Skip to main content
Erschienen in:

Open Access 23.06.2022 | Kasuistiken

Pneumozephalus nach konjunktivalem Drucklufttrauma

verfasst von: M. L. Biller, M. Böhm, C. Kolb, J. Bucur, M. Müller, Prof. Dr. T. Kohnen, FEBO

Erschienen in: Die Ophthalmologie | Ausgabe 6/2023

Hinweise
QR-Code scannen & Beitrag online lesen

Falldarstellung

Druckluft-Reinigungspistolen zur Säuberung großer Arbeitsflächen sind in der Industrie weit verbreitet. Obwohl seitens der Hersteller und des Arbeitsschutzes vielfältige Schutzmaßnahmen bei der Anwendung vorgeschrieben sind, werden diese in der Arbeitspraxis oft vernachlässigt.
In der vorliegenden Kasuistik wird über eine Patientin berichtet, die im Rahmen einer Tätigkeit in einem fleischverarbeitenden Betrieb einen Arbeitsunfall mit einer Druckluft-Reinigungspistole erlitt.

Anamnese

Eine 34-jährige Patientin ohne sonstige Vorerkrankungen berichtete bei ihrer notfallmäßigen Vorstellung, dass ein Mitarbeiter 1 h zuvor an ihrem Arbeitsplatz eine Druckluftpistole aus wenigen Zentimeter Entfernung versehentlich in den Bereich ihres rechten Auges gehalten und ausgelöst habe. Die Patientin habe keine Schutzbrille getragen. Unmittelbar danach sei am rechten Auge eine Schwellung der Lider sowie der gesamten oberen Gesichtshälfte aufgetreten. Seit dem Ereignis bestanden rechtsseitige Gesichts‑, Augen- und Kopfschmerzen sowie eine subjektive ipsilaterale Visusminderung.

Befund und Diagnose

Am rechten Auge zeigte sich eine orbitale Weichteilschwellung, die sich bis temporal fortsetzte und palpatorisch Krepitationen aufwies (Abb. 1a). Es lagen keine kutanen Verletzungen vor. Eine spontane Lidöffnung war rechts nicht möglich. Der Visus betrug s.c. am rechten Auge (RA) 0,5 und am linken Auge (LA) 1,0. Die Patientin konnte aufgrund starker Schmerzen nicht refraktioniert werden. Über korrigierende Sehhilfen verfügte die Patientin nicht. Es zeigten sich keine pathologischen Veränderungen der Pupillenreaktion. Die Motilität war beidseits frei, rechts zeigte sich eine dezente Protrusio bulbi. Der intraokulare Druck betrug rechts 14 und links 19 mmHg. Am RA zeigte sich an der Bindehaut (BH) neben einem temporalen Hyposphagma und einer deutlichen Chemosis temporal-inferior eine Dehiszenz von etwa 5 mm. Die Wundränder waren adaptiert. Die brechenden Medien waren klar und klinisch ohne Affektion, intraokular zeigte sich in Miosis ebenfalls ein reizfreier Befund. Sonographisch (B-Bild) war die Netzhaut allseits anliegend. Am LA zeigte sich ein altersentsprechend regelrechter Organbefund. In der nativen Computertomographie des Schädels (cCT) stellten sich neben einem subkutanen Weichteilemphysem der rechten Fazies intraorbitale Lufteinschlüsse dar, die über den Canalis opticus bis in den Bereich des Chiasma opticum reichten. Auch peripher im Bereich des rechten Temporallappens zeigten sich Lufteinschlüsse im Sinne eines Pneumozephalus (Abb. 1b, Pfeil). Der rechte Bulbus und N. opticus wiesen keine Affektion auf. Frakturen, ein Retrobulbärhämatom oder intrakranielle Blutungen konnten ausgeschlossen werden. Neurologisch war die Patientin grob orientierend unauffällig.

