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Über dieses Buch

Es hat sich was getan in der Verhaltenstherapie!

Das Standardwerk von Jürgen Margraf wurde umfassend überarbeitet und aktualisiert ohne jedoch von seinem bewährten praxisorientierten Grundkonzept abzuweichen. Nach wie vor handelt es sich um DAS Verhaltenstherapiebuch, das inzwischen flächendeckend in Universitäten und Ausbildungsinstituten eingesetzt wird.

Die Einteilung in einen Band I – Grundlagen – und einen Band II – Störungen – blieb erhalten. Alle Bände stellen konsequent das konkrete praxisrelevante therapeutische Vorgehen dar und verankern die Therapieverfahren in der klinischen Grundlagenforschung. Nicht nur wissen, wie man etwas macht, sondern auch warum…, Umfassende Darstellung des aktuellen Wissenstands; Konsequent praxisorientiert; Viele Fallbeispiele lassen die Theorie lebendig werden; Viele komplett neu geschriebene Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Störungen des Erwachsenenalters

Frontmatter

1. Panikstörung und Agoraphobie

Auszug
Was haben Goethe, Freud und Brecht gemeinsam? Alle drei waren nicht nur erfolgreiche Autoren, sondern litten auch unter Angststörungen, die heutzutage als Panikstörung bzw. Agoraphobie diagnostiziert werden würden. Während Goethe seine Panikanfälle und Phobien mit einer frühen Form von Verhaltenstherapie bewältigte, versuchte Freud, Angstanfälle und „Reisefieber“ mit einer Selbstanalyse in den Griff zu bekommen. Von Brecht sind dagegen keine derartigen Selbstheilungsversuche seiner „herzneurotischen“ Ängste bekannt. Die eng verknüpften Störungsbilder der Panikstörung und der Agoraphobie betreffen aber nicht nur berühmte Künstler und Wissenschaftler. In der klinischen Praxis machen sie den größten Teil der Angstpatienten aus, die ihrerseits wiederum die häufigste Form psychischer Störungen darstellen. Die Tatsache, dass Anxiolytika die am häufigsten verordneten Psychopharmaka sind, drückt ebenfalls die große Bedeutung dieser Störungen aus. Beide Beschwerdebilder zeigen langfristig einen ungünstigen Verlauf, bei dem Spontanremissionen nur selten vorkommen. Ohne adäquate professionelle Hilfe führen Panikstörung und Agoraphobie für Betroffene und Angehörige meist zu massiven Beeinträchtigungen der Lebensqualität.
Jürgen Margraf, Silvia Schneider

2. Spezifische Phobien

Auszug
Die spezifischen Phobien sind seit den 60er Jahren in der wissenschaftlichen Literatur als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Marks (1969) beschrieb in seinem klassischen Lehrbuch vier Kategorien von Phobien: Agoraphobie, Sozialphobie, Tierphobien und verschiedene spezifische Phobien. Die letzten beiden Kategorien wurden im DSM-III (APA 1980) und DSM-III-R (APA 1987) zu einer Kategorie, den einfachen Phobien, zusammengefasst. Da allerdings das Wort „raeinfach“ zu dem falschen Eindruck führen könnte, dass diese Phobien definitionsgemäß einfach zu behandeln seien, wurde die Bezeichnung im DSM-IV (APA 1994) in „spezifische“ Phobie geändert. Damit wird hervorgehoben, dass Menschen, die an dieser Angststörung leiden, Angst vor einem klar umschriebenen Objekt oder einer Situation haben. Im Gegensatz dazu stehen die Agoraphobie oder die Sozialphobie, bei denen eine Vielzahl verschiedener Situationen gefürchtet und vermieden werden. Außerdem ist die Entwicklung von Folgeproblemen wie etwa einer sekundären Depression oder Medikamenten-/Alkoholabhängigkeit bei den spezifischen Phobien bedeutend seltener als bei Agoraphobie und Sozialphobie.
Lars-Göran Öst

