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Über dieses Buch

Dieses Begleitbuch zum Curriculum „Psychosomatische Grundversorgung“ richtet sich an alle Ärztinnen und Ärzte, die Kenntnisse und Fertigkeiten in psychosomatischer Medizin erwerben und weiterentwickeln möchten. Was passiert, wenn ein Patient und ein Arzt zum ersten Mal in der Praxis oder im Krankenhaus aufeinander treffen? Dieser Prozess, der oft nur fünf bis zehn Minuten dauert, wird hier „in Zeitlupe“ detailliert angeschaut, sowohl aus der Sicht des Arztes als auch aus der Sicht des Patienten. Jeder einzelne Schritt von der Diagnosestellung bis zur Therapie wird genau nachvollzogen und auch theoretisch begründet.

Aus dem Inhalt

Erkennen der häufigsten psychischen und psychosomatischen Probleme und StörungenMöglichkeit für eigene Beratungs- und BehandlungsangeboteRechtzeitige und gezielte Weitervermittlung in Fachpsychotherapie

Die Herausgeber

Prof. Dr. Kurt Fritzsche, Arzt für Innere Medizin, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg

Dr. Werner Geigges, Arzt für Innere Medizin, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Chefarzt der Rehaklinik Glotterbad

Prof. Dr. Dietmar Richter, Arzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Psychotherapie, in eigener Praxis

Prof. Dr. Michael Wirsching, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Was ist psychosomatische Grundversorgung?

Frontmatter

1. Was ist psychosomatische Medizin?

Psychosomatische Medizin beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen körperlichen, seelischen und sozialen Prozessen, in der Entstehung, im Verlauf und der Bewältigung von Krankheit und Leidenszuständen. Bei jeder Krankheit sind diese körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren ganz individuell zu gewichten. Das biopsychosoziale Modell wird am Beispiel der koronaren Herzerkrankung dargestellt. Wechselwirkungen zwischen neurobiologischen Prozessen, Genaktivität, psychosozialen Einflüssen, Salutogenese, früheren Bindungserfahrungen sowie Copingstrategien werden beschrieben.

Werner Geigges, Kurt Fritzsche

2. Warum psychosomatische Grundversorgung?

Psychische und psychosomatische Erkrankungen sind häufig. Die 12-Monats-Prävalenzen psychischer Störungen bei Erwachsenen liegen bei 28 %. Die meisten dieser Patienten werden durch Ärzte für Allgemeinmedizin und Fachärzte anderer Fachrichtungen behandelt. Diese besondere Versorgungssituation führte zur Aufnahme des Curriculums »Psychosomatischen Grundversorgung« in die Fort- und Weiterbildungsrichtlinien der Bundesärztekammer. Hier können Ärzte aller Fachgebiete Kompetenzen im Erkennen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen, im Anbieten begrenzter supportiver Gespräche sowie in der rechtzeitigen Überweisung in fachpsychotherapeutische Behandlung erwerben.

Werner Geigges, Kurt Fritzsche

3. Ziele der Fort- und Weiterbildung in der psychosomatischen Grundversorgung

Die psychosomatische Grundversorgung hat das Ziel, den Dualismus in der Medizin und in unserem Gesundheitswesen tendenziell zu überwinden, indem sie Gesamtdiagnosen stellt. Dabei werden körperliche und seelische Symptome, wie subjektives Erleben und ihre Verarbeitung, im Kontext gegenwärtiger und vergangener Beziehungserfahrungen und vor allem auch im aktuellen Arzt-Patient-Kontakt beschrieben und in ihrer Wertigkeit für die aktuelle Symptomatik beurteilt. Grundlage dieses Prozesses ist eine vertrauensvolle und empathische Arzt-Patient-Beziehung. Weitere Ziele der Basistherapie sind die lösungsorientierte Problemklärung, die Hilfe bei der Überwindung von Lebenskrisen sowie die spezifische Behandlung bei verschiedenen psychischen Störungen, einschließlich Psychopharmakotherapie sowie Vorbereitung und Einleitung einer weiterführenden Therapie bei Psychiater, ärztlichem oder psychologischen Psychotherapeuten oder stationäre Behandlung.

