Akute Nebenwirkungen
Die am häufigsten berichteten akuten Nebenwirkungen nach Psilocybingabe sind Kopfschmerzen (24 %), Übelkeit (22 %) sowie Schwindel und Müdigkeit (jeweils 6 %; [
26]). Diese Nebenwirkungen sind in aller Regel leicht bis moderat sowie vorübergehend. In seltenen Fällen können schwerwiegende Nebenwirkungen wie psychotische oder traumatische Erfahrungen (sog. „Bad Trips“) auftreten. Solche intensiven emotionalen Erlebnisse, die mit Angst, Dysphorie und Paranoia einhergehen können, sind in der Regel von kurzer Dauer, könnten aber zu einer vorübergehenden Labilisierung, zu einer Verschlimmerung der Symptome oder einer Retraumatisierung beitragen [
22]. Ob „Bad Trips“ auch wertvolle Erfahrungen für den Behandlungsprozess sein können, wird noch diskutiert [
25].
Wechselwirkungen mit anderen serotonergen Substanzen können weitere Risiken bergen, jedoch gilt bspw. das Auftreten eines vollen Serotoninsyndroms in Kombination mit serotonergen Antidepressiva als selten oder benigne [
42]. Die Kombination von Psychedelika mit Monoaminooxidasehemmern ist wegen eines stark erhöhten Risikos für ein Serotoninsyndroms, mit Lithium wegen eines erhöhten Risikos für einen epileptischen Anfall jedoch kontraindiziert [
42].
Subakute und persistierende Nebenwirkungen
Zu den möglichen schweren Nebenwirkungen, die auch nach einer psychedelischen Behandlung auftreten können, gehören psychotische Episoden, halluzinogenbedingte anhaltende Wahrnehmungsstörungen („hallucinogen persisting perception disorder“ [HPPD], auch „Flashbacks“ genannt), klinische Exazerbationen und Suizidalität.
Die Entstehung einer chronischen Psychose nach Verabreichung von Psychedelika ist selten und wird aufgrund strengerer Ausschlusskriterien in klinischen Kontexten kaum beobachtet [
79]. Menschen mit genetischer Prädisposition für psychotische oder bipolare Erkrankungen wurden jedoch bislang auch von der Behandlung und klinischen Forschung meist ausgeschlossen [
24]. Bei frühen Studien mit LSD zeigte sich bei 1200 Teilnehmern [
15] bzw. 247 Teilnehmern [
45] jeweils ein einzelner Fall einer psychotischen Reaktion, die länger als 48 h anhielt. Die Prävalenz für die Entwicklung einer Psychose nach einer experimentellen LSD-Verabreichung wird in der Literatur mit einer Spanne von 0,08–4,6 % angegeben, wobei psychiatrische Patient:innen besonders häufig betroffen waren [
20]. Im Rahmen moderner Psychedelikastudien scheinen solche Fälle aber seltener beobachtet worden zu sein [
79], wahrscheinlich bedingt durch die strengeren, aber möglicherweise nicht immer realistischen Ein- und Ausschlusskriterien.
Treten Wochen oder Monate nach Substanzgabe wiederholt und unerwartet halluzinogenartige Wahrnehmungsveränderungen auf, spricht man von einer HPPD („Flashbacks“). Nach der Verabreichung von LSD und Psilocybin berichteten 13 der 142 gesunden Proband:innen (9,2 %) von wiederkehrenden Flashbacks, wobei in keinem dieser Fälle die Kriterien einer HPPD erfüllt waren und die Phänomene primär als mild wahrgenommen und daher letztlich als nicht klinisch relevant eingeschätzt wurden [
51]. Laut einer großen Onlineumfrage erleben jedoch etwa 60 % der LSD-Konsumenten HPPDs und 4 % der Konsumenten berichten von HPPDs, die als psychisch belastend empfunden werden [
3]. Insbesondere psychologische Langzeiteffekte werden derzeit in der Erfassung vernachlässigt [
9]. Psychologische Risiken, wie die Verschlechterung der Stimmung und der Verlust emotionaler Stabilität, sind wenig untersucht und könnten gravierender sein als bisher angenommen ([
9]; siehe auch Fallbeispiel unten). Zudem ist, wie oben beschrieben, die Bewertung psychologischer Effekte, wie die Selbstentgrenzung, die Veränderung der Lebensperspektive und Aufweichung von Abwehrmechanismen, schwierig und bedarf weiterer Untersuchungen [
64]. Eine Metaanalyse über drei Studien zeigte jedoch keine stärkere Symptomverschlechterung nach einer Psychedelikabehandlung als in der Standardbehandlung mit Escitalopram (je ca. 10 %; [
67]).
