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Metaanalyse zur stereotaktischen Bestrahlung von Oligometastasen beim Prostatakarzinom (WOLVERINE-Metaanalyse)

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Originalpublikation

Tang C, Sherry AD, Hwang H et al (2026) Metastasis-directed therapy and standard of care versus standard of care for oligometastatic prostate cancer (WOLVERINE): a systematic review and individual patient data meta-analysis from the X‑MET collaboration. Lancet Oncol 27:181–190.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Hintergrund
Die stereotaktische Bestrahlung (SBRT) von Oligometastasen (in der Literatur meistens als metastasengerichtete Therapie, MDT, bezeichnet) ist bei verschiedenen Erkrankungen etabliert. Beim Prostatakarzinom existieren mehrere kleine randomisierte Studien. Jetzt wurde eine Metaanalyse dieser Studien mit individuellen Patientendaten, die sog. WOLVERINE-Analyse, publiziert [8].
Methoden
Die Autoren führten eine systematische Recherche von Datenbanken (Embase, PubMed, CENTRAL, MEDLINE und ClinicalTrials.gov) durch; Einschlusskriterien waren veröffentlichte randomisierte, prospektive Studien mit Patienten mit oligometastasiertem (bis zu fünf Metastasen) Prostatakarzinom mit ausreichenden Daten zum progressionsfreien Überleben und Gesamtüberleben. Die Datenbankrecherche erfolgte bis November 2023 und wurde im Mai 2025 aktualisiert. Die primäre Analyse wurde in der Untergruppe der Studien durchgeführt, in denen die Patienten randomisiert entweder der MDT plus Standardtherapie (SOC) oder nur der SOC zugewiesen wurden. Die primäre Analyse umfasste eine Analyse auf Studienebene unter Verwendung eines Random-effects-Modells und eine Analyse auf Patientenebene, die nach Studien stratifiziert wurde. Diese Metaanalyse ist bei PROSPERO (CRD42023479078) registriert.
Ergebnisse
Von 2975 in den Datenbanken gefundenen Publikationen wurden sieben randomisierte Phase-2-Studien mit 574 Männern identifiziert. Eine Studie (RADIOSA) wurde wegen des Designs (MDT ± androgendeprivative Therapie) nicht weiter berücksichtigt. Bei den sechs verbliebenen Studien hatten fünf nur Patienten mit Prostata-Ca eingeschlossen (STOMP, ORIOLE, EXTEND, ARTO, EXTEND-Verlängerung) und eine Studie auch andere Patienten (SABR-COMET; aus dieser Studie wurden nur die 16 Patienten mit Prostata-Ca berücksichtigt). Insgesamt umfasste die Analyse dann 472 Patienten, die in den Jahren von 2012 bis 2023 rekrutiert und mit MDT plus SOC (n = 248) gegenüber SOC (n = 224) behandelt worden waren. Die Patienten hatten überwiegend ein hormonsensitives Prostata-Ca (vier Studien, in zwei davon war auch eine kastrationsresistente Erkrankung erlaubt), und eine Studie (ARTO) umfasste Patienten mit kastrationsresistentem oligometastasiertem Karzinom. Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 40,7 Monate. Die MDT war verbunden mit einem verbesserten progressionsfreien Überleben (Hazard Ratio [HR] = 0,44, p < 0,0001), radiologisch progressionsfreien Überleben (HR = 0,60, p = 0,0039) und Überleben bis zum Eintreten einer Kastrationsresistenz (HR = 0,58, p = 0,019). Der Effekt der MDT auf das Gesamtüberleben war aber gerade eben nicht signifikant (HR = 0,63, p = 0,051).
Schlussfolgerungen der Autoren
Diese WOLVERINE-Metaanalyse bestätigt die Vorteile der MDT bei oligometastasiertem Prostatakarzinom hinsichtlich des progressionsfreien Überlebens, des radiologisch progressionsfreien Überlebens und des Überlebens bis zum Eintreten der Kastrationsresistenz. Bezüglich des Einflusses auf das Gesamtüberleben sind weitere Forschungsarbeiten erforderlich.