Werner Geigges, Kurt Fritzsche

Der Erstkontakt: Erkennen psychosozialer Belastungen und Therapieplanung

Frontmatter

4. Beziehungsgestaltung – Herstellen einer gemeinsamen Wirklichkeit

Im Erstkontakt zwischen Arzt und Patient haben sich folgende Einstellungen und Techniken bewährt: Empathie, Echtheit, bedingungslose Wertschätzung, Innehalten, Geduld haben, Abwarten, aktives Zuhören, offene Fragen sowie die Person des Arztes als diagnostisches Instrument wahrnehmen und therapeutisch einsetzen. Die Beziehung zwischen Arzt und Patient lässt sich in drei Modellen beschreiben: das paternalistische Modell, das Dienstleistungs- oder Konsumentenmodell und das partnerschaftliche Modell. Es ist die Entscheidung des Arztes, welche Anteile der drei Modelle er bei welchem Patienten einsetzt. Das partnerschaftliche Modell erfordert vom Arzt hohe Flexibilität und die Fähigkeit zuzuhören.

Kurt Fritzsche, Dietmar Richter, Dietrich Noelle

5. Gesprächsführung – Vom Verhören zum Zuhören

Erfolgreiche Arzt-Patient-Kommunikation ist charakterisiert durch die Balance zwischen patientenzentrierten Interviewtechniken und arztzentrierten Interviewtechniken. Die wichtigsten patentenzentrierten Interviewtechniken sind: die Patienten ausreden lassen, offene Fragen stellen, die Inhalte zusammenfassen und die Emotionen des Patienten spiegeln. Arztzentrierte Interviewtechniken sind: geschlossene Fragen stellen, Unterbrechung, Transparenz der Inhalte und Interviewphasen. Es werden zwei Modelle vorgestellt, wie man konstruktiv emotional aufgeladene Gesprächssituationen entlasten kann.

Kurt Fritzsche, Dietmar Richter, Christina Burbaum

6. Die biopsychosoziale Anamnese

Die biopsychosoziale Anamnese umfasst verschiedene Phasen: Begrüßung und Setting, patientenzentrierte Phase der Befunderhebung, arztzentrierte Phase der Befunderhebung, aktuelle Lebenssituation und psychosoziale Anamnese sowie eine körperliche Untersuchung. Abschluss des Gespräches bilden erste Hypothesen über eine Gesamtdiagnose und die Besprechung der weiteren Diagnostik- und Behandlungsplanung. Inhalte der psychosozialen Anamnese sind auslösende, symptomverstärkende und aufrechterhaltende Bedingungen der Beschwerden, psychosoziale Belastungen in Familie oder Beruf, lebensgeschichtliche Schwellensituationen, subjektives Krankheitsverständnis des Patienten und Einschätzung der psychischen und sozialen Ressourcen.

Kurt Fritzsche, Christina Burbaum

7. Das Paar- und Familiengespräch

Im Falle einer Krankheit kann die Familie entweder eine Belastung oder eine Ressource im Unterstützungssystem darstellen. Die verschiedenen Phasen des Familiengesprächs werden präsentiert: Joining, Kontext und Auftragsklärung, Krankheit und ihre Auswirkungen aus verschiedenen Perspektiven, Behandlungsplanung und der Abschluss. Kommunikationstechniken sind: direkte krankheitsbezogene Fragen, indirekte oder zirkuläre Fragen und hypothetische Fragen. Das Genogramm hilft dem Arzt, einen Überblick über die Geschichte der Familie zu erhalten mit den belastenden Lebensereignissen, Krankheiten und Ressourcen über drei Generationen hinweg.