3. Soziale Phobie

Auszug
Ängste davor, in einer Leistungssituation zu versagen und Befürchtungen, von anderen nicht gemocht oder abgelehnt zu werden, sind vielen Menschen bekannt und können oft als normale Reaktionen in interpersonellen Situationen betrachtet werden. In oder vor solchen Situationen auftretende Anspannungen und ängstliche Gedanken über den Verlauf von Interaktionen und deren Ausgang gehören dazu. Daher ist es oft auch angemessen, sich auf Bewährungssituationen durch Lernen und Übungen vorzubereiten. In manchen Berufen sind die Anspannung und das Lampenfieber vor öffentlichen Auftritten sogar Voraussetzungen für den Erfolg. Künstler, Politiker oder Sportler berichten davon, dass sie beste Leistungen nur unter optimaler Anspannung sowie nach guter Vorbereitung erreichen.
Thomas Fydrich

4. Zwangsstörung

Auszug
Zwangssyndrome bzw. Zwangsgedanken („obsessions“) und Zwangshandlungen („compulsions“) sind kein neues Phänomen. Ein bekanntes literarisches Beispiel ist Shakespeares Lady Macbeth. Martin Luther und Charles Darwin gehören zu den vielen prominenten Persönlichkeiten, die von dieser schwerwiegenden Störung betroffen waren. Viele der frühen Beschreibungen betonen den religiösen Inhalt von Zwangsgedanken, was einen wichtigen Hinweis auf die Natur dieser Störungen liefert: Der Inhalt von Zwangsgedanken spiegelt allgemeine besorgniserregende Themen der jeweiligen Zeit wider, ob diese nun das Werk des Teufels, die Verunreinigung durch Keime oder Strahlungen oder das Risiko einer erworbenen Immunschwäche (Aids) betreffen.
Paul M. Salkovskis, Andrea Ertle, Joan Kirk

5. Generalisierte Angststörung

Auszug
Wer an einer generalisierten Angststörung, kurz GAS, leidet, der fürchtet die Zukunft. Betroffene sorgen sich ständig um kleine Dinge, wie zu spät zu kommen, um schreckliche Dinge, wie seine Kinder zu verlieren, ja sie sorgen sich darum, dass sie sich sorgen. Die GAS ist keine seltene Störung, scheint aber in der Praxis selten vorzukommen, und doch ist sie deutlich häufiger als die Panikstörung. Wie kommt das? Zum einen ist die GAS nicht einfach zu diagnostizieren; ihr Hauptmerkmal, die Sorgen, kommen auch bei anderen Störungen vor. Zudem treten Sorgen auch auf, wenn keine Störung vorliegt, jeder kennt Sorgen. Zum zweiten ist die Komorbiditätsrate sehr hoch, und andere Störungen, die auffälliger sind, drohen die GAS zu verdecken. Nicht zuletzt bestehen Unsicherheiten, wie die geeignete Behandlung aussieht, und die Erfolge sind geringer als bei vielen anderen Angststörungen.
Eni S. Becker

6. Posttraumatische Belastungsstörungen

Auszug
Epidemiologische Studien zeigen, dass posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, engl. „posttraumatic stress disorder“, PTSD) ein nicht zu vernachlässigendes Problem darstellen. Sexuelle übergriffe, Verkehrsunfälle, Kampfhandlungen, Naturkatastrophen oder kriminelle Straftaten sind leider keine Seltenheit. Bei fast allen Traumatisierten treten im unmittelbaren Anschluss an das Trauma Symptome wie ungewollte belastende Erinnerungen, Vermeidung traumarelevanter Stimuli oder Schreckhaftigkeit auf. Meist sind diese Symptome vorübergehend. Bei einem beachtlichen Anteil von 15–24% der Traumaexponierten bleiben die Symptome allerdings bestehen und es entwickelt sich eine PTBS (Breslau et al. 1991; Kessler et al. 1995).
Andreas Maercker, Tanja Michael

