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01.09.2009 | Originalarbeit | Ausgabe 3/2009

Forum der Psychoanalyse 3/2009

Medikamentierte Wut

Wie Jungen mit einer AD(H)S um Selbstkontrolle ringen

Zeitschrift:
Forum der Psychoanalyse > Ausgabe 3/2009
Autor:
Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl

Zusammenfassung

In der Perspektive einer psychoanalytischen Sozialpsychologie lässt sich die Genese der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS), die zu den häufigsten psychosozialen Störungen des Kindes- und Jugendalters bei Jungen gehört, nicht einfach neurowissenschaftlich erklären. Dies ist ein Reduktionismus, der ausblendet, dass sich ein neuronales Defizit an Selbstkontrolle gar nicht bestimmen lässt, ohne Selbstkontrolle als ein historisch-kulturell-gesellschaftlich bestimmtes Anforderungsprofil der Affektregulation zu konzeptualisieren. Damit wird eine sozialcharakterologische Analyse der Störung notwendig. Jede Gemeinschaft und Gesellschaft mutet ihrem Nachwuchs per Sozialisation und Erziehung zu, Fremdkontrolle in Selbstkontrolle zu transformieren, sodass gewollt wird, was gesollt wird. Dieser Prozess ist konfliktreich und läuft auf eine Anpassung hinaus, in der die Konflikte mehr oder weniger stillgestellt sind. Moderne Gesellschaften propagieren eine Selbstkontrolle, die zu einer Spontaneität integrierenden Selbstfürsorge ermäßigt ist. Deren Erwerb verlangt Kindern und Jugendlichen die Bewältigung von Widersprüchen ab: In einer auf Zerstreuung angelegten Konsumkultur sollen sie sich konzentrieren, in einer Kultur, die dem Erfolg huldigt, sollen ihnen Enttäuschungen nichts ausmachen. Vor allem Jungen haben damit aber Probleme. Sie erwerben nur schwer die emotionale Kompetenz, aggressive Erregungen, die sie infolge von Enttäuschungen erleben, gleichermaßen zweckdienlich wie sozial verträglich zu regulieren. Fehlt ihnen diese Kompetenz, dann erleben sie eine blinde Wut, der sie sich wie einer Naturgewalt gegenüber ausgeliefert fühlen. Von den 60 Jungen, die in dem hier vorgestellten Forschungsprojekt über ihre ADHS-Medikation befragt worden sind, erleben sich die meisten so. Begnügt sich die Behandlung – entgegen den Empfehlungen aller Konsensuskonferenzen, aber nichtsdestotrotz sehr viel häufiger als bislang bekannt – auf die Verabreichung von Medikamenten, dann wird zwar die aggressive Erregung gedämpft, ohne dass die Betroffenen Einsicht in die zivilisierende Funktion des Aggressionsverzichts erhalten. Ohne aber den Sinn des eigenen Handelns zu verstehen, bleiben sie sich selbst dauerhaft fremd.

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