Zum Inhalt

Magnetenzephalographie mit 120 optisch gepumpten Magnetometern (OPM-MEG) bei Epilepsie: Pilotmessungen zur Überprüfung der Machbarkeit

Zusammenfassung

Hintergrund

Pharmakoresistente fokale Epilepsien können durch chirurgische Eliminierung des epileptogenen Hirnareals erfolgreich behandelt werden. Zur Lokalisation eben jenes epileptogenen Areals kann die Magnetenzephalographie (MEG) beitragen, welche komplementäre Informationen zur Elektroenzephalographie (EEG) liefert. In den letzten Jahren wurden als neue MEG-Sensorart optisch gepumpte Magnetometer (OPMs) entwickelt, welche das Signal-Rausch-Verhältnis und die Lokalisationsgenauigkeit zu verbessern und zugleich die Betriebskosten zu verringern versprechen.

Ziel der Arbeit

Wir wollten die Machbarkeit von OPM-MEG bei Erwachsenen mit pharmakoresistenter Epilepsie und die grundsätzliche Plausibilität der erhobenen Ergebnisse belegen.

Material und Methoden

Drei Erwachsene mit pharmakoresistenter Frontallappen‑, Temporallappen- bzw. unklassifizierter Epilepsie unterzogen sich einer jeweils 45-minütigen MEG-Untersuchung mit 120 OPMs. Wir mittelten die aufgezeichneten epilepsietypischen Muster und verwendeten sie zur MEG-Quellenlokalisation. Die Ergebnisse verglichen wir mit denen einer EEG-Quellenlokalisation und den Ergebnissen der sonstigen prächirurgischen Diagnostik.

Ergebnisse

Alle Testpersonen tolerierten die OPM-MEG-Messungen einwandfrei. In allen Fällen konnte epilepsietypische Aktivität aufgezeichnet werden. Die Ergebnisse der OPM-MEG-Quellenlokalisation waren in allen 3 Fällen kongruent mit den Ergebnissen der EEG-Quellenlokalisation und der sonstigen Diagnostik.

Diskussion

OPM-MEG bei Erwachsenen ist machbar, und die Messungen liefern plausible Resultate. Durch eine klinisch-technische Studie wollen wir im nächsten Schritt den diagnostischen Wert von OPM-MEG in der prächirurgischen Epilepsiediagnostik eruieren, auch im Vergleich zur EEG und zur konventionellen MEG.
QR-Code scannen & Beitrag online lesen

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Hintergrund und Fragestellung