Werner Geigges, Dietrich Noelle, Michael Wirsching

8. Was wirkt? – Allgemeine Wirkfaktoren ärztlicher Interventionen

Ziel ärztlicher Interventionen ist die Konsistenz des psychischen Geschehens wieder herzustellen und/oder zu erhöhen. Eine Konsistenz der psychischen Prozesse stellt sich ein, wenn die psychosozialen Grundbedürfnisse befriedigt sind. Dazu zählen das Bedürfnis nach Nähe und Bindung, nach Autonomie und Kontrolle, nach Lustgewinn und Unlustvermeidung und das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung. Der Arzt hilft dem Patienten, die durch Krankheit und Behandlungssituation verletzten Grundbedürfnisse zumindest teilweise wieder zu befriedigen. Allgemeine Wirkfaktoren sind dabei:1. Eine gute Arzt-Patient-Beziehung, 2. Aktive Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung, 3. Salutogenese und Ressourcenaktivierung und 4. Informationen und Ratschläge zur Gesundheitsförderung. Zum letzten Punkt gehören Motivierung für sportliche Aktivitäten, gesunde Ernährung, Verbesserung der Genussfähigkeit, Zugang zur Musik und Anleitung zur Stressbewältigung durch Imagination, Achtsamkeit und Atemübungen.

Kurt Fritzsche, Daniela Wetzel-Richter

Erkennen und Behandeln häufiger Krankheitsbilder und Problembereiche

Frontmatter

9. Somatoforme Störungen

Die Patienten haben eine oder mehrere Körperbeschwerden, für die keine hinreichenden organischen Ursachen gefunden werden. Die hartnäckigen Forderungen nach weiterer organischer Abklärung und häufige Arztbesuche machen die Herstellung einer hilfreichen und vertrauensvollen Arzt-Patient-Beziehung schwierig. Die therapeutische Grundhaltung ist: die Beschwerden ernstnehmen, die Hilflosigkeit, Enttäuschung und den Ärger des Patienten verstehen und das subjektive Krankheitsmodell explorieren. Ein dreistufiges Interventionsmodell wird vorgestellt.

Kurt Fritzsche, Martin Dornberg, Christina Burbaum

10. Chronische Schmerzstörung

Bei der chronischen Schmerzstörung hat der Schmerz seine Warn- und Vermeidungsfunktion verloren. Die Schmerzen treten unabhängig von einem evtl. früher vorhandenen auslösenden Reiz auf und haben sich verselbstständigt. Risikofaktoren für eine Chronifizierung sind belastende Lebensereignisse, ängstliches Vermeidungsverhalten, depressive Stimmung und passive Behandlungserwartungen. Die Diagnostik umfasst immer somatische, psychische und soziale Aspekte. Erfolge in der Behandlung einer chronischen Schmerzstörung werden am besten im Rahmen eines multimodalen Gesamtbehandlungskonzeptes in Kooperation des Hausarztes mit einem Schmerztherapeuten und anderen Fachärzten erzielt.

Kurt Fritzsche, Martin Dornberg, Blandine Niklaus

11. Angststörungen

Angst zu empfinden, ist ein normales psychophysiologisches Reaktionsmuster. Pathologisch ist Angst, die unverhältnismäßig häufig und übermäßig, d. h. ohne adäquate, reale Bedrohung auftritt. Der Patient hat dabei oft das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren und beginnt, angstauslösende Situationen zu vermeiden. Er ist dadurch in seinem Alltagsleben eingeschränkt. Die wichtigsten Formen der Angststörung sind: Panikstörungen, Phobien, generalisierte Angststörung und Hypochondrie. Sehr häufig verstecken sich die Symptome einer Angststörung hinter körperlichen Symptomen. Basisinterventionen im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung zielen auf Stärkung der Autonomieressourcen des Patienten und Abbau des Vermeidungsverhaltens durch Edukation (Erklärung der aufrechterhaltenden Faktoren, z. B. Teufelskreis der Angst) und den Einsatz von Entspannungsverfahren (Atemübungen, PME). Schwere und komplexe Formen der Angststörung erfordern eine psychotherapeutische und psychopharmakologische Behandlung.

