Hintergrund und Fragestellung
Das PCa stellt die Krebserkrankung mit der höchsten Neuerkrankungsrate und die zweithäufigste Ursache für krebsbedingte Todesfälle bei Männern in Deutschland dar [
26]. Somit betrifft das PCa eine Vielzahl an Individuen, die ebenso viele individuelle Krankheitsverläufe erfahren. Um den Betroffenen eine auf den Einzelfall bestmöglich abgestimmte Therapie anzubieten, sind diagnostische Parameter nötig, die es ermöglichen, den Erkrankungsverlauf darzustellen und damit die Therapiestrategie und Therapieziele gemeinsam mit dem Patienten festzulegen. Einer dieser Parameter ist der PSA-Wert im Serum. Neben seiner Verwendung als Parameter in der Früherkennung wird er auch zur Kontrolle des Therapieansprechens oder bei der Detektion eines Rezidivs nach definiter Therapie eingesetzt. Meist sind die Werte, anhand derer Entscheidungen getroffen werden, Grenzwerte im niedrigen einstelligen Bereich.
Neben der reinen Höhe des PSA-Wertes spielt sowohl die Kinetik, wie z. B. die PSA-Verdoppelungszeit, als auch der reine Betrag der Veränderung in der Diagnostik eine Rolle. Es wurden verschiedene Konzepte erarbeitet, um aus diesen Veränderungen eine Aussage über den Status der Erkrankung zu ermöglichen. Der Betrag des PSA im Serum wird zum Zeitpunkt der Erstdiagnose in Form von Grenzwerten eingeordnet. Hier ist v. a. die Erhöhung auf ≥ 4 ng/ml zu erwähnen, die, in der Zusammenschau mit anderen Befunden, den Weg zu weiterer Diagnostik weist [
19]. Auch neuere Untersuchungen zur Früherkennung nehmen den PSA-Wert als Entscheidungshilfe heran, wenn es um die weitere Planung nachfolgender Untersuchungen und deren zeitliche Einordnung geht [
2].
Bereits die Mitteilung eines Messwertes von ≥ 4 ng/ml im einstelligen Bereich kann auf Betroffene wie die definitive Diagnose einer schwerwiegenden Krebserkrankung wirken. In einer Befragung durch Biddle et al. wird deutlich, dass Betroffene nach der Mitteilung einer solchen Erhöhung einen linearen Zusammenhang zwischen Erhöhung und Erkrankungsrisiko annehmen [
5]. Bei Konfrontation mit einer Erhöhung des PSA-Wertes um das mehr als 100Fache der Grenzwerte, die in den Leitlinien definiert sind, kann so der Eindruck einer sehr negativen Prognose entstehen. In anderen Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass ein PSA-Wert von > 100 ng/ml mit einer schlechteren Prognose bezüglich des Überlebens einhergeht [
1,
16]. Es zeigt sich, dass es eine starke Korrelation zwischen der Höhe des PSA-Wertes und dem Ausmaß der Angst und des Distress gibt, die Patienten im extremen PSA-Bereich erleben [
27]. Hier ist die Aufgabe der Behandelnden, gemeinsam mit den Betroffenen ein individuelles Therapiekonzept zu entwickeln und eben auch deren Sorgen und Ängsten zu begegnen. Um hier eine reelle Einschätzung der Erkrankungssituation und -perspektive vorzunehmen, sind klinische Daten bezüglich des zu erwartenden Verlaufes und dem möglichen Erfolg der Therapie bei extremen PSA-Werten notwendig.
Bei der Suche nach Handlungsempfehlungen zu deutlich über ≥ 100 ng/ml erhöhten Werten findet sich in der S3-Leitlinie Prostatakarzinom lediglich die Erhöhung > 50 ng/ml als Anhaltspunkt für das sofortige Einleiten einer hormonablativen Therapie, um der ab diesem Wert nachgewiesenen deutlich erhöhten Mortalität zu begegnen [
19]. Auch in den Zulassungsstudien wie der LATTITUDE, CHAARTED oder STAMPEDE finden sich im Patientenkollektiv mediane PSA-Werte von 23,8 ng/ml, 50,9 ng/ml bis hin zu 65 ng/ml von Patienten mit bestehenden Metastasen und hoher Krankheitslast [
15,
22,
31]. Dadurch liegen zwar Informationen zum Bereich von PSA-Werten bis 100 ng/ml vor, doch sobald dieser Bereich aber überschritten wird, können keine differenzierten Einschätzungen bezüglich der Therapie und Prognose aus diesen großen Studien abgeleitet werden.
