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Bei Betrachtung der Schmerzursachen kam es in den letzten 20–30 Jahren zu einem erheblichen Paradigmenwechsel. Während historisch gesehen die biomedizinische Betrachtungsweise eines direkten Zusammenhanges zwischen Gewebeschaden und Schmerzstärke im Vordergrund stand, zeigt sich zunehmend, das Schmerzempfinden ein hoch komplexes System ist, dass biologische, psychische und soziale Faktoren einschließt und dem früheren Verständnis entgegensteht.
Patientenedukation
Im Rahmen der intensiven multimodalen Therapie findet sich genügend Zeit einer Edukation für Patient:innen, im ambulanten Setting wird dies jedoch häufig vernachlässigt. Zentrale Punkte in einer ambulanten Pain-Neuroscience-Education (PNE) sind ein verbessertes Verständnis über den Schmerz, Differenzierung von akutem und chronischem Schmerz, zentrale und periphere Sensibilisierung, Beeinflussung von Angst und Vermeidungsverhalten und Aufzeigen von Wegen der Unterstützung der endogenen Schmerzhemmung.
Ziel
Ziel der Edukation ist es, diese hoch komplexen schmerzphysiologischen Zusammenhänge in einfache Sprache zu bringen und anhand von Bildern und Metaphern den Patient:innen auf seiner Ebene beizubringen. Nicht nur bei der Behandlung von chronischen Schmerzen, sondern auch in der präoperativen Aufklärung, kann eine PNE das postoperative Outcome positiv beeinflussen.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
BT
Verhaltenstherapie
CBT
Kognitive Verhaltenstherapie
COVID-19
„Coronavirus disease 2019“
IGOST
Interdisziplinäre Gesellschaft für orthopädische/unfallchirurgische und allgemeine Schmerztherapie
MWE
Ärzteseminar für Manuelle Medizin
PE
Schmerzerziehung (PNE)
PNE
Pain-Neuroscience-Education
QSV
Qualitätssicherungsvereinbarung Schmerztherapie
RCT
Randomisierte kontrollierte Studien
SMD
Standardisierte mittlere Differenz
Die Betrachtung der Schmerzursache hat in den letzten Jahrzehnten einen deutlichen Wandel von einer rein biomedizinischen Deutung hin zum biopsychosozialen Modell vollführt. Während im Rahmen einer multimodalen Therapie ausreichend Zeit für die Patientenedukation vorhanden ist, fehlt diese oft im ambulanten Setting. Hier hilft die PNE (Pain-Neuroscience-Education), abseits von wissenschaftlichen Erklärungen durch Bilder und Metaphern, ein besseres Verständnis von Schmerz zu erlangen.
Einleitung
Relevanz und Versorgungsrealität chronischer Schmerzsyndrome
Chronische Schmerzen stellen eines der häufigsten und zugleich vielschichtigsten Gesundheitsprobleme in industrialisierten Gesellschaften dar. In Deutschland sind aktuellen epidemiologischen Daten zufolge etwa 20 % der erwachsenen Bevölkerung von anhaltenden Schmerzen betroffen, was einer Betroffenenzahl von rund 8 Mio. entspricht. Vergleichbare Prävalenzraten werden auch auf europäischer Ebene bestätigt, unter anderem durch eine aktuelle Übersichtsarbeit in Pain [1].
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Besonders häufig treten Rückenschmerzen, arthrosebedingte Beschwerden sowie neuropathische Schmerzsyndrome auf. Dabei sind chronische Schmerzen nicht allein durch ihre körperliche Persistenz relevant, sondern wirken sich weit darüber hinaus auf psychischer, sozialer und ökonomischer Ebene aus.
Bei Patient:innen mit komplexen oder therapierefraktären Verläufen stehen interdisziplinär-multimodale stationäre und teilstationäre Behandlungsangebote zur Verfügung. Im Jahr 2019 – also vor dem Einfluss der COVID-19-Pandemie – wurden bundesweit 69.677 stationäre Behandlungsfälle erfasst [2]. Im Rahmen dieser multimodalen Konzepte wird ein Behandlungsumfang von etwa 100 h einschließlich strukturierter Edukation erreicht, was eine vertiefte Patientenschulung und biopsychosoziale Kontextualisierung der Schmerzsymptomatik ermöglicht.
