Psychische Störungen stellen für die Betroffenen und die Gesellschaft eine große Herausforderung dar und gehören unter allen Erkrankungen zu denen mit der höchsten Krankheitslast [
14]. Obwohl die Therapieeffekte bei voll ausgebildeten Störungsbildern (etwa bei schweren oder chronischen psychischen Erkrankungen) im Erwachsenenalter nur moderat sind, steht bisher die Behandlung dieser Krankheitsstadien im Vordergrund der Versorgung, während Frühintervention und Prävention vernachlässigt werden [
13,
21]. Übereinstimmend kann anhand epidemiologischer Daten gezeigt werden, dass 62,5 % der psychischen Störungen vor dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr beginnen [
32]. Hinzu kommen Hinweise, dass die Inzidenzen psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit angestiegen sind, gegebenenfalls zusätzlich verstärkt durch die Coronavirus-disease-2019(COVID-19)-Pandemie [
25]. Weitere Befunde sprechen für eine „sensitive Phase“ der Gehirn- und psychosozialen Entwicklung im Jugend- und jungen Erwachsenenalter, die für die langfristige psychosoziale Entwicklung der jungen Menschen besonders bedeutsam ist. Darüber hinaus zeigen zahlreiche Studien, dass eine Frühintervention bei psychischen Störungen im Jugend- und jungen Erwachsenenalter besonders effektiv ist [
13]. Trotzdem haben Jugendliche und junge Erwachsene den schlechtesten Zugang zur klinischen Versorgung und zeigen die geringste Adhärenz zu den konventionellen klinischen Angeboten [
27].
Vor diesem Hintergrund formulieren viele namenhafte Expertinnen und Experten – unter anderem Kommissionen des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum [WEF]) und der Fachzeitschrift
Lancet [
18,
25] – die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in Psychiatrie und Psychotherapie hin zu einem Fokus auf „youth mental health“. Sie fordern eine Anpassung der klinischen Versorgungsangebote an den Bedarf junger Menschen [
18,
25,
35]. Die Kommission aus Expertinnen und Experten des WEF, der auch junge Betroffene angehörten, erarbeitete die Prinzipien (Tab.
1) für jugendfreundliche, niederschwellige und integrierte Versorgungsangebote für junge Menschen in psychischen Krisen (Integrated Youth Mental Health Services [IYMHS]).
Tab. 1
Empfehlungen zu Strukturmerkmalen der Integrated Youth Mental Health Services (IYMHS). (Adaptiert nach World Economic Forum [
18])
Öffentlichkeits- und Awareness-Arbeit für seelische Gesundheit |
Beteiligung junger Menschen bei der Angebotsgestaltung und dem klinischen Angebot (Peer-Mitarbeitende) |
Niederschwelliger, kostenloser, überweisungsfreier Zugang zu nichtstigmatisierenden Anlaufstellen in der Gemeinde (möglichst mit aufsuchender Komponente) |
Optimistischer Ansatz mit Fokus auf Frühintervention |
Integration von Kinder‑, Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie (transitionspsychiatrischer „one-stop shop“) |
Integration von psychiatrisch-psychotherapeutischen, Schul‑/Ausbildungs- und Arbeitsangeboten („supported employment and education“ [SEE]), Suchttherapie und (somatischen) Gesundheitsangeboten (interventioneller „one-stop shop“) |
Enge Zusammenarbeit mit Schulen und Ausbildungsstätten |
Einbezug von Angehörigen (Angehörigenangebote, Angehörigen-Peers) |
Digitale Interventionsangebote |
Inklusiv, kultursensibel und an Entwicklungsstadien angepasst |
Auf Basis dieser Strukturmerkmale wird davon ausgegangen, dass die IYMHS für Betroffene attraktiver, akzeptabler und effektiver sind und somit langfristig zu besseren Krankheitsverläufen führen als konventionelle klinische Versorgungsstrukturen, die auf die Behandlung voll ausgebildeter Störungen im Erwachsenenalter ausgerichtet sind.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, einen Überblick über bestehende IYMHS weltweit und in Deutschland zu geben. Darüber hinaus soll über internationale Erfahrungen mit der Inanspruchnahme und über die Evidenz zur Wirksamkeit dieser Angebote berichtet werden.