Therapie und Verlauf

Bei Orbitatrauma und Verdacht auf eine Beteiligung extraorbitaler Strukturen ist ein interdisziplinäres Vorgehen wichtig, um eventuelle weitere Schäden frühzeitig zu erkennen und ggf. zu behandeln. Im vorliegenden Fall wurde in Rücksprache mit den Kollegen der Neurologie eine i.v.-Dosis Prednisolon (250 mg) verabreicht, welche am Folgetag auf 100 mg täglich oralisiert und schließlich alle 3 Tage um 10 mg reduziert wurde. Die Patientin wurde stationär überwacht und täglich ophthalmologisch und orientierend neurologisch untersucht. Lokal wurde 4‑mal täglich eine Augensalbe mit Dexamethason, Neomycin und Polymyxin B appliziert. Auf eine chirurgische Versorgung der BH-Dehiszenz wurde bei kleiner Defektgröße und adaptierten Wundrändern verzichtet, womit außerdem ein weiterer Luftaustritt ermöglicht wurde. Am vierten stationären Tag wurde eine kraniale Magnetresonanztomographie (cMRT) durchgeführt, in welcher sich eine annähernd vollständige Resorption der intraorbitalen und intrakraniellen Luft zeigte (Abb. 2a). Der Visus am RA betrug bei Entlassung s.c. 0,9; der Organbefund war bis auf ein temporal betontes Hyposphagma regelrecht und die BH-Dehiszenz war geschlossen (Abb. 2b). Der Patientin wurden bei subjektiver Beschwerdefreiheit ein weiteres Ausschleichen der Kortisontherapie, eine Fortführung der Lokaltherapie für eine weitere Woche sowie weitere Kontrollen beim niedergelassenen Augenarzt empfohlen.

Diskussion

Hochdruckluft findet in den verschiedensten Bereichen Anwendung, wobei die empfohlenen Sicherheitsmaßnahmen oft missachtet werden. Im vorliegenden Fall führte eine Perforation der BH durch Druckluft zu einem Orbitaemphysem und einem Pneumozephalus, wobei schwerwiegende Komplikationen ausgeschlossen und verhindert werden konnten. Zu diesen zählt in der Augenheilkunde neben der Bulbusperforation insbesondere das orbitale Kompartmentsyndrom, welches durch eine intraorbitale Druckerhöhung (wie hier durch Luft, jedoch auch z. B. durch Blut im Rahmen eines Retrobulbärhämatoms) zu irreparablen Schäden des Sehnervs und retinalen Ischämien führen kann und eine schnellstmögliche operative Entlastung erfordert [6]. Dis- bzw. Transsektionen des Sehnervs sind bei vergleichbaren Verletzungen ebenfalls vorbeschrieben [4]. Auch wurden Fälle von begleitenden Uveitiden, kornealen Verletzungen und Tensiodekompensationen bei orbitalen Druckluftverletzungen beschrieben [7, 8]. Intraokulare Verletzungen wie eine Commotio retinae sind bei Druckluftverletzungen aufgetreten [5], weshalb zum Ausschluss einer traumatischen Amotio retinae eine Sonographie erfolgen sollte. Die Indikation zur Fundusuntersuchung in Mydriasis sollte vor dem Hintergrund der Möglichkeit eines traumatischen Sphinkterschadens vorsichtig gestellt werden und ggf. erst im Verlauf erfolgen. Frakturen (insbesondere des Orbitabodens) und das Eindringen von Luft aus den Nasennebenhöhlen sind die weitaus häufigsten Ätiologien hinter einem Orbitaemphysem [3]. Sie sollten auch bei selteneren Unfallmechanismen mittels Bildgebungsuntersuchung ausgeschlossen werden. Bei Verdacht auf Affektion der knöchernen Strukturen sollten die Kollegen der Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie und ggf. der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde konsultiert werden. Auch eine iatrogene Genese sollte erwogen werden, da Druckluft im Rahmen zahnärztlicher Eingriffe zur Oberflächenreinigung verwendet wird und im Einzelfall neben subkutanen Emphysemata auch einen Pneumozephalus bedingen kann [2]. Die Beurteilung von Affektionen des zentralen Nervensystems (ZNS) und die Erarbeitung eines diagnostisch-therapeutischen Konzepts sollten gemeinsam mit Kollegen der Neurologie bzw. Neurochirurgie erfolgen. Hier steht v. a. der Ausschluss von potenziell lebensbedrohlichen Verletzungen wie strukturellen Schäden und/oder Blutungen des ZNS im Vordergrund.
Therapeutisch sollte die Eintrittspforte (hier BH-Verletzung) zur Vorbeugung von Infektionen und Linderung der Entzündungsreaktion lokal antibiotisch und ggf. mit Steroiden behandelt werden. Zur Beschleunigung des Austritts der Luft schlagen einige Autoren eine konjunktivale Inzision mit einer 27-Gauge-Nadel vor [1]. Systemisch können Steroide verabreicht werden, um die Entzündungsreaktion der vom Emphysem betroffenen Bereiche zu kontrollieren. Einige Autoren empfehlen (insbesondere bei begleitendem Pneumozephalus) eine zusätzliche prophylaktische systemische Antibiose [9]. In der Akutphase sollte zum Ausschluss der genannten Komplikationen eine engmaschige ophthalmologische und neurologische Überwachung erfolgen. Außerdem sollte eine weitere bildgebende Untersuchung zur Kontrolle der Resorption der Luft im Verlauf durchgeführt werden. Bei ausbleibender funktioneller Rehabilitation ist eine zeitnahe weiterführende diagnostische Abklärung angeraten.

