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Erschienen in: Ethik in der Medizin 2/2011

01.06.2011 | Originalarbeit

Mehr Nutzen als Schaden?

Nutzen- und Schadenpotenziale von Forschungsprojekten einer Medizinischen Fakultät – eine empirische Analyse

verfasst von: Dr. Angelika Hüppe, Prof. Dr. Dr. Heiner Raspe

Erschienen in: Ethik in der Medizin | Ausgabe 2/2011

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Zusammenfassung

Forschung an und mit Menschen muss sich legitimieren, d. h. sie muss ihre wissenschaftliche Qualität, Rechtmäßigkeit und ethische Vertretbarkeit aufzeigen. Zu den Rechtfertigungsbedingungen zählt ein „günstiges“ Verhältnis von Nutzen- und Schadenpotenzialen des Forschungsvorhabens. Unabhängige Ethikkommissionen sind den Forschenden zur Seite gestellt, um sie bei der Prüfung und Sicherstellung der genannten Erfordernisse zu unterstützen. Eine zum Gebrauch durch Ethikkommissionen und Forschende entwickelte Nutzen- und Schadentaxonomie sowie ein Schema zur Systematisierung von Chancen-Risiken-Bewertungen wurde nachträglich auf alle Ethikanträge des Jahres 2006 an die Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Universität zu Lübeck angewandt. Unter den 206 analysierten Studienvorhaben lassen 46 % die Chance eines direkten Eigennutzens für die Studienteilnehmer erkennen. Als gruppennützig wurden 12 % der Studienprojekte eingestuft. Sie lassen unmittelbar nach Studienabschluss oder nach wenigen weiteren Studien ein Nutzenpotenzial für Personen mit den gleichen demographischen und klinischen Merkmalen wie die Studienteilnehmer erwarten. 42 % der Ethikanträge bezogen sich auf fremdnützige Studienvorhaben mit Nutzenchancen für die Heilkunde und/oder medizinische Wissenschaft. Das Risiko eines mehr als geringfügigen Eigenschadens wurde bei 53 % der Studien identifiziert. Die Analyse der jeweiligen Nutzenchancen und Schadenrisiken führte bei insgesamt 33 der 206 Studien (16 %) zu einem negativen Ergebnis: Im Urteil der nachträglich durchgeführten Bewertung übertreffen die Nutzenchancen nicht die Schadenrisiken. Studien mit einem mehr als geringfügigen Eigenschadenpotenzial sowie nicht-eigennützige Studien weisen besonders häufig eine negative Gesamtbilanz auf. Eine Prozeduralisierung der Analyse von Chancen und Risiken kann die Transparenz vorgenommener Analyse- und Vergleichsprozesse steigern. Die Kommunikation zwischen Forschenden und Ethikkommissionen sowie unter Ethikkommissionsmitgliedern bei strittigen Studienvorhaben wird erleichtert, die Standardisierung und Harmonisierung der Beratungsabläufe der Ethikkommissionen unterstützt.
Fußnoten
1
Wir sprechen von Nutzenchancen und Schadenrisiken, um zu verdeutlichen, dass es sich um die Analyse und Abschätzung probabilistischer Größen handelt.
 
2
Eine Übersetzung der in internationalen Schriften gebräuchlichen Wendungen „risk/benefit assessment“ und „risk/benefit analysis“ mit dem Begriff der „Abwägung“ von Chancen und Risiken wird im folgenden Text vermieden, um keine Kommensurabilität der extrem heterogenen Nutzen- und Schadenspotentiale zu suggerieren.
 
3
Den Kommissionsmitgliedern wurde das eigene Studienvorhaben im Rahmen einer Sitzung (19.07.2007) vorgestellt und die Einwilligung zur Durchführung eingeholt.
 
4
Erfolgt die Zuweisung zu Interventions- und Kontrollgruppe in randomisierter Weise, lässt sich vertreten, dass vor Randomisierung eine Nutzenchance für alle Studienteilnehmer besteht.
 
5
Die Risikostufe 1 umfasst potenziellen Eigenschaden, der nach AMG § 41 Abs. 2, Ziff. 2 d [6] als minimales Risiko bzw. minimale Belastung bezeichnet wird.
 
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Metadaten
Titel
Mehr Nutzen als Schaden?
Nutzen- und Schadenpotenziale von Forschungsprojekten einer Medizinischen Fakultät – eine empirische Analyse
verfasst von
Dr. Angelika Hüppe
Prof. Dr. Dr. Heiner Raspe
Publikationsdatum
01.06.2011
Verlag
Springer-Verlag
Erschienen in
Ethik in der Medizin / Ausgabe 2/2011
Print ISSN: 0935-7335
Elektronische ISSN: 1437-1618
DOI
https://doi.org/10.1007/s00481-010-0084-x

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