Kurt Fritzsche, Uwe H. Ross

12. Depression und Suizidalität

Die Depression ist in Deutschland und gemäß WHO weltweit die häufigste psychische Störung. Hauptsymptome sind gedrückte, depressive Stimmung, Interessenlosigkeit und Antriebsmangel. Das Krankheitsbild Depression muss von Traurigkeit oder Trauer in Folge des Verlustes einer nahen Bezugsperson abgegrenzt werden. Zu den Basisinterventionen in der Primärversorgung gehören Information und Beratung zu Ursachen und Behandlung der Depression, Begleitung und Unterstützung des Patienten, langsame, schrittweise Aktivierung und Motivierung sowie die medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung. Diese ist vor allem bei mittelgradigen und schweren Formen der Depression notwendig. Dabei muss auch immer das Suizidrisiko eingeschätzt werden. Maßnahmen zur Suizidprävention werden beschrieben.

Kurt Fritzsche, Daniela Wetzel-Richter

13. Krebserkrankung

Abhängig von der Art der Krebserkrankung, dem Tumorstadium und der Behandlung zeigen 30–50 % aller Patienten mit der Diagnose einer Krebserkrankung Angst und depressive Symptome und brauchen zumindest kurzfristig psychoonkologische Unterstützung. Patienten mit aktivem, offenem Umgang mit der Erkrankung, sozialen Beziehungen und Vertrauen in die Ärzte haben eine bessere Lebensqualität und ein besseres emotionales Befinden. Von ärztlicher Seite wünschen sich die Patienten eine kompetente Diagnosemitteilung und Aufklärung über Krankheitsstadium und Behandlung sowie eine empathische Begleitung mit Einbeziehung der Familie.

Kurt Fritzsche, Werner Geigges

14. Koronare Herzkrankheit

Nach einem Herzinfarkt erfüllen ca. 20 % der Patienten die Diagnosekriterien für eine behandlungsbedürftige Depression oder Angststörung und haben dadurch ein um das 2- bis 4fach erhöhte Mortalitäts- und Reinfarktrisiko. Im Rahmen der biopsychosozialen Anamnese kann der Arzt psychosoziale Risikofaktoren wie anhaltenden Ärger und Feindseligkeit, vitale Erschöpfung, soziale Isolation, Unzufriedenheit und Überlastung am Arbeitsplatz feststellen. Behandlungsmaßnahmen umfassen die Stärkung des Selbstwertgefühls, die Reduzierung von Angst und Misstrauen als auch die Unterstützung bei der Änderung des Lebensstils (Ernährung, körperliche Aktivität, nichtrauchen und Stressreduktion).

Kurt Fritzsche, Daniela Wetzel-Richter

15. Diabetes mellitus

Der Diabetes mellitus ist ein komplexe chronische Erkrankung des Kohlenhydratstoffwechsels, die epidemieartig weltweit zunimmt und zu massiven psychophysischen Belastungen und Beeinträchtigungen der Betroffenen führen kann. Die Prognose und der Verlauf sind entscheidend vom Lebensstil und Krankheitsverhalten abhängig. Aus diesem Grund kommt dem Patienten eine entscheidende Rolle in der Diabetesbehandlung zu. Erschwerend treten psychische Komorbiditäten wie Depressionen, diabetesspezifische Angststörungen und Essstörungen gehäuft auf. Um diesen verschiedenen Facetten der diabetischen Erkrankung gerecht werden zu können, bedarf es von Seiten der behandelnden Ärzte neben medizinisch-diabetologischer auch psychoedukativer, psychotherapeutischer und psychopharmakologischer Kompetenzen.