Bei pharmakoresistenter fokaler Epilepsie bieten die ablative und resektive Epilepsiechirurgie eine hohe Chance auf Anfallsfreiheit. Um zuvor den individuellen Anfallsfokus zu lokalisieren und von Hirnarealen mit relevanten Funktionen abzugrenzen, muss eine multimodale prächirurgische Diagnostik durchgeführt werden. Mittels Magnetenzephalographie (MEG) kann die Ursprungszone interiktaler epileptischer Aktivität untersucht werden [22]. Die MEG detektiert oberflächliche, tangential orientierte Dipole besser als die Elektroenzephalographie (EEG) [8], und die gemessenen Signale sind durch den reduzierten Volumenleitereffekt räumlich weniger verzerrt [19]. Daher bietet die MEG in der prächirurgischen Diagnostik grundsätzlich eine gute Ergänzung zur EEG, um Operationen und intrakranielle EEG zu planen [5, 13].
Kommerzielle MEG-Systeme existieren seit etwa 1990 [18]. MEG-Messungen finden in magnetisch abgeschirmten Räumen statt und werden konventionell mit supraleitenden Quanteninterferenzgeräten (SQUIDs) durchgeführt, welche mit flüssigem Helium gekühlt werden müssen. Dies macht Anschaffung und Unterhalt kostspielig [18], auch wenn moderne MEG-Geräte Helium-Rückgewinnungssysteme nutzen [2]. Die untersuchten Personen sind in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, sodass iktale MEG-Aufzeichnungen nur selten gelingen [2]. In Deutschland steht die MEG bisher nur wenigen Epilepsiezentren zur Verfügung [12].
Auch optisch gepumpte Magnetometer (OPMs) können magnetische Hirnsignale detektieren. OPMs müssen nicht kryogen gekühlt werden, was Handhabbarkeit und Wirtschaftlichkeit erhöht. OPMs können im Gegensatz zu SQUIDs direkt auf der Kopfoberfläche der untersuchten Person angebracht werden, um den Abstand zwischen Sensor und Quelle zu minimieren und damit das Signal-Rausch-Verhältnis zu verbessern. OPMs wurden in den letzten 20 Jahren bedeutend weiterentwickelt und miniaturisiert (Abb. 1a) und können für die Untersuchung vieler neurowissenschaftlicher Fragestellungen eingesetzt werden [3]. Auf MEG spezialisierte OPM-Systeme mit mehr als 100 Sensoren existieren erst seit 2023 für Forschungszwecke [1, 16]. Bisher wurden nur Systeme mit bis zu 64 OPMs für die Untersuchung von Epilepsien genutzt [7, 9, 14].
Abb. 1
Magnetenzephalograph mit optisch gepumpten Magnetometern (OPM-MEG). a OPM-Sensor in Nahansicht; die blaue Markierung zeigt die tangentiale Messrichtung des Sensors an; b OPM-MEG-Helm mit Sensoren; c OPM-MEG-System im magnetisch abgeschirmten Raum mit gesunder Testperson
Bild vergrößern
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und Bundesmittel installierten die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) und die Charité – Universitätsmedizin Berlin ein OPM-MEG mit 96 Sensoren für medizinische Forschung und Weiterentwicklung der Messtechnologie (Abb. 1b, c). Hier sollen u. a. Personen mit pharmakoresistenter fokaler Epilepsie untersucht werden, die sich einer prächirurgischen Epilepsiediagnostik unterziehen. Vor Fertigstellung des magnetisch abgeschirmten Raums an der Charité haben wir das System, durch zusätzliche Sensoren auf 120 OPMs erweitert, an der PTB für Pilotmessungen genutzt. Unser Ziel war, die Machbarkeit von OPM-MEG mit 120 Sensoren bei Erwachsenen mit pharmakoresistenter Epilepsie zu überprüfen.

Methoden

Untersucht wurden 2 Frauen und 1 Mann mit pharmakoresistenter Epilepsie, die sich am Epilepsie-Zentrum Berlin-Brandenburg (EZBB) einer nichtinvasiven prächirurgischen Epilepsiediagnostik unterzogen hatten. Alle wurden vorab mündlich und schriftlich aufgeklärt, dass es sich um Pilotmessungen zur Überprüfung der Machbarkeit handelt, nicht um eine klinische Studie mit Ethikvotum. Ansonsten wurden sie analog zu wissenschaftlichen OPM-MEG-Untersuchungen mit Ethikvotum aufgeklärt. Alle 3 willigten freiwillig und widerruflich, mündlich und schriftlich ein, an den Untersuchungen teilzunehmen und die von ihnen erhobenen Daten (MEG, EEG, Magnetresonanztomographie [MRT], klinische Variablen) untersuchen und de-identifiziert veröffentlichen zu lassen. Sie erhielten eine Aufwandsentschädigung von 12 € pro Stunde inklusive An- und Abreise. Die Tab. 1 gibt einen Überblick zu den 3 untersuchten Testpersonen.
Tab. 1
Demografische und klinische Angaben zu den 3 Testpersonen
 