7. Depression

Auszug
Depressionen sind psychische Störungen, bei denen die Beeinträchtigung der Stimmung, Niedergeschlagenheit, Verlust der Freude, Antriebslosigkeit, Interesseverlust und zahlreiche körperliche Beschwerden wesentliche Merkmale sind.
Martin Hautzinger

8. Bipolare Störungen

Auszug
In der Supervision erzählt eine angehende Verhaltenstherapeutin von einem depressiven Patienten, Mitte 30, ledig und im Beruf relativ erfolgreich. Er hatte sich vor zwei Monaten das erste Mal bei ihr vorgestellt, weil er kaum noch Antrieb hatte, sich über nichts mehr freuen konnte und am liebsten nur noch im Bett geblieben wäre. Der Therapieplan schien klar: Aktivitätsaufbau, Bearbeitung dysfunktionaler Kognitionen ... klassisch antidepressiv ▸ Kap. II/7. Auch der Konsiliarbericht stimmte der Diagnose „depressive Episode“ zu. Die Supervisandin berichtet, dass der Patient jedoch zur letzten Sitzung mit einem Blumenstrauß erschienen sei und sich für die Hilfe der Therapeutin bedankt habe. Er wolle jedoch wieder kommen, falls es ihm wieder schlechter gehen sollte. Die Kollegin berichtet zwar, dass sie von der schnellen Genesung etwas überrascht gewesen sei, aber es sei ihm so gut gegangen, dass sie es auch therapeutisch für indiziert hielt, die Therapie an dieser Stelle ruhen zu lassen.
Thomas D. Meyer

9. Suizidalität

Auszug
Neuere verhaltenstheoretische Konzepte konvergieren dabei zu sog. transaktionalen Modellen, in denen eine vielfache gegenseitige Abhängigkeit von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren angenommen wird (z. B. Schmidtke u. Schaller 2002). Kognitive, affektive, motivationale, physiologische und behaviorale Erfahrungen können dabei zu Schemata zusammengefasst werden (Rudd 2000), die die Sensitivität für Reizbedingungen erhöhen und dadurch sowohl die Auftretenswahrscheinlichkeit suizidalen Verhaltens generell fördern, als auch dazu führen, dass dieses Verhalten immer schneller und schon bei relativ geringfügigen Auslösebedingungen emittiert wird.
Armin Schmidtke, Schaller Sylvia

10. Schlafstörungen

Auszug
In der Schweiz beklagen 15–20% der Patienten Einschlafstörungen, ebenso 15–20% Durchschlafstörungen. Entsprechend gehören Schlafstörungen zu den Krankheitsbildern, die in der Praxis von Grundversorgern, jedoch auch von Psychologen und Psychiatern am häufigsten angetroffen werden. Müdigkeit, Antriebsstörung und Energiemangel werden von vielen weiteren Patienten beklagt und führen zu Konsultationen von Ärzten und Psychologen und Inanspruchnahme des Gesundheitssystems. Auch diese Symptome können häufig mit einer gestörten Erholungsfunktion in der Nacht in Verbindung gebracht werden, wobei häufiger eine Korrelation als eine kausale Beziehung besteht. Die Relevanz von Schlafstörungen lässt auch erkennen, wer den Konsum an Hypnotika als Gradmesser heranzieht. Hypnotika werden von einem Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung konsumiert. Früher stammten die Hypnotika vor allem aus der Gruppe der Benzodiazepine. Heute stammen sie zusätzlich aus verwandten Stoffgruppen oder auch aus pflanzlichen und homöopathischen Präparaten.
Ernst Hermann, Daniel Gassmann, Simone Munsch

11. Hypochondrie

Auszug
Somatoforme Störungen umfassen verschiedene Problembereiche, die durch vielfältige körperliche Symptome oder Beschwerden gekennzeichnet sind, für die keine organische Ursache gefunden werden kann.
Paul M. Salkovskis, Andrea Ertle