Im ambulanten Bereich dagegen ist die Versorgungssituation deutlich eingeschränkter. Laut Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nahmen im Jahr 2023 rund 1206 Einrichtungen an der Qualitätssicherungsvereinbarung Schmerztherapie (QSV) teil. Unter Berücksichtigung der dort erbrachten Fallzahlen ergibt sich eine geschätzte Versorgungskapazität von etwa 500.000 Patient:innen jährlich – bei einer angenommenen Zahl von über 6 Mio. ambulant behandlungsbedürftigen Schmerzpatient:innen [3].
Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass der überwiegende Anteil der Betroffenen – Schätzungen zufolge über 10 Mio. Patient:innen – im ambulanten Sektor primär monomodal durch Allgemeinmediziner:innen, Fachärzt:innen oder Physiotherapeut:innen behandelt wird. In diesen Settings fehlen nicht selten sowohl die zeitlichen Ressourcen als auch das spezialisierte Hintergrundwissen, um edukative Elemente systematisch zu integrieren.
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Vor diesem Hintergrund gewinnen edukative Interventionen in der Schmerzmedizin zunehmend an Bedeutung. Neben pharmakologischen, physikalischen und bewegungstherapeutischen Verfahren rückt die strukturierte Vermittlung eines zeitgemäßen Schmerzverständnisses in den Vordergrund. Ziel ist eine realistische Einordnung der Komplexität chronischer Schmerzprozesse jenseits monokausaler Modelle.
Paradigmenwechsel in der Schmerzmedizin
Die medizinische Sichtweise auf Schmerz hat in den letzten Jahrzehnten einen fundamentalen Wandel durchlaufen. Während akute Schmerzen als direkte Folge nozizeptiver Prozesse verstanden werden können, lassen sich chronische Schmerzen häufig nicht mehr durch strukturelle Läsionen oder pathophysiologische Befunde erklären. Der frühere Fokus auf periphere Gewebeschäden als primäre Schmerzursache hat sich zugunsten eines integrativen Modells verschoben, das biologische, psychologische und soziale Faktoren gleichrangig berücksichtigt – das sogenannte biopsychosoziale Schmerzmodell.
Dieser Paradigmenwechsel wurde nicht zuletzt durch Fortschritte in der Neurobiologie, Bildgebung und Verhaltensforschung angestoßen. Die Erkenntnis, dass zentrale Sensitivierung, neuroplastische Veränderungen und maladaptive Kognitionen eine zentrale Rolle bei der Chronifizierung spielen, hat zur Entwicklung neuer Therapieansätze geführt. Die Pain-Neuroscience-Education (PNE) stellt eine dieser Entwicklungen dar: ein evidenzbasiertes edukatives Konzept zur Umstrukturierung schmerzbezogener Überzeugungen und zur Förderung aktiver Krankheitsbewältigung.
Historischer Überblick zur Schmerzaufklärung
Vom biomedizinischen zum biopsychosozialen Schmerzmodell
Die Schmerzaufklärung war über Jahrhunderte hinweg stark von einem mechanistischen Denken geprägt, das seinen Ursprung unter anderem in der Philosophie René Descartes hatte. Schmerz wurde als direktes Resultat eines peripheren noxischen Reizes verstanden – eine Sichtweise, die zu einer linearen Kausalitätsannahme zwischen Gewebeschaden und Schmerz führte (Abb. 1). In diesem Modell blieb für subjektive Schmerzphänomene, emotionale Bewertungen oder soziale Kontexte kaum Raum.
Abb. 1
Weg der Schmerzentstehung nach Descartes 17. Jahrhundert: der Schmerzreiz wird „mechanisch“ über Nervenbahnen in das Gehirn geleitet und dort als Schmerz wahrgenommen
Schaut man auf unsere Berufsgruppe, dann sind auch wir häufig in einer biomechanistischen Sichtweise bei der Betrachtung unserer Patient:innen verhaftet. Tauschen Sie doch gedanklich das Bild des Feuers bei Descartes mit einem arthrotisch veränderten Hüftgelenk, einem entzündeten rheumatischen Kniegelenk oder einem intraforaminalen Bandscheibenvorfall aus. Immer wird der Gewebeschaden reduziert oder aufgehoben und die Schmerzen werden verbessert oder verschwinden.
Mit der Entwicklung und Veröffentlichung des biopsychosozialen Krankheitsmodells begann ein Umdenken
Mit der Veröffentlichung des biopsychosozialen Krankheitsmodells durch George L. Engel im Jahr 1977 [4] begann ein Umdenken: Schmerz wurde zunehmend als komplexes, multidimensionales Phänomen anerkannt, das nicht allein durch strukturelle Pathologien erklärt werden kann. Diese Sichtweise ebnete den Weg für interdisziplinäre, multimodale Ansätze in der Schmerztherapie.