In dieser Arbeit untersuchten wir retrospektiv Patientendaten aus der Datenbank des Uniklinikums Erlangen, ambulant tätiger Urologen sowie aus der Datenbank UroCloud mit Baseline-PSA-Werten (bPSA) ≥ 100 ng/ml. Dabei liegt unser Augenmerk primär auf dem 5‑Jahres-Gesamtüberleben (5-JGÜ) nach Erstdiagnose sowie der angewandten Therapie und deren mögliche Intensivierung, wobei wir einen Überblick über die in unserem Kollektiv verbreiteten Therapieansätze geben.
Diskussion
Der PSA-Wert dient als diagnostischer Wegweiser, sei es im Rahmen der Früherkennung, des Screenings von Hochrisikogruppen, zur Kontrolle des Therapieansprechens oder auch bei der Detektion eines Rezidivs nach definiter Therapie in kurativer Intention. Im niedrig ein- bis zweistelligen Bereich erlaubt der Stand der aktuellen Forschung, situationsbezogene PSA-Grenzwerte und daraus folgende evidenzbasierte Handlungsempfehlungen festzulegen. Jedoch werden Betroffene und Behandelnde auch mit PSA-Werten konfrontiert, die weit über diesen Bereich hinausgehen. Liegt der PSA-Wert in dem Extrembereich von weit jenseits der 100 ng/ml, steigt auch die Unsicherheit über die Bedeutung dieser Erhöhung. Ist sie Ausdruck einer infausten Prognose und hat sie unmittelbaren Einfluss auf das Therapieziel – die Therapieauswahl? Was kann eine Therapie in dieser Situation noch leisten?
Um diesen Fragen nachzugehen, untersuchten wir Real-world-Daten von 695 Betroffenen aus der ambulanten und stationären Versorgung, die sich für eine Therapie entschieden hatten. In dieser Analyse legten wir den Fokus auf eine Betrachtung des Überlebens und der angewendeten Therapien bei extremen PSA-Werten. Bei einem medianen bPSA-Wert von 260 ng/ml zeigte sich ein unerwartet hohes 5‑JÜR von 68,5 % trotz prognostisch negativer Vorzeichen wie einer bestehenden Metastasierung in 76 % der Fälle oder einem hohen Gleason-Score. Selbst in der Altersgruppe von > 70 Jahren wurde ein 5‑JÜR von 60 % erreicht.
Aus diesen Ergebnissen kann abgeleitet werden, dass trotz extremer PSA-Werte sehr viele Patienten von einer Therapie und ihrer möglichen Intensivierung profitieren – auch wenn die Situation palliativ bleibt. Unter diesem Aspekt müssen die Therapieziele gemeinsam mit dem Patienten definiert werden und die Prognose realistisch abgeschätzt werden. Das Ergebnis dieser Untersuchung kann dabei sicher helfen.
Gerade zu Beginn der systemischen Therapie bei extremen PSA-Werten ist die Frage wichtig, ob es Anzeichen für ein gutes Therapieansprechen und damit eine bessere Prognose gibt.
Hier sehen wir klare Hinweise, dass sowohl ein erster Nadir als auch ein jemals erreichter Nadir von < 0,2 ng/ml zu einer signifikanten Erhöhung des 5‑JÜR führen. Dies gilt ebenso für eine erste, als auch eine insgesamte PSA-Response von > 90 %.
Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass die prognostische Relevanz eines niedrigen Nadirs auch im extremen bPSA-Bereich zu bestehen scheint. Ein therapeutisches Ziel sollte daher das Erreichen eines tiefen Nadirs sein. Durch die Betrachtung des jemals erreichten Nadirs konnten wir sehen, dass auch das spätere Erreichen eines tiefen Nadirs, beispielsweise durch die Erweiterung der initialen Therapie, zu einer signifikanten Verlängerung des 5‑JÜR beitragen kann.
