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Erschienen in: Ethik in der Medizin 1/2011

01.03.2011 | Originalarbeit

Krank oder behindert? Die Bedeutung tradierter Begriffssysteme und deren Anwendung für komplexe Syndrome

verfasst von: Marianne Hirschberg

Erschienen in: Ethik in der Medizin | Ausgabe 1/2011

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Zusammenfassung

Ausgehend von Kleinmans Differenzierung des Krankheitsbegriffs in disease, illness und sickness und der Unterscheidung von Krankheit und Behinderung durch die Weltgesundheitsorganisation wird am Beispiel von Aufmerksamkeitsstörungen untersucht, welche Zusammenhänge zwischen den beiden Konzeptionen, Krankheit und Behinderung, bestehen. Hierbei wird gefragt, ob und wie Kleinmans Differenzierung des Krankheitsbegriffs auf den Behinderungsbegriff übertragen werden kann und wie eine Modifizierung produktiv für das Verständnis konkreter Syndrome genutzt werden kann. Während die WHO seit 1980 Behinderung von Krankheit auch per Klassifikation unterscheidet, ist der Bereich chronischer Erkrankungen und psychischer sowie kognitiver Syndrome nicht eindeutig verortet. Dies zeigt sich u. a. daran, dass Intelligenzminderungen und Aufmerksamkeitsstörungen (als spezielle Form hyperkinetischer Störungen) sowohl medizinisch mit der ICD-10 (als Krankheitsklassifikation) diagnostiziert als auch mit der Behinderungsklassifikation der WHO, der Internationalen Klassifikation von Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF), klassifiziert werden können. Im Gegensatz zur ICD lassen sich die Syndrome mit der ICF differenziert kategorisieren, dadurch dass einzelne Körperfunktionen oder Aktivitäten sowie die individuelle Umwelt beurteilt werden. Aufmerksamkeitsschwierigkeiten sowie verschiedene kognitive Fähigkeiten können interdisziplinär beurteilt werden, indem sowohl ihre physischen und psychischen als auch ihre individuellen und gesellschaftlichen Komponenten berücksichtigt werden. Die fachliche und die persönliche Perspektive auf die Syndrome sollten miteinander korreliert werden. Eine klare konzeptionelle Unterscheidung von Krankheit und Behinderung ist nicht möglich.
Fußnoten
1
Ebenso könnten auch andere komplexe Syndrome zugrunde gelegt werden, wie beispielsweise kognitive Schwierigkeiten (herkömmlich als Störung der Intelligenz bezeichnet) oder auch Diabetes ([6], S. 258 ff.).
 
2
Zur sozialen Konstruktion von Erkrankungen (illness) in Gegenwart und Vergangenheit und der damit einhergehenden Produktion von medizinischem Wissen vergleiche u. a. den Sammelband von Lachmund/Stollberg [10], des Weiteren Boorses theoretische Abhandlung der Konzeption von Krankheiten [1], Caplans Erörterung der Konzeptionen von Gesundheit und Krankheit [2] sowie Scullys Analyse der Konstruktion von Syndromen als Krankheit oder Behinderung im Bezug zur biomedizinischen Forschung [13].
 
3
Zur Kennzeichnung der unterschiedlichen Perspektiven auf Krankheit werden die englischen Begriffe verwendet. Hingegen wird der Begriff Krankheit gebraucht, um entweder seine allgemeine, unspezifische Bedeutung herauszustellen oder ihn zu Behinderung abzusetzen.
 
4
Im angloamerikanischen Sprachraum lässt sich durch diese begrifflichen Präzisionen eindeutiger als in der deutschen Sprache fassen, aus welcher Perspektive Krankheiten beurteilt werden.
 
5
Die ersten beiden internationalen Klassifikationen wurden vom Internationalen Statistischen Institut herausgegeben, seit der dritten trug die Hygienesektion des Völkerbundes die Verantwortung für die Veröffentlichung der Klassifikationen (Verabschiedung der ersten Klassifikation 1899).
 
6
Die „International Classification of Impairments, Disabilities, and Handicaps (ICIDH)“ wurde von der WHO 1980 herausgegeben, sie war bis zur Veröffentlichung ihrer revidierten und überarbeiteten Nachfolgerklassifikation, der ICF, im Mai 2001 gültig (zum Vergleich beider Klassifikationen mit dem Fokus auf der gesellschaftlichen Dimension [5]).
 
7
An den Umweltfaktoren wird besonders der Einfluss der Behindertenorganisationen deutlich, die an der Entwicklung der ICF beteiligt waren.
 
8
Die hier abgebildete, von mir erstellte Graphik bezieht sich auf die Komponenten der ICF (vgl. [16], S. 18).
 
9
Die ICF definiert eine Aufmerksamkeitsfunktion als: „Specific mental functions of focusing on an external stimulus or internal experience for the required period of time“ ([16], S. 53). Unter den zusätzlichen Merkmalen dieser Funktion ist auch die Ablenkbarkeit genannt: „Inclusions: functions of sustaining attention, shifting attention, dividing attention, sharing attention; concentration; distractibility“ ([16], S. 53).
 
10
Der Begriff sickness würde vermutlich in der englischen Rezeption verwendet, um ADHS makrosoziologisch zu erfassen und seine epidemiologische, ökonomische wie auch politische Bedeutung herauszustellen.
 
Literatur
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Metadaten
Titel
Krank oder behindert? Die Bedeutung tradierter Begriffssysteme und deren Anwendung für komplexe Syndrome
verfasst von
Marianne Hirschberg
Publikationsdatum
01.03.2011
Verlag
Springer-Verlag
Erschienen in
Ethik in der Medizin / Ausgabe 1/2011
Print ISSN: 0935-7335
Elektronische ISSN: 1437-1618
DOI
https://doi.org/10.1007/s00481-010-0111-y

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