#1
#2
#3
Aktuelles Alter
35 bis 40 Jahre
20 bis 25 Jahre
20 bis 25 Jahre
Alter bei 1. Anfall
Vorschulalter
Vorschulalter
Vorschulalter
Epilepsiesyndrom
Fokale strukturelle Epilepsie
Fokale Epilepsie ungeklärter Ätiologie
Unklassifizierte Epilepsie, V. a. fokale Epilepsie ungeklärter Ätiologie
Strukturelles MRT
V. a. fokale kortikale Dysplasie links frontal
Unspezifische Strukturveränderung links temporomesial
Unauffällig
18FDG-PET-CT
(Nicht erfolgt)
Hypometabolismus links temporal und links frontal
Hypometabolismus links frontal, temporal und parietal
Interiktales Oberflächen-EEG
Intermittierende Verlangsamung und Spikes links frontal
Kontinuierliche, teils rhythmische Verlangsamung links temporal, intermittierende Verlangsamung rechts temporal, Sharp Waves links mehr als rechts temporal
Intermittierende Verlangsamung links frontotemporal, 3/s-Spike-Wave-Komplexe mit links frontalem Maximum, Spikes und Polyspikes links frontal
Iktales Oberflächen-EEG
Anfallsmuster links frontal oder nicht lateralisiert frontal
Anfallsmuster meist links temporal, einmalig rechts temporal
3/s-Spike-Wave-Komplexe mit links frontalem Maximum
Intrakranielles EEG
(Nicht erfolgt)
(Nicht erfolgt)
Stereo-EEG beidseits frontal: interiktal und iktal bilateral-synchrone epilepsietypische Aktivität mit Amplitude links deutlich höher als rechts, zudem Hochfrequenzoszillationen links
18FDG-PET-CT 18Fluordesoxyglucose-Positronenemissionstomogramm, EEG Elektroenzephalogramm, MRT Magnetresonanztomogramm, V.a. Verdacht auf
Wir verwendeten ein HEDscan-System (FieldLine Medical, Louisville, Colorado, USA) mit 120 OPMs, die das Magnetfeld jeweils in radialer Richtung und einer tangentialen Richtung messen (240 Kanäle; Abb. 1; [1]). Die Messungen fanden im „Berliner magnetisch geschirmten Raum 2“ der PTB statt, welcher durch seine 8 Lagen µ‑Metall einen hohen Schirmfaktor bietet [6]. Die Kammer lässt sich im Notfall und auch bei Stromausfall von innen öffnen; jederzeit besteht Mikrofonkontakt zum Kontrollraum.
Vor der Messung im OPM-MEG führten wir mit den Testpersonen eine Sicherheitseinweisung durch. Zur Koregistrierung mit dem individuellen MRT brachten wir 4 Kopfpositionsspulen an anatomischen Orientierungspunkten an. Die im HEDscan-Helmsystem verschieblich angebrachten OPMs schoben wir bis zur Kopfoberfläche vor und passten ihre Anordnung so an die individuelle Kopfform an. Die Position der OPMs wurde mit einem zweiten, integrierten Spulensystem automatisch bestimmt. Die Vorbereitung jeder Testperson dauerte ca. 45 min. Die Messung dauerte weitere 45 min mit Wachheit bei geschlossenen Augen, wiederholtem Augenöffnen, Hyperventilation und kognitiver Aktivierung; gegen Ende der Messung durften die Testpersonen einschlafen. Zu jeder Zeit war eine Begleitperson in der MEG-Kammer.
Für die MEG- und EEG-Quellenlokalisation (MQL und EQL) wurde eine 3D-T1-Sequenz aus der prächirurgischen Routinediagnostik herangezogen (Magnetom Prisma, Siemens Healthineers, Forchheim, Deutschland; 0,9 × 0,9 × 1 mm). Zum Vergleich mit dem OPM-MEG nutzten wir drei 20-minütige EEG-Epochen (Wachheit, Augen auf/zu, Hyperventilation, kognitive Aktivierung, Schlaf) aus dem prächirurgischen Video-EEG-Monitoring am EZBB. Das EEG wurde mit 40 bis 50 Oberflächenelektroden aufgezeichnet, davon 25 nach Empfehlung der International Federation of Clinical Neurophysiology (IFCN) [17], weiteren 15 nach EZBB-internem Standard und bis zu 10 zusätzlichen Elektroden je nach Fokushypothese.
Für MQL und EQL nutzten wir BESA Research 7.1 und BESA MRI 3.0 (BESA GmbH, Gräfeling, Deutschland). Als Vorwärtsmodell diente ein Finite-Elemente-Modell (FEM), basierend auf dem individuellen T1-MRT; als Rückwärtsmodelle dienten sowohl ein Einzeldipol („equivalent current dipole“) als auch die „Classical LORETA Analysis Recursively Applied“ (CLARA) [10]. Für die EEG-Elektroden wurden Standardpositionen angenommen. Wir markierten die pro untersuchter Person am häufigsten auftretenden epilepsietypischen MEG- und EEG-Muster (Spikes) jeweils gleichartiger Konfiguration visuell und mittelten sie (Averaging). MQL und EQL führten wir jeweils zum Beginn (Onset) des negativen Spike-Anstiegs durch.