Werner Geigges, Ulrich Garwers, Martin Poppelreuter, Kurt Fritzsche

Zur Zeit gratis

16. Adipositas und metabolisches Syndrom

Adipositas (BMI > 30 kg/m2) ist eine chronische Krankheit mit hoher Mortalität. Vor allem in der Primärversorgung stehen Diagnostik, motivationale Beratung zur Verhaltensänderung, Ernährungsumstellung und Aktivierung im Vordergrund. Nur bei extremer Adipositas sollte ein chirurgischer Eingriff erwogen werden. Die Binge-Eating Disorder (BED), gekennzeichnet durch Essanfälle mit Kontrollverlust in großen Mengen ohne Hunger, kann unbewusst i. S. der Bewältigung von Kränkungen, Ärger, depressiven Gefühlen und Angst motiviert sein. Kennzeichen des metabolischen Syndroms sind die abdominelle Fettleibigkeit, der Bluthochdruck, die Hypercholesterinämie und Insulinresistenz. Hauptansatzpunkt der Therapie ist die Änderung des Lebensstils mit dem Ziel, das Körpergewicht zu reduzieren, die Blutfette zu senken und das Auftreten eines manifesten Diabetes mellitus zu verhindern. Weitere Maßnahmen sind das Ausdauertraining, der Verzicht auf Rauchen, die Alkoholabstinenz und eine begleitende Verhaltenstherapie.

Kurt Fritzsche, Daniela Wetzel-Richter, Werner Geigges

17. Anorexia nervosa und Bulimie

Anorexia nervosa ist durch einen absichtlich und selbst herbeigeführten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust und die Bulimie durch wiederholte Anfälle von Essattacken, meist verbunden mit nachfolgendem Erbrechen, charakterisiert. Aufgaben des Arztes in der Primärversorgung sind das Erkennen und Aufklären über die körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen und Folgen der Essstörung, Einbeziehung der Familie und Kooperation mit einem Psychotherapeuten. Eine motivierende Gesprächsführung, die den verzweifelten Kampf der Patienten um Autonomie und Selbstwert bei kaum eingestandenen Abhängigkeitswünschen thematisiert, schafft die Grundlage für eine erfolgreiche Weitervermittlung in eine ambulante oder stationäre Psychotherapie.

Kurt Fritzsche, Peter Rochlitz

18. Suchtkrankheiten

Die wichtigsten Symptome, die auf eine Abhängigkeit von Alkohol oder Medikamenten hinweisen, sind Kontrollverlust, Entzugssymptome und Toleranzentwicklung. Beim pathologischen Internetgebrauch besteht ein intensiver Drang zu dauerndem Konsum in Form exzessiv ausufernder Nutzungszeiten trotz negativer Konsequenzen wie Leistungsabfall und Toleranzentwicklung. Die therapeutische Grundhaltung orientiert sich an den Merkmalen der motivierenden Gesprächsführung: Empathie zeigen und ausdrücken, Diskrepanz wahrnehmen und Veränderungsbereitschaft fördern, mit dem Widerstand des Patienten gehen. Der Patient ist selbst für die Entscheidung zur Veränderung und für ihre Durchführung verantwortlich. Die 4 Phasen der Veränderungsbereitschaft einschließlich des Umgangs mit Rückfällen werden dargestellt.

Kurt Fritzsche

19. Akute und posttraumatische Belastungsstörung

»Die Zeit heilt alle Wunden.« Dieser Satz stimmt oft, aber nicht unbedingt für Menschen nach schweren Belastungen: Jeder Arzt hat mit diesen trauernden, geschockten, stillen, zurückgezogenen oder übererregten, eben »traumatisierten« Menschen zu tun, die unsere Hilfe benötigen. Sie bitten uns aber häufig nicht direkt um »Hilfe nach Trauma«, sondern klagen über Schlafprobleme, körperliche Symptome, innere Abwesenheit, Nervosität, Angst, Traurigkeit, Unlust und viele andere Symptome, die man nur in der Übersicht als »posttraumatisch« verstehen kann. Dieses Kapitel soll eine frühe Diagnose »posttraumatische Belastungsstörung« und ihre frühe angemessene Behandlung ermöglichen.