Wichtig ist das „Set und Setting“, d. h. die mentale Verfassung des Betroffenen und die Umgebung
Es wurde kürzlich im Rahmen einer klinischen Studie berichtet, dass in den Psilocybinbedingungen Suizidideen und selbstverletzenderes Verhalten häufiger auftraten als in der Placebobedingung [
26]. In ihrer systematischen Übersichtsarbeit, welche den Zusammenhang zwischen klassischen Psychedelika und Suizidalität untersuchte [
80], wurde jedoch postuliert, dass eine psychedelische Therapie die Suizidalität in bestimmten psychiatrischen Populationen auch verringern könnte. In unsicheren und nicht überwachten Umgebungen scheint eine Therapie mit Psychedelika aber auch suizidales Verhalten auslösen zu können [
36]. Epidemiologische Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem nichtmedizinischen Konsum von Psychedelika und Suizidalität untersuchten, berichteten widersprüchliche Befunde [
65] oder eher positive Effekte auf die Suizidalität [
31]. Diese Beobachtungen weisen auf die Wichtigkeit von „Set und Setting“ (d. h. die mentale Verfassung des Betroffenen und die Umgebung) im Hinblick auf den Sicherheitsaspekt sowie auf die Einbettung in einen interdisziplinären Therapieprozess hin.
Akut beeinträchtigen Psychedelika die Aufmerksamkeit, Gedächtnis und exekutive Funktionen [
4,
60]. Die möglichen langfristigen Auswirkungen von Psychedelika auf die kognitiven Funktionen sind noch nicht geklärt [
63], obwohl die Substanzen akut und postakut starke neuroplastische Effekte auf das Serotoninsystem ausüben können [
74]. Ein regelmäßiger Konsum psychedelischer Substanzen wurde bereits mit strukturellen Veränderungen in den Hirnbereichen assoziiert, die mit Aufmerksamkeitsprozessen und selbstreferenziellen Denkprozessen assoziiert sind [
7]. Diese Veränderungen könnten berichteten Persönlichkeitsveränderungen bei Langzeitkonsumenten zugrunde liegen [
7]. Dass Neuroplastizität auch in Neurotoxizität übergehen kann, wurde zumindest für hochaffine 5‑HT
2A-Rezeptor-Agonisten wie die Psychedelika 2,5-Dimethoxy-4-iodamphetamin (DOI; [
12,
13]) und 5‑Methoxy‑N,N‑diisopropyltryptamin (5-MeO-DIPT, Slang: „Foxy“; [
56]) im Tierversuch demonstriert, da eine sehr starke oder anhaltende Aktivierung des 5‑HT
2A-Rezeptors die Apoptose von Neuronen auslösen kann [
62]. Dies spricht möglicherweis dafür, dass für die klinische Anwendung eher Psychedelika mit moderater Affinität am 5‑HT
2A-Rezeptor vorbehalten sein sollten. Tiefgreifende Untersuchungen über die Auswirkungen klassischer Psychedelika auf die mikrostrukturelle Hirnintegrität beim Menschen stehen jedoch noch aus.
Studienqualität
Die Qualität der klinischen Psychedelikastudien wird bisher durch verschiedene methodische Herausforderungen begrenzt. Ein grundlegendes Problem ist das Fehlen von Gruppenvergleichen mit aktivem Placebo [
11]. Die einzigartigen und sofort wahrnehmbaren psychoaktiven Effekte der Psychedelika lassen sich sowohl durch Studienteilnehmende als auch Forschende leicht erkennen (sog. „funktionelle Entblindung“). Die Benennung dieser Studien als „doppelblind, placebokontrolliert“ muss daher hinterfragt werden [
10].