Ergebnisse

Alle Testpersonen durchliefen die Messungen ohne unerwünschte Ereignisse, außer dass Person #2 während des OPM-MEG tief einschlief und schwer zu erwecken war. Die Koregistrierung der Kopfpositionsspulen gelang nicht: Ihre Lokalisation war offensichtlich nicht mit den anatomischen Orientierungspunkten im MRT konform. Stattdessen passten wir die Anordnung der OPMs durch einen iterativen Algorithmus an die Kopfoberfläche an [15].
Testperson #1 hat eine strukturelle Frontallappenepilepsie links. Im OPM-MEG wurden 90 interiktale Spikes aufgezeichnet. Die MQL mittels Dipol- und CLARA-Analysen lokalisierte die irritative Zone jeweils links frontoinsulär, posterior der MR-bildgebenden Dysplasie. Im Vergleich hierzu lokalisierte die EQL (24 EEG-Spikes) etwas weiter anterior (Abb. 2).
Abb. 2
Ergebnisse Testperson #1. a Butterfly-Plot aller OPM-Kanäle des aus 90 Einzelspikes gemittelten OPM-MEG-Spikes; b Magnetfeld zum MEG-Spike-Onset; c MQL-Ergebnisse mit BESA. d Butterfly-Plot aller EEG-Kanäle des aus 24 Einzelspikes gemittelten EEG-Spikes; e Potenzialfeldkarte zum EEG-Spike-Onset; f EQL-Ergebnisse mit BESA. c, f Dipol samt Orientierung in Rot; Maximum im Fadenkreuz; CLARA-Aktivierung als Heat-Map. CLARA Classical LORETA Analysis Recursively Applied, EEG Elektroenzephalogramm, EQL EEG-Quellenlokalisation, MEG Magnetenzephalogramm, MQL MEG-Quellenlokalisation, OPM optisch gepumpte Magnetometer
Bild vergrößern
Testperson #2 hat eine fokale Epilepsie ungeklärter Ätiologie, mutmaßlich eine linksseitige Temporallappenepilepsie. Während des OPM-MEG wurden 7 Spikes aufgezeichnet, deren Average ein niedriges Signal-Rausch-Verhältnis aufwies. Die MQL mit Dipol- und CLARA-Analyse lokalisierte in den linken mesialen Temporalpol. Zum Vergleich lokalisierte die EQL von 130 links temporalen ETP-Spikes mittels Dipolanalyse links in den anterioren basalen Temporallappen und mittels CLARA-Analyse in die linke Insel (Abb. 3).
Abb. 3
Ergebnisse Testperson #2. a Butterfly-Plot aller OPM-Kanäle des aus 7 Einzelspikes gemittelten OPM-MEG-Spikes; b Magnetfeld zum MEG-Spike-Onset; c MQL-Ergebnisse mit BESA. d Butterfly-Plot aller EEG-Kanäle des aus 130 Einzelspikes gemittelten EEG-Spikes; e Potenzialfeldkarte zum EEG-Spike-Onset; f EQL-Ergebnisse mit BESA. c, f Dipol samt Orientierung in Rot; Maximum im Fadenkreuz; CLARA-Aktivierung als Heat-Map. CLARA Classical LORETA Analysis Recursively Applied, EEG Elektroenzephalogramm, EQL EEG-Quellenlokalisation, MEG Magnetenzephalogramm, MQL MEG-Quellenlokalisation, OPM optisch gepumpte Magnetometer
Bild vergrößern
Testperson #3 hat eine unklassifizierte Epilepsie (Frontallappenepilepsie links ungeklärter Ätiologie, differenzialdiagnostisch Absence-Epilepsie). Hier wurden Serien von 15 (OPM-MEG) bzw. 14 (EEG) subklinischen 3/s-Spike-Wave-Komplexen gemittelt. Die MQL zu Spike-Onset lokalisierte sowohl mittels Dipol- als auch mittels CLARA-Analyse in den linken mesialen Frontallappen (Abb. 1c); die EQL lokalisierte laut Dipolanalyse median in die Frontobasis, laut CLARA-Analyse in den linken mesialen Temporallappen (Abb. 4).
Abb. 4
Ergebnisse Testperson #3. a Butterfly-Plot aller OPM-Kanäle des aus einer Serie von 15 Spike-Wave-Komplexen gemittelten OPM-MEG-Spikes; b Magnetfeld zum MEG-Spike-Onset; c MQL-Ergebnisse mit BESA. d Butterfly-Plot aller EEG-Kanäle des aus einer Serie von 14 Spike-Wave-Komplexen gemittelten EEG-Spikes; e Potenzialfeldkarte zum EEG-Spike-Onset; f EQL-Ergebnisse mit BESA. c, f Dipol samt Orientierung in Rot; Maximum im Fadenkreuz; CLARA-Aktivierung als Heat-Map. CLARA Classical LORETA Analysis Recursively Applied, EEG Elektroenzephalogramm, EQL EEG-Quellenlokalisation, MEG Magnetenzephalogramm, MQL MEG-Quellenlokalisation, OPM optisch gepumpte Magnetometer
Bild vergrößern

