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Erschienen in:

Open Access 13.07.2023 | Pflege | Leitthema

Entlassung von Frühgeborenen mit liegender Magensonde

Aufgabe, nicht nur für das Case Management

verfasst von: Franziska Krasnitzer-Leitner, Assoc.-Prof. PD Dr. Martin Wald, Dr. Edda Hofstätter

Erschienen in: Monatsschrift Kinderheilkunde | Ausgabe 9/2023

Zusammenfassung

Hintergrund

Eine komplett selbstständige Nahrungsaufnahme wird bei Frühgeborenen i. Allg. als Voraussetzung für die Entlassung aus dem Krankenhaus angesehen. Die Anforderung, vor der Entlassung das Trinken zu erlernen, stellt eine (übermäßige) Belastung für das Kind, die Eltern und die Familie dar und ist für das Gesundheitssystem mit hohen Kosten verbunden.

Fragestellung

Welche strukturellen Voraussetzungen sind für eine frühzeitige Entlassung eines Frühgeborenen mit einer Ernährungssonde erforderlich?

Material und Methode

Auswertung von klinischen Untersuchungen, Analyse internationaler Richtlinien und Diskussion von Expertenempfehlungen.

Ergebnisse

Eine gut vorbereitete Entlassung des Frühgeborenen mit liegender Magensonde verkürzt den Klinikaufenthalt um Tage bis Wochen. Mit entsprechender Nachbetreuung durch eine spezialisierte mobile Frühgeborenenversorgung ist die Verweildauer der Magensonde mit 2 bis 3 Wochen überschaubar und die Gewichtsentwicklung altersentsprechend.

Schlussfolgerung

Eine liegende Magensonde ist für Frühgeborene kein prinzipielles Entlassungshindernis. Ein begleitendes Case Management, eine fundierte Still- und Laktationsberatung sowie eine auf Frühgeborene spezialisierte mobile Kinderkrankenpflege sind erforderlich, um die für alle Beteiligten erfolgreiche Entlassung eines Frühgeborenen mit liegender Magensonde zu ermöglichen.
Hinweise

Redaktion

Reinhold Kerbl, Leoben
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Eine zu frühe Geburt bedeutet nicht nur für Eltern und Familien, sondern auch das gesamte Gesundheitssystem eine beträchtliche Herausforderung. Zentrale Themen sind die lange Aufenthaltsdauer in der Klinik und die Versorgung in häuslicher Umgebung nach der Entlassung. Nicht selten verlängert sich der stationäre Aufenthalt um Tage bis Wochen [1], weil eine Entlassung des Frühgeborenen mit liegender Magensonde nicht möglich erscheint. Die Studienlage zeigt hingegen, dass diese für alle Beteiligten von Vorteil sein kann [12].
Es ist belegt, dass die zu frühe oder komplikationsbehaftete Geburt eines Kindes ein kritisches Lebensereignis für Eltern darstellt. Die gesamte Familie ist plötzlich erheblichen psychosozialen Belastungen ausgesetzt [8]. Die teilweise langen Krankenhausaufenthalte mit allen Höhen und Tiefen sowie die ungewisse Zukunft stellen die größte Herausforderung für die Eltern dar [7]. Frühgeborene, die an der Grenze zur Lebensfähigkeit geboren werden, bleiben nicht selten 100 Tage oder länger in stationärer Betreuung [14]. Auch späte Frühgeborene, die nach der 34. Gestationswoche geboren werden, können das Krankenhaus in vielen Fällen nicht nach wenigen Tagen verlassen. Es vergehen teilweise einige Wochen, bis sie nach Hause entlassen werden können. Dabei ist zu beobachten, dass viele Familien genau beim Übergang von der stationären Betreuung ins häusliche Umfeld nicht selten von Unsicherheiten und Ängsten geplagt sind. Plötzlich sind sie ganz auf sich allein gestellt, haben unzählige Fragen, eine große Verantwortung zu übernehmen und viele Kontrolltermine. Dazu kommt noch die ständige Angst um die ungewisse Entwicklung ihres Kindes. Dennoch sehnen die Eltern die Entlassung herbei, um endlich ein „normales“ Familienleben führen zu können.

„Trinken lernen“, um nach Hause entlassen werden zu können?

