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Erschienen in: der junge zahnarzt 4/2019

30.10.2019 | Panorama | praxis Zur Zeit gratis

In Luthers Waschsalon trifft Ehrenamt auf Ausbildung

Erschienen in: der junge zahnarzt | Ausgabe 4/2019

"Die sind ganz heiß auf uns!" So sieht es jedenfalls Dr. Hans Ritzenhoff, 80-jähriger Zahnarzt im Ruhestand mit 40-jähriger Praxiserfahrung. Mit "die" meint er die Zahnmedizinstudierenden der Universität Witten-Herdecke. Und heiß sind diese auf die zahnmedizinische Ambulanz in Luthers Waschsalon, einer Einrichtung für Obdachlose der Diakonie Mark-Ruhr in Hagen, wo Ritzenhoff an zwei Tagen in der Wochen bedürftige Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos zahnmedizinisch versorgt. Denn hier haben die Studierenden, für die das Praktikum im Waschsalon Pflicht ist, die Möglichkeit, praxisnahe Behandlungen zu üben - und dabei auch mal eine prothetische Versorgung zu machen.
Donnerstagmorgen, 10.15 Uhr. Vor dem Gebäude in der Körnerstr. 75 im Hagener Bahnhofsviertel stehen einige Männer und Frauen. Sie rauchen und unterhalten sich dabei. Drinnen herrscht reges Treiben, untermalt von Stimmengewirr, Geschirrklappern, Stühlerücken - es ist Frühstückszeit in Luthers Waschsalon. Die Einrichtung bietet Wohnungslosen und/oder Menschen mit geringem Einkommen ein kostenloses Versorgungsangebot mit Frühstück, Waschgelegenheit für Körper und Wäsche inklusive Friseur, Formularhilfe und Begleitung zu Ämtern und anderen Institutionen sowie einen Treffpunkt für Gespräche und Beratung. Und eben auch eine medizinische sowie zahnmedizinische Versorgung. "Ein so umfangreiches Angebot gibt es, wenn überhaupt, nur sehr selten in Deutschland. Auch deshalb sind wir von der Landesregierung mit dem Preis 'Orte des Fortschritts' ausgezeichnet worden", berichtet Ilona Ladwig-Henning, Leiterin der Einrichtung.
Durch die lebhafte Frühstücksatmosphäre führt mich der Weg ins Treppenhaus ein Stockwerk höher. Vorbei an der Kleiderkammer, in der gerade eine ausländische Frau in einer schwer zu definierenden Sprache nach einer warmen Decke fragt, geht es weiter den Flur entlang, an dessen Ende ein Schild "Zahnmedizinische Ambulanz" die richtige Tür weist. Hinter dieser Tür warten Dr. Hans Ritzenhoff und Miriam Sauer, Zahnmedizinstudentin im 9. Semester, schon auf die angekündigte Patientin.