Diskussion

Die Ergebnisse zeigen, dass OPM-MEG bei Erwachsenen mit Epilepsie machbar ist und dass die Quellenlokalisation epilepsietypischer MEG-Muster plausible Ergebnisse liefert. Die Testmessungen lieferten zudem wertvolle Hinweise darauf, wie sich der technische Ablauf optimieren und beschleunigen lässt. Durch die in den Helm integrierte Positionsbestimmung der OPMs konnte die fehlgeschlagene Koregistrierung mittels Kopfpositionsspulen kompensiert werden.
Die Ergebnisse der Koregistrierung von OPMs und MRT belegen, dass die Sensoren aufgrund ihrer verschieblichen Anordnung im Helm tatsächlich nah an der Kopfoberfläche liegen (Abb. 2b, 3b und 4b), anders als es bei kryogenem MEG mit fixierten Sensoren möglich wäre.
Die Ergebnisse der MEG-Quellenlokalisation sind bei allen 3 Testpersonen auf Ebene von Hirnhälfte und -lappen konsistent mit den Resultaten der weiteren lokalisierenden Diagnostik (s. Tab. 1) und folglich plausibel. In keinem der 3 Fälle fand bislang eine Epilepsiechirurgie statt, sodass wir die Fokushypothesen und auch die Resultate der MQL bisher nicht anhand des konkreten chirurgischen Resektions- oder Ablationsgebiets und der postoperativen Anfallssituation validieren konnten. Zur Validierung sollte idealerweise für jedes MQL-Ergebnis, ob mittels Dipol‑, CLARA- oder anderer Analyse, separat die räumliche Übereinstimmung mit dem operierten Areal quantifiziert werden. Bei Übereinstimmung und postoperativer Anfallsfreiheit kann eine korrekte Lokalisation angenommen werden [4, 20, 21].
Die diagnostische Genauigkeit der MEG- und EEG-Quellenlokalisation hängt u. a. von der Anzahl der zugrunde gelegten epilepsietypischen Muster, der Anzahl der Sensoren und ihrer korrekten Lokalisation sowie den verwendeten Vorwärts- und Rückwärtsmodellen ab [4, 11, 20, 21]. Die Anzahl der in unseren OPM-Pilotmessungen aufgezeichneten epilepsietypischen Muster unterschied sich deutlich: Während das MEG von Person #1 90 Spikes aufwies, wurden von Person #2 lediglich 7 Spikes aufgezeichnet, was zu einem ungünstigen Signal-Rausch-Verhältnis führte (Abb. 3a). Diese geringe Anzahl liegt möglicherweise an einem laut EEG stark radial orientierten elektrischen Dipol (Abb. 3e, f), was dessen Registrierung im MEG erschwert. Die untersuchte epileptische Aktivität von Person #3 war (pseudo)generalisiert, wohingegen die Modellierung von Einzeldipolen umschriebene fokale Aktivität zugrunde legt. Die Koregistrierung der OPMs mittels Kopfpositionsspulen misslang, sodass wir stattdessen eine automatische Anpassung der OPM-Anordnung an die Kopfoberfläche vornahmen. Die EEG-Elektroden projizierten wir lediglich anhand von Standardpositionen ins Kopfmodell. Diese Umstände limitieren die Aussagekraft der MQL- und EQL-Ergebnisse, welche aber nicht im Fokus der Untersuchung stand.
Die hier vorgestellten Messungen hatten zum Ziel, die Machbarkeit von OPM-MEG bei Erwachsenen mit fokaler Epilepsie zu demonstrieren. Dieses Ziel wurde erreicht: Bei allen 3 Testpersonen gelang innerhalb von 45 min Messzeit (bei zusätzlichen 45 min Vorbereitungszeit) die komplikationsfreie Aufzeichnung epilepsietypischer MEG-Aktivität. Deren Rekonstruktion mittels MEG-Quellenlokalisation lieferte plausible lokalisatorische Hinweise auf die individuelle epileptogene Zone. Technische Herausforderungen mit den Kopfpositionsspulen werden wir bei künftigen Messungen adressieren. Als nächsten Schritt planen wir eine drittmittelgeförderte klinisch-technische Studie zur diagnostischen Aussagekraft der OPM-MEG bei pharmakoresistenter fokaler Epilepsie, idealerweise mit simultaner MEG-EEG-Aufzeichnung und im Vergleich zur konventionellen, kryogenen MEG.

Fazit für die Praxis

Die OPM-MEG ist bei Erwachsenen mit pharmakoresistenter Epilepsie komplikationsfrei durchführbar und liefert plausible Ergebnisse. Die diagnostische Genauigkeit insbesondere im Vergleich zur SQUID-MEG muss noch untersucht werden.