In unserem Fachgebiet wurde die Notwendigkeit eines Umdenkens interessanterweise von Wirbelsäulenchirurgen gesehen.
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10 Jahre nach Engels Publikation inaugurierte Gordon Wadell, ein schottischer Wirbelsäulenchirurg, die Notwendigkeit eines neuen klinischen Models zur Behandlung von Rückenschmerzen [5], das er in dem wegweisenden Buch The Back Pain Revolution 1998 zusammenfasst [6].
Ursprünge der Pain-Neuroscience-Education
Vor dem Hintergrund dieser konzeptuellen Verschiebung entwickelte sich die PNE als spezifische Form der edukativen Intervention. Ihre Ursprünge liegen in der Integration neurobiologischer Erkenntnisse mit kognitiven Verhaltenstherapieansätzen. Sie zielt darauf ab, das Verständnis für Schmerzprozesse zu verbessern, Angst und Katastrophisierung zu reduzieren und eine aktive Krankheitsbewältigung zu fördern.
Bereits in den 1990er-Jahren begannen Forscher:innen, insbesondere in Australien und Südafrika, patientenzentrierte Aufklärungsformate zu entwickeln, die neurophysiologische Inhalte in alltagsnaher Sprache vermittelten.
Wegbereiter: Butler, Moseley, Louw
Zu den bedeutendsten Wegbereitern der PNE zählen David Butler, der mit dem Konzept der „Neurodynamik“ und der Veröffentlichung des Buchs Explain Pain (2003) [7] gemeinsam mit Lorimer Moseley eine neue Aufklärungskultur initiierte, sowie Lorimer Moseley, der in zahlreichen Studien die Wirksamkeit edukativer Interventionen nachwies. Auch Adriaan Louw leistete Pionierarbeit mit der klinischen Integration von PNE in die Physiotherapie und der Entwicklung strukturierter Unterrichtskonzepte, besonders im ambulanten Setting.
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Diese Akteure schufen die theoretische und empirische Grundlage für eine patientenzentrierte Schmerzaufklärung, die das zentrale Nervensystem, neuroplastische Prozesse und psychosoziale Einflussfaktoren gleichermaßen berücksichtigt.
Besonders Louw benutzte hier extensiv Metaphern, Bilder und Geschichten, um komplexe pathophysiologische Zusammenhänge den Patient:innen zu verdeutlichen.
Gleichzeitig entwickelte er Schulungsformate von 20–30 min pro Session.
Grundlagen der Pain-Neuroscience-Education
Die PNE basiert auf der Erkenntnis, dass Schmerz nicht nur durch nozizeptive Reize entsteht, sondern durch eine komplexe zentrale Verarbeitung, bei der biologische, psychologische und soziale Faktoren eine integrative Rolle spielen. Ziel der PNE ist es, Patient:innen ein neurobiologisch fundiertes, entkatastrophisierendes und handlungsorientiertes Verständnis von Schmerz zu vermitteln. Dies bildet die Grundlage für eine aktive Teilhabe am therapeutischen Prozess und die Förderung funktioneller Genesung.
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Neurobiologische Schmerzverarbeitung
Schmerz entsteht im Gehirn – diese Erkenntnis steht im Zentrum der modernen Schmerzforschung. Während Nozizeptoren potenziell schädliche Reize erfassen, wird die bewusste Schmerzwahrnehmung erst durch zentrale kognitive, emotionale und sensorische Integrationsprozesse ermöglicht. Melzack und Wall entwickelten mit der Gate-Control-Theorie (1965) [8] eine der ersten neurophysiologisch fundierten Modelle, auf die später das Konzept der „Neuromatrix“ [9] aufbaute. Demnach basiert Schmerz auf einem individuell erlernten neuronalen Netzwerk, das sensorische, affektive, kognitive und motorische Areale umfasst.
Die PNE vermittelt diese Prozesse alltagsnah, etwa mit Metaphern wie dem „Schmerz-Alarm-System“ oder der „Gefahrenampel“, um Patient:innen verständlich zu machen, dass Schmerz ein interpretierter Output des Gehirns ist – nicht zwangsläufig ein Zeichen von Gewebeschaden.
