Zum Inhalt
Die Chirurgie

Verdickte und sezernierende Nabelschnur bei einem Neugeborenen

QR-Code scannen & Beitrag online lesen

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Anamnese

Im vorliegenden Fall handelt es sich um ein eutrophes, reifes Neugeborenes der 37 + 0 SSW einer 1. Gravida, 1. Para mit einem Geburtsgewicht von 2580 g. Erstmals wurde im Rahmen einer sonographischen Untersuchung im Gestationsalter von 16 Wochen + 3 der Verdacht auf eine Omphalozele mit Darmschlingen als Inhalt geäußert. Eine Chromosomenanalyse nach Amniozentese ergab einen unauffälligen Befund. Das Kind wurde per primärer Sectio entbunden, der Apgar-Test ergab 9/10/10.

Klinischer Befund

In der ersten körperlichen postnatalen Inspektion wurde eine „kleine Omphalozele“ mit vorhandener enteraler Fistel beschrieben (Abb. 1). Hierüber entleerten sich Mekonium und im Verlauf auch Übergangsstuhl. Nebenbefundlich bestand ein persistierendes Foramen ovale mit kleinem Vorhofseptumaneurysma, die übrigen kardiovaskulären Strukturen waren unauffällig.
Abb. 1
Postnataler Befund des verdickten und sezernierenden Nabels mit einem sichtbaren „Ostium“ im Bereich der Nabelschnur
Bild vergrößern

Wie lautet Ihre Diagnose?

Weiteres Procedere

Nach einer unauffälligen postnatalen Adaptation wurde das Neugeborene noch am 1. Lebenstag zur weiteren Therapie in die Kinderchirurgie verlegt. Intraoperativ zeigte sich ein persistierender Ductus omphaloentericus mit „Perforation“ im Bereich der auffällig verdickten Nabelschnur (Abb. 2). Es erfolgten eine Segmentresektion und nachfolgende Passagerekonstruktion mittels terminoterminaler Ileoileostomie. Anschließend erfolgte die Nabelrekonstruktion mittels einer Tabaksbeutelnaht. Hierunter zeigte sich ein gutes kosmetisches Ergebnis. Ab dem 2. Post-OP-Tag wurde das Kind problemlos enteral kostaufgebaut.
Abb. 2
Intraoperativer Befund der Nabelschnurhernie mit dem in die Nabelschnur „perforierten“ persistierenden Ductus omphaloentericus (Pinzette liegt im äußeren Ostium des Ductus omphaloentericus an der Nabelschnur)
Bild vergrößern

Histologie

Die pathologisch-anatomische Begutachtung zeigte ein Dünndarmresektat mit einem 3,6 cm langen persistierenden Ductus omphaloentericus, unmittelbar an die Nabelschnur angrenzend.

Diskussion

Eine Nabelschnurhernie („hernia into the cord“) ist eine seltene Pathologie mit einem Aufkommen von 1:5000 [1] und wird neben der Omphalozele, der Gastroschisis [2] und den kongenitalen kindlichen Nabelhernien zu den ventralen Bauchwanddefekten gezählt [3, 4]. Häufig bleibt sie unerkannt [1, 5] oder wird fälschlicherweise für eine kleine Omphalozele gehalten [5, 6]. Die Nabelschnurhernie kann unterschiedliche Ausmaße annehmen. Klinisch imponiert sie am häufigsten als kleine Schwellung im Bereich des Nabelschnuransatzes bei einem asymptomatischen Neugeborenen [3]. In der Nabelschnurhernie können prolabierte Anteile des Ileums, selten aber auch ein Überbleibsel des Ductus omphaloentericus gefunden werden. Der Entwicklungszeitpunkt dieser Pathologie findet etwa in der 10. bis 12. Gestationswoche statt. Ursächlich ist am ehesten eine unvollständige Rückverlagerung der Abdominalorgane aus dem Coelom [5, 6]. Der Bauchnabel, die Nabelschnur sowie die Bauchmuskulatur sind hierbei physiologisch angelegt (s. auch Tab. 1).
Tab. 1
Differenzialdiagnose der ventralen Bauchdeckendefekte im Kindesalter. (Mod. nach [5])
 
Nabelschnurhernie
Omphalozele
Gastroschisis
Nabelhernie
Ätiologie
Persistenz einer physiologischen Nabelherniation über die 10.–12. SSW hinaus
Fehlender Verschluss der ventralen Bauchwand
Unklare Pathologie, Verdacht auf Verschluss der A. omphalomesenterica, abnormale Rückbildung der rechten Umbilikalvene
Verzögerter Verschluss des Nabelrings
Inzidenz
1:5000
1:4000
1:2000
Sehr häufig
Genetik
Sporadisch
Meist sporadisch
Meist sporadisch
Sporadisch
Assoziierte Fehlbildungen
Seltene Fallberichte von assoziierten Darmanomalien
50–70 % der Patienten haben weitere Fehlbildungen
In 8–10 % der Fällt weitere „große“ Anomalien, in 1–3 % der Fälle zusätzliche Herzfehlbildungen
Selten
Abnormer Karyotyp
Kein Zusammenhang mit abnormalem Karyotyp
In 30–40 %
Kein Zusammenhang mit abnormalem Karyotyp
Kein Zusammenhang mit abnormalem Karyotyp
Prognose
Gut
Abhängig von assoziierten Fehlbildungen und Karyotyp
Gute Prognose, aber in 25 % Darmkomplikationen
Sehr gute Prognose
Bei Geburt ist das wichtigste diagnostische Kriterium die Morphologie des Nabelschnuransatzes, welcher physiologisch an einem intakten Nabelring anliegen sollte [1, 4]. In der häufigsten Zahl der Fälle erfolgt die chirurgische Versorgung der „hernia into the cord“ innerhalb der ersten 24 Lebensstunden, insbesondere im Falle einer bestehenden Symptomatik [1, 3, 59]. Kleine Hernien können sich aber auch ohne Operation reponieren und nachfolgend epithelisieren. Bei einer Nabelschnurhernie ist die Nabelschnur physiologisch an einem ausgebildeten Nabelring angelegt [1, 1012]. Zudem besteht eine intakte Bauchwand mit lediglich einem lokalen Fasziendefekt. Der Bruchsack besteht aus äußerem Amnion sowie innerem Peritonealblatt [6, 11]. Im Gegensatz zur Nabelhernie, bei der Darmschlingen oder peritoneales Fett aus dem Bauchraum durch einen Fasziendefekt an der verschlossenen Bauchwand prolabieren, hat bei einer Nabelschnurhernie nur eine unvollständige Rückverlagerung der Darmschlingen stattgefunden [13]. Eine Assoziation mit chromosomalen Abnormitäten ist nicht bekannt [14], jedoch kann eine Assoziation mit weiteren gastrointestinalen Malformationen bestehen, wie z. B. einer Malrotation oder einem persistierenden Ductus omphaloentericus bzw. einem Meckel-Divertikel [3, 58].
Diagnose: Nabelschnurhernie mit einem „perforierten“ persistierenden Ductus omphaloentericus
Das Meckel-Divertikel ist die häufigste angeborene Fehlbildung des Gastrointestinaltrakts beim Menschen, etwa 2 % der Bevölkerung sind davon betroffen [9]. Während der fetalen Entwicklung ist der Dottersack mit dem primitiven Darm über den Ductus omphaloentericus verbunden. Bei unvollständiger Rückbildung kann es zu den verschiedenen Varianten des Meckel-Divertikels kommen [9].

Fazit für die Praxis

Letztendlich ist die „hernia into the cord“ eine gutartige und isolierte Erkrankung, welche aber in Einzelfällen mit weiteren angeborenen Fehlbildungen, wie z. B. einem persistierenden Ductus omphaloentericus, einhergehen kann. Nach chirurgischer Versorgung hat die Nabelschnurhernie eine gute Prognose. Eine Differenzierung zwischen Omphalozele und Nabelschnurhernie als unterschiedliche eigenständige Entitäten ist sowohl aufgrund der unterschiedlichen Prognosen unter Berücksichtigung der assoziierten Fehlbildungen als auch aufgrund der Pathophysiologie klinisch relevant.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

C. Pensko und T. Meyer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien. Für Bildmaterial oder anderweitige Angaben innerhalb des Manuskripts, über die Patient/-innen zu identifizieren sind, liegt von ihnen und/oder ihren gesetzlichen Vertretern/Vertreterinnen eine schriftliche Einwilligung vor.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
download
DOWNLOAD
print
DRUCKEN
Titel
Verdickte und sezernierende Nabelschnur bei einem Neugeborenen
Verfasst von
Christoph Pensko
Univ.-Professor Dr. Thomas Meyer
Publikationsdatum
27.11.2025
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Die Chirurgie
Print ISSN: 2731-6971
Elektronische ISSN: 2731-698X
DOI
https://doi.org/10.1007/s00104-025-02418-5
1.
Zurück zum Zitat Burns CW, Ogryzlo MA (1938) Congenital Hernia into the Umbilical Cord; Two Cases, One Associated with Persistent Cloaca. Can Med Assoc J 39(5):438–441PubMedPubMedCentral
2.
Zurück zum Zitat Bence CM, Wagner AJ (2021) Abdominal wall defects. Transl Pediatr 10(5):1461–1469CrossRefPubMedPubMedCentral
3.
Zurück zum Zitat Mirza B, Ali W (2016) Distinct Presentations of Hernia of Umbilical Cord. J Neonatal Surg 5(4):53CrossRefPubMedPubMedCentral
4.
Zurück zum Zitat Mansfield SA, Jancelewicz T (2019) Ventral Abdominal Wall Defects. Pediatr Rev 40(12):627–635CrossRefPubMed
5.
Zurück zum Zitat Raju R et al (2015) Congenital hernia of cord: an often misdiagnosed entity. BMJ Case Rep. https://doi.org/10.1136/bcr-2015-209642CrossRefPubMedPubMedCentral
6.
Zurück zum Zitat Pal K, Ashri H, Al Wabari A (2009) Congenital hernia of the cord. Indian J Pediatr 76(3):319–321CrossRefPubMed
7.
Zurück zum Zitat Ghabisha S et al (2021) Newborn with hernia umbilical cord: a case report and review of literature. Open Access Surg 14:17–20CrossRef
8.
Zurück zum Zitat Gys B et al (2014) Herniation of a Meckel’s diverticulum in the Umbilical Cord. J Neonatal Surg 3(4):52CrossRefPubMedPubMedCentral
9.
Zurück zum Zitat Rattan KN et al (2016) Meckel’s diverticulum in children: Our 12-year experience. Afr J Paediatr Surg 13(4):170–174CrossRefPubMedPubMedCentral
10.
Zurück zum Zitat Sohn HJ et al (2016) Meckel diverticulum in exomphalos minor. Ann Surg Treat Res 91(2):90–92CrossRefPubMedPubMedCentral
11.
Zurück zum Zitat Haas J et al (2011) Umbilical cord hernias: prenatal diagnosis and natural history. J Ultrasound Med 30(12):1629–1632CrossRefPubMed
12.
Zurück zum Zitat Achiron R et al (1995) Fetal midgut herniation into the umbilical cord: improved definition of ventral abdominal anomaly with the use of transvaginal sonography. Ultrasound Obstet Gynecol 6(4):256–260CrossRefPubMed
13.
Zurück zum Zitat Lane WH Jr. (1955) Hernia into the umbilical cord; clarification and report of a case. N Engl J Med 253(11):466–467CrossRefPubMed
14.
Zurück zum Zitat Klein MD, Hertzler JH (1981) Congenital defects of the abdominal wall. Surg Gynecol Obstet 152(6):805–808PubMed
15.
Zurück zum Zitat Pal K (2014) Congenital hernia of the umbilical cord associated with extracelomic colonic atresia and perforation of gut in a newborn. Afr J Paediatr Surg 11(1):74–76CrossRefPubMed

Neu im Fachgebiet Gynäkologie und Geburtshilfe

Wie die erste Schwangerschaft das psychische Wohlbefinden beeinflusst

Wie verändert sich das psychische Wohlbefinden werdender Mütter von der Schwangerschaft bis nach der Geburt? Eine deutsch-niederländische Gruppe zeichnet ein differenziertes Bild. So steigt meist das Gefühl für Lebenssinn, während ein anderer Bereich Abstriche hinnehmen muss.

GLP-1-Rezeptoragonisten könnten Schutz vor Endometriumkarzinom verbessern

Über ihre metabolischen Effekte hinaus könnten Inkretinmimetika ein erweitertes therapeutisches Potenzial besitzen. Eine aktuelle Studie bei Frauen mit endometrialer Hyperplasie zeigt, dass die Kombination mit Gestagenen mit einer geringeren Inzidenz von Endometriumkarzinomen assoziiert ist.

Pathogene BRCA-Varianten: Prophylaktische Mastektomie und MRT-Überwachung doch ebenbürtig?

Laut Daten einer prospektiven britischen Studie schneidet eine Surveillance-Strategie im Vergleich mit einer risikoreduzierenden Mastektomie beim Vorliegen pathogener BRCA-Varianten in puncto Gesamtüberleben ähnlich gut ab. Im Detail sind allerdings Fragen offen.  

TNBC: Sacituzumab Govitecan verlängert das PFS

Sacituzumab Govitecan ist als Therapieoption beim vorbehandelten, fortgeschrittenen triple-negativen Brustkrebs (TNBC) etabliert. In Kombination mit Pembrolizumab konnte der Wirkstoff nun auch bei zuvor unbehandelten Tumoren seine Wirksamkeit belegen.

Update Gynäkologie

Bestellen Sie unseren Fach-Newsletter und bleiben Sie gut informiert – ganz bequem per eMail.

Bildnachweise
Nabelschnur bei Neugeborenem/© Pensko C, Meyer T / all rights reserved Springer Medizin Verlag GmbH, Gestresste Frau hält Baby im Arm/© Jelena Stanojkovic / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodellen), Frau injiziert sich Semaglutid in Arm/© millaf / Stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell), Mastektomie der rechten Brust/© Saowaluck / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell), Infusion über Armvene/© Seventyfour / stock.adobe.com (Symbolbild mit Fotomodell)