Förderung

Keine.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Rampp ist als Tutor für BESA GmbH, Gräfeling, tätig und erhält ein Beraterhonorar von Precisis GmbH, Heidelberg. M. Holtkamp hat in den vergangenen 3 Jahren Honorare für Vorträge von Angelini, Bial, Danone, Desitin, Eisai, Jazz Pharma, Neuraxpharm und UCB erhalten. P. Anders, C. Stier, T. Sander, P. Krüger, M. Brickwedde und B. Vorderwülbecke geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Alle beschriebenen Untersuchungen am Menschen wurden im Einklang mit nationalem Recht sowie gemäß der Deklaration von Helsinki von 1975 (in der aktuellen, überarbeiteten Fassung) durchgeführt. Da es sich um Pilotmessungen zur Überprüfung der Machbarkeit und nicht um eine klinische Studie handelte, wurde kein Ethikvotum eingeholt. Hierüber wurden alle Testpersonen ausführlich mündlich und schriftlich aufgeklärt; von allen liegt eine Einverständniserklärung vor.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Download
Titel
Magnetenzephalographie mit 120 optisch gepumpten Magnetometern (OPM-MEG) bei Epilepsie: Pilotmessungen zur Überprüfung der Machbarkeit
Verfasst von
Paul Anders
Stefan Rampp
Christina Stier
Tilmann Sander
Peter Krüger
Martin Holtkamp
Marion Brickwedde
PD Dr. med. Bernd Vorderwülbecke
Publikationsdatum
04.03.2026
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Clinical Epileptology
Print ISSN: 2948-104X
Elektronische ISSN: 2948-1058
DOI
https://doi.org/10.1007/s10309-026-00833-0
1.
Zurück zum Zitat Alem O, Hughes KJ, Buard I et al (2023) An integrated full-head OPM-MEG system based on 128 zero-field sensors. Front Neurosci 17:1190310CrossRefPubMedPubMedCentral
2.
Zurück zum Zitat Bagic AI, Bowyer SM, Burgess RC et al (2023) Role of optically pumped magnetometers in presurgical epilepsy evaluation: Commentary of the American Clinical Magnetoencephalography Society. Epilepsia 64(12):3155–3159CrossRefPubMed
3.
Zurück zum Zitat Brickwedde M, Anders P, Kühn AA et al (2024) Applications of OPM-MEG for translational neuroscience: a perspective. Transl Psychiatry 14(1):341CrossRefPubMedPubMedCentral
4.
Zurück zum Zitat Carboni M, Brunet D, Seeber M et al (2021) Linear distributed inverse solutions for interictal EEG source localisation. Clin Neurophysiol 133:58–67CrossRefPubMed
5.
Zurück zum Zitat Duez L, Tankisi H, Hansen PO et al (2019) Electromagnetic source imaging in presurgical workup of patients with epilepsy: A prospective study. Neurology 92(6):e576–e586CrossRefPubMedPubMedCentral
6.
Zurück zum Zitat Elzenheimer E, Knappe-Grünberg S, Zerfowski J et al (2025) Key Metrics and Experimental Test Bench for Assessing Highly Sensitive Magnetometers in Research. IEEE Sensors J 25(2):2432–2455CrossRef
7.
Zurück zum Zitat Feys O, Wens V, Depondt C et al. (2025) On-scalp magnetoencephalography based on optically pumped magnetometers to investigate temporal lobe epilepsy. Epilepsia.
8.
