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Erschienen in: Forum der Psychoanalyse 1/2023

28.11.2022 | Psychoanalyse | Originalarbeit

Psychoanalytische Aufklärung heute

verfasst von: Jürgen Körner, Kai Rugenstein

Erschienen in: Forum der Psychoanalyse | Ausgabe 1/2023

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Zusammenfassung

Freud war mit dem aufklärerischen Anspruch angetreten, dem Menschen das Unbewusste verfügbar zu machen und ihm aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) herauszuhelfen. Seine frühe Fallgeschichte der „Katharina“ illustriert diesen anfänglichen Fortschrittsglauben. Aber Freuds nachfolgende therapeutische Erfahrungen nahmen ihm zunehmend die Selbstgewissheit des optimistischen Aufklärers. Die ängstigenden Erfahrungen, welche die Analytiker der ersten Generation mit entfesselten Übertragungen machen mussten, lassen sich im Rückblick so verstehen, dass der Versuch, das Unbewusste unter die Kontrolle der Vernunft zu bringen, das Irrationale dieses Unbewussten erst recht zum Vorschein bringt. Auch darin erscheint eine Dialektik der Aufklärung. Wir lernen aus der Geschichte, dass die Analytiker immer wieder versuchten, beunruhigende Erfahrungen durch Begriffe (wie „Übertragung“) einzuhegen, aber es waren immer neue Generationen von Patienten, die ihre Analytiker aufforderten, ihnen jetzt zuzuhören und endlich zu verstehen, was sie ihnen zu sagen haben. Es bleibt die Frage, wann wir verstanden haben werden, was uns unsere Patienten heute zu sagen haben.
Fußnoten
1
Freud hatte zunächst angenommen, es könne prinzipiell gelingen, wirklich ganz frei zu assoziieren. Er hatte in seiner Jugend die damals recht bekannte Schrift von Börne (1911 [1823]) „Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden“ gelesen und war angeregt von dessen Vorschlag: Man müsse nur ohne Falsch und Heuchelei alles niederschreiben, was einem durch den Kopf gehe. Die Blockaden, die den Zugang zu den Assoziationen verhindern, wurden dann später der Gegenstand der Psychoanalyse.
 
2
In einem „Zusatz“ aus dem Jahre 1924 enthüllte Freud (1895d, S. 195) dann, dass es nicht der Onkel gewesen war, der mit der Franziska koitierte, sondern der eigene Vater. Und war der es auch gewesen, der die damals Vierzehnjährige bedrängte?
 
3
Lacan (1978 [1964]) und angelehnt an ihn Laplanche (1996 [1991]) prägten später die Formel vom Analytiker als dem sujet supposé savoir, dem Subjekt, dem Wissen unterstellt wird.
 
4
Unabhängig vom grammatikalischen Geschlecht sind hier und im Weiteren immer alle Geschlechter gemeint.
 
5
Und manche Analytiker haben sich nur allzu gern von diesen Klauen packen lassen (Krutzenbichler und Essers 2010).
 
6
Der Bezug zu einer der großen technischen Erfindungen des 19. Jahrhunderts, dem Telefon, wurde von Freud selbst hergestellt: Der Analytiker möge „dem gebenden Unbewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen wie der Receiver des Telephons zum Teller eingestellt ist“, so eine der behandlungstechnischen Regeln von Freud (1912e, S. 381).
 
7
Es waren Paula Heimann, Alice Balint, Helene Deutsch, Therese Benedek, Margret Little, Annie Reich und Clara Thompson.
 
Literatur
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Zurück zum Zitat Freud S (1912e) Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. GW VIII, S 376–387 Freud S (1912e) Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. GW VIII, S 376–387
Zurück zum Zitat Freud S (1914d) Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. GW X, S 43–113 Freud S (1914d) Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. GW X, S 43–113
Zurück zum Zitat Freud S (1917a) Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. GW XII, S 3–12 Freud S (1917a) Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. GW XII, S 3–12
Zurück zum Zitat Freud S (1922d) Preisausschreibung. GW Nachtr, S 712 Freud S (1922d) Preisausschreibung. GW Nachtr, S 712
Zurück zum Zitat Freud S (1923) „Psychoanalyse“ und „Libidotheorie“. GW XIII, S 211–233 Freud S (1923) „Psychoanalyse“ und „Libidotheorie“. GW XIII, S 211–233
Zurück zum Zitat Freud S (1925d) Selbstdarstellung. GW XIV, S 31–96 Freud S (1925d) Selbstdarstellung. GW XIV, S 31–96
Zurück zum Zitat Freud S (1933a) Neue Folge der Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse. GW XV Freud S (1933a) Neue Folge der Vorlesung zur Einführung in die Psychoanalyse. GW XV
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Metadaten
Titel
Psychoanalytische Aufklärung heute
verfasst von
Jürgen Körner
Kai Rugenstein
Publikationsdatum
28.11.2022
Verlag
Springer Medizin
Schlagwort
Psychoanalyse
Erschienen in
Forum der Psychoanalyse / Ausgabe 1/2023
Print ISSN: 0178-7667
Elektronische ISSN: 1437-0751
DOI
https://doi.org/10.1007/s00451-022-00491-8

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