Peter Schröder

20. Persönlichkeitsstörungen

Die Grenzziehung zwischen Persönlichkeitsstörungen, Neurose, Psychose und v. a. Normalität ist schwierig und umstritten. Allen Persönlichkeitsstörungen gemeinsam sind Störungen des emotionalen Erlebens, der Realitätswahrnehmung, der Selbstwahrnehmung und der Selbstdarstellung, der Impuls- und Selbstkontrolle und die Ich-Syntonie. Sie betreffen alle Bereiche des Denkens, des Erlebens, des Verhaltens und der Beziehungen zu sich selbst und anderen Menschen. Da Patienten mit Persönlichkeitsstörungen selten direkt zum Psychotherapeuten gehen, haben Ärzte in der Grundversorgung eine wichtige Funktion und Verantwortung bei der Motivierung zu einer passenden Behandlung und in der langfristigen Begleitung.

Kurt Fritzsche, Werner Geigges, Michael Wirsching

21. Sexualmedizin

Sexuelle Gesundheit hängt eng mit einer allgemeinen Lebenszufriedenheit zusammen, ist für viele Menschen ein wichtiges, persönliches Ziel bis ins hohe Alter, hat eine große Bedeutung für die Identität von Frau und Mann und ist wichtig für ein gutes Lebens- und Selbstwertgefühl. Die WHO definiert sexuelle Gesundheit als Integration der körperlichen, gefühlsmäßigen, geistigen und sozialen Aspekte sexuellen Seins auf eine Weise, die positiv bereichert und die Persönlichkeit, die Kommunikation und die Liebe stärkt. Es besteht eine auffällige Diskrepanz zwischen der Häufigkeit von Sexualstörungen einerseits und dem Fehlen von Kenntnissen bei Ärzten über effektive Behandlungsoptionen. In mehrfachen Untersuchungen bewerteten die Hälfte der befragten Ärztinnen und Ärzte ihren Kenntnisstand bzgl. Sexualität und ihrer Störungen als gering bis allenfalls mittelgradig. Eine Mehrheit der Patienten wünscht sich jedoch von ihrem Arzt nach sexuellen Problemen gefragt zu werden.

Dietmar Richter, Daniela Wetzel-Richter

22. Psychosomatik im Alter

Krankheiten im Alter sind Prototypen für die Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele. Das häufige Auftreten mehrerer sich gegenseitig beeinflussender chronischer Krankheiten, v. a. des Herz-Kreislauf-Systems, des Stütz- und Bewegungsapparates, des Stoffwechsels und der Sinne (Geriatrie typische Multimorbidität), verbunden mit einer Zunahme von seelischen und sozialen Veränderungen, machen das Krankheitsbild zunächst unüberschaubar und führen zu erheblichen Problemen bei Differenzialdiagnose und Behandlung. Die psychosoziale Anamnese zeigt, dass v. a. Verlusterlebnisse, wie fehlende berufliche Gratifikation, Verlust naher Bezugspersonen und der Verlust der körperlichen Integrität mit dem Auftreten von depressiven, Angst- und somatoformen Symptomen verbunden sind. Ein psychosomatisches Verständnis bietet für ältere Patienten die Chance auf dem Hintergrund ihrer aktuellen Lebensgeschichte ihre Lebendigkeit und ihre Einzigartigkeit wieder zu entdecken.