Zurück zum Zitat Goldenholz DM, Ahlfors SP, Hamalainen MS et al (2009) Mapping the signal-to-noise-ratios of cortical sources in magnetoencephalography and electroencephalography. Hum Brain Mapp 30(4):1077–1086CrossRefPubMedPubMedCentral
9.
Zurück zum Zitat Hillebrand A, Holmes N, Sijsma N et al (2023) Non-invasive measurements of ictal and interictal epileptiform activity using optically pumped magnetometers. Sci Rep 13(1):4623CrossRefPubMedPubMedCentral
10.
Zurück zum Zitat Iordanov T, Hoechstetter K, Berg P et al. Clara: classical loreta analysis recursively applied. In: 20th Annual Meeting of the Organization for Human Brain Mapping (OHBM), Hamburg, 2014.
11.
Zurück zum Zitat Mahjoory K, Nikulin VV, Botrel L et al (2017) Consistency of EEG source localization and connectivity estimates. Neuroimage 152:590–601CrossRefPubMed
12.
Zurück zum Zitat Miron G, Baag T, Götz K et al (2023) Integration of interictal EEG source localization in presurgical epilepsy evaluation - A single-center prospective study. Epilepsia Open 8(3):877–887CrossRefPubMedPubMedCentral
13.
Zurück zum Zitat Rampp S, Stefan H, Wu X et al (2019) Magnetoencephalography for epileptic focus localization in a series of 1000 cases. Brain 142(10):3059–3071CrossRefPubMed
14.
Zurück zum Zitat Ren J, Ding M, Peng Y et al (2025) A comparative study on the detection and localization of interictal epileptiform discharges in magnetoencephalography using optically pumped magnetometers versus superconducting quantum interference devices. Neuroimage 312:121232CrossRefPubMed
15.
Zurück zum Zitat Rusinkiewicz S, Levoy M (2001) Efficient variants of the ICP algorithm. Third International Conference on 3‑D Digital Imaging and Modeling, Quebec City, QC, Canada. https://doi.org/10.1109/IM.2001.924423CrossRef
16.
Zurück zum Zitat Schofield H, Hill RM, Feys O et al (2024) A novel, robust, and portable platform for magnetoencephalography using optically-pumped magnetometers. Imaging Neurosci (Camb) 2:1–22PubMedPubMedCentral
17.
Zurück zum Zitat Seeck M, Koessler L, Bast T et al (2017) The standardized EEG electrode array of the IFCN. Clin Neurophysiol 128(10):2070–2077CrossRefPubMed
18.
Zurück zum Zitat H S, E T (2017) Magnetoencephalography (MEG): Past, current and future perspectives for improved differentiation and treatment of epilepsies. Seizure 44:121–124CrossRef
19.
Zurück zum Zitat van den Broek SP, Reinders F, Donderwinkel M, Peters MJ (1998) Volume conduction effects in EEG and MEG. Electroencephalogr Clin Neurophysiol 106(6):522–534CrossRefPubMed
20.
Zurück zum Zitat Vorderwülbecke BJ, Baroumand AG, Spinelli L et al (2021) Automated interictal source localisation based on high-density EEG. Seizure 92:244–251CrossRefPubMed
21.
Zurück zum Zitat Vorderwülbecke BJ, Carboni M, Tourbier S et al (2020) High-density Electric Source Imaging of interictal epileptic discharges: How many electrodes and which time point? Clin Neurophysiol 131(12):2795–2803CrossRefPubMed
22.
Zurück zum Zitat Zijlmans M, Zweiphenning W, van Klink N (2019) Changing concepts in presurgical assessment for epilepsy surgery. Nat Rev Neurol 15(10):594–606CrossRefPubMed