Methode
Diese narrative Übersichtsarbeit wurde auf der Grundlage der Reviews von Hetrick et al. [
15], Settipani et al. [
30] und der Lancet Psychiatry Commission on Youth Mental Health [
25] erstellt. Eine zusätzliche Literaturrecherche in PubMed wurde für Publikationen nach 2023 durchgeführt, mit Suchbegriffen in Anlehnung an die beiden Reviews:
mental youth services, youth mental health services, community mental health services, integrated mental healthcare, integrated youth mental health services,
youth, teenager*, young adult*, emerging adults, walk-in centre, one-stop shop.
Ergebnisse
Angebote von Integrated Youth Mental Health Services weltweit
Einen Überblick über die Angebote von IYMHS weltweit gibt Tab.
2.
Tab. 2
Überblick über Integrated Youth Mental Health Services (IYMHS) und ihre Strukturmerkmale. (Adaptiert nach [
15,
25,
30]).
Youth One-Stop Shops (YOSS) | Neuseeland | 14 | 10–25 | 11.430 (MW pro Jahr) | + | + | + | + | – | + |
Maison des Adolescents | Frankreich | 104 | 11–25 | 700–1000 pro Zentrum pro Jahr | + | + | + | + | k. A. | + |
Headspace | Australien | 164 (+9) | 12–25 | 106.574 (2020–2021) | + | + | + | + | + | + |
Jigsaw | Irland | 14 (+1) | 12–25 | >44.000 (seit 2008) | + | + | + | + | | + |
Community Health Assessment Team (CHAT) | Singapur | 1 | 16–30 | 3343 (2009–2019) | + | – | – | k. A. | k. A. | k. A. |
| Dänemark | 28 (+4) | 12–25 | k. A. | + | k. A. | + | + | – | Derzeit evaluiert |
ACCESS Open Minds | Kanada | 14 | 11–25 | 8043 Überweisungen und 5280 untersuchte Jugendliche (2016–2020) | + | + | – | + | k. A. | + |
| Israel | 2 | 12–25 | 652 (1 Zentrum) | + | + | – | + | + | – |
Foundry | Kanada | 17 (+18) | 12–24 | 4783 (2015–2018) | + | + | + | + | + | + |
| Südkorea | 16 | 15–30 | 206 (2019) | + | k. A. | k. A. | + | + | – |
Youth Wellness Hubs Ontario | Kanada | 25 (+5) | 12–25 | 9585 (2020–2023) | + | k. A. | + | + | + | + |
| Niederlande | 12 (+4) | 12–25 | >750 persönlich, > 3000 Online-Chats | + | k. A. | – | – | – | +, derzeit evaluiert |
| Deutschland | 1 | 15–35 | 899 transit (2018–2020) 558 FIT (2016–2021) | + | + | – | + | + | – |
Headspace* | Island | 2 (+22 Satellitendienste) | 12–25 | 390 | k. A. | k. A. | k. A. | k. A. | k. A. | k. A. |
Levelmind mit Headwind (Online-Service; [ 17]) | Hongkong | 8 | 12–25 | >18.000 | + | k. A. | k. A | k. A. | + | + |
| Neuseeland | k. A. | 18–25 | 5307 (2019–2020) | + | – | – | – | – | – |
| Japan | 1 | 12–35 | 105 (März bis September 2020) | k. A. | k. A. | – | + | k. A. | + |
| USA | 2(+9) | 12–25 | 5000 (2021–2023) | + | + | + | + | k. A. | k. A. |
Das umfangreichste Beispiel für IYMHS ist das australische
headspace-Programm mit aktuell 169 Zentren landesweit, gefolgt von Kanada mit verschiedenen Angeboten wie ACCESS Open Minds, Aire ouverte, Foundry oder Youth Wellness Hubs Ontario, Irland mit Jigsaw und den Niederlanden mit @ease (Tab.
2). Die meisten IYMHS sind in Ländern mit hohem Einkommen wie Australien, Kanada oder in Nordeuropa entstanden.
Die Angebote orientieren sich weitgehend an den in Tab.
