Kommentar
Diese Metaanalyse bringt zwar keine generell neuen Erkenntnisse, aber sie bestätigt die bekannten Daten und verbessert die Evidenzlage. Für die Interpretation und interdisziplinäre Diskussionen sind folgende Punkte aus meiner Sicht wichtig:
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In die Analyse gingen sechs randomisierte Studien ein [
1,
3‐
7]. Dennoch betrug die Gesamtzahl der Patienten nur 472. Diese geringe Zahl von Patienten zusammen mit dem langen Rekrutierungszeitraum von mehr als 10 Jahren offenbart ein strukturelles Problem unseres Fachgebiets in der klinischen Forschung, an dessen Beseitigung und Lösung wir alle gemeinsam arbeiten müssen.
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Die Effektivität der MDT war hinsichtlich aller untersuchten Endpunkte vergleichbar mit den in randomisierten Zulassungsstudien für neue Medikamente beobachteten Effekten, auch für das „overall survival“ (OS). Dass der Effekt auf das OS gerade eben die Signifikanzschwelle nicht erreichte, ist bedauerlich, aber nicht mangelnder Effektivität, sondern nur der statistischen Power geschuldet. Die Zulassungsstudien für neue Medikamente (insbesondere die Androgenrezeptor-pathway-Inhibitoren, ARPI) hatten meistens über 1000 Patienten, und die einzige Studie mit weniger Patienten (ARANOTE, Medikament Darolutamid, N = 669) war auch nicht signifikant bezüglich des „overall survival“.
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Der Effekt der MDT auf das OS ist auch deshalb beachtlich, weil in den hier analysierten Studien mit MDT ein Crossover erlaubt war, d. h., Patienten mit alleiniger SOC konnten nach Erreichen des primären Endpunkts dann doch noch eine späte MDT erhalten. Auch wenn die genauen Zahlen nicht bekannt sind: Dieses Crossover schmälert im Allgemeinen den Effekt einer Intervention und ist bei Zulassungsstudien von Medikamenten ausgeschlossen (sonst wären nur wenige Zulassungsstudien in Bezug auf OS signifikant, wenn überhaupt).
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Noch nicht berücksichtigt in der aktuellen Metaanalyse ist die kürzlich publizierte kanadische GROUQ-PCS9-Studie [
2]; vermutlich würde bereits diese Studie ausreichen, um ein signifikantes Ergebnis auch in Bezug auf des OS zu erreichen.
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Worauf man in Diskussionen mit anderen Fachdisziplinen hinweisen sollte: In dieser Metaanalyse wurde nach MDT ein 5‑Jahres-Überleben von 75 % beobachtet. Das betrifft zwar ein besonderes Kollektiv (Oligometastasierung), ist aber exorbitant gut, obwohl die meisten Patienten der Metaanalyse (noch) keine der neuen ARPI erhalten hatten. Keine Zulassungsstudie mit neuen Medikamenten hat so hohe 5‑Jahres-Überlebensraten berichtet. Das ist aus meiner Sicht ein besonders starkes Argument, solchen Patienten die MDT nicht vorzuenthalten.
Jürgen Dunst, Kiel
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