Kurt Fritzsche, Margrit Ott

23. Unheilbar Kranke und Sterbende

Im Rahmen der Begleitung von Patienten mit unheilbarer Krebserkrankung fällt immer wieder auf, wie sehr diese Patienten an Bildern, Wünschen und Zukunftsperspektiven festhalten, die für Außenstehende etwas Irreales und Utopisches verkörpern. Ob Verleugnung der Unheilbarkeit einer Erkrankung nützlich oder schädlich ist, wird kontrovers diskutiert. Aus psychoanalytischer Sicht werden die Fantasien der Unverletzlichkeit und Unsterblichkeit als Lebensnotwendigkeiten angesehen. Der Arzt sollte die Verleugnung als schützende Illusion anerkennen und ein forciertes Konfrontieren mit der Realität vermeiden. Er oszilliert dabei zwischen der Illusion der Unsterblichkeit und der Realität der Krebserkrankung, die zum Tode führt. Der Arzt fungiert als Übergangsobjekt, das Halt und Schutz gibt. Das schafft eine wichtige Voraussetzung, dass der Patient getragen von einer liebevollen Beziehung, loslassen kann und seinen Frieden findet.

Kurt Fritzsche, Gerhild Becker

24. Familie und Partnerschaft

Am Ende des 2. Weltkrieges (1945) schrieb der New Yorker Internist Henry D. Richardson sein weitsichtiges Werk Patienten haben Familien, das großes Interesse fand. Darin beschreibt er die »Entwicklung der Medizin vom erkrankten Organ, über die Persönlichkeit des Patienten zum Verständnis des Patienten als Teil seiner Familie in einem bestimmten sozialen Umfeld«. Dieser familienmedizinische Zugang ist wegweisend für die hausärztliche (primärmedizinische) Praxis in allen Ländern und bestimmt auch unser Verständnis der psychosomatischen Grundversorgung. Im Folgenden werden die Grundannahmen solcher Systemsicht zusammengefasst und auf Grundthemen angewandt, wie sie für den ärztlichen Alltag typisch sind: Partnerschaft, Erziehung, alte Menschen und familiäre Belastungen durch schwere oder chronische Krankheiten. Fallbeispiele und Hinweise zum diagnostischen Vorgehen sollen die Praxisrelevanz hervorheben. Dabei ist der Übergang zur Paar- und Familientherapie fließend.

Michael Wirsching, Werner Geigges

25. Krisenintervention

Lebenskrisen gehören zur normalen menschlichen Entwicklung. Sie sind ein Reiz für emotionales Wachstum und Entwicklung von Bewältigungsstrategien. Professionelle Hilfe ist notwendig, wenn ein Missverhältnis entsteht zwischen der Schwere der belastenden Krisensituation, dem vorhandenen Bewältigungsvermögen des Patienten und dem zur Verfügung stehenden Unterstützungspotential. Das Vorgehen bei Krisen beinhaltet 3 Schritte. Minderung von Angst und depressiver Symptomatik, Klärung der aktuellen Konfliktsituation, Beratung und Unterstützung.

Kurt Fritzsche, Daniela Wetzel-Richter

Als Arzt genormt und geformt – Wie erhalte ich die Freude an meinem Beruf?

Frontmatter

26. Psychosomatik in der Hausarztpraxis

Wie kann der Arzt bei der Integration der psychosomatischen Grundversorgung in den Praxisalltag die Spaltung zwischen Körpermedizin und Seelenmedizin vermeiden? Für die Identitätsfindung ist es wichtig, die ureigene Identität als Arzt in seinem Fachgebiet zu wahren und gleichzeitig die psychosomatische Sichtweise zu integrieren. Dazu gehört eine systematische biopsychosoziale Anamnese, das Schaffen einer neuen gemeinsamen Wirklichkeit zwischen Arzt und Patient und genügend Zeit. Der Hausarzt sollte nicht versuchen, die Arbeit eines Fachpsychotherapeuten zu übernehmen oder zu kopieren. Ideen zur Integration von psychosomatischer Medizin in die tägliche Sprechstunde und die Vorteile einer solchen Integration werden dargestellt. Psychosomatische Medizin macht Spaß, erhält die Freude am Arztberuf und macht Patienten und Ärzte zufriedener.