In den Daten der ARASENS-Studie zeigte sich ebenfalls, dass das Erreichen eines Nadirs von < 0,2 ng/ml unter der Therapie mit ADT, Docetaxel und Darolutamid einen signifikanten Vorteil bezüglich des insgesamten Überlebens (OS) bietet [
28].
Auch in den Daten aus der CHAARTED-Studie zeigt sich, dass das Erreichen eines tiefen Nadirs von ≤ 0,2 ng/ml nach 7 Monaten unter einer ADT mit oder ohne Docetaxel bei einem metastasierten hormonsensitiven PCa (mHSPCa) einen deutlichen Überlebensvorteil bringt [
13]. Dies gilt ebenso für die TITAN-Studie, in der für die Kombination von ADT und Apalutamid ein Überlebensvorteil bei einem PSA-Nadir von ≤ 0,2 ng/ml ergab [
24]. Dies stimmt insofern mit unserer Untersuchung überein, dass auch in unserer Kohorte ein Vorteil bezüglich des Überlebens bei einem ersten Nadir von < 0,2 ng/ml besteht und die mediane TTN (hier als Zeit bis zum ersten Nadir bezeichnet) etwa 7 Monate betrug. Ein Übersichtsartikel von Halabi et al. kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass ein PSA von ≤ 0,2 ng/ml einen Überlebensvorteil für Betroffenen mit einem mHSPCa bietet [
12].
Bezüglich einer tiefen PSA-Response von ≥ 90 % (PSA90) bei Betroffenen mit einem mHSPCa konnte aus Untersuchungen wie der TITAN sowie SPARTAN (Apalutamid + ADT) und LATITUDE (Abirateron + ADT) gezeigt werden, dass ein positiver Effekt auf progressionsfreies sowie metastasenfreies Überleben, respektive Gesamtüberleben, besteht [
6,
23]. In unserer Untersuchung wurde, verglichen mit den genannten Untersuchungen, häufiger eine insgesamte PSA-Response von ≥ 90 % (PSA90) erreicht. In einer Real-world-Untersuchung von Lowentritt et al. (2023) an einer ambulanten nordamerikanischen Kohorte (
n = 364) wurde ebenfalls bei deutlich weniger Betroffenen eine PSA90 erreicht [
20]. Hier ergab sich für Apalutamid eine PSA90 von 66,2 % sowie eine PSA90 von 43,4 % für Abirateron nach 6 Monaten [
20]. Unsere Untersuchung kann einen Hinweis darauf geben, dass Betroffene mit extremen PSA-Werten ein gutes Therapieansprechen aufweisen und von einer Therapie profitieren können, was einen relevanten Aspekt im Austausch mit Betroffenen darstellt. Zudem kann dieses Ergebnis als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen bezogen auf konkrete, medikamentöse Therapiestrategien bei Betroffenen mit extremen PSA-Werten genutzt werden.
Die Zeit bis zum ersten Nadir betrug in dieser Kohorte im Median 6,8 (± 10,6) Monate (Abb.
6). Die Zeit bis zum jemals erreichten Nadir betrug im Median 9,0 (± 18,3) Monate. Diese kurze Zeit bis zum Nadir ist ein Hinweis auf das starke Ansprechen der Therapie in dieser Erkrankungssituation. Dieser „schnelle“ Effekt kann jedoch dazu führen, dass eine Intensivierung nicht mehr als nötig erachtet wird. Dem gegenüber wirft die Analyse des „jemals erreichten Nadirs“ die Frage auf, ob eine spätere Intensivierung der Therapie nicht dennoch zusätzlich Vorteile birgt. Bezüglich der prognostischen Relevanz der Zeit bis zum Nadir und ihrer Bedeutung für das Gesamtüberleben, kamen bisherige Untersuchungen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aktuell scheint sich, bei Betroffenen mit einem mHSPCa, eine längere Zeit bis zum Nadir positiv auf das Gesamtüberleben auszuwirken. Hierbei variieren die Grenzwerte zwischen ≥ 6 oder ≥ 12 Monaten [
14,
29]. In der Subgruppe von Betroffenen mit einem PSA-Nadir von ≤ 0,2 ng/ml scheint das jedoch nicht zu gelten [
7,
8]. Diesen Trend sehen wir ebenfalls in unseren Daten, mit den Limitationen des retrospektiven Studiendesigns. Das Erreichen eines tiefen Nadirs < 0,2 ng/ml scheint somit prognostisch relevanter zu sein als die Zeit bis zum Erreichen dieses tiefen Nadirs [
17]. Dies unterstützt die Hypothese, dass auch das spätere Erreichen eines tiefen Nadirs durch eine Intensivierung der Therapie positive Effekte haben könnte.