12. Somatisierungsstörung

Auszug
Brustschmerzen, Kopfschmerzen, Schwindelgefühle, Rückenschmerzen, Erschöpfungszustände oder Atemnot zählen zu den häufigsten körperlichen Beschwerden, die Personen zum Aufsuchen eines Arztes motivieren. Gerade diese Spitzenreiter körperlicher Beschwerden wurden in einer Untersuchung von Kroenke u. Mangelsdorff (1988) näher untersucht. Das überraschende Ergebnis dieser Studie war, dass nur für durchschnittlich 16% dieser körperlichen Beschwerden eine eindeutige organische Ursache auszumachen war. Die meisten dieser Symptome konnten auch im Dreijahresverlauf nicht durch organische Grunderkrankungen erklärt werden (⊡ Abb. 12.1).
Winfried Rief

13. Chronischer Schmerz

Auszug
Die meisten Menschen fürchten sich vor Schmerzen und wünschen sich schmerzfrei zu bleiben. Aber Schmerz empfinden zu können, ist eine höchst wertvolle Eigenschaft des Organismus. Der Psychologe Richard Sternbach (1963) konnte dies in beeindruckender Weise in seinem Bericht über eine junge Frau verdeutlichen, die diese Fähigkeit nicht besaß. Neben schwerwiegenden Traumata (Verbrennungen, Abbiss der Zungenspitze u. Ä.) erlitt sie immer wieder Verletzungen und Schäden, die aus der dauernden überlastung ihres Bewegungsapparates resultierten. Da die junge Frau vollständig schmerzinsensitiv war, standen ihr keine Körpersignale zur Verfügung, um ihr motorisches Verhalten zu regulieren. Sie starb mit 29 Jahren an den Folgen von Infektionen und Entzündungen in Gelenken und Muskeln.
Birgit Kröner-Herwig

14. Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa

Auszug
Ein Schönheitsideal, das weit unter dem Normalgewicht liegt sowie eine übermäßige Beschäftigung mit dem Essen und dem eigenen Körper sind in unserer Gesellschaft stark ausgeprägt. Zirka 30% der 10-jährigen Mädchen und Jungen haben schon Diäterfahrungen. Etwa 60% der 13- bis 14-Jährigen würden gerne besser aussehen und ca. 56% wären gerne dünner. Auffälligkeiten und Störungen des Essverhaltens können vor allem bei jungen Frauen in der Pubertät oft beobachtet werden und viele junge Frauen aber auch zunehmend mehr Männer sind ständig unzufrieden mit ihren Körperformen.
Reinhold G. Laessle, Johann Kim

15. Binge Eating Disorder

Auszug
Essen ist eine lebensnotwendige menschliche Aktivität, die dazu dient, die nötigen Energiereserven für die Bewältigung der Alltagsanforderungen bereitzustellen. Essen ist weiter eine soziale Aktivität, die mehrmals täglich stattfindet und die Möglichkeit bietet, mit dem näheren Umfeld, der Familie, Freunden, Lebenspartnern zusammenzukommen, sich zu entspannen, zu genießen und sich beim Essen auszutauschen. Essen in der westlichen Welt ist weniger mit dem Problem der Nahrungsbeschaffung, als mit der Aufgabe verbunden zu entscheiden, was, wann, wo und wie viel gegessen werden soll. Das Thema Essen erreicht in der heutigen Zeit viel öffentliches Interesse und umfasst sowohl die Auseinandersetzung mit dem Thema einer ausgewogenen und gesunden Ernährung als auch mit dem Thema der Figur und des Gewichtes.
Simone Munsch, Esther Biedert

16. Adipositas

Auszug
Der Spiegel berichtet im Juni 2006, dass 67% der Deutschen übergewichtig sind. Nur in Griechenland liegt die Prävalenz des übergewichtes mit 77% höher. Dicke Kinder und Jugendliche fallen im Straßenbild bereits auf. Dabei kennt jeder die Ursachen: wer zu viel isst oder sich zu wenig bewegt, nimmt an Gewicht zu. Warum essen die Menschen zu viel? Warum bewegen sie sich zu wenig? In einer Gesellschaft, in der das schlanke Schönheitsideal gilt, wird kein Mensch „freiwillig“ übergewichtig. Hunderte von Diäten haben in den letzten 50 Jahren die steigende Inzidenz von übergewicht nicht stoppen können. Müssen auch andere Ursachenfaktoren bedacht werden? Gibt es „gute Futterverwerter“? Gibt es Menschen, die wenig essen und dennoch zunehmen? Welche Rolle spielt die Genetik? Auf diese Fragen hat die moderne Forschung erste Antworten.
Volker Pudel