Peter Schröder, Kurt Fritzsche

27. Psychosomatik im Krankenhaus

30–50 % der stationär behandelten Patienten leiden unter seelischen Belastungen entweder in Zusammenhang mit der körperlichen Erkrankung oder i. S. einer eigenständigen psychischen Störung. Frühzeitiges Erkennen, begrenzte Gesprächsangebote und Kooperation mit psychosomatischen psychiatrischen Diensten sind notwendig. Am Beispiel der Stationsvisite und des psychosomatischen Konsil- und Liaisondienstes werden Ansätze einer biopsychosozialen Medizin im Krankenhaus vorgestellt.

Kurt Fritzsche, Martin Dornberg

28. Die Balintgruppe

Balintgruppen sind Fallbesprechungen unter besonderer Berücksichtigung der Arzt-Patient-Beziehung. Ein Arzt stellt einen Patienten vor, der ihn aus den unterschiedlichsten Gründen beschäftigt. Die Gruppe spiegelt die Arzt-Patient-Beziehung aus verschiedenen Blickwinkeln wider, die dem Arzt ermöglichen, andere Sichtweisen zu erlangen und störende unbewusste Einflüsse sowie eigene Anteile wahrzunehmen. So entstehen ein neues Verständnis und eine neue Qualität der Beziehung. Diese neuen Perspektiven helfen dem Arzt, sich selbst und den Patienten besser zu verstehen, und geben Anstöße für einen befriedigenderen Behandlungsverlauf.

Kurt Fritzsche, Werner Geigges

29. Entspannung, Körperwahrnehmung und Erholung

Entspannung und Erholung müssen mehr denn je aktiv und bewusst in den Alltag eingeplant werden, um einer Überforderung vorzubeugen. Die immensen außenorientierten, energiekonsumierenden Zuwendungsleistungen gerade in der Rolle als Arzt machen die Entspannungs- und Erholungsfähigkeit zu Kernkompetenzen der heutigen Zeit. In diesem Kapitel stellen wir gängige Entspannungsverfahren vor, die neben der Reduktion von körperlichen und seelischen Anspannungszuständen den Ausbau der Körperwahrnehmung als Basis für eine gesunde Selbstregulation fördern. Neben Tipps zum entspannten Arbeiten mit dem Patienten finden sich praktische Anregungen zum Ausbau Ihrer Erholungskompetenz.

Uwe H. Ross, Kurt Fritzsche

30. Burnout-Prävention

Auf die zentrale Frage des Salutogenese-Modells – Was hält Menschen in Gegenwart von Stress gesund? – gibt die Resilienz-Forschung praktikable Antworten: Zur Vorbeugung arbeitsbedingter Erschöpfung müssen die persönlichen Grundbedürfnisse als Basis seelischer Gesundheit befriedigt und auch die inzwischen empirisch gesicherten Merkmale gesunder Arbeit vorhanden sein. Ausgehend von gesicherten Erkenntnissen zur Burnout-Entstehung werden in diesem Kapitel praktische Möglichkeiten zur Gestaltung gesunder Arbeit auf persönlicher und organisationaler Ebene sowie gesunde Resilienz-Strategien vorgestellt. Arbeit, die von Achtsamkeit mit Blick auf eigene Bedürfnisse und das persönlich Machbare geprägt ist, wird dann selbst zum Gesundheitsfaktor als bestes Mittel gegen Burnout.

Uwe H. Ross, Kurt Fritzsche

31. Wie weiter? Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten in psychosomatischer Medizin und Psychotherapie

Nach erfolgreicher Absolvierung eines Kurses in Psychosomatischer Grundversorgung und bei entsprechendem Interesse kann die Zusatzweiterbildung Psychotherapie-fachgebunden angestrebt werden. Die Zusatzweiterbildung erlaubt über die psychosomatische Grundversorgung hinausgehende Interventionen durch den primär zuständigen Arzt. Über 10-jährige Erfahrungen mit der neuen Weiterbildung Psychotherapie werden vorgestellt. Überlegenswert ist, ob für das Fach Allgemeinmedizin in Zukunft die Zusatzweiterbildung Psychotherapie Teil der Facharztweiterbildung wird.

Kurt Fritzsche, Peter Schröder

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