Kommentar

Diese Metaanalyse bringt zwar keine generell neuen Erkenntnisse, aber sie bestätigt die bekannten Daten und verbessert die Evidenzlage. Für die Interpretation und interdisziplinäre Diskussionen sind folgende Punkte aus meiner Sicht wichtig:
  • In die Analyse gingen sechs randomisierte Studien ein [1, 37]. Dennoch betrug die Gesamtzahl der Patienten nur 472. Diese geringe Zahl von Patienten zusammen mit dem langen Rekrutierungszeitraum von mehr als 10 Jahren offenbart ein strukturelles Problem unseres Fachgebiets in der klinischen Forschung, an dessen Beseitigung und Lösung wir alle gemeinsam arbeiten müssen.
  • Die Effektivität der MDT war hinsichtlich aller untersuchten Endpunkte vergleichbar mit den in randomisierten Zulassungsstudien für neue Medikamente beobachteten Effekten, auch für das „overall survival“ (OS). Dass der Effekt auf das OS gerade eben die Signifikanzschwelle nicht erreichte, ist bedauerlich, aber nicht mangelnder Effektivität, sondern nur der statistischen Power geschuldet. Die Zulassungsstudien für neue Medikamente (insbesondere die Androgenrezeptor-pathway-Inhibitoren, ARPI) hatten meistens über 1000 Patienten, und die einzige Studie mit weniger Patienten (ARANOTE, Medikament Darolutamid, N = 669) war auch nicht signifikant bezüglich des „overall survival“.
  • Der Effekt der MDT auf das OS ist auch deshalb beachtlich, weil in den hier analysierten Studien mit MDT ein Crossover erlaubt war, d. h., Patienten mit alleiniger SOC konnten nach Erreichen des primären Endpunkts dann doch noch eine späte MDT erhalten. Auch wenn die genauen Zahlen nicht bekannt sind: Dieses Crossover schmälert im Allgemeinen den Effekt einer Intervention und ist bei Zulassungsstudien von Medikamenten ausgeschlossen (sonst wären nur wenige Zulassungsstudien in Bezug auf OS signifikant, wenn überhaupt).
  • Noch nicht berücksichtigt in der aktuellen Metaanalyse ist die kürzlich publizierte kanadische GROUQ-PCS9-Studie [2]; vermutlich würde bereits diese Studie ausreichen, um ein signifikantes Ergebnis auch in Bezug auf des OS zu erreichen.
  • Worauf man in Diskussionen mit anderen Fachdisziplinen hinweisen sollte: In dieser Metaanalyse wurde nach MDT ein 5‑Jahres-Überleben von 75 % beobachtet. Das betrifft zwar ein besonderes Kollektiv (Oligometastasierung), ist aber exorbitant gut, obwohl die meisten Patienten der Metaanalyse (noch) keine der neuen ARPI erhalten hatten. Keine Zulassungsstudie mit neuen Medikamenten hat so hohe 5‑Jahres-Überlebensraten berichtet. Das ist aus meiner Sicht ein besonders starkes Argument, solchen Patienten die MDT nicht vorzuenthalten.
Fazit
Die WOLVERINE-Metaanalyse bestätigt die Effektivität der MDT beim oligometastasierten Prostatakarzinom und liefert weitere Argumente, diese Therapie bei infrage kommenden Patienten generell zu empfehlen.
Jürgen Dunst, Kiel

Interessenkonflikt

J. Dunst gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Download
Titel
Metaanalyse zur stereotaktischen Bestrahlung von Oligometastasen beim Prostatakarzinom (WOLVERINE-Metaanalyse)
Verfasst von
Prof. Dr. Jürgen Dunst
Publikationsdatum
30.03.2026
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Erschienen in
Strahlentherapie und Onkologie
Print ISSN: 0179-7158
Elektronische ISSN: 1439-099X
DOI
https://doi.org/10.1007/s00066-026-02520-5
1.
Zurück zum Zitat Francolini G, Allegra AG, Detti B, and the ARTO Working Group members et al (2023) Stereotactic body radiation therapy and abiraterone acetate for patients affected by oligometastatic castrate-resistant prostate cancer: a randomized phase II trial (ARTO). J Clin Oncol 41:5561–5568CrossRefPubMed
2.
Zurück zum Zitat Niazi T, Saad F, Saad F, Tisseverasinghe S et al (2025) Metastases-directed therapy in addition to standard systemic therapy in oligometastatic castration-resistant prostate cancer in Canada (GROUQ-PCS 9): a multicentre, open-label, randomised, phase 2 trial. Lancet Oncol 26:1158–1167CrossRefPubMed
3.
Zurück zum Zitat Ost P, Reynders D, Decaestecker K et al (2018) Surveillance or metastasis-directed therapy for oligometastatic prostate cancer recurrence: a prospective, randomized, multicenter phase II trial. J Clin Oncol 36:446–453CrossRefPubMed
4.
Zurück zum Zitat Palma DA, Olson R, Harrow S et al (2020) Stereotactic ablative radiotherapy for the comprehensive treatment of oligometastatic cancers: long-term results of the SABR-COMET Phase II randomized trial. J Clin Oncol 38:2830–2838CrossRefPubMedPubMedCentral
5.
Zurück zum Zitat Phillips R, Shi WY, Deek M et al (2020) Outcomes of observation vs stereotactic ablative radiation for oligometastatic prostate cancer: the ORIOLE phase 2 randomized clinical trial. JAMA Oncol 6:650–659CrossRefPubMedPubMedCentral
6.
Zurück zum Zitat Sherry AD, Siddiqui BA, Haymaker C et al (2025) Continuous androgen deprivation therapy with or without metastasis-directed therapy for oligometastatic prostate cancer: the multicenter phase 2 randomized EXTEND trial. Eur Urol 88:496–509CrossRefPubMedPubMedCentral
7.
Zurück zum Zitat Tang C, Sherry AD, Haymaker C et al (2023) Addition of metastasis-directed therapy to intermittent hormone therapy for oligometastatic prostate cancer: the EXTEND phase 2 randomized clinical trial. JAMA Oncol 9:825–834CrossRefPubMedPubMedCentral
8.
Zurück zum Zitat Tang C, Sherry AD, Hwang H et al (2026) Metastasis-directed therapy and standard of care versus standard of care for oligometastatic prostate cancer (WOLVERINE): a systematic review and individual patient data meta-analysis from the X‑MET collaboration. Lancet Oncol 27:181–190CrossRefPubMed

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