17. Störungen durch Konsum von Alkohol und illegalen Drogen

Auszug
Sucht, Missbrauch, Abhängigkeit, substanzbezogene und substanzinduzierte Störungen sind Alltags- und Fachbegriffe, die sich alle auf Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen beziehen. Damit sind natürliche oder chemische Stoffe gemeint, die
1.
zentralnervös auf den Organismus einwirken
 
2.
das subjektive körperliche und emotionale Wohlbefinden steigern
 
3.
dadurch die Wahrscheinlichkeit für eine kontinuierliche, nahezu zwanghafte Einnahme zur Aufrechterhaltung dieses Zustands zunehmen lassen und
 
4.
das Verhalten trotz erlebter akuter und chronischer negativer Auswirkungen (Morbidität, Mortalität) nicht beenden, sondern fortführen und häufig auch weiter steigern.
 
Gerhard Bühringer, Karin Metz

18. Tabakabhängigkeit und -entwöhnung

Auszug
Obgleich die gravierenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen nach langjährigem Tabakkonsum schon lange bekannt sind, blieb das Rauchen in der Medizin und auch in der Psychotherapie über lange Jahre hinweg unzureichend berücksichtigt. Erst im Verlauf des letzten Jahrhunderts wurden die Zusammenhänge zwischen Tabakrauchkonfrontation und gesundheitlichen Beeinträchtigungen systematisch untersucht. Bis heute allerdings ist das Rauchen zwar als Risikofaktor, jedoch noch nicht selbstverständlich als eigenständige Störung (Missbrauch bzw. Abhängigkeit von psychotropen Substanzen) anerkannt.
Gerhard Buchkremer, Anil Batra

19. Medikamentenabhängigkeit

Auszug
Medikamentenabhängigkeit ist unter den stoffgebundenen Abhängigkeiten die unauffälligste Sucht, die vom Umfeld der Betroffenen und auch den Patienten selbst häufig nicht oder erst sehr spät wahrgenommen wird. Die Abgrenzung zwischen sachgerechtem Gebrauch und schädlichem oder abhängigem Gebrauch ist oft schwierig, insbesondere dann, wenn das Medikament zu Beginn zur Linderung von körperlichen oder psychischen Beschwerden verordnet wurde und — wie in den meisten Fällen — keine auffälligen Dosissteigerungen vorgenommen werden. Hat sich im Medikationsverlauf eine Abhängigkeit entwickelt, erfolgt die Einnahme jedoch nicht mehr zur Linderung der initialen Krankheitssymptome. Im Mittelpunkt steht nun die Aufrechterhaltung der Sucht und die Beseitigung von Entzugssymptomen, die die Patienten nicht selten als eine Verschlimmerung ihrer ursprünglichen Symptomatik fehlinterpretieren. Darüber hinaus bleiben die Betroffenen nach außen meist weitgehend unauffällig. Dies mögen Gründe dafür sein, dass dem Thema Medikamentenabhängigkeit auch in Fachkreisen nur vergleichsweise eingeschränkte Aufmerksamkeit gewidmet wird, obgleich die Zahl der Betroffenen seit Jahren konstant hoch beziffert wird.
Karin Elsesser, Gudrun Sartory