1 genannten Prinzipien, sind niederschwellig, jugendfreundlich gestaltet, außerhalb von Krankenhäusern lokalisiert und adressieren Jugendliche und junge Erwachsene. Der Umsetzungsgrad und die Schwerpunktsetzungen unterscheiden sich jedoch teilweise [
25]. Die meisten Angebote sind transdiagnostisch konzipiert und unterstützen auch bei sozialen oder beruflichen Problemlagen mit Sozialarbeit, Job- oder Schul‑/Ausbildungs-Coaching („supported employment and education“ [SEE]), einzelne adressieren auch körperliche Gesundheit [
15,
30]. Einige Programme bestehen in erster Linie aus Angeboten von geschulten Peers oder Ehrenamtlichen (beispielsweise [
22]), andere primär aus Angeboten von Fachkräften oder ausschließlich multiprofessionellen Teams (unter anderem [
3]). Das Spektrum der Interventionen reicht von minimaler unterstützender Begleitung und basaler psychosozialer Beratung bis hin zur spezifischen Behandlung häufiger und schwerer psychischer Erkrankungen (etwa lösungsorientierte Kurztherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Krisenintervention, medikamentöse Behandlung) und Vorhaltung spezialisierter multiprofessioneller Behandlung. Darüber hinaus bieten einige IYMHS Online-Dienste in Form von Online-Chats, Gruppenchats oder Online-Therapieangeboten (z. B. [
1,
8]). Auch die adressierten Altersgruppen unterscheiden sich geringfügig, adressiert werden beispielsweise 12- bis 25-Jährige oder 15- bis 30-Jährige.
Inanspruchnahme der Integrated Youth Mental Health Services
Laut ersten Daten werden die Angebote häufiger von Frauen als von Männern [
22,
24,
26] und häufiger von älteren jungen Erwachsenen in Anspruch genommen [
15]. IYMHS werden verhältnismäßig oft von Personen genutzt, die als „unterversorgt“ bzw. vulnerabel identifiziert werden (Personen mit Migrationshintergrund, aus einkommensschwachen Familien, ohne Erwerbstätigkeit oder nicht in Ausbildung, „lesbian, gay, bisexual, transgender, queer plus“ [LGBTQ+]; [
15,
25]). Insgesamt werden die Zentren laut ihren Routinedaten von einer großen Anzahl der jungen Menschen aufgesucht (vergleiche Tab.
2).
Die von Nutzenden genannten Gründe für die Inanspruchnahme – mit Fokus auf psychische Gesundheit – werden in den Zentren unterschiedlich erhoben und umfassen unter anderem Ärger, Stress, Angstzustände, depressive Beschwerden, Stimmungsschwankungen, Substanzkonsum, Beziehungs- und Anpassungsprobleme, sexuelle Übergriffe und häusliche Gewalt sowie Probleme in der Schule einschließlich Mobbing. Die Zentren werden von einer erheblichen Anzahl junger Menschen mit Risikosymptomen für schwere psychische Erkrankungen, aber auch mit ersten psychotischen Episoden [
21] oder mit Suizidalität aufgesucht [
7,
13,
21].
Evidenz zur Wirksamkeit der Integrated Youth Mental Health Services
Bisher liegen nur unkontrollierte Verlaufsstudien (Prä-post-Vergleiche) vor ([
15,
25,
30]; Tab.
2). Eine erste quasiexperimentelle Studie mit „propensity score matching“ wird derzeit in Dänemark durchgeführt [
5]. Junge Menschen berichten, dass sie von diesen Angeboten profitierten und sehr zufrieden mit der Beratung und/oder Behandlung waren [
15,
25]. Für Personen mit schwereren Symptomen und für Personen, die weniger Leistungen erhalten haben, zeigen sich geringere Effekte. Sie haben weniger profitiert, was auf die Notwendigkeit einer Integration von bzw. Überweisung in spezialisierte Versorgung hinweist [
15]. Aktuelle Evaluationsstudien aus den Niederlanden und Australien belegen eine klinisch relevante Verbesserung („reliable clinical change“) des psychosozialen Stresslevels, der sozialen und beruflichen Funktionalität sowie der Lebensqualität – je nach Outcome bei 9–40 % aller Nutzerinnen und Nutzer [
6,
28].
Aktuelle Situation in Deutschland
Die ersten IYMHS in Deutschland sind
soulspace in Berlin [
3,
4] und das in Aufbau befindliche
ancora in Frankfurt [
36]. In beiden IYMHS wird die niederschwellige, gemeindeintegrierte Angebotskomponente durch eine Finanzierung aus Landes- (Sozialgesetzbuch [SGB] IX,
soulspace) oder Stiftungsmitteln (Crespo Foundation,
ancora) zusätzlich zu den aus Krankenkassenmitteln (SGB V) finanzierten klinischen Leistungen der Institutsambulanzen der Erwachsenen- sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie erreicht.
