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Nudging für Präventionsmaßnahmen in der Neurologie?

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Auszug

Das aus der Verhaltensökonomie stammende Konzept des Nudgings könnte gezielt als Instrument zur Realisierung präventiver Maßnahmen in der Neurologie genutzt werden, stellt aber eine ethische Herausforderung dar. Nudges, also kleine Anstöße oder Hinweise, sollen Menschen dabei helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, ohne sie in ihrer Freiheit einzuschränken. Ihr Einsatz in Politik, Wirtschaft und im Gesundheitswesen knüpft an ein zentrales Prinzip der Verhaltensökonomie an, wonach menschliches Verhalten durch verschiedene Verzerrungen bei der Entscheidungsfindung, durch Emotionen und durch Einflüsse aus dem sozialen Umfeld bestimmt wird [1, 2]. Nudges (sog. Anstupser) machen sich diese Entscheidungsverzerrungen zunutze und berücksichtigen, wie Menschen von ihrem Umfeld beeinflusst werden. Die Verhaltensökonomie geht davon aus, dass unser Denken und Entscheiden oft von Gefühlen, sozialen Einflüssen und typischen Denkfehlern (sog. Bias) geprägt ist. Nudging nutzt dieses Verständnis, um Entscheidungsumgebungen so zu gestalten, dass gesundheitsförderliches oder gesellschaftlich erwünschtes Verhalten wahrscheinlicher wird – ohne Druck oder Verpflichtung. Beispielsweise bewerten Menschen die Gegenwart und unmittelbare Belohnungen oft höher als die Zukunft (Gegenwartsverzerrung, [3]), auch wenn spätere Belohnungen aus rationaler Perspektive besser wären. Dieses Entscheidungsverhalten wirkt sich auch auf gesundheitsrelevante Entscheidungen aus. In der Präventionsarbeit lassen sich solche Mechanismen nutzbar machen, indem man kurzfristige Vorteile von gesundem Verhalten betont. Beispielsweise kann die mit einem ausgewogenen gesunden Mittagessen einhergehende bessere Konzentrationsfähigkeit in den folgenden Arbeitsstunden betont werden. Auch Verlustangst beeinflusst Entscheidungen: Manche Menschen sind stärker motiviert, etwas Vertrautes nicht zu verlieren, als etwas Neues zu gewinnen. Gesundheitsfachkräfte können dies gezielt nutzen, indem sie nicht nur die Vorteile eines gesunden Verhaltens betonen, sondern auch die Risiken und negativen Folgen eines ungesunden Lebensstils klar und nachvollziehbar kommunizieren. Ein praktisches Beispiel findet sich in der Rauchprävention: Hinweise auf den individuell drohenden Verlust an Lebensqualität oder Leistungsfähigkeit, etwa durch Kurzatmigkeit oder eingeschränkte körperliche Belastbarkeit, können in manchen Fällen stärker wirken als die Aussicht auf langfristige gesundheitliche Gewinne wie ein reduziertes Krebsrisiko [4]. Schließlich kann von Relevanz sein, wie Entscheidungen präsentiert werden: Weniger Auswahl und klare Vergleiche helfen bei der Entscheidungsfindung [2]. Menschen orientieren sich zudem an sozialen Normen und daran, was andere tun oder erwarten. Auch dieses Wissen kann helfen, gesünderes Verhalten zu fördern [5]. …
Titel
Nudging für Präventionsmaßnahmen in der Neurologie?
Verfasst von
N. Tollens
PD Dr. E. Schäffer
Publikationsdatum
26.09.2025
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
DGNeurologie / Ausgabe 8/2025
Print ISSN: 2524-3446
Elektronische ISSN: 2524-3454
DOI
https://doi.org/10.1007/s42451-025-00820-1
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