20. Schizophrenie

Auszug
Schizophrene Psychosen gehören zu den schwersten psychiatrischen Erkrankungen. Begründer des modernen, heute noch gültigen psychiatrischen Krankheitskonzeptes war der deutsche Psychiater Emil Kraepelin, der den Begriff „Dementia praecox“ 1896 eiführte und den Namen wegen des (angeblich) irreversiblen intellektuellen Verfalls und des frühen Erkrankungsalters wählte (Kraepelin 1904). Er ging davon aus, dass es sich um eine rein körperliche Erkrankung handele, deren Ursache aber noch nicht bekannt sei und wählte deshalb auch die Bezeichnung endogene Psychose. Der Begriff „Schizophrenie“ Wurde 1911 von Eugen Bleuler geprägt. Er wählte die Bezeichnung, weil die wesentliche Störung seines Erachtens in einer Spaltung des Bewusstseins und der Gesamtpersönlichkeit lag (griechisch: schizo = ich spalte, phren = Geist).
Kurt Hahlweg

21. Sexuelle Störungen

Auszug
Das gilt für die ungestörte Sexualität genauso wie für sexuelle Störungen.
Götz Kockott

22. Sexuelle Deviationen und Paraphilien

Auszug
Sexuelle Empfindungen und sexuelle Aktivitäten hängen grundlegend mit der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zusammen, und sie haben eine große Variationsbreite, sowohl in der Intensität des Wünschens und Erlebens als auch in den sexuellen Praktiken. Diese Variabilität macht es häufig schwer, Grenzen zwischen Normalität und Abweichung eindeutig zu ziehen. Ganz zweifelsohne hängt die Definition von sexueller Abweichung bzw. Störung im Unterschied zu anderen psychischen Störungen enger mit den Normen der Gesellschaft zusammen, in der entsprechende Verhaltensmuster gezeigt werden, als mit festen diagnostischen Kriterien. Das gilt insbesondere für Störungen der Sexualpräferenz (⊡ Tab. 21.2). Die ICD-10 spricht hier von „Störungen der Sexualpräferenz“ als übergreifende Bezeichnung (WHO 1991), die DSM-IV-TR von „araphilien“ als Kennzeichnung dieser sexuellen Störungen (APA 2000). Auf der Ebene des Verhaltens ist eine Paraphilie am besten als sexueller Drang nach einem unüblichen Sexualobjekt oder nach unüblicher sexueller Stimulierung zu beschreiben.
Peter Fiedler

23. Dissoziative Störungen

Auszug
Dissoziative Störungen sind sichtbarer Ausdruck der innerpsychischen Verarbeitung und Bewältigung hochgradig belastender oder traumatischer Erfahrungen. Untersuchungen an Menschen, die sexuellen oder gewalttätigen übergriffen, technischen oder Naturkatastrophen, Arbeits- oder Autounfällen ausgesetzt waren, zeigen, dass bei den Betroffenen dissoziative Phänomene wie Amnesien, Depersonalisationen und Konversionen extrem häufig auftreten. Nicht nur unmittelbar, sondern auch langfristig können dissoziative Traumastörungen zur deutlichen Einschränkung der alltäglichen Funktionsfähigkeit führen. Auch Traumata, die Personen helfender Berufe, Ärzte, Polizisten, Mitarbeiter der Feuerwehr oder Psychologen bei anderen miterleben, können psychische und dissoziative Störungen zur Folge haben.
Peter Fiedler

24. Störungen der Impulskontrolle

Auszug
Dieser Störungsbereich umfaßt fünf spezifische Störungen:
1.
pathologisches Glücksspiel (ICD-10: F63.0)
 
2.
pathologische Brandstiftung (Pyromanie; ICD-10: F63.1)
 
3.
pathologisches Stehlen (Kleptomanie; ICD-10: F63.2)
 
4.
Trichotillomanie (ICD-10: F63.3) und
 
5.
Störung mit intermittierend auftretender Reizbarkeit (ICD-10: F63.8; Bezeichnung im DSM-IV-TR: Intermittierend explosible Störung).
 
