Skip to main content
main-content

30.09.2022 | Prostatakarzinom | Nachrichten

Rechenmodell

Prostatakrebs aktiv überwachen: Wer profitiert?

verfasst von: Dr. Elke Oberhofer

print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Die Strategie der aktiven Überwachung beim Prostatakarzinom kommt unterm Strich vor allem Männern zugute, die jenseits der 65 an einem Niedrig-Risiko-Tumor erkrankt sind. In einer Modellrechnung aus Schweden gab es aber noch eine weitere Gruppe, die von dem Vorgehen zu profitieren scheint.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Männern mit einem Prostatakarzinom im Frühstadium kann unter bestimmten Umständen – abhängig von PSA-Wert, Gleason-Score und Tumorstadium – eine aktive Überwachung („Active Surveillance“, AS) angeboten werden. Im Gegensatz zum „Watchful Waiting“ wird dabei mithilfe von digital-rektaler Untersuchung, PSA-Wert-Bestimmung, MRT und regelmäßigen Biopsien engmaschig kontrolliert, ob sich die biologischen Eigenschaften des Tumors verändert haben. Gegebenenfalls kann dann frühzeitig eine entsprechende Therapie eingeleitet werden. Ob sich dieses Vorgehen auf lange Sicht für die Patienten auszahlt, darüber kann bisher allerdings nur spekuliert werden; die AS befindet sich erst seit 2005 in breitem Einsatz.

Daten von fast 24.000 Männern

Ein Team der Universität Uppsala hat hierzu aktuell eine Simulation durchgeführt, die auf Registerdaten der Prostate Cancer data Base Sweden (PCBaSe) beruht. Berücksichtigt wurden Daten von 23.655 Männern, die im Alter zwischen 40 und 75 Jahren an einem Prostatakarzinom im Frühstadium („sehr niedriges“, „niedriges“ oder „intermediäres Risiko“ gemäß der Einteilung des National Comprehensive Cancer Network) erkrankt und aktiv überwacht worden waren. Rückblickend wurde geschaut, wie sich die Krankheit unter der Strategie entwickelt hatte. In dem Rechenmodell konnte ein Zeitraum von 30 Jahren überblickt werden.

Das Team um Dr. Eugenio Ventimiglia kommt zu folgenden Ergebnissen: Für Patienten, die in jüngeren Jahren (unter 60) einen Tumor der intermediären Risikokategorie diagnostiziert bekommen hatten, war die AS offenbar keine gute Strategie. Das Risiko, vor dem 85. Lebensjahr an Prostatakrebs zu versterben, war in dieser Gruppe vergleichsweise hoch (z. B. 15% bei Diagnose im Alter von 55 Jahren). Ferner war die Spanne, die die Patienten ohne belastende Therapie auskamen, relativ gering (höchstens ein Drittel der verbleibenden Lebenszeit).

Empfehlung der Redaktion

Prostatakarzinom – Themenseite

Das Prostatakarzinom ist mit Abstand die häufigste Krebserkrankung beim Mann. Im Fokus dieser Themenseite stehen Screening, Diagnostik und Therapie des Prostatakrebs: von medikamentöser Kastration über Bestrahlung bis zur Prostatektomie.

Diesen Patientengruppen ist mit der AS gedient

Wer dagegen eindeutig profitierte, waren Patienten, bei denen man erst jenseits der 65 einen Niedrig-Risiko-Tumor entdeckt hatte. Hier lag die entsprechende Mortalität bei maximal 5% und der Anteil der therapiefreien Lebensjahre zwischen 62% und 77%. Für diese letztere Gruppe sei die aktive Überwachung folglich „eine sichere Strategie“, folgern Ventimiglia und seine Mitforschenden.

Zu erwägen ist die AS den Daten zufolge aber noch bei einer weiteren Gruppe: Patienten unter 65 mit einem Tumor der Kategorie „sehr niedriges Risiko“. Hier waren maximal 9% vor dem 85. Lebensjahr an ihrer Erkrankung verstorben. Wurde die Diagnose beispielsweise mit 55 Jahren gestellt, konnten Patienten mit einem solchen Tumor noch knapp die Hälfte der verbleibenden Lebenszeit therapiefrei verbringen.