Soulspace liegt in Berlin-Kreuzberg und ist ein Zusammenschluss von
transit – Kontakt- und Beratungsstelle für junge Menschen der ajb GmbH Berlin und Teilen der Institutsambulanzen der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes Klinikums Am Urban (Erwachsenenpsychiatrie) und der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes Klinikums im Friedrichshain (Kinder- und Jugendpsychiatrie) unter einem Dach [
4]. Die Beratungsstelle
transit dient als erste Anlaufstelle, in der ohne Einlesen einer Krankenkassenkarte Einzel‑, Paar- und Familiengespräche sowie Kurse zu Stress- und Konfliktbewältigung angeboten werden. Bei Verdacht auf eine psychische Störung erfolgt eine Überleitung in den Ambulanzteil von
soulspace zur spezifischen (Früh‑)Diagnostik und multiprofessionellen Behandlung oder eine Weitervermittlung in das weitere überwiegend ambulante Versorgungsnetzwerk. Das Ambulanzteam von
soulspace arbeitet im Falle der Erstmanifestation einer schweren psychischen Störung eng und verzahnt mit dem spezialisierten Home Treatment zusammen, dem teilstationären und stationären Angebot des Frühinterventions- und Therapiezentrums FRITZ am Urban [
31]. In
soulspace sind die meisten der oben beschriebenen Strukturmerkmale für IYMHS erfüllt (Tab.
2). Erste Evaluationen deuten darauf hin, dass in soulspace wesentlich mehr junge Menschen der Erstkontakt mit dem Hilfesystem gelungen ist als in konventionellen Früherkennungsangeboten psychiatrischer Krankenhäuser [
3].
Diskussion
IYMHS werden von namenhaften Expertinnen und Experten gefordert, um jungen Menschen mit ersten psychischen Symptomen leichter zugängliche und akzeptablere Versorgungsangebote zu machen und damit die Chance zu erhöhen, die langfristigen Verläufe psychischer Erkrankungen zu verbessern. Erste Evaluationen zeigen, dass IYMHS von jungen Menschen erheblich in Anspruch genommen werden, diese jungen Menschen überwiegend zufrieden mit dem Angebot sind und sie häufig über relevante symptomatische, funktionelle und weitere subjektive Verbesserungen berichten [
6,
15,
25,
28].
Kontrollierte Studien zur Wirksamkeit von IYMHS liegen noch nicht vor bzw. sind noch nicht abgeschlossen [
5]. Dies ist zum Teil ethischen Überlegungen geschuldet, vor deren Hintergrund Forschende es als nicht akzeptabel bewerteten, erstmals hilfesuchende junge Menschen in eine Wartegruppe oder eine Gruppe ohne Behandlungsangebot zu randomisieren [
7]. Auch ist der Zusammenhang zwischen den empfohlenen Strukturmerkmalen und Inanspruchnahme, klinischer Effektivität oder Zufriedenheit der Nutzenden bisher nicht empirisch untersucht. Diese Forschungslücke soll durch das von der Europäischen Union (EU) geförderte Projekt YOUTHreach, das Anfang 2025 gestartet ist, geschlossen werden. Das Ziel des Projekts besteht darin, einerseits die Wirksamkeit von IYMHS sowie zweier digitaler Mental-Health-Interventionen in sieben europäischen Ländern und Australien zu evaluieren [
9]. Im Rahmen des YOUTHreach-Projekts wird auch soulspace in Berlin evaluiert, um die Evidenzlage für Deutschland zu erweitern. Dabei sollen die Strukturmerkmale verschiedener europäischer IYMHS in Bezug auf ihre Wirksamkeit quantitativ und qualitativ untersucht werden. Berücksichtigt werden dabei die Symptomatik (beispielsweise psychosozialer Stresslevel, Depression, Angst) und die soziodemografischen Merkmale der Nutzenden, um weitere Aufschlüsse über die Wirksamkeit bei bestimmten Personengruppen zu gewinnen.
