte Lehre anzusehen.
Bei dem Verantwortungsbewusstsein zeigte sich ein indifferentes Bild. Wir unterschieden zwischen dem persönlichen Verantwortungsbewusstsein, welches die Wahrnehmung von Aufgaben und Verpflichtungen in Bezug auf die Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel im persönlichen Kontext beschreibt, und dem beruflichen Verantwortungsbewusstsein. Die persönliche Verantwortung der Studierenden reichte vom ehrenamtlichen Engagement bis hin zu einem Gehaltsverzicht für eine nachhaltige Transformation des Gesundheitssystems. Die Gleichstellung des persönlichen Verantwortungsbewusstseins mit einem Gehaltsverzicht basiert auf der Annahme, dass ein monetärer Verlust eine rationale Entscheidung ist. Wir konnten keine unterschiedliche Ausprägung zwischen dem persönlichen und beruflichen Verantwortungsbewusstsein feststellen. Hingegen zeigte eine Studie über Studierende, die sich im letzten Studienjahr befanden, ein schwächeres berufliches Verantwortungsbewusstsein [
4]. Gleichfalls gaben Allgemeinmediziner:innen an, dass die Edukation von Patient:innen über den Zusammenhang zwischen Klimaschutz und Gesundheit nicht zu den ärztlichen Aufgaben gehört [
2]. Damit stellt ein mangelndes berufliches Verantwortungsbewusstsein für die von uns befragten Studierenden keine systemische Barriere dar, jedoch sind aufgrund der nichteindeutigen Studienlage weitere Forschungsarbeiten notwendig.
Wenngleich die befragten Studierenden die aktuellen Transformationsbemühungen des Gesundheitssektors als unzureichend empfanden, hat das Thema in jüngster Vergangenheit in der klinischen Praxis an Bedeutung gewonnen. Zum einem haben verschiedene Fachgesellschaften Positionspapiere zur Etablierung von Nachhaltigkeits- und Klimaschutzmaßnahmen veröffentlicht [
26,
31,
32]. Zum anderen untersuchen Studien die Effektivität von Maßnahmen für ein nachhaltiges Arbeiten im Gesundheitssektor [
1,
3,
15,
30]. Gleichzeitig sahen die befragten Studierenden das bisherige Lehrangebot im Bereich Planetary Health als unzureichend an. Eine zu geringe Integration von Planetary Health in das Curriculum konnte auch in einer anderen Studie gezeigt werden [
40]. Damit stellt eine unzureichende curriculare Integration in Form von zu wenigen Lehrveranstaltungen eine systemische Barriere dar. Hierbei ist als Limitation aufzuführen, dass die Dozierenden nicht Bestandteil der Befragung gewesen sind. Dementsprechend können keine Rückschlüsse auf die Ursache für das mangelnde Lehrangebot aus der Perspektive der Dozierenden gezogen werden. Als Möglichkeit könnte eine fehlende Awareness oder ein mangelndes Themenwissen in Betracht gezogen werden [
25,
39]. Weitere Gründe könnten Prioritätenkonflikte infolge einer inhaltlichen Überladung des Curriculums oder eine fehlende interdisziplinäre Zusammenarbeit sein. Eine Ursache aufseiten der teilnehmenden Studierenden ist als unwahrscheinlich anzusehen, weil diese eine langfristige curriculare Implementierung von Nachhaltigkeit und Klimawandel wünschen. Folglich sollten die Ursachen des geringen Lehrangebots an den medizinischen Fakultäten durch weitere Studien systematisch erfasst und analysiert werden. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den Dozierenden.
Die deskriptive Analyse zur Integration von Planetary Health in die neue Fassung des NKLM 2.0 zeigte, dass sowohl Begriffe mit thematischem Bezug zu Planetary Health als auch Klimafolgen mit gesundheitlicher Relevanz mehrfach im NKLM 2.0 erwähnt werden. Jedoch erfolgte keine der Erwähnungen im Rahmen der Definition eines Lernzieles. Damit ist die unzureichende Integration von Planetary Health in den Lernzielkatalog des NKLM 2.0 als zweite systemische Barriere zu nennen. Diese Diskrepanz zwischen den Anforderungen an die studentische Ausbildung und der Adaptation des Curriculums wurde bereits in anderen Studien gezeigt [
7,
12,
24]. Zwar ist die Veröffentlichung eines Zusatzkatalogs zu Planetary Health ein erster Schritt seitens des medizinischen Fakultätentags. Jedoch hat dieser nur einen fakultativen Charakter und fasst lediglich die Lernziele mit einem thematischen Bezug zu Planetary Health systematisch zusammen. Daher stellt der Zusatzkatalog keine Weiterentwicklung des NKLM im Hinblick auf Planetary Health dar.
Die Ergebnisse dieser Arbeit unterstreichen, dass systemische Barrieren bei der Implementierung einer kompetenzbasierten Lehre im Bereich Planetary Health existieren. Limitierend ist aufzuführen, dass bei diese Befragung durch den thematischen Schwerpunkt auf Hitzewellen, Luftverschmutzung und Naturkatastrophen nur ein Teilbereich der mannigfaltigen Disziplin Planetary Health abgebildet wurde [
5,
22]. Wenngleich die teilnehmenden Studierenden ein durchschnittliches Semester widerspiegeln, handelt es sich hierbei um keine repräsentative Umfrage. Des Weiteren könnte die alleinige Berücksichtigung von vollständig ausgefüllten Fragebogen zu einer Verzerrung der Ergebnisse geführt haben, indem v. a. Studierende mit einem persönlichen Interesse den Fragebogen vollständig ausfüllten. Gleiches gilt für die Bereitschaft der Studierenden, an der Umfrage teilzunehmen.
Zusammenfassend lassen sich aus den Ergebnissen zwei wichtige systemische Barrieren für die Implementierung einer kompetenzbasierten Lehre ableiten, die es gilt, in weiterführenden Studien zu untersuchen. Nichtsdestotrotz wird bei der Integration von Planetary Health in den NKLM 2.0 und der Etablierung von Lehrveranstaltungen die Einbindung von Studierenden essenziell sein, um ein kompetenzbasiertes Lernkonzept auf der Basis ihrer spezifischen Bedürfnisse zu erstellen. Hierbei sollten Studierende und Lehrende als Teil eines kollaborativen Netzwerkes einbezogen werden [
38]. „Meaningful student involvement“ ist ein bewährtes Konzept, das in der ärztlichen Ausbildung zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dabei sollte die Analyse als spezielle Bedarfsanalyse nach Kern [
21], Schritt 2 der Curriculumsplanung, erfolgen („targeted needs assessment“). Es ermöglicht, den Fokus der universitären Lehre von der reinen Wissensvermittlung hin zur Vermittlung von Kompetenzen und Fähigkeiten zu verlagern. Dieses befähigt die Studierenden, das Wissen in komplexe Zusammenhänge zu stellen, kritisch zu überprüfen und weiterentwickeln zu können [
24]. Die Notwendigkeit, interdisziplinäre, präventive und globale Gesundheitsansätze in den Vordergrund zu stellen, und die bereits aufgeführte Einbindung der Dozierenden unterstreichen das Förderprogramm der American Medical Association [
33].
Einhaltung ethischer Richtlinien
Dieser Beitrag enthält keine Studien an Menschen oder Tieren. Für die Durchführung der Studierendenbefragung liegt eine vorab eingeholte schriftliche Stellungnahme der Ethikkommission des Universitätsklinikums Bonn in Form eines Waiver vor (Antrag Lfd. Nr. 576/20).
Hinweis des Verlags
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