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Mikropartikel im Fokus: Was auf der Haut landet, bleibt nicht außen vor

  • 01.10.2025
  • Online-Artikel

Ob Wundauflagen, Salbengefäße, Applikatoren oder Formulierungshilfen – Kunststoffe sind integraler Bestandteil vieler dermatologischer Produkte. Eine Übersichtsarbeit von Tan, Saha und Niebel (J Eur Acad Dermatol Venereol, 2025) liefert erstmals eine systematische Bewertung des Einsatzes von Kunststoffen in der Dermatologie und beleuchtet nicht nur deren funktionellen Nutzen, sondern auch mögliche Risiken für Umwelt und Hautgesundheit.

Die Studienlage zeigt: Mikroplastik – insbesondere in Form von Partikeln unter 5 mm – gelangt zunehmend direkt auf die Hautoberfläche. Problematisch wird dies vor allem bei Patient:innen mit chronisch-entzündlichen Dermatosen, bei denen die Hautbarriere bereits kompromittiert ist. In vitro- und Tiermodelle weisen auf proinflammatorische Effekte und potenzielle Penetration durch gestörte Hautbarrieren hin.

Zwischen Nutzen und Nebenwirkung: Ein Beispiel aus der Praxis

Eine 42-jährige Patientin mit bekannter atopischer Dermatitis wurde über Monate mit einem rückfettenden Pflegeprodukt behandelt, das Polyethylenpartikel als Texturgeber enthielt. Zunehmende Pruritus-Beschwerden und nässende Ekzeme veranlassten schließlich den Wechsel zu einer mikroplastikfreien Alternative. Binnen weniger Wochen zeigte sich eine signifikante klinische Besserung. Dieser Fall verdeutlicht: Der Nutzen von Kunststoffen muss individuell gegen potenzielle Reizeffekte abgewogen werden.

Nachhaltigkeit als klinische Verantwortung

Solche individuellen Beobachtungen werfen grundsätzliche Fragen auf: Welche Rolle spielt die Materialwahl in der dermatologischen Versorgung – nicht nur im Hinblick auf die Hautgesundheit, sondern auch auf ihre ökologische Bilanz? Dr. Susanne Saha, Vorsitzende der AG Nachhaltigkeit in der Dermatologie e. V. (AGN), fordert in ihrem Positionspapier (Selbstverständnis der AGN, 2024) ein Umdenken: Die Haut sei Spiegel wie Schutzschild – und damit unmittelbar vom ökologischen Wandel betroffen.

In einem Beitrag zur Ressourcenoptimierung (Die Dermatologie, 09/2024) plädiert sie für eine systematische Einbindung nachhaltiger Konzepte in die dermatologische Versorgung: Von der Reduktion nicht-recyclingfähiger Materialien über den bewussten Verzicht auf Kunststoffe in Praxis und Klinik bis hin zur ärztlichen Verantwortung in der Aufklärung von Patient:innen über die ökologische Wirkung von Produkten.

Weiteres von Frau Dr. Saha – Klimakosten im Kleinformat: Dermatologische Produktproben unter Nachhaltigkeitsdruck

Sie sind klein und dennoch mit enormen ökologischen Folgen verbunden: Produktproben dermatologischer Präparate. In einem medizinischen Umfeld, das zunehmend Nachhaltigkeit fordert, rücken diese scheinbar harmlosen Samplings ins Zentrum der Kritik. Erfahren Sie hier mehr zu den klaren Ergebnissen einer aktuellen Studie über die CO₂- und Wasserbilanz dieser Marketinginstrumente.

Neue Handlungsperspektiven: Substitution, Aufklärung, Forschung

Tan, Saha und Niebel zeigen in ihrer Übersichtsarbeit mögliche Alternativen zu petrochemischen Kunststoffen auf. Polylactide (PLA), mikronisierte Cellulose oder biobasierte Wachse werden dabei als vielversprechende Ersatzstoffe für konventionelle Partikel in Peelings und Cremes diskutiert. Erste Studien deuten auf eine vergleichbare Funktionalität hin – bei potenziell deutlich besserer ökologischer Verträglichkeit.

Darüber hinaus betonen die Autor:innen die Notwendigkeit, Umweltkompetenz in die dermatologische Ausbildung zu integrieren – sei es in der ärztlichen Weiterbildung oder durch die Etablierung nachhaltiger Praxisstandards. Patient:innen verlangen zunehmend nach umweltfreundlichen, medizinisch fundierten Empfehlungen.

Klimawandel und Dermatologie – ein wachsendes Schnittfeld

Ein Beitrag von Dr. Eva R. Parker auf dem AAD Annual Meeting 2025 unterstreicht: Hautkrankheiten wie UV-induzierte Tumoren, atopische Ekzeme oder pollution-triggered Dermatosen nehmen in Frequenz und Schwere zu – getrieben durch Klimawandel, Umweltgifte und Urbanisierung. Die Dermatologie wird so zum zentralen Fach an der Schnittstelle von Umwelt und Gesundheit.

Der Beitrag von Brooke McCormick (AJMC, 2025) ergänzt diesen Diskurs: Klimawandel, Schadstoffe und Hautkrankheiten sind zunehmend verflochten. Dermatolog:innen sollten sich als verbindendes Glied zwischen Umweltmedizin und Patientenversorgung verstehen.

Fazit: Die dermatologische Praxis im Wandel

Ein ganzheitlicher, interdisziplinärer Ansatz wird notwendig: Von der Materialwahl über die Ausbildung bis zur Praxisgestaltung. Forschung, Klinik und Industrie sind gemeinsam gefordert, nachhaltige und verantwortungsvolle Lösungen zu entwickeln.

Literatur:

Tan, E. et al. (2025): Plastics in dermatology: A review and solutions. Journal of The European Academy of Dermatology and Venereology, DOI: 10.1111/jdv.20537.

Arbeitsgemeinschaft Nachhaltigkeit in der Dermatologie (AGN), Positionspapier, Fassung vom April 2025.

Niebel, D. et al. (2024): Ressourcenoptimierung in der Dermatologie – „to be continued“. Die Dermatologie, DOI: 10.1007/s00105-024-05398-5.

McCormick, B. (2025): Climate Change, Pollution’s Growing Impact on Dermatology. American Journal of Managed Care (AJMC).

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Bildnachweise
Mikroplastik in einer Petrischale/© Svetlozar Hristov