Obwohl auch für Deutschland eine Reform der Versorgung hin zu mehr präventiven Angeboten für Jugendliche und junge Erwachsene gefordert wird [
11,
29], existiert bisher mit
soulspace in Berlin nur ein einziges aktives Zentrum und mit
ancora in Frankfurt ein weiteres im Aufbau. In beiden Fällen wird die niederschwellige, gemeindeintegrierte Angebotskomponente durch eine Finanzierung aus Landesmitteln (
soulspace) bzw. Stiftungsmitteln (
ancora) zusätzlich zu den aus Krankenkassenmitteln finanzierten klinischen Angeboten der Institutsambulanzen der Erwachsenen- und der Kinder- und Jugendpsychiatrie erreicht. Eine weitere Möglichkeit zur Etablierung von IYMHS im deutschen Versorgungssystem liegt in der Zusammenführung von Krankenkassenmitteln und Mitteln des Öffentlichen Gesundheitsdiensts. Zwar sind in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten vor allem in Großstädten verschiedene Früherkennungs- und Therapiezentren entstanden [
2,
10]. Diese sind jedoch in der Regel an Krankenhäusern angesiedelt, auf die Identifizierung von klinischen Risikosymptomen einzelner Krankheitsbilder ausgerichtet und erreichen nur wenige Betroffene, die bislang außerhalb des Hilfesystems standen [
23]. Die Früherkennungszentren könnten allerdings Ausgangspunkt für die Entwicklung weiterer IYMHS in Deutschland werden, wenn sie unter Beteiligung der Nutzenden um die Beratungskomponente erweitert und mit Unterstützung von Landes- oder Bundesmitteln an einem Standort außerhalb der Kliniken in der Kommune etabliert werden.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Stärkung der Versorgung im Youth-Mental-Health-Bereich mit der Etablierung zahlreicher IYMHS international weit fortgeschritten ist, während Deutschland im internationalen Vergleich weit zurückliegt. Die Ergebnisse aus den ersten Pilotprojekten zeigen jedoch, dass IYMHS durch eine Zusammenführung von Krankenkassen- und Landes- oder Stiftungsmitteln, also durch die Realisierung einer vielfach geforderten sektorenübergreifenden Versorgung [
20], auch im deutschen Versorgungssystem fruchtbar etabliert werden können. Auch wenn die Evaluationsdaten noch verbessert werden sollten, bietet der Aufbau von IYMHS die Hoffnung, jungen Menschen mit ersten psychischen Symptomen frühzeitig akzeptable Behandlungsangebote zu bieten, die den Krankheitsverlauf verbessern können und damit das Potenzial haben, viel Leid bei Betroffenen und ihren Angehörigen zu vermeiden und die erheblichen gesellschaftlichen Kosten zu reduzieren. Bei der Etablierung von IYMHS sollte die Versorgung von Personen mit ausgeprägterer Symptomatik differenzierter mitgedacht werden. Vor diesem Hintergrund sollten klinisches Personal und Gesundheitspolitik auf Krankenkassen‑, Landes- oder Bundesebene dringend ein Etablierungsprogramm für IYMHS in Deutschland erarbeiten.
Fazit für die Praxis
-
Während Länder wie Australien, die Niederlande, Dänemark und Irland bereits umfassende Strukturen der Integrated Youth Mental Health Services (IYMHS) etabliert haben, existieren in Deutschland bislang nur vereinzelte Pilotprojekte wie soulspace und ancora.
-
Soulspace und ancora werden durch Landes- bzw. Stiftungsmittel zusätzlich zu Krankenkassenmitteln der Erwachsenen- sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie finanziert und zeigen, dass sektorenübergreifende IYMHS-Modelle auch im deutschen Versorgungssystem realisierbar sind.
-
Eine nationale Strategie zur flächendeckenden Implementierung der niederschwelligen Angebote fehlt hierzulande bislang.
-
Bereits bestehende Früherkennungs- und Therapiezentren könnten als Ausgangspunkt für die Entwicklung weiterer IYMHS dienen. Durch die Erweiterung um Beratungsangebote und die Verlagerung in kommunale Strukturen könnten diese Zentren eine breitere Bedarfsgruppe erreichen und den Zugang für junge Menschen erleichtern.
-
Verstärkte Forschung ist notwendig, um die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von IYMHS empirisch zu belegen und ihre Implementierung evidenzbasiert zu gestalten.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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