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Quo vadis: Steuerung in der Notfall- und Akutversorgung?
Ergebnisse einer Onlinebefragung zu aktuell praktizierten Modellen der Patient:innensteuerung und integrativen Versorgung in Notaufnahmen in Deutschland
Zur Entlastung der Notaufnahmen wird in Deutschland seit Jahren über die alternative Versorgung von Patient:innen mit ambulantem Behandlungsbedarf diskutiert. Dieser Beitrag gibt Einblick in aktuell praktizierte Modelle der Steuerung und integrierten Akut- und Notfallversorgung in Deutschland.
Methode
Zwischen Juli 2023 und Juli 2024 wurde ärztliches Notaufnahmepersonal mittels eines Onlinesurveys befragt. Ein Teil richtete sich an Leitungspersonal und erhob Versorgungsstrukturen und Fallzahlen. Daraus wurden Entlastungspotenziale berechnet. Die Auswertung erfolgte deskriptiv.
Ergebnisse
Von 370 Teilnehmenden waren 28 % (n = 105) leitendes Notaufnahmepersonal. 50 % (n = 45) derjenigen mit alternativen Strukturen berichteten über Kooperationen mit der Kassenärztlichen Vereinigung. In 43 % (n = 24) erfolgte eine standardisierte Steuerung, oft triagebasiert. Das angegebene Entlastungspotenzial lag im Median bei 21 %.
Diskussion
Die Ergebnisse zeigen eine heterogene Versorgungslandschaft mit unterschiedlichen Steuerungsansätzen und relevanten Entlastungspotenzialen. Aufgrund geringer Fallzahlen und eines konvenienten Samples sind die Ergebnisse als explorativ zu interpretieren. Weitere Forschung kann zur evidenzbasierten Weiterentwicklung der Akut- und Notