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09.03.2018 | Prävention und Rehabilitation in der Pneumologie | Nachrichten

Diesel-Debatte

Pneumologen lehnen Grenzwertdebatten über Luftschadstoffe ab

Autor:
Philipp Grätzel von Grätz

Klare Kante nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts: Die deutschen Lungenärzte begrüßen die neu entflammte Diskussion über Maßnahmen für saubere Luft in den Städten. Spekulationen über zu strenge Grenzwerte seien verfehlt, hieß es im Vorfeld ihres Kongresses.

Seit nach dem Dieselurteil des Bundesverwaltungsgerichts in deutschen Innenstädten temporäre Fahrverbote für Diesel-PKW drohen, wird viel diskutiert. Dabei geht es zwar überwiegend um Themen wie die technische Umrüstung von Dieselmotoren und um die praktische Umsetzbarkeit von Fahrverboten mit und ohne blaue Plaketten. Zumindest vereinzelt werden aber auch die europäischen Grenzwerte für Luftschadstoffe angezweifelt.

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) hält das für verfehlt. "Die neu aufgekommene Diskussion über die Grenzwerte ist eine merkwürdige Entwicklung", sagte Dr. Joachim Heinrich vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin am Klinikum der Universität München.


Feinstaub steht im Vordergrund

Die DGP hat sich nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts eindeutig positioniert: "Als Anwälte der Patienten mit Lungenerkrankungen begrüßen wir, dass es künftig legale Möglichkeiten gibt, Dieselfahrverbote auszusprechen", so Heinrich. 

Fahrverbote bedeuteten allerdings nicht, dass damit alle Probleme vom Tisch seien. Emissionen kämen auch von Kraftwerken, Industrieanlagen, aus der Landwirtschaft und von Kleinfeuerungsanlagen, die Holz oder Holzpellets verbrennen. "Letztlich erhöht das Urteil den Druck auf alle Beteiligten, etwas zu unternehmen", so Heinrich.

Der DGP-Experte ging auf einer Veranstaltung im Vorfeld des 59. Kongresses der DGP, der vom 14. bis 17. März 2018 in Dresden stattfindet, noch einmal auf die Grenzwerte der unterschiedlichen Luftschadstoffe ein. Unstrittig sei, dass der Feinstaub beim Thema Luftverschmutzung im Vordergrund stehe.

Die derzeitigen Grenzwerte für Partikel unter 10 μm oder unter 2,5 μm Durchmesser (PM10, PM2,5) gingen wesentlich zurück auf umfangreiche nordamerikanische Kohortenstudien, zu denen es in Europa lange Zeit kein Äquivalent gab. Dieselben Studien lägen auch den EU-Grenzwerten für Stickoxide zugrunde, die im Mittelpunkt der aktuellen Diskussion stehen.

US-Daten in Europa gültig?

Für Europa hat die ESCAPE-Studie in den letzten Jahren eigene Daten geliefert, mit einer etwas anderen Methodik. Bei 22 existierenden Kohorten wurde die Exposition mit Feinstaub und Stickoxiden unter Zuhilfenahme von Daten des geografischen Informationssystems (GIS) im Langzeitverlauf modelliert. Kernbotschaft der bisherigen Auswertungen sei, dass die nordamerikanischen Daten auch unter europäischen Bedingungen bestätigt werden könnten, so Heinrich.

Besonders gut lässt sich das am Feinstaub und der Gesamtsterblichkeit festmachen: So geht eine Erhöhung der PM2,5 um 5 μg/m³ in der ESCAPE-Studie mit einer statistisch signifikanten Zunahme der Mortalität um 7 Prozent einher (Lancet 2014; 383:785).

Aktuell publizierte ESCAPE-Daten sprechen außerdem für einen Zusammenhang zwischen PM2,5 und malignen Hirntumoren (Neuro Oncol 2018; 20: 420) sowie zwischen PM2,5 und Leberkrebs (Environ Res 2017; 154: 226).

Noch Forschungsbedarf bei Stickoxiden

Beim Stickstoffdioxid verhalte es sich etwas anders als beim Feinstaub, so Heinrich: "Stickstoffdioxid ist vor allem ein Indikator für ein verkehrsabhängiges Schadstoffgemisch." Auch dafür ließen sich gesundheitliche Effekte nachweisen. So fand eine ESCAPE-Auswertung im vergangenen Jahr einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Stickoxiden (NOx) und postmenopausalem Brustkrebs (Environ Health Perspect 2017; 125: 107005).

In Expositionsstudien ließen sich zudem bei Konzentrationen, wie sie in sehr belasteten Regionen in Deutschland zu finden sind, negative Effekte auf die Lunge nachweisen, so Heinrich.

Die Frage ist, inwieweit das wirklich alleine dem Gas NO2 zuzuschreiben ist. Hier gebe es noch Forschungsbedarf, denn NO2 korreliere mit einer Fülle anderer Schadstoffe, so der Experte. In jedem Fall ergebe sich daraus aber kein Grund, die derzeitigen, mit Studien gut hinterlegten Grenzwerte infrage zu stellen – eben weil diese sich nicht alleine auf NO2, sondern auf das durch die NO2-Messung beschriebene Schadstoffgemisch bezögen. "Bei allen Vorwürfen, die sich auf die Rechtfertigung der gesetzlichen Grenzwerte beziehen, sollte man überprüfen, ob nicht auch andere Interessen dahinterstehen", so Heinrich.

Infos zum Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP): http://pneumologie-kongress.de

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