Die hohen Erwartungen an psychedelische Substanzen (u. a. ausgelöst durch weltweite affirmative Berichterstattung), besonders gepaart mit einer erhöhten Suggestibilität durch die Substanzen [
14], kann bei den Studienteilnehmenden zu starken Placeboeffekten führen [
30]. In den Placebogruppen kann dies wiederum durch Enttäuschung zu ausgeprägten negativen Effekten (Noceboeffekt) führen. Die Nutzung dieser Suggestibilität zur Förderung therapeutischer Placeboeffekte („Super-Placebo“) wurde vorgeschlagen, hat jedoch ethische und wissenschaftliche Grenzen [
19]. Interessanterweise zeigen die Kurven der meisten veröffentlichten Studien, im Gegensatz zu Studien mit konventionellen Antidepressiva, kaum Verbesserung in der Placebogruppe, was die Bedeutung des Noceboeffektes in diesen Gruppen illustriert (vergleiche [
76]).
In den bisherigen klinischen Studien wurden weder die funktionelle Entblindung noch die Erwartungshaltung jedoch ausreichend berücksichtigt [
69].
Viele Psychedelikaforscher weisen zudem eine starke Identifikation mit diesem therapeutischen Ansatz auf [
34], was zu einer hohen Behandlungsmotivation führt und auch bei der Entwicklung von Placebo- und Noceboeffekten eine Rolle spielen könnte. Dadurch besteht das Risiko einer Bestätigungsverzerrung („confirmation bias“ oder „experimenter bias“), da die hohen Erwartungen und die große Motivation der Forscher dazu führen können, die Interpretation der Daten bewusst oder unbewusst zu beeinflussen. Darüber hinaus kann es zu einer Selektionsverzerrung kommen, da es sich bei den Studienteilnehmern um therapiemotivierte Personen handelt, die eine positive oder zumindest nicht negative Einstellung zum Konsum von Psychedelika haben (siehe auch [
48]).
Diese methodischen Mängel müssten behoben werden, um die Validität und Zuverlässigkeit dieser Forschung zu verbessern und fundierte klinische Empfehlungen abzuleiten.
Ethik
Ethische Herausforderungen der Therapie betreffen insbesondere die individuelle Patient:innenautonomie und gesundheitspolitische Implikationen. Ein Aspekt betrifft die Frage der Einwilligung in die Behandlung („informed consent“; [
44]). Die tiefgreifende, oft als spirituell oder transformativ beschriebene Erfahrung, die durch Psychedelika hervorgerufen wird, führt zu der Frage, inwieweit Patient:innen vollständig verstehen und antizipieren können, worauf sie sich einlassen. Die Fähigkeit, eine informierte Zustimmung zu geben, setzt voraus, dass Patient:innen die potenziellen Risiken und Nebenwirkungen verstehen. Doch bei Therapieformen, die bewusstseinsverändernde Erfahrungen induzieren, wird dieses Verständnis herausgefordert. Wie können wir sicherstellen, dass Patient:innen wirklich verstehen, was eine psychedelische Erfahrung beinhaltet und was sich daraus ergibt [
44]?
Für die negative Instrumentalisierung von Psychedelika gibt es historisch und zeitgenössisch zahllose Beispiele
Psychedelika können die Suggestibilität erhöhen [
14] und psychologische Abwehrmechanismen reduzieren [
72]. Dies stellt ein potenzielles Risiko dar, da die mediale Aufmerksamkeit, die Idealisierung dieser Substanzen und die geringe Verfügbarkeit von Behandlungsplätzen ein Umfeld schaffen können, in dem die Überhöhung von Therapeut:innen, Elitismus und letztlich Guruismus gedeihen können. Für die negative Instrumentalisierung von Psychedelika in Sekten und bei selbsternannten Gurus gibt es historisch und zeitgenössisch zahllose Beispiele [
17,
18]. Hier sind strenge ethische Richtlinien und eine sorgfältige Überwachung erforderlich, um einen potenziellen therapeutischen Machtmissbrauch zu verhindern. Die Erwartung, dass psychedelisch unterstützte Psychotherapie neue Bedeutungen (z. B. neue Selbsterzählungen) schaffen soll, erhöht zudem die Möglichkeit, dass die Therapeut:innen eigene Lebensvorstellungen in die behandelte Person projizieren, insbesondere in einem Kontext erhöhter Suggestibilität [
52].