Fazit für die Praxis

  • Arbeiten mit Druckluft erfordern strenge Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz des Augenbereichs (wie z. B. Schutzbrillen), um potenziell schwerwiegende und lebensbedrohliche Schäden an intrakraniellen Strukturen zu verhindern.
  • Druckluftverletzungen im Bereich der Orbita sollten interdisziplinär betrachtet und ggf. behandelt werden.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M. Böhm gibt eine Tätigkeit als Referentin für Alcon im Jahr 2021 an. M. Müller geht einer Vortragstätigkeit für Alcon/Novartis, Allergan, Thea nach. T. Kohnen gibt Forschungsförderung und Beratung für Alcon/Novartis, Avedro, J&J, LensGen, Oculentis, Oculus, Presbia, Schwind, Zeiss, Berater für Allergan, Bausch & Lomb, Dompé, Geuder, med update, Nevarkar, Santen, Staar, Tear Lab, Thieme, Ziemer an. M.L. Biller, C. Kolb und J. Bucur geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien. Für Bildmaterial oder anderweitige Angaben innerhalb des Manuskripts, über die Patienten zu identifizieren sind, liegt von ihnen und/oder ihren gesetzlichen Vertretern eine schriftliche Einwilligung vor.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen.
Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://​creativecommons.​org/​licenses/​by/​4.​0/​deed.​de.

Unsere Produktempfehlungen

Die Ophthalmologie

Print-Titel

  • Umfassende Themenschwerpunkte mit klaren Handlungsempfehlungen
  • Praxisrelevante CME-Fortbildung in jedem Heft
  • Organ der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft

e.Med Interdisziplinär

Kombi-Abonnement

Jetzt e.Med zum Sonderpreis bestellen!

Für Ihren Erfolg in Klinik und Praxis - Die beste Hilfe in Ihrem Arbeitsalltag

Mit e.Med Interdisziplinär erhalten Sie Zugang zu allen CME-Fortbildungen und Fachzeitschriften auf SpringerMedizin.de.