Nachdem es sich hier um die Betrachtung von Real-world-Daten handelt, können wir keine Aussagen bezüglich der Effektivität einzelner Therapieregime machen. Das Ziel der Darstellung der verschiedenen Therapiestrategien im zeitlichen Verlauf liegt vielmehr darin, einen Überblick über die in dieser Patientenpopulation angewendeten Therapien zu geben.
So können wir eine Entwicklung in den Therapiestrategien sehen. Es zeigte sich ein zeitlicher Wandel von ADT-Monotherapien über frühe Kombinationstherapien, wie der kompletten Androgenblockade, und gestaffelte Kombinationstherapien, im Sinne von aufeinander aufbauenden Therapielinien, hin zu tatsächlichen initialen Kombinationstherapien (Abb.
7). Eine solche Kombination kann beispielsweise aus der Kombination einer ADT mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der neuartigen hormonellen Substanzen (NHA) oder einer Chemotherapie aus der Gruppe der Taxane bestehen. Diese initialen Kombinationen aus mehreren Substanzgruppen sind in unserer Kohorte noch selten anzutreffen. Hier zeigt sich eine Diskrepanz zwischen den Empfehlungen der aktuellen S3-Leitlinie und der therapeutischen Realität [
19]. Bei Betrachtung der gesamten Kohorte, ist hierbei natürlich zu bedenken, dass die Daten in einem Zeitraum von 1999 bis 2023 erhoben wurden. In den Jahren 2019 bis 2023 sind die Intensivierungen einer initialen ADT mit NHA oder einer Chemotherapie deutlich dominanter. In unserer Kohorte wird eine Intensivierung annähernd gleich häufig mittels einer Chemotherapie mit Docetaxel sowie einer Therapie mit dem NHA Abirateron als Zweitlinientherapie durchgeführt. Deutlich seltener kommt eine Drittlinientherapie zur Anwendung, hierbei haben die NHA mit Abirateron und Enzalutamid die Oberhand gegenüber der Chemotherapie mit Docetaxel. Wie aus diesen Ergebnissen zur Zweit- und Drittlinientherapie deutlich wird, kam es über den Zeitraum der Betrachtung dieser Untersuchung zu vielgestaltigen Veränderungen in der Therapielandschaft.
Auch in anderen Untersuchungen zum internationalen Vergleich von Real-world-Daten lassen sich diese Unterschiede zwischen der therapeutischen Realität und den Leitlinienempfehlungen deutlich belegen. Hier zeigt sich ebenfalls ein Trend zur Intensivierung der Therapie mittels NHA oder Chemotherapie seit 2021, v. a. bei Betroffenen die an einem mHSPCa erkrankt sind und u. a. eine hohe Krankheitslast bei einer hohen Restlebenserwartung sowie einer geringe Beeinträchtigung durch Grunderkrankungen aufweisen [
25]. Dabei zeigt sich für eine Intensivierung eine Dominanz der NHA über der Chemotherapie bezüglich der Intensivierung [
25]. Dennoch spielt die Mono-ADT weiterhin eine große Rolle [
25]. In einer Untersuchung von Real-world-Versorgungsdaten aus den Zentren des DVPZ – jetzt Uro-Cert – mittels der UroCloud aus dem Jahr 2015 konnte ebenfalls der verminderte Einsatz von Kombinationstherapien bei primärer Hormontherapie, trotz bereits zu dieser Zeit anderslautender Empfehlungen, gezeigt werden [
3].
Inzwischen gibt es durch die PEACE-1- sowie die ARASENS-Studien klare Hinweise darauf, dass die Dreifachkombinationen aus ADT, Docetaxel und Abirateron/Prednisolon, respektive ADT, Docetaxel und Darolutamid das Risiko, zu versterben gegenüber der Zweifachkombination aus ADT und Docetaxel senken können [
11,
21,
30]. Hier wird sich zeigen, inwieweit diese Dreifachkombinationen in der Zukunft bei Betroffenen mit extremen PSA-Werten zunehmend Anwendung finden.