Zentrale Sensitivierung und Schmerzplastizität
Chronische Schmerzen sind häufig Ausdruck einer sogenannten zentralen Sensitivierung. Dabei handelt es sich um eine neuroplastische Übererregbarkeit des zentralen Nervensystems, bei der bereits harmlose Reize als schmerzhaft wahrgenommen werden (Allodynie) oder Schmerzreize übersteigert empfunden werden (Hyperalgesie).
Die Neuroplastizität – also die Fähigkeit des Nervensystems, sich funktionell und strukturell zu verändern – ist hier doppelt bedeutsam: Sie erklärt einerseits die Chronifizierung von Schmerzen, andererseits bietet sie den therapeutischen Hebel zur Umkehr dieser Prozesse.
Die PNE nutzt diese Plastizität gezielt, indem sie edukative Reize setzt, die angst- und stressassoziierte Netzwerke deaktivieren und die kortikale Repräsentation des Körpers positiv beeinflussen. Durch Verständnis, Bewegung und Reattribution kann ein „neurobiologisches Umlernen“ stattfinden.
Louw zeigt dieses Umlernen plastisch an einer fMRT einer Schmerzpatientin (Abb. 2).
Abb. 2
Erklärung im Rahmen der Pain-Neuroscience-Education (PNE): Die Schnittbilder in der oberenReihe zeigen eine entspannte Patientin in der fMRT, die einen beruhigenden Film ansieht. In der mittleren Reihe fMRT-Bilder nachdem die Patientin eine schmerzhafte Bewegung (Beckenkippung bei aktivierter lumbaler Osteochondrose) durchführt. In der unteren Reihe gleiche schmerzhafte Beckenkippung, jedoch nach erfolgter PNE, zeigt deutlich verminderte Aktivierung. Copyright Adrian Louw, mit frdl. Genehmigung, aus [21]
In der Vermittlung der PNE geht es nicht um didaktisch abstrakte Vorträge, sondern um eine gezielte kognitive Umstrukturierung. Zentral ist die Entkopplung von Schmerz und struktureller Schädigung. Patient:innen lernen, dass Schmerz auch ohne Gewebeschaden auftreten kann und dass das Nervensystem sich „sensibilisieren“ und quasi in einem Schutzmodus „verfangen“ kann.
Zu den vermittelten Inhalten zählen:
Grundlagen der Schmerzverarbeitung im ZNS,
Rolle von Stress, Angst und Kontext bei Schmerzverstärkung,
Konzepte der zentralen Sensitivierung und Schmerzmodulation,
positive Botschaften über Heilung und Reversibilität neuroplastischer Prozesse und die Möglichkeit der endogenen Schmerzhemmung.
Methodisch werden visuelle Analogien (z. B. Rauchmelder- oder Sicherheitsalarmmetaphern), edukative Comics, Videos, Gruppenformate oder auch One-on-One-Gespräche genutzt. PNE wird häufig kombiniert mit Bewegungstherapie, um das neue Verständnis unmittelbar funktionell umzusetzen.
Projekt der IGOST und der MWE eines standardisierten Schulungsprogrammes zur PNE für Ärzt:innen und Physiotherapeut:innen
In Kenntnis der vorausgegangenen Entwicklungen der PNE, die natürlich alle für den englischsprachigen Raum entwickelt wurden und auch entsprechende Anpassungen nicht nur sprachlich erforderten, beschlossen die IGOST und die MWE Anfang 2024 ein deutschsprachiges Modul zur Patientenedukation zu entwickeln, unter Berücksichtigung wissenschaftlicher und neurophysiologischer Erkenntnisse. Hierbei wurden insbesondere die bekannten Grafiken modernisiert und auf ein sogenanntes „flat design“ verändert. Zum Teil wurden Originalabbildungen wegen der guten Verwendbarkeit (so auch Abb. 2) in das System übernommen, die Rechte wurden dazu von Adriaan Louw erteilt.
Geplant sind Online-Kurse sowohl für Ärzt:innen als auch Physiotherapeut:innen, die die zu vermittelnden Inhalte wissenschaftlich darlegen und im zweiten Schritt die Umsetzung, in Form von Bildern und Metaphern den Kursteilnehmer die Inhalte zu vermitteln. In einem 3. Ausbildungsteil wird dann die Verwendung der Schulungsunterlagen sowohl im der 1:1-Edukation als auch in der Gruppenedukation gelehrt. Geplant ist auch eine wissenschaftliche Begleitung durch die Ostbayerische Technische Hochschule in Regensburg Fakultät Sozial- und Gesundheitswissenschaften (Prof. Andrea Pfingsten).