Viele Patienten trauen sich nicht in eine 'normale' Praxis

Frau P. hat zwar sowohl einen Wohnsitz als auch eine Krankenversicherung, die finanziellen Mittel für einen neuen Zahnersatz (die alten Prothesen sind nun schon über 30 Jahre alt) hat sie hingegen nicht. Die Kasse hat aufgrund der Härtefallregelung die Übernahme der Kosten zugesagt. Und so könnte Frau P. sich auch in jeder anderen Praxis eine neue Prothese anfertigen lassen. "Doch viele Patienten in dieser Situation trauen sich nicht in eine 'normale' Praxis", weiß Ritzenhoff, "da ist die Hemmschwelle einfach zu hoch!" Umso besser, dass er und sein Team auch diesen Patienten in der Ambulanz helfen können. Und diese Hilfe beeindruckt auch andere: 2018 ist die zahnärztliche Ambulanz in Luthers Waschsalon mit dem Springer Medizin Charity Award ausgezeichnet worden (siehe Kasten).
Inzwischen wird Frau P. von der Helferin Petra Dolleske mit den Worten "Legen Sie doch ab!" herzlich in Empfang genommen. Als Frau P. noch einmal zu ihrer Tasche geht, weil sie ihr Handy auf lautlos stellen will, sagt Dolleske: "Eine gute Idee! Da habe ich neulich etwas bei einer Beerdigung erlebt: Der Sarg ging runter, das Handy ging an!" Man merkt sofort: Hier gibt es keinerlei Berührungsängste, stattdessen herzliche Wärme und Verständnis, sicher eine Wohltat für viele Patienten.
Doch nun geht es los. Heute sollen die Abformungen für die neuen Prothesen angefertigt werden. Frau P. nimmt auf dem Behandlungsstuhl Platz und Ritzenhoff erkundigt sich: "Haben Sie noch Schmerzen?" Diese Frage bezieht sich auf eine vorherige Behandlung, denn Frau P. kam zunächst wegen einer kleinen Füllung in die Ambulanz. Auch bei diesem Besuch war sie von Miriam Sauer behandelt worden, sodass die beiden sich schon kennen. Und das ist auch gut so, denn Frau P. ist die Prozedur nicht ganz geheuer: "Es kann gut sein, dass ich gleich würgen muss!" "Das kenne ich, das geht mir auch immer so", antwortet Sauer und versorgt die Patientin mit entsprechenden Tipps: "Immer schön durch den Mund atmen. Und wenn gar nichts mehr hilft: Versuchen Sie, den rechten großen Zehn anzuheben, das hilft dann bei mir immer."
Während Petra Dolleske die Abformmasse anrührt, nutzt Miriam Sauer die Zeit, vom Wissen des erfahrenen Zahnarztes zu profitieren: "Wie schnell härtet das denn aus?" fragt sie Ritzenhoff. "Keine Panik, Sie haben genügend Zeit. Und wenn es nichts wird, dann machen wir es halt nochmal", lautet dessen Antwort. Dass dies tatsächlich nötig ist, stellt sich ein paar Minuten später heraus. Der Abformlöffel für den Unterkiefer war zu groß, sodass Frau P. ihn mit der Zunge nach vorn geschoben hat. Sauer probiert einen kleineren Löffel an und spült diesen anschließend mit Wasser ab. Und auch hier wieder wichtige Tipps für die Studentin, die diese Eins-zu-eins-Betreuung sehr zu schätzen weiß: "Achten Sie darauf, dass der Löffel ganz trocken ist, sonst hält die Abformmasse nicht. Wäre doch zu schade, wenn der schöne Abdruck im Mund hängen bleibt", erklärt Ritzenhoff.

Arbeiten "wie sich das gehört"

Auch den zweiten Versuch meistert Frau P. ohne einen Würgereiz (das liegt vielleicht auch an der "Luxusmassage", die Sauer ihr durch sanftes massieren des Kinns angedeihen lässt, während sie den Abformlöffel an den Kiefer presst). Bei der Begutachtung der fertigen Abformung ist die Studentin etwas skeptisch: "Wird das mit dem Lippenbändchen ein Problem sein?" Ritzenhoff ist jedoch mit dem Ergebnis zufrieden, und es geht weiter mit dem Oberkiefer. Aber hier rät der Zahnarzt, auf Nummer sicher zu gehen: "Haben Sie den Löffel ausprobiert? Messen Sie lieber vorher noch einmal mit dem Zirkel nach, wie sich das gehört." Als Sauer den mit Masse gefüllten Löffel in den Mund der Patientin hineinmanövrieren will, nimmt ihr Ritzenhoff den Löffel noch einmal aus der Hand und entfernt ein wenig Masse mit den Worten: "Das ist halt viel Bauchgefühl! Und jetzt rein damit!"
Auch die Abformung des Oberkiefers klappt, wobei Ritzenhoff bei der Ablösung vom Gaumen etwas nachhelfen muss. Karin Schulte, die zweite ehrenamtliche Helferin im Team, will das Gesicht der Patientin mit einem feuchten Tuch reinigen ("Wir müssen Sie doch noch etwas aufhübschen!"), aber Studentin Sauer ist ihr zuvorgekommen und hilft Frau P. schon aus dem Behandlungsstuhl. "Jetzt kommt das Schwierigste: einen neuen Termin finden", sagt Schulte und sucht am Computer im Kalender nach einem passenden Datum. Frau P. verlässt die Ambulanz mit einem Terminzettel und dem guten Gefühl, richtig umsorgt geworden zu sein.