Der Zeitpunkt der Entlassung eines Frühgeborenen ist an unterschiedliche Voraussetzungen gebunden und variiert von Abteilung zu Abteilung. Poets et al. sehen u. a. das Erreichen einer komplett selbstständigen Ernährung bei Frühgeborenen als wichtige Voraussetzung für eine Entlassung aus dem Krankenhaus [16]. Für eine adäquate Saug-Schluck-Atem-Koordination beim Trinken ist eine entsprechende neurologische Reife erforderlich. Die meisten Frühgeborene erreichen diese zwischen der 32. und 35. SSW [22]. Zu frühe Trinkversuche, d. h. vor dem Erlangen einer guten Saug-Schluck-Atem-Koordination, sind nicht sinnvoll. Trotz vieler Pausen, die das Frühgeborene zum Schlucken und zum Atmen braucht, treten beim Trinken immer wieder Sauerstoffsättigungsschwankungen und Bradykardien auf. Dieses Verhalten bei Frühgeborenen aufgrund von Unreife kann als physiologische Trinkschwäche bezeichnet werden [4].
Trinkversuche vor dem Erlangen einer guten Saug-Schluck-Atem-Koordination sind nicht sinnvoll
Die Folge ist, dass die Nahrungsaufnahme als Stress und negative Erfahrung wahrgenommen wird. Sich wiederholende negativ assoziierte Fütter- und Esserfahrungen können im Unterbewusstsein des Kindes gespeichert werden. Bei Frühgeborenen können vom Beginn der oralen Ernährung bis hin zur komplett selbstständigen Nahrungsaufnahme Tage bis Wochen vergehen [21]. Die Fähigkeit zur komplett selbstständigen Nahrungsaufnahme als Entlassungsvoraussetzung festzulegen, kann zu enormem Druck bei den Kindern und den Eltern führen. Nicht selten verschlimmert sich der psychologische Stress bei Eltern von Frühgeborenen durch einen längeren Krankenhausaufenthalt, auch wenn er nur dem „Trinken lernen“ gilt [19]. Letztlich ist die Saug-Schluck-Atem-Koordination ein Reifungsprozess und kein erlerntes Verhalten.

Paradigmenwechsel

Evidenz

Moderne neonatologische Abteilungen verfolgen ein individuelles, familienzentriertes Betreuungskonzept. Die gelebte intensive Einbindung der Eltern in die Versorgung ihrer Kinder erzeugt in der Folge auch eine wachsende Elternkompetenz. Diese ermöglicht nicht selten eine frühzeitige Entlassung der Kinder u. a. auch vor Erreichen der komplett selbstständigen Nahrungsaufnahme, d. h. mit liegender Magensonde. In den letzten Jahren finden sich zunehmend mehr wissenschaftliche Untersuchungen, die dieses Management befürworten. Es lassen sich viel Vorteile, sowohl für die Kliniken als auch für die Patienten und deren Familien, ableiten.
Meerlo-Habing et al., Ahnfeldt et al. sowie Bathie und Bathie and Shaw konnten die frühzeitige Entlassung mit liegender Magensonde mit einer längeren Stilldauer oder einer längeren Muttermilchernährung in Beziehung setzen [1, 3, 13]. Die maximale Liegedauer der Magensonde zu Hause betrug 23 Tage. Damit wird die Annahme gestärkt, dass das „gefürchtete“ Phänomen der Sondendependenz nicht eingetroffen und auch nicht zu befürchten ist. Zusätzlich haben die Kinder mit liegender Magensonde Nahrung und Fütterung zu Hause besser vertragen als die Kontrollgruppe im Krankenhaus [2]. Es haben 96 % der Eltern die frühzeitige Entlassung mit liegender Magensonde insgesamt als sicher erachtet, und 93 % der Eltern würden dieses Management wiederholen [12].
Des Weiteren kann durch die „frühzeitige“ Entlassung eines Frühgeborenen mit liegender Magensonde eine Reduktion der Krankenhausverweiltage allgemein in vielen Untersuchungen bestätigt werden. Frühgeborene konnten im Schnitt 3 bis 16 Tage früher entlassen werden [1, 12, 15]. Dies stellt eine enorme Kosteneinsparung für das Sozial- und Gesundheitswesen dar [3, 12]. Eine frühzeitige Entlassung von physiologisch stabilen Frühgeborenen mit liegender Magensonde bei entsprechender Schulung der Eltern senkt nicht nur das Risiko von Komplikationen und stationären Wiederaufnahmen, sondern auch die Krankenhausaufenthaltsdauer und die damit verbundenen Gesundheitskosten [2]. Hervorzuheben ist, dass bei allen genannten Untersuchungen die Familien in Form einer mobilen Kinderkrankenpflegeperson („family nurse“) im häuslichen Umfeld nachbetreut wurden.