Literatur
1.
Zurück zum Zitat Akbari-Kamrani M, Akbari-Kamrani B, Tavakoli M (2020) Urgent subconjunctival needle decompression for orbital compartment emphysema caused by compressed air injury. Ann Emerg Med 76:801–803CrossRefPubMed Akbari-Kamrani M, Akbari-Kamrani B, Tavakoli M (2020) Urgent subconjunctival needle decompression for orbital compartment emphysema caused by compressed air injury. Ann Emerg Med 76:801–803CrossRefPubMed
3.
Zurück zum Zitat Jordan DR, White GL Jr., Anderson RL et al (1988) Orbital emphysema: a potentially blinding complication following orbital fractures. Ann Emerg Med 17:853–855CrossRefPubMed Jordan DR, White GL Jr., Anderson RL et al (1988) Orbital emphysema: a potentially blinding complication following orbital fractures. Ann Emerg Med 17:853–855CrossRefPubMed
5.
Zurück zum Zitat Mathew S, Vasu U, Francis F et al (2008) Transconjunctival orbital emphysema caused by compressed air injury: a case report. Indian J Ophthalmol 56:247–249CrossRefPubMedPubMedCentral Mathew S, Vasu U, Francis F et al (2008) Transconjunctival orbital emphysema caused by compressed air injury: a case report. Indian J Ophthalmol 56:247–249CrossRefPubMedPubMedCentral
6.
Zurück zum Zitat Mccallum E, Keren S, Lapira M et al (2019) Orbital compartment syndrome: an update with review of the literature. Clin Ophthalmol 13:2189–2194CrossRefPubMedPubMedCentral Mccallum E, Keren S, Lapira M et al (2019) Orbital compartment syndrome: an update with review of the literature. Clin Ophthalmol 13:2189–2194CrossRefPubMedPubMedCentral
7.
Zurück zum Zitat Teller J, Prialnic M, Savir H (1985) A rare mechanism of orbital emphysema. Ann Ophtalmol 17:532–534 Teller J, Prialnic M, Savir H (1985) A rare mechanism of orbital emphysema. Ann Ophtalmol 17:532–534
8.
Zurück zum Zitat Walsh MA (1972) Orbitopalpebral emphysema and traumatic uveitis from compressed air injury. Arch Ophthalmol 87:228–229CrossRefPubMed Walsh MA (1972) Orbitopalpebral emphysema and traumatic uveitis from compressed air injury. Arch Ophthalmol 87:228–229CrossRefPubMed
9.
Zurück zum Zitat Yuksel M, Yuksel KZ, Ozdemir G et al (2007) Bilateral orbital emphysema and pneumocephalus as a result of accidental compressed air exposure. Emerg Radiol 13:195–198CrossRefPubMed Yuksel M, Yuksel KZ, Ozdemir G et al (2007) Bilateral orbital emphysema and pneumocephalus as a result of accidental compressed air exposure. Emerg Radiol 13:195–198CrossRefPubMed
Metadaten
Titel
Pneumozephalus nach konjunktivalem Drucklufttrauma
verfasst von
M. L. Biller
M. Böhm
C. Kolb
J. Bucur
M. Müller
Prof. Dr. T. Kohnen, FEBO
Publikationsdatum
23.06.2022
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Die Ophthalmologie / Ausgabe 6/2023
Print ISSN: 2731-720X
Elektronische ISSN: 2731-7218
DOI
https://doi.org/10.1007/s00347-022-01671-x

Weitere Artikel der Ausgabe 6/2023

Die Ophthalmologie 6/2023 Zur Ausgabe

Neu im Fachgebiet Augenheilkunde

Endokrine Orbitopathie als Ursache einer Diplopie im Senium – Unterschiede zwischen Jung und Alt

Schielen Leitthema

Für diese retrospektive Studie haben wir die Krankenakten von EO-Patienten analysiert, die unser EUGOGO(European Group On Graves’ Orbitopathy)-Zentrum von Januar 2008 bis Dezember 2018 besucht haben. Aus dieser zuvor veröffentlichten Datenbank von …

How to: einen wissenschaftlichen Artikel richtig lesen

Wissenschaft CME-Artikel

Kriterien zur Einordnung der Aussagekraft wissenschaftlicher Artikel werden vorgestellt. Der Fokus liegt auf Forschungsdesign und Methodik, die anhand der klassischen Studie zur prähospitalen Volumentherapie bei Schwerverletzten mit penetrierenden …

Differenzialdiagnose der Vertikaltropie im Senium

Schielen Leitthema

Gemäß der demografischen Entwicklung stellen sich zunehmend ältere Patienten in der augenärztlichen Praxis und Klinik vor, darunter auch solche mit Diplopie. Einige der Patienten geben dabei nicht nur horizontal versetzte Doppelbilder, sondern …

Myasthenie als Ursache einer Vertikaldiplopie im Senium

Diplopie Leitthema

Die Myasthenie ist eine gut verstandene Autoimmunerkrankung der neuromuskulären Synapse, die medikamentös mit sehr guten Erfolgen behandelbar ist und deswegen in der differenzialdiagnostischen Evaluation der Vertikaldiplopie nicht verpasst werden …

Update Augenheilkunde

Bestellen Sie unseren Fach-Newsletter und bleiben Sie gut informiert.