Prothetische Fälle sind heiß begehrt

Auch Miriam Sauer packt ihre Sachen zusammen, für sie ist die Arbeit in der Ambulanz für heute beendet. Denn dieser Termin war kein Bestandteil des verpflichtenden Praktikums, in dessen Rahmen die Studierenden ab dem 7. Semester zwei Mal im Semester einen Vormittag in der Ambulanz mitarbeiten. "An der Uni ist es oft schwierig, die geforderten prothetischen Behandlungsfälle zusammenzubekommen. Da ist das hier eine tolle Möglichkeit", berichtet Sauer. Ritzenhoff kann das nur bestätigen und zeigt die 'Warteliste' der interessierten Studierenden, die ebenfalls gern eine prothetische Behandlung in der Zahnambulanz machen möchten. "Wir sind hier heiß begehrt deswegen! Die Studierenden kommen nicht etwa wegen meiner grauen Haare!", scherzt er. Aber auch der Pflichtkurs ist bei den Studierenden beliebt, da die Behandlung in der Zahnambulanz einfach viel mehr den Praxisbegebenheiten entspricht als an der Uni. Und natürlich ist der soziale Aspekt ein wichtiger Punkt: "Das Besondere hier ist vor allem der große soziale Aspekt. Herr Dr. Ritzenhoff behandelt jeden Patienten, gleichgültig aus welcher sozialen Schicht, mit der selben Hingabe, und das alles ehrenamtlich. Das ist schon ziemlich beeindruckend, davon kann sich jeder ein Stück abschneiden", sagt Sauer.
Bei der nächsten Patientin, Frau S., könnte vielleicht bald schon der nächste Student prothetisch zum Zuge kommen. Auch Frau S. ist krankenversichert und trägt eine (Teil-)Prothese, die jetzt allerdings gebrochen gewesen war und vom lokalen Zahntechniker kostenlos repariert worden ist. Frau S. kommt nun zur Anprobe - die sich jedoch schwierig gestaltet, da inzwischen ein Zahn, der maßgeblich für den Halt gesorgt hatte, extrahiert werden musste. So bleibt Ritzenhoff nichts anderes übrig, als die Patientin mit Haftpulver zu versorgen und sie über den etwas wackeligen Halt der geflickten Prothese hinweg zu trösten: "Das ist jetzt natürlich nicht schön, aber leider geht es gerade nicht anders. Hauptsache, Sie haben die Prothese wieder im Mund." Aus zahnmedizinischer Sicht ist klar: Auch hier müsste dringend eine neue Prothese angefertigt werden. Aber Ritzenhoff deutet dies der Patientin gegenüber nur an: "Man darf die Patienten hier auch nicht überfordern, das muss man alles behutsam angehen," sagt er, als Frau S. die Ambulanz verlassen hat.

Von erhörten Gebeten und einer Moschee vor dem Fenster

Bevor es weiter geht, zeigt Petra Dolleske aus dem Fenster auf den Turm der Moschee, die direkt vis-à-vis steht: "Sehen Sie mal, was wir für einen Ausblick haben! Als wir einmal einen tollen blauen Himmel hatten, habe ich ein Foto gemacht und an meine Kinder geschickt mit dem Satz: 'Viele Grüße aus der Türkei'!" Dabei lässt die heruntergekommene Bahnhofsgegend, in der sich der Waschsalon befindet, mitnichten Urlaubsgefühle aufkommen. Doch so kommt die Hilfe direkt dort an, wo sie benötigt wird. "Seit 2006 bieten wir die zahnmedizinische Basisversorgung in Luthers Waschsalon an. Aus einer Praxisauflösung bekamen wir damals die erste Ausstattung unserer zahnmedizinischen Ambulanz geschenkt", berichtet Einrichtungsleiter in Ladwig-Henning. Schon ein Jahr später stieß Ritzenhoff dazu: "Nach meiner Praxisabgabe wollte ich gern noch weiter tätig sein. Meine langjährige Helferin Iuliana Flick hatte im Internet recherchiert und gelesen, dass man in der Zahnambulanz einen ehrenamtlichen Zahnarzt sucht. Ich habe mich sofort gemeldet - woraufhin die damalige Leitung der Einrichtung wohl sagte: 'Meine Gebete sind erhört worden!', berichtet der Zahnmediziner.
Inzwischen ist es 11.30 Uhr. Eine Mitarbeiterin aus dem Waschsalon steckt den Kopf zur Tür rein: "Unten ist noch ein Patient mit Zahnschmerzen, soll ich ihn raufbringen?" Der Patient - ein Mann Ende 30, vermutlich aus Bulgarien - kommt in Begleitung eines anderen Mannes zum Übersetzen. Mit dessen Hilfe erfährt Ritzenhoff, dass der Patient schon seit längerem an Zahnschmerzen leidet, bis vor Kurzem nur nachts, jetzt auch tagsüber. Der Blick in den Mund offenbart zwei riesige Krater in den linken Oberkiefer-Molaren. Während Ritzenhoff mit einem Kugelstopfer in die Tiefen der Kavitäten vordringt, um Ledermix® aufzutragen, wartet man förmlich auf den Aufschrei des Patienten. Doch der zuckt nicht einmal, was Ritzenhoff mit der Dauer, die die Karies sich nun schon in die Tiefe gefressen und zu einer Abstumpfung des Schmerzreizes geführt hat, erklärt. "Welche Zähne sind das?", fragt Helferin Schulte, die die Dokumentation übernommen hat." "Ach, die will immer gleich alles wissen", murmelt Ritzenhoff nicht ganz ernst gemeint in seinen Mundschutz, während er die Zähne mit CavitTM verschließt. "Aber sie hat ja recht, wir sind hier genauso zur Dokumentation verpflichtet wie sonst auch. Also: Ein Patient mit Dauerschmerz an 27 und 28." Dann versucht er dem Patienten zur erklären, dass die Zähne entfernt werden müssen - was diesen nicht erfreut. Schulte gibt dem Mann einen Terminzettel sowie die Nummer vom zahnmedizinischen Bereitschaftsdienst, falls die Schmerzen bis zum Termin schlimmer werden.

