Individual Placement and Support in der psychiatrischen Versorgung: Evaluation klinischer Routinedaten mittels eines retrospektiven Chart-Reviews
- Open Access
- 18.07.2024
- Psychiatrische Therapieverfahren
- Originalien
Zusammenfassung
Hintergrund und Fragestellung
Studiendesign und Untersuchungsmethoden
Datengrundlage
Programm-Fidelity
Variablendefinitionen
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Alter,
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Gender (männlich, weiblich; [10]),
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Zeitabstand zum letztem Arbeitstag (0–6 Monate, 6–36 Monate, länger als 36 Monate; [11]) ermittelt durch Differenz des Vorstellungsdatums im IPS (mm/yyyy) und dem letzten Arbeitstag (mm/yyyy),
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psychiatrische Diagnose gemäß International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems 10 (ICD-10; [10]),
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IPS-Fidelity [12].
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Im Beobachtungszeitraum:
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Wechsel des Behandlungssettings in die PIA (ja/nein),
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Anzahl der IPS-Coachings [11].
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Statistische Analysen
Ergebnisse
Stichprobe
Alter, MW (SD) Md (Range) | 37,7 (10,6) 37 (19–63) |
Gender: weiblich, n (%) | 225 (60) |
Diagnosegruppe (Hauptdiagnose), n (%) | |
F1.x | 9 (2,5) |
F2.x | 89 (23,7) |
F3.x | 197 (52,5) |
F4.x | 42 (11,2) |
F6.x | 38 (10,1) |
Komorbidität a, n (%) | 173 (46,1) |
Substanzstörung b, n (%) | 64 (17,1) |
Zeitabstand zum letzten Arbeitstagc, n (%) | |
0–6 Monate | 197 (60,8) |
6–36 Monate | 92 (28,4) |
>36 Monate | 35 (10,8) |
Wechsel des Behandlungssettings/PIA, n (%) | 313 (83,5) |
IPS-Programm Fidelity, n (%) | |
„gut“ | 240 (64) |
„moderat“ | 135 (36) |
IPS-Coaching Kontakte, MW (SD) Md (Range) | 13,6 (14) 8 (4–111) |
(Wieder)aufnahme einer Arbeit, n (%) | 194 (51,7) |
Prädiktoren für die (Wieder)aufnahme einer Arbeit
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eine kürzere Zeitspanne (in Monaten) zum letzten Arbeitstag,
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eine ICD-10-Diagnose mit F1, F2 oder F3 (vs. F4),
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Wechsel des Behandlungssettings/PIA (vs. nur [teil]stationäre Behandlung),
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eine „gute“ IPS-Fidelity (vs. eine „moderate“).
Odds Ratio | p | 95 %-Konfidenzintervall | |
|---|---|---|---|
Alter | 0,98 | 0,102 | 0,96–1,00 |
Gender (w)a | 0,39 | 0,354 | 0,14–1,15 |
Diagnosegruppeb | |||
F1 | 9,41 | 0,019 | 1,44–61,26 |
F2 | 3,98 | 0,003 | 1,59–9,96 |
F3 | 3,44 | 0,003 | 1,51–7,87 |
F6 | 1,52 | 0,459 | 0,50–4,60 |
Zeitabstand zum letzten Arbeitstagc | |||
0–6 Monate | 8,20 | <0,0001 | 3,06–21,97 |
6–36 Monate | 3,44 | 0,018 | 1,24–9,55 |
Wechsel des Behandlungssettings/PIAd | 5,14 | <0,0001 | 2,43–10,85 |
IPS Fidelity „gut“e | 1,90 | 0,016 | 1,13–3,21 |
Diskussion
Stärken der Studie
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Die Studie wurde über einen langen Beobachtungszeitraum von 66 Monaten durchgeführt und schloss ein großes Kollektiv von Patienten (N = 375), die am IPS teilgenommen haben, ein.
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Sowohl personen-, setting- und programmbezogene Faktoren konnten in die Analyse einbezogen werden, was zu einer akzeptablen Varianzaufklärung führte.
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Es wurden Routinedaten eines Krankenhauses mit Versorgungsauftrag genutzt, die die (Wieder)aufnahme einer Arbeit prädizieren und weitgehend in Übereinstimmung mit der aktuellen Studienlage stehen.
Limitationen der Studie
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Einschränkungen ergeben sich aus dem Studiendesign einer retrospektiven Beobachtungsstudie, der Verwendung von Routinedaten, die nicht zu Forschungszwecken erhoben wurden und der mangelnden Kontrollgruppe von Patienten, die kein IPS in Anspruch nahmen. Offen bleibt derzeit, inwieweit die Ergebnisse auf andere Regionen und Kliniken übertragbar sind.
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Einschränkungen ergeben sich weiterhin in Bezug auf das international etablierte primäre Wirksamkeitskriterium, die (Wieder)aufnahme einer Arbeit für mindestens einen Tag im Beobachtungszeitraum, das zwar die Voraussetzung einer (Wieder)eingliederung abbildet, für weiterreichende Analysen wie die der Nachhaltigkeit sozialer Teilhabe jedoch nicht suffizient ist.
Fazit für die Praxis
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Die Implementierung von Individual Placement and Support (IPS) in die klinische Versorgung ist möglich und führt zu hohen Eingliederungsraten.
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Die Nutzung von IPS zeigt, dass der Bedarf von Patienten in der psychiatrischen Klinik nach einfacher Zugänglichkeit und langfristiger Unterstützung bei der (Wieder)aufnahme einer Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt besteht.
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IPS in der klinischen Versorgung sollte so konzipiert sein, dass es in der akuten oder postakuten psychiatrischen Behandlungsphase beginnt und im Anschluss nahtlos im Rahmen der PIA fortgesetzt wird.
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Ein frühzeitiger Beginn von IPS in oder nach der akutpsychiatrischen Krankheitsepisode kann helfen, einer Exklusion vom Arbeitsleben entgegenzuwirken.