Peter Fiedler

25. Artifizielle (vorgetäuschte) Störungen

Auszug
Alle psychischen Störungen, die in diesem Band dargestellt wurden, können vorgetäuscht oder simuliert werden. Ähnliches gilt natürlich auch für körperliche Erkrankungen. Für eine gute Differenzialdiagnostik ist es notwendig, sich mit den möglichen Gründen und Motiven näher zu befassen, die Menschen dazu veranlassen könnten, Krankheiten oder psychische Störungen intendiert zu simulieren. Mit den Bezeichnungen vorgetäuschte Störungen (so im DSM-IV-TR; APA 2000) bzw. artifizielle Störungen (so in der ICD; WHO 1993; F68.1) — gemeint als psychische Störung (!) — werden körperliche Krankheitssymptome oder Symptome psychischer Störungen zusammengefasst, die durch die Betroffenen selbst künstlich erzeugt (selbst manipuliert) und/oder als scheinbar echte Krankheitsmerkmale vorgetäuscht werden. Nachfolgend meint “Vortäuschung„ jedoch nicht: absichtliche Simulation.
Peter Fiedler

26. Persönlichkeitsstörungen

Auszug
Jeder Mensch hat seine ganz eigene und unverwechselbare Art und Weise zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen und auf die Außenwelt zu reagieren. Die individuellen menschlichen Eigenarten stellen eine einzigartige Konstellation von Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen dar, die man als Persönlichkeit bezeichnet.
Peter Fiedler

27. Borderline-Persönlichkeitsstörung

Auszug
Kaum ein Störungsbild verdeutlicht so klar die befreiende Wirkung von datengestütztem Wissen auf Konzeptionalisierung und Behandlung wie die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS). Noch vor wenigen Jahren galt diese als eine chronisch verlaufende und schwierig zu behandelnde Störung mit hohen Suizid- und geringen Remissionsraten. Die Diagnostik war unscharf und abhängig davon, welcher therapeutischen Schule der jeweils Behandelnde angehörte. Die neurobiologische Grundlagenforschung machte folgerichtig einen weiten Bogen um dieses undifferenzierte Konvolut, aber auch die pharmakologische und psychotherapeutische Forschung beschränkte sich auf einige wenige Untersuchungen mit kleinen n-Zahlen und daher kaum interpretierbaren Ergebnissen.
Martin Bohus

Spezielle Indikationen

Frontmatter

28. Partnerschafts- und Eheprobleme

Auszug
Menschen kommen mit der Sehnsucht nach Bindung auf die Welt. Jeder wünscht sich einen Partner, der „ideal“ zu ihm passt, von dem er in jeder Hinsicht begeistert ist und der möglichst nur für ihn da ist. Die Hoffnung, in einer festen Partnerschaft1 Geborgenheit, Wertschätzung und Zärtlichkeit zu erleben, ist universell (Buss 2004). Dies zeigt sich z. B. an den Standesamtsdaten: In westlichen Industrienationen heiraten ca. 80–90% der über 18-Jährigen mindestens einmal. Fast jeder macht im Laufe seines Lebens die Erfahrung einer intimen Partnerschaft, und wenn man auch alle gleichgeschlechtlichen Paare hinzunimmt, so kann man das „fast“ vom Anfang dieses Satzes wohl streichen. So kommt es auch, dass in allen Umfragen zur Lebenszufriedenheit Liebe, Partnerschaft und Familie als zentrale Faktoren des Wohlbefindens an erster Stelle stehen, dann erst gefolgt von Gesundheit, Beruf oder Einkommen. Geht die Hoffnung auf partnerschaftliches Glück in Erfüllung, so ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die eigene Zufriedenheit und psychische Stabilität gegeben. Wenn nicht, so stellt dies eine der größten Quellen für persönliche Verunsicherung dar.
Kurt Hahlweg, Brigitte Schröder

29. Altersprobleme

Auszug
Der Anteil älterer Menschen (d. h. über 65 Jahre) hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen und wird in den nächsten Jahrzehnten weiter drastisch steigen. Während vergangene Generationen Älterer wenig psychologisch orientiert waren und selten aktiv psychotherapeutische Behandlung gesucht hatten, sind die älter werdende jetzige Generation und zukünftige Generationen besser psychologisch informiert, so dass sie vermehrt psychotherapeutische Leistungen in Anspruch nehmen werden. Der Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung Älterer ist also vorhanden und wird weiter zunehmen.
Simon Forstmeier, Andreas Maercker