Nebenwirkungen vermieden

In einem begleitenden Editorial weist Ahmed O. Elmehrath von der Universität Kairo auf die vergleichsweise schweren Nebenwirkungen hin, die z. B. eine Hormon- oder Chemotherapie des Prostatakarzinoms für die Patienten haben kann. Diese reichten von kardiovaskulären Problemen bis hin zur Entwicklung anderer Tumorentitäten. In dieser Hinsicht sei die AS „ein Mittelweg zwischen der Vermeidung unnötiger Therapien und der Reduktion des krebsbedingten Sterberisikos“.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Rechenmodell zur Krankheitsentwicklung bei Patienten mit Prostatakarzinom im Frühstadium, die lediglich aktiv überwacht werden.

Antwort: Der Anteil der Männer, die vor dem 85. Lebensjahr am Prostatakarzinom verstarben, war mit bis zu 15% vergleichsweise hoch, wenn der Tumor bereits vor dem 65. Lebensjahr diagnostiziert wurde. In dieser Gruppe schien die AS allerdings langfristig von Vorteil zu sein, wenn es sich um einen Tumor der niedrigsten Risikokategorie handelte. Wer auf lange Sicht eindeutig von der Strategie profitierte, waren Patienten im Alter über 65 bei Diagnose eines Niedrig-Risiko-Karzinoms. In dieser Gruppe konnte der größte Teil der verbleibenden Lebenspanne ohne belastende Therapie verbracht werden.

Bedeutung: Ältere Patienten mit Niedrig-Risiko-Karzinom profitieren offenbar mehr von der AS als jüngere mit einem Tumor der Kategorie intermediäres Risiko. Die Studie könnte dazu beitragen, geeignete Kandidaten für diese Strategie herauszufiltern.

Einschränkung: Rechenmodell auf der Grundlage einer schwedischen Kohorte; Diagnosen stammen aus den Jahren 1992 bis 2014; in diesen Zeitraum fällt die Einführung des modifizierten Gleason-Scores.

print
DRUCKEN
Literatur

Ventimiglia E et al. Long-term Outcomes Among Men Undergoing Active Surveillance for Prostate Cancer in Sweden. JAMA Netw Open 2022;5(9):e2231015; https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2022.31015

Weiterführende Themen

Passend zum Thema

ANZEIGE

Krebsassoziierte Thrombose: NMH oder DOAK?

Vergleichsstudien gibt es mittlerweile einige, doch sind diese auf den klinischen Alltag übertragbar? Prof. Matzdorff, Schwedt, erläutert im Interview wichtige Entscheidungskriterien, die Ihnen mehr Sicherheit im Thrombosemanagement Ihrer Hochrisikopatienten geben.

Jetzt herunterladen: PDF: Publikation: Thromboseprophylaxe in der Onkologie und Schwangerschaft: 700,7 KB
ANZEIGE

Publikation: VTE-Inzidenz bei Krebs in den letzten 20 Jahren verdreifacht

Krebspatienten mit modernen Antikrebsmedikamenten sind vielleicht sogar stärker VTE-gefährdet als Patienten unter Chemotherapie. Auch Schwangere gehören zur VTE-Hochrisikogruppe. Über das Thrombosemanagement bei Risikopatienten diskutierten Experten auf dem DGA 2021. 

ANZEIGE

Management von Thromboembolien bei Krebspatienten

Die Thromboembolie ist neben Infektionen die zweithäufigste Todesursache bei Krebspatienten. Die Behandlung der CAT (cancer associated thrombosis) ist komplex und orientiert sich am individuellen Patienten. Angesichts einer Vielzahl zur Verfügung stehender medikamentöser Behandlungsoptionen finden Sie hier Video-Experteninterviews, Sonderpublikationen und aktuelle Behandlungsalgorithmen zur Therapieentscheidung auf Basis von Expertenempfehlungen.

Passend zum Thema

DKK 2022

Dossier zum Deutschen Krebskongress

Im CityCube Berlin dreht sich vom 13. bis 16. November 2022 alles um die Krebsmedizin: „Schnittstellen zwischen Innovation und Versorgung“ lautet das Motto des 35. Deutschen Krebskongresses (DKK). Wir berichten tagesaktuell von der größten onkologischen Fachtagung in Deutschland. News, Interviews, Diskussionen und Veranstaltungshinweise sammelt unser Kongressdossier.

Eine Kooperation von Springer Medizin mit der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Krebshilfe.

Mehr