Die Gründe für die fehlende Intensivierung oder fehlende initiale Kombinationstherapien können vielschichtig sein und sind durch diese Studie nicht zu ermitteln. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf hinsichtlich der Frage, welche Hindernisse in der Patientenversorgung außerhalb von RCT auftreten, die zum selteneren Einsatz von Doppel- oder Dreifachtherapien führen. Ein Trend zur Intensivierung der Therapien mittels NHA und Chemotherapie zeichnet sich bereits ab.
Ein möglicher Grund für das hier erkennbare, überraschend lange 5‑JÜR besonders der sehr hohen PSA-Werte könnte sein, dass im Angesicht der extremen PSA-Werte, auch ohne die Evidenz zur Effektivität der Doppel- oder Dreifachkombinationen, in dieser „historischen“ Kohorte die Intensivierung der Therapie als einzige Chance auf ein gutes Ansprechen gesehen wurde.
Zusammenfassend sehen wir klare Hinweise darauf, dass medikamentöse Therapien auch im extremen PSA-Bereich Anwendung finden können und bei entsprechendem Therapieziel auch Anwendung finden sollten.
Nach unserem Wissen stellt diese Untersuchung eine der ersten Real-world-Untersuchungen in der deutschsprachigen Uroonkologie dar, die das Schicksal von Patienten mit extremen PSA-Werten zum Gegenstand hat und die Therapieoptionen in dieser Erkrankungssituation untersucht.
Limitationen
Der retrospektive Charakter der Untersuchung stellt eine klare Limitation dar. Wie bei allen Untersuchungen von Real-world-Daten besteht das Problem, dass einzelne Datenelemente zum Zeitpunkt der Erfassung nicht als relevant bekannt waren und sie deshalb auch nicht in der Datengüte vorliegen, wie sie beispielsweise für die Analyse kausaler Zusammenhänge benötigt würden. Darüber hinaus liegt es auch in der Natur anonymisierter Daten, das eine „source data verification“ nicht durchgeführt werden kann und so ebenfalls eine weitere Hürde für die Datentiefe darstellt.
Ein mögliches Confounding ist zudem nicht auszuschließen, da nicht alle Zentren einheitlich – wie beispielsweise in einem gemeinsamen Studienprotokoll – dokumentieren, was möglicherweise einen „selection bias“ nach sich zieht. Die Ergebnisse dieser Studie sollten daher als Überblick über die aktuelle Therapielandschaft in dieser Erkrankungssituation gesehen werden und kann Ausgangspunkt für prospektive, gegebenenfalls randomisierte Analysen bieten, um die hier gemachten Hypothesen zu untermauern.
Durch das primäre Einschlusskriterium PSA ≥ 100 ng/ml werden in dieser Untersuchung sowohl Betroffene betrachtet, die bereits im Vorhinein eine lokale Therapie erhalten haben und ein biochemisches Rezidiv erleiden, als auch diejenigen, die sich vor einer primären systemischen Therapie befinden. Hierdurch entsteht eine Inhomogenität der Kohorte, die auch dazu führt, dass keine belastbaren Aussagen über das Therapieansprechen der lokalen Therapien getroffen werden konnten. Dies wurde in Kauf genommen, um die Versorgungsrealität derjenigen abzubilden, die unabhängig von der Vortherapie einen extremen PSA-Wert aufweisen. Der retrospektive Charakter dieser Datenbankanalyse lässt es zudem nicht zu, die Einflussfaktoren auf Therapieentscheidungen nachzuvollziehen, die zu den beschriebenen Therapieverläufen geführt haben. Der schnelle Wandel der therapeutischen Optionen in der metastasierten Situation dürfte zusätzlich dazu beitragen, dass generalisierbare Aussagen zum Gesamtverlauf zum jetzigen Zeitpunkt nicht extrapoliert werden können.
Durch die Berechnung des Beobachtungszeitraums mittels des Zeitpunkts des letzten Kontakts („date last contact“) in den Fällen, in denen kein Todesdatum bekannt ist, kann es zu einer Unterschätzung des Überlebens gekommen sein. Es wurde keine Auswertung von Sterberegisterdaten vorgenommen, da die analysierten Datensätze anonymisiert vorlagen.
Hinweis des Verlags
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