Therapie richtet sich nach den sozialen Umständen

Doch Ritzenhoff bezweifelt, dass der Mann zum Termin kommt: "So ist das häufig. Durch die Behandlung lassen die Schmerzen zunächst nach, und die Patienten sehen keine Notwendigkeit für die Extraktion und kommen nicht wieder!" Besonders ärgerlich ist dies dann, wenn Patienten mit schlimmen Entzündungen Antibiotika mit nach Haus bekommen. Deshalb erhalten solche Patienten immer nur die Ration bis zum nächsten Termin - "dann verschenken wir nicht so viel, wenn der Patient nicht wieder kommt", erklärt Ritzenhoff. Und weiter: "Die Therapie richtet sich hier auch immer ein bisschen nach den sozialen Umständen. Wenn man das Gefühl hat, der Patient kommt eh nicht wieder, überlegt man sich schon ganz genau, was man macht. Dass ist dann auch für die Studierenden manchmal schwer zu verstehen, da sie es an der Uni anders lernen." Dass die Studierenden Ritzenhoff, dem die Universität Witten eine Lehrbefähigung ausgestellt hat, ebenso am Herzen liegen wie seine Patienten, merkt man sofort. "Ich mache auch viel nebenher, die ganze Korrespondenz und Organisation ist schon aufwändig." Aber es lohnt sich: "Wenn dann so eine Patientin wie Frau P. die Studentin fragt, wann sie denn Examen macht, damit sie dann zu ihr in die Behandlung kommen kann, dann freut einen das natürlich schon."
Als ich die Ambulanz verlasse und zurück ins Erdgeschoss gehe, sind die Räume inzwischen still und verlassen - welch ein Kontrast zu dem Trubel vom Morgen. Durch die Hintertür mache ich mich auf den Weg zum Bahnhof, vorbei an leerstehenden Geschäften, dreckigen Hauseingängen und Plakatfetzen an blinden Fensterscheiben. Wie gut, dass der Waschsalon mit seinem Angebot und all seinen ehrenamtlichen Mitarbeitern wenigstens ein kleiner Lichtblick für die Menschen hier ist.

Der Springer Medizin Charity Award

Mit diesem Preis zeichnet Springer Medizin das herausragende Engagement von Stiftungen, Organisationen und Institutionen aus, die sich in besonderer Weise der Gesundheitsversorgung in Deutschland verpflichtet fühlen. Damit würdigt die Fachverlagsgruppe die vielen Menschen, die Tag für Tag ehrenamtlich für Patienten, ihre Angehörigen sowie für andere bedürftige Gruppen unverzichtbare Dienste leisten. Dotiert ist der Preis mit einem Preisgeld von 60.000 Euro und zusätzlichen Medienleistungen, aufgeteilt auf insgesamt drei Gewinner.
Metadaten
Titel
In Luthers Waschsalon trifft Ehrenamt auf Ausbildung
Publikationsdatum
30.10.2019
Verlag
Springer Medizin
Schlagwörter
Panorama
Zahnmedizin
Erschienen in
der junge zahnarzt / Ausgabe 4/2019
Print ISSN: 1869-5744
Elektronische ISSN: 1869-5752
DOI
https://doi.org/10.1007/s13279-019-0068-2

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