Die Diskussion darüber, ob Psychedelika eigenständig wirken oder von der Wirkung begleitender Psychotherapie abhängig sind, beeinflusst zudem den Regulierungsprozess und stellt eine Herausforderung bei der Standardisierung von Therapieprogrammen dar [
27,
28].
Fallbeispiel 1
Ein 52-jähriger Patient mit jahrzehntelanger rezidivierender depressiver Störung nach ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems 10) wurde mit einer mittelgradigen Episode vorstellig (Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale [MADRS] 21 Punkte, Beck-Depressions-Inventar [BDI] 17 Punkte). Trotz zahlreicher vorheriger Behandlungen, einschließlich selektiver Serotonin-Wiederaufnahmeinhibitoren (SSRIs), Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmeinhibitoren (SNRIs) sowie Augmentation mit Lithium, Quetiapin und Esketamin, zeigte er keine ausreichende Verbesserung. Psychotherapeutische Ansätze hatten ebenfalls keine bedeutsame Linderung gebracht. Eine Diagnostik mittels SKID-2-Interview (Strukturiertes Klinisches Interview für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders IV) zeigte keine Persönlichkeitsstörung.
Nach Erhalt einer Ausnahmebewilligung durch das schweizerische Bundesamt für Gesundheit wurde eine Behandlung mit Psilocybin initiiert, beginnend mit fünf vorbereitenden Psychotherapiestunden, in denen unter anderem biografische Konflikte, Erwartungen und die Zielsetzung der Behandlung thematisiert wurden. Während der ersten Behandlungssitzung mit 20 mg Psilocybin erlebte der Patient traumartige Visionen und Gefühle der Trauer, die in den Nachbesprechungen als Teil eines Ablöseprozesses besprochen wurden.
Wenige Tage nach der Behandlung verschlechterten sich jedoch seine Symptome signifikant, mit einer Zunahme von innerer Unruhe, Anspannung und Angst (MADRS 26, BDI 26). Der Patient beschrieb sich selbst als „hoffnungslosen Fall“. Es erfolgten psychotherapeutische Sitzungen über einen Zeitraum von 3 Monaten ohne eine Verbesserung. Auf Wunsch des Patient:innen wurde schließlich eine zweite Sitzung mit erhöhter Dosis (30 mg) durchgeführt, in der der Patient tiefgreifende Dankbarkeit und Verbundenheit empfand. Außerdem beschrieb er Erkenntnisse, einem „äußeren Ideal nicht hinterherrennen“ zu müssen. Er verließ unsere Klinik in deutlich gebessertem Zustand (MADRS 10, BDI 9). Diese positive Wende hielt jedoch nicht an – nach einer familiären Belastungsprobe verschlechterten sich seine Symptome kurz darauf erneut (MADRS 25, BDI 23). Nach einer Stabilisierungsphase mit leichter Verbesserung (MADRS 16, BDI 21) wurde mit dem Patient:innen nach weiteren 4 Monaten eine dritte Psilocybinbehandlung geplant, um den positiven Prozess wieder aufzunehmen.
Die dritte Behandlungssitzung mit 35 mg führte zu einer tiefen emotionalen Auseinandersetzung mit einem bisher unbekannten Trennungsschmerz von seiner Mutter, welche die Familie verlassen hatte, als der Patient ein Kind war. Eine anschließende Besserung der Symptomatik hielt wieder nur wenige Tage an, sodass er einen Monat nach der dritten Behandlung insgesamt von einer Verschlechterung berichtete. Jede Kleinigkeit sei ihm zu viel, er sei sehr enttäuscht von sich und seinem Verlauf. Nichts helfe ihm, er wisse nicht, was er ändern solle. Er habe keine Energie, wolle nicht aus dem Haus gehen, fühle sich nutzlos. Die letzte Psilocybinsitzung sitze ihm „noch in den Knochen“ und ähnlich klingende Lieder wie die, die während der Psilocybinbehandlung abgespielt wurden, würden ihn erschrecken und traurig machen (MADRS 25, BDI 22).
Dieses Beispiel unterstreicht die Komplexität der Therapie mit Psychedelika. Es zeigt, dass trotz tiefgreifender Einsichten und vorübergehender Verbesserungen die langfristige Stabilität der Symptomlinderung nicht garantiert ist und in manchen Fällen eine Verschlechterung nach der Behandlung eintreten kann.