Multidisziplinärer Ansatz

Zur Umsetzung der frühen Entlassung eines Frühgeborenen mit liegender Magensonde wird ein multiprofessionelles Team benötigt. Die sozialmedizinische Nachsorge in Deutschland am Beispiel des Bundesverbands Bunter Kreis hat diese Problematik bereits vor vielen Jahren aufgegriffen und Lösungsansätze gezeigt. Die mobile Nachsorge ist das zentrale Element, dessen positive Auswirkung in der PRIMA-Studie (Prospektive randomisierte Implementierung des Modellprojekts Augsburg) belegt werden konnte. Die Vorbereitungen für eine gute Nachsorge müssen bereits während des Klinikaufenthalts beginnen. Entsprechende Entlassungsvorbereitungen sind im engeren Sinne weder pflegerische noch ärztliche Tätigkeiten, trotzdem müssen sie vielerorts „add on“ als zusätzliche Routineaufgabe, mit oder ohne Unterstützung der Sozialen Arbeit, erledigt werden. Eine aufwendige Entlassung eines Frühgeborenen mit liegender Magensonde kostet zum einen ohnehin nicht ausreichend vorhandene Ressourcen, und zum anderen ist jede Berufsgruppe hauptsächlich auf ihr eigenes Tätigkeitsfeld konzentriert. Informationen im Betreuungsprozess rund um die Entlassung können leicht verloren gehen; die Transparenz der geplanten Maßnahmen geht verloren, und die Entlassung verzögert sich.
Ein gutes Frühentlassungsprogramm muss ganzheitlich orientiert sein und weit vor der eigentlichen Entlassung ansetzen. Sinn macht neben jeglicher kindzentrierten Intervention auch eine kontinuierliche Begleitung der gesamten Familie. Im Idealfall erfolgt diese von der Aufnahme bis zur Entlassung und darüber hinaus. Die Wichtigkeit dieser psychosozialen Elternbegleitung in der Neonatologie gewinnt immer mehr an Bedeutung [18]. Sie erfordert neben der fachlichen Expertise auch eine entsprechende Beratungskompetenz und Haltung. Handlungskonzepte eines Case Managements, einer entwicklungsfördernden Neonatalbegleitung oder einer psychosozialen Elternbetreuung erfüllen die genannten Voraussetzungen.
Ein gutes Frühentlassungsprogramm muss weit vor der eigentlichen Entlassung ansetzen
Die Einführung eines Case Managements bzw. eines entsprechenden Entlassungsmanagements ermöglicht es, betroffene Familien ein Stück weit zu begleiten und den Übergang von der stationären „Rundumbetreuung“ in das häusliche Umfeld zu erleichtern. Case Management wird als ein einrichtungssektorenübergreifendes sowie ganzheitliches Handlungskonzept zur Optimierung der Patientenversorgung definiert. Das Case Management ist Initiator, Vermittler und Organisator. Durch die kontinuierliche Begleitung, Unterstützung und Vernetzung von der Aufnahme bis zur Entlassung und darüber hinaus sollen die Kompetenz der Eltern gestärkt, die Eltern-Kind-Beziehung gefördert sowie die Lebenszufriedenheit der gesamten Familie erhöht werden. Im Vordergrund stehen die individuelle Orientierung an gemeinsamen Zielen, die Beteiligung multidisziplinärer Systeme sowie die Kooperation und Verzahnung der stationären, ambulanten und rehabilitativen Sektoren.