30. Stressbewältigung

Auszug
Stress ist inzwischen zum Modewort geworden. Ein Zeitphänomen, dessen langfristige negative Folgen allerdings erheblich sind und nicht auf das Individuum beschränkt bleiben. Finanzielle Hochrechnungen beziffern jährliche Kosten aufgrund von Stress in Milliardenhöhe. Auch bei der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen wird Stress als eine wesentliche begünstigende Bedingung diskutiert. Hieraus entsteht Handlungsbedarf sowohl im präventiven als auch im therapeutischen Bereich.
Guy Bodenmann, Simone Gmelch

31. Bearbeitung von Ambivalenzen

Auszug
Einem Therapeuten kommen leicht Beispiele von Patienten in den Sinn, bei denen er oder sie Probleme hatte, konkrete Veränderungsschritte einzuleiten. Beispielsweise berichtet ein Patient von ständiger Arbeitsüberlastung, aber unternimmt wenig, um diese Belastung zu verringern, obwohl Patient und Therapeut es in der Therapie vorbesprochen haben. In solchen Situationen stellt sich der Therapeut vielleicht die Frage, ob es dem Patienten nicht möglich ist, etwas an der Situation zu ändern („Kann er nicht?“), oder ob ihm die Motivation dazu fehlt („Will er nicht?“). Wenn der Patient nicht über die notwendigen Ressourcen zur Verhaltensänderung verfügt („kann nicht ...“), wird der Therapeut versuchen, ihm die nötigen Fertigkeiten zur Änderung seines Verhaltens oder seiner Lebenssituation zu vermitteln. So kann es z. B. sein, dass der Patient nie gelernt hat, sich selbst und seine Arbeitsabläufe zu organisieren, so dass er in der Therapie konkrete Fertigkeiten zum Selbstmanagement erlernen muss. Wenn es dem Patienten nicht an Ressourcen zur Verhaltensänderung fehlt, ist ein motivationales Problem die naheliegendste Erklärung. Motivationsprobleme können sich auch darin äußern, dass ein Patient nur schwer zu einer Therapie zu bewegen ist, obwohl sein Problem sehr sichtbar ist und ihm starkes Leiden verursacht.
Martin Grosse Holtforth, Johannes Michalak

Backmatter

In b.Flat Zwangsstörungen enthaltene Bücher

In b.Flat Klinik Psychiatrie & Psychotherapie enthaltene Bücher

In b.Flat SpringerMedizin.de Gesamt enthaltene Bücher

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Im Pocket Guide finden Sie von A bis Z schnell und übersichtlich die "Erste-Hilfe"-Information rund um alle Psychopharmaka, die Sie auf Station und im Praxisalltag brauchen. Das Pocket-Buch passt bestens in die Kitteltasche. Auf eine ausführliche Darstellung der Störungen wurde bewusst verzichtet.

Autoren:
Prof. Dr. med. Otto Benkert, Prof. Dr. med. I.-G. Anghelescu, Prof. Dr. med. G. Gründer, Prof. Dr. med. P. Heiser, Prof. Dr. rer. Nat. C. Hiemke, Prof. Dr. med. H. Himmerich, Prof. Dr. med. F. Kiefer, Prof. Dr. med. C. Lange-Asschenfeldt, Prof. Dr. med., Dr. rer. nat., Dipl.-Psych. M.J. Müller, Dr. med., Dipl.-Kfm. M. Paulzen, Dr. med. F. Regen, Prof. Dr. med. A. Steiger, Prof. Dr. med. F. Weber

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Dieses Kitteltaschenbuch enthält übersichtlich und systematisch alle notwendigen Informationen zum schnellen Nachschlagen auf Station, in der Ambulanz oder im Konsildienst: Klare Handlungsanweisungen, Therapieempfehlungen und die notwendigen rechtlichen Hintergründe.

Herausgeber:
Prof. Dr. Dr. Frank Schneider

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