Im Folgenden ein Beispiel zur Darstellung physiologischer Schmerzentwicklung und einer möglichen Entwicklung einer zentralen Sensitivisierung (hochsensibles Niveau der Nozizeption; Abb. 3).
Die Wirksamkeit der PNE wurde in den letzten 2 Jahrzehnten in zahlreichen kontrollierten Studien und systematischen Übersichtsarbeiten untersucht. Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass PNE insbesondere bei chronisch muskuloskelettalen Schmerzen, bei hoher Angstvermeidung und kognitiver Katastrophisierung einen signifikanten therapeutischen Nutzen entfalten kann [10, 11].
Effektivität bei muskuloskelettalen Schmerzen
Die evidenzbasierte Grundlage für PNE ist besonders stark im Bereich chronischer muskuloskelettaler Schmerzen, einschließlich chronischer Kreuzschmerzen, Nackenschmerzen, Fibromyalgie und Schmerzsyndrome der oberen Extremitäten. In einer systematischen Übersichtsarbeit von Louw et al. (2016) zeigten 13 randomisierte kontrollierte Studien (RCT), dass PNE zu einer signifikanten Reduktion von Schmerz, Katastrophisierung und Bewegungsangst führt, insbesondere in Kombination mit physiotherapeutischer Bewegungstherapie [12].
Traeger et al. veröffentlichten 2015 ein ausführliches Review über PNE bei akuten Rückenschmerzen, das 14 Studien mit insgesamt 4872 Teilnehmenden einschloss und im JAMA veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse zeigen, dass edukative Interventionen zur Erklärung von Schmerzmechanismen, wenn sie gezielt auf die individuellen Schmerzüberzeugungen abgestimmt sind, auch in der Primärversorgung eine mittlere Effektstärke auf Schmerzintensität und Funktionsniveau erzielen [13].
PNE in Kombination mit Bewegungstherapie
Der additive Nutzen von PNE zeigt sich besonders deutlich in multimodalen Ansätzen. In einer Studie von Louw et al. [12] wurde eine Kombination aus PNE und aktiver Rehabilitation mit einer Standardversorgung verglichen. Die Interventionsgruppe zeigte signifikant bessere Ergebnisse hinsichtlich Schmerzwahrnehmung, funktioneller Kapazität und Therapieadhärenz. Die Kombination von Edukation mit Bewegung wirkt synergistisch auf das neuroplastische Potenzial des Nervensystems: Während Bewegung eine „Top-down“-Schmerzmodulation auslöst, liefert PNE die kognitive Grundlage für das Vertrauen in Bewegung.
Louw verglich die reine PNE mit einer Grundierung beim Streichen, auf die dann die Farbe (Bewegung) erst aufgetragen wird und so zu besseren Ergebnissen in Kombination führt.
Auch in einer Metaanalyse im BMJ 2022 [14] in der verschiedene psychologische Interventionen miteinander verglichen wurden, zeigt Schmerzedukation mit Bewegungstherapie ein besseres oder gleiches Outcome als viele aufwendigere Therapien wie kognitive Verhaltenstherapie mit Bewegung bezüglich Schmerzverbesserung und Funktion (Abb. 4).
Abb. 4
Forest-Plot der Netzwerk-Metaanalyse-Ergebnisse zur Schmerzintensität nach der Intervention modifiziert aus [14]. BT Verhaltenstherapie, CBT Kognitive Verhaltenstherapie, PE Schmerzerziehung (PNE), SMD standardisierte mittlere Differenz. Physiotherapieversorgung war die Referenzgruppe
PNE als präoperative Schulung zur Prävention postoperativer Chronifizierung
Bedeutung der Schmerzchronifizierung nach Wirbelsäulenoperationen
Chronische postoperative Schmerzen nach Wirbelsäulenoperationen betreffen je nach Eingriff zwischen 10 und 40 % der operierten Patient:innen [15, 16]. Besonders gefährdet sind Personen mit vorbestehenden Schmerzsyndromen, hoher Schmerzangst, Katastrophisierungstendenzen oder dysfunktionalen Kognitionen.
Die hohe Prävalenz führte zur Einführung einer eigenen Entität, des „Failed-back-surgery“-Syndroms in den 1990er-Jahren, umfänglich beschrieben 1993 von Follett et al. [17].
Wirkprinzipien von PNE in der präoperativen Phase.