Case Management

Das Case Management muss wesentlicher Bestandteil des gesamten entwicklungsfördernden Betreuungskonzeptes der jeweiligen Neonatologie sein. Ein gutes Case Management beinhaltet u. a. eine frühe Kontaktaufnahme mit betroffenen Eltern, wenn irgend möglich bereits präpartal. Dadurch können die Familien bereits vor der Entbindung „aufgefangen“, multidisziplinär informiert und entsprechend auf die Zeit in der neonatologischen Abteilung vorbereitet werden. Der Case Manager ist somit erstes Bindeglied für die Eltern zum neonatologischen Fachbereich und wichtige Vertrauensperson. Je früher der erste Kontakt in der klinischen Behandlungsphase zur Familie ist, desto wahrscheinlicher ist eine tragfähige emotionale Bindung zur Familie. Die Begleitung durch das Case Management setzt sich über den stationären Aufenthalt fort. Ziel ist es, dass im Bedarfsfall weitere Helfersysteme im Sinne eines biopsychosozialen Ansatzes durch das Case Management individuell einbezogen werden. Den Löwenanteil der Arbeit im Case Management beinhaltet das Entlassungsmanagement. Um in der weiterführenden Betreuung einem Versorgungsbruch entgegenzuwirken, müssen benötigte Heil- und Hilfsmittel organisiert, Kontrolltermine koordiniert und die notwendige Anbindung an entsprechende Netzwerkpartner initiiert werden. Im Sinne der Hilfsmittelorganisation ist es Aufgabe des Case Managements, mit diversen Home-Care-Firmen in Verbindung zu stehen und die benötigten Utensilien für das jeweilige Kind zu organisieren. Dies reicht von einem Überwachungsmonitor für zu Hause über mobilen Sauerstoff samt Atemunterstützung und Absauggerät bis hin zum Equipment für die enterale (Magensonde) als auch parenterale Ernährung. Im Idealfall hat der Case Manager, unterstützt durch die eigene pflegerische Expertise im Bereich der Neonatologie, Kenntnisse bezüglich der Anwendung der Geräte und ist stets auf dem neuesten Stand der Technik. Handelt es sich um eine sehr komplexe Entlassung mit vielen am Betreuungsprozess beteiligten Akteuren und vielen notwendigen Hilfsmitteln, wird der Case Manager „Helferkonferenzen“ organisieren und involviert im Idealfall noch im stationären Setting die poststationär Weiterbetreuenden. In diesem Fall erhält z. B. der niedergelassene Kinderfacharzt bereits vorab alle wichtigen Informationen und weiß über die bereits in die Wege geleiteten Maßnahmen und noch mitwirkenden Akteure Bescheid. Individuell und je nach Bedarf werden zusätzlich therapeutische Maßnahmen wie Physio‑, Logo- und Ergotherapie installiert. Im Sinne der Kontrollterminorganisation wird versucht, mehrere Termine auf einen Tag zu legen, damit die Familie nicht wiederholt in die Klinik fahren muss. Es ist nicht ungewöhnlich, neonatologische ophthalmologische, neuropädiatrische, kinderkardiologische und viele andere Kontrollen für den Patienten bzw. die Familien zu koordinieren.
Case Management muss Bestandteil des Betreuungskonzeptes auf der neonatologischen Station sein
Die Wichtigkeit der Vernetzung von Berufsgruppen aus dem Sozial- und Gesundheitswesen hat „Early Life Care“ aufgegriffen und zum Kern seiner Lehrinhalte gemacht. Der Universitätslehrgang Early Life Care, der in Kooperation mit der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität und St. Virgil Salzburg angeboten wird, ist ein europaweit einzigartiges, berufsbegleitendes Bildungsangebot. Ziele sind der Aufbau und Austausch von multiprofessionellem Fachwissen, die Entwicklung multiprofessioneller Zusammenarbeit, Gesundheitsförderung und Prävention. Im Zentrum der Ausbildung steht ein Handeln, das aus einer inneren Haltung heraus wertschätzend an den Bedürfnissen, Wünschen und Notwendigkeiten der Familien orientiert ist.