Kompaktes Leitlinien-Wissen Neurologie (Link öffnet in neuem Fenster)

Mit medbee Pocketcards schnell und sicher entscheiden.
Leitlinien-Wissen kostenlos und immer griffbereit auf ihrem Desktop, Handy oder Tablet.

Neu im Fachgebiet Neurologie

Hochwirksame MS-Therapie ab 52 Jahren ohne klaren Vorteil

Ein Therapiebeginn mit einer hochwirksamen MS-Arznei verspricht besonders guten Schutz vor neuen Schüben und der Krankheitsprogression. Mit knapp über 50 Jahren zeigten sich in einer Registeranalyse aber keine Vorteile mehr gegenüber einer moderat wirksamen Behandlung.

Auch bei Schallleitungsschwerhörigkeit steigt das Risiko für Demenz

Das Risiko einer Demenz scheint bei Schwerhörigkeit zu steigen, unabhängig davon, wo der Schaden liegt. Darauf deuten die Ergebnisse einer Studie zur Schalleitungsschwerhörigkeit hin.

KI-Chatbots bieten 24/7-Sprechstunde für Patienten

Medizinischen Rat von Chatbots auf der Basis sogenannter künstlicher Intelligenz haben laut Umfragen bereits knapp die Hälfte aller Erwachsenen schon einmal eingeholt. Welche Chancen und Risiken birgt das?

Schützt Optimismus vor Demenz?

  • 14.04.2026
  • Demenz
  • Nachrichten

Wer insgesamt zuversichtlicher aufs Leben blickt, trägt ein geringeres Risiko, später einmal an Demenz zu erkranken als pessimistischere Zeitgenossen. Dafür sprechen zumindest Ergebnisse einer Längsschnittdatenanalyse aus den USA. Ob mehr Optimismus allerdings tatsächlich einer Demenz vorbeugt, bleibt unklar.   

Update Neurologie

Bestellen Sie unseren Fach-Newsletter und bleiben Sie gut informiert.

Bildnachweise
Die Leitlinien für Ärztinnen und Ärzte, Ältere Frau mit Multipler Sklerose, die mit verschiedenen Hilfsmitteln, darunter auch technische Geräte, alltägliche Wartungsarbeiten verrichtet./© eyecrave / Getty Images / iStock (Symbolbild mit Fotomodell), Vater recherchiert am Smartphone/© Elnur / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell), Alter Mann entspannt sich im Grünen/© koldunova_anna / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)