Präoperative PNE hat zum Ziel, den Umgang mit Schmerzen neu zu gestalten – nicht auf der Grundlage von Gewebeschädigung, sondern unter Berücksichtigung zentralnervöser Prozesse. Präoperativ eingesetzt, kann sie:
maladaptive Schmerzüberzeugungen korrigieren,
Ängste abbauen (z. B. vor Schmerz oder Bewegung),
Coping-Strategien verbessern,
das Risiko einer postoperativen Chronifizierung senken.
Der präoperative Einsatz bietet den Vorteil, dass Patient:innen vor der Schmerzerfahrung vorbereitet und befähigt werden, diese adequat zu verarbeiten – ein zentrales Prinzip im Prähabilitationskonzept.
Evidenzlage: PNE vor Wirbelsäulenoperationen
In einer Fallstudie konnte 2015 [18] bis 6 Monate nach Operation eine insbesondere verbesserte Funktion im Oswestry Disability Index und eine verminderte Katastrophisierungsüberzeugung (Pain Catastrophizing Scale) gezeigt werden. Die Ergebnisse verbesserten sich noch zwischen dem 3. und 6. Monat der Nachuntersuchung.
In einer RCT von Louw et al. [19] mit 3‑Jahres-Ergebnissen, im Journal of Spine Surgery veröffentlicht, wurde präoperative PNE bei Patient:innen mit lumbaler Radikulopathie untersucht. Die Interventionsgruppe zeigte:
geringere postoperative Schmerzintensitäten,
reduzierten Opioidbedarf,
geringere Schmerzkatastrophisierung.
Eine RCT von 2023 [20] zeigte 12 Monate nach präoperativer PNE zwar keine signifikante Verbesserung des Schmerzes, jedoch deutliche Verbesserung in Funktion (SF36) und bezüglich Kinesiophobie sowie erhebliche Kosteneffektivität.
In einem Fallbeispiel konnte gezeigt werden, wie präoperative PNE in der fMRT die Aktivität postinterventionell deutlich senken konnte [21], wie auch in Abb. 2 gezeigt.
Evidenzlage: PNE vor Gelenkersatzoperationen
Vermutlich durch die positiven Ergebnisse der präoperativen PNE vor Wirbelsäulenoperationen angeregt, wurden Anfang dieses Jahrzehntes auch vermehrt Studien zur PNE vor Gelenkersatzoperationen durchgeführt. Wiederum Louw hat dies zunächst in einer Fallstudie vor Knietotalendoprothesenimplantationen 2019 untersucht [22] und hierbei eine kurzfristige Verbesserung nach 6 Monaten bezüglich Kinesiophobie, Schmerzempfinden und -überzeugungen gefunden, aber nicht bezüglich postoperativem Schmerz oder Bewegungsausmaß.
Diese Ergebnisse wurden verschiedentlich international gut reproduziert [23; 24] und in einem Review in Schmerz 2022 gut zusammengefasst [25].
Hier wurden die positiven Effekte auf die postoperativen subjektiven Schmerzbewertungen durch Reduktion von Angst und Katastrophisierung beschrieben sowie eine geringere Inanspruchnahme von postoperativen Leistungen im Gesundheitswesen aufgezeigt. Kritisch gesehen wurde die Inkonsistenz der Herangehensweise der PNE auch bezüglich der Art der Edukation (1:1-Gruppe, Online).
Fazit für die Praxis
In den letzten Jahrzehnten erfolgte ein Paradigmenwechsel in der Schmerzmedizin weg vom biomechanistischen Ansatz zum biopsychosozialen Schmerzmodell.
Dieses Umdenken erfordert auch ein neues Erklärungsmodell für Patient:innen zur Schulung über ihre Erkrankung.
Bestehende Edukationskonzepte erfordern einen hohen zeitlichen Umfang und sind nur stationär oder tagesstationär zur erbringen.
Es wird ein Modell einer Pain-Neuroscience-Education (PNE) dargestellt, das in einfacher Sprache und mit einfachen Bildern komplexe schmerzphysiologisch und -pathologische Zusammenhänge den Patient:innen vermittelt.
PNE kann auch hilfreich in der präoperativen Aufklärung sein und das postoperative Outcome verbessern.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
M. Schneider ist Mitautor eines PNE-Projektes der IGOST und MWE.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die nicht-kommerzielle Nutzung, Vervielfältigung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die Lizenz gibt Ihnen nicht das Recht, bearbeitete oder sonst wie umgestaltete Fassungen dieses Werkes zu verbreiten oder öffentlich wiederzugeben.
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