Still- und Ernährungsberatung

Damit Frühgeborene mit liegender Magensonde vom Case Management sicher in die häusliche Pflege entlassen werden können, ist zusätzlich eine fundierte Still- und Laktationsberatung unerlässlich. Ein großes Augenmerk sollte auf die späten Frühgeborenen gelegt werden. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass die späten Frühgeborenen deutlich weniger häufig und kürzer gestillt werden als reifgeborene Kinder [6, 10]. Bereits die initiale Stillrate beträgt bei „late preterms“ nur zw. 59 und 75 %; was deutlich geringer ist als bei Reifgeborenen [17]. Zum einen sind Frühgeborene häufig schläfriger, weniger ausdauernd und haben aufgrund der Unreife Probleme beim Anlegen, beim Saugen und beim Trinken an der Brust. Zum anderen stellt sich die Laktation bei den Müttern aufgrund von Kaiserschnittentbindung, Gestationsdiabetes u. a. medizinischen Komplikationen; aber auch aufgrund häufigerer Trennung von Mutter und Kind sowie deutlich seltenerem „Skin-to-skin“-Kontakt in der ersten Stunde nach der Geburt häufig schlechter ein.
Kompetente Still- und Ernährungsberatung ist bei der Entwöhnung von der Magensonde unerlässlich
Die Academy of Breastfeeding Medicine verfasste bereits 2016 Guidelines zu Förderung und Aufrechterhaltung des Stillens bei späten Frühgeborenen [5]. Das Potenzial von Muttermilchernährung konnten Johnson et al. [11] in ihrer Studie zeigen: Späte Frühgeborene, die zum Zeitpunkt der Entlassung nicht mit Muttermilch ernährt wurden, hatten ein höheres Risiko für ein schlechteres kognitives Outcome im Vergleich zu gestillten bzw. muttermilchernährten Kindern.
Die European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) veröffentlichte 2019 ein Positionspaper zur Ernährung von späten und moderaten Frühgeborenen. Hierin wird das Stillen dringend empfohlen. Mütter sollten eine qualifizierte und ausführliche Stillberatung mit regelmäßigen Follow-ups erhalten. Das Gesundheitspersonal sollte sich der möglichen Stillprobleme von Frühgeborenen bewusst sein und individualisierte Ernährungspläne erstellen können. Die Dauer erfolgreichen Stillens wird extrem durch das Vertrauen, Wissen und die Zuversicht der Mutter beeinflusst [9]. Diese ermöglicht den Müttern, ihre Kinder so zu ernähren, wie es für diese am besten ist. Im Idealfall können selbst kleine Frühgeborene voll gestillt versorgt werden. Wird eine Entlassung mit liegender Magensonde vorbereitet, tragen die Stillberater einen wesentlichen Teil dazu bei, den Müttern das Handwerkszeug für die selbstständige Versorgung ihrer Kinder auch mit liegender Magensonde zu vermitteln.

Mobile Frühgeborenennachsorge

Nach einer erfolgreichen Entlassung steht die mobile Nachsorge im Zentrum der Betreuung. Kern dieser Betreuung ist eine mobile Kinderkrankenpflege. Optimal ist, wenn das Angebot dieser mobilen Frühgeborenennachsorge niederschwellig direkt vom Case Management auf der neonatologischen Station initiiert wird und allen Familien mit Frühgeborenen im jeweiligen Bundesland zur Verfügung steht. Der erste Hausbesuch durch die mobile Kinderkrankenpflege soll spätestens 48 h nach der Entlassung erfolgen und wird in der Folge individuell mit der Familie weiterorganisiert. Ziel ist es, die so wichtige Betreuung der gesamten Familie im häuslichen Umfeld fortzusetzen, um die Kompetenz der Eltern weiter zu stärken, die Eltern-Kind-Beziehung zu fördern und zu einer besseren Lebenszufriedenheit der Familien beizutragen. Um dies gewährleisten zu können, muss die mobile Kinderkrankenpflege über spezielles Fachwissen im Umgang mit Frühgeborenen verfügen. Dazu gehören nicht nur pflegerisches Wissen über Frühgeborene und den sensiblen Umgang mit deren Familien, sondern auch eine fundierte Still- und Laktationsausbildung. Dies ist erforderlich, weil die Entwöhnung von der Magensonde hin zum voll gestillten Säugling nur funktioniert, wenn die Mutter beim Stillen entsprechend kompetent angeleitet wird. Aktuell besteht in Österreich kein Rechtsanspruch auf eine derartige mobile Frühgeborenennachsorge. Es müssen deshalb gemeinsam mit den lokalen Stellen der jeweiligen Sozial- und Gesundheitsresorts für jeden Standort individuelle Lösungen gesucht und gefunden werden. Eine gut funktionierende mobile Kinderkrankenpflege mit speziellem Augenmerk auf Frühgeborenennachsorge gibt es aktuell in Österreich nur in Wien und in Salzburg. Im Jahr 2022 haben in Salzburg 116 zu früh geborene Patienten bzw. ihre Familien nach Entlassung diese spezielle mobile Frühgeborenennachsorge in Anspruch genommen. Insgesamt konnten 52 Frühgeborene mit liegender Magensonde entlassen werden. Die Tendenz ist steigend. Ein Konzept für ein Case Management, wie es z. B. in Salzburg gut funktioniert, ist in Abb. 1 dargestellt. Es birgt unbestrittene Vorteile, den Eltern von Frühgeborenen auf diese Weise bereits während des stationären Aufenthalts Spezialisten zur Seite zu stellen, die frühzeitig die Entlassung ihres Kindes planen und organisieren. Zentrale Ansprechperson ist ein/e Case Manager/Managerin. Deren komplexe Aufgaben sind in Abb. 2 grafisch dargestellt. Durch diese Form der Betreuung gelingt es, die Kompetenz der Eltern maximal zu stärken und den Übergang in die Selbstständigkeit zu erleichtern. Insgesamt soll Case Management eine Orientierungshilfe sein, auf der eine gute Selbstversorgungskompetenz der Eltern aufbauen kann.
Das gute Ankommen zu Hause wird durch die mobile Frühgeborenennachsorge gesichert
Wie wichtig insgesamt eine psychosoziale Betreuung der Familiensysteme auf einer Neonatologie ist, wird immer deutlicher, und diese gewinnt zunehmend auch in der Öffentlichkeit und im sozialmedizinischen Gesundheitsbereich an Bedeutung. Dennoch stellen die vorliegenden Erkenntnisse eine Herausforderung dar. Ziel ist es, die sich in der Entwicklung befindende Eltern-Kind-Einheit in einem Gesundheitswesen mit eingeschränkten Ressourcen und gesundheitsökonomischer Vorgaben individuell und qualitativ hochwertig zu unterstützen und zu begleiten [20].
Die Autoren des vorliegenden Beitrags sehen mit der Etablierung einer umfassenden Betreuung der Eltern im Verbund eines spezialisierten Helfersystems einen wichtigen Schritt in diese Richtung. Aus diesem Grund soll auch in Zukunft versucht werden, diese Standards einzuhalten und stetig im Sinne der Familien weiterzuentwickeln.

Fazit für die Praxis

  • Eltern sind gleichberechtigte Partner bei der Versorgung ihrer Kinder. Um die Elternrolle zu stärken und intuitive Fähigkeiten zu fördern, müssen die Familien entsprechend begleitet und unterstützt werden.
  • Die Entlassung eines Frühgeborenen beginnt mit der Aufnahme; idealerweise übernimmt ein Case Management diese Aufgabe.
  • Die Ernährung eines Neugeborenen ist ein dyadischer Prozess und erfordert höchste Intuition und Interaktion. Primäres Ziel ist ein lustvolles Stillen ohne Druck oder Zwang; eine Entlassung auch mit Magensonde ist zu ermöglichen.
  • Eltern sollen über den Entwicklungsstand ihrer Kinder aufgeklärt sowie multidisziplinär zu einer entwicklungsfördernden und -unterstützenden Ernährungsweise angeleitet werden.
  • Familien profitieren enorm von einer frühzeitigen Entlassung und fühlen sich durch eine mobile Frühgeborenennachbetreuung gut unterstützt. Dadurch können Belegungstage in der Klinik eingespart sowie „Drehtüreffekte“ und Doppelgleisigkeiten vermieden werden.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

F. Krasnitzer-Leitner, M. Wald und E. Hofstätter geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
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Metadaten
Titel
Entlassung von Frühgeborenen mit liegender Magensonde
Aufgabe, nicht nur für das Case Management
verfasst von
Franziska Krasnitzer-Leitner
Assoc.-Prof. PD Dr. Martin Wald
Dr. Edda Hofstätter
Publikationsdatum
13.07.2023
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Monatsschrift Kinderheilkunde / Ausgabe 9/2023
Print ISSN: 0026-9298
Elektronische ISSN: 1433-0474
DOI
https://doi.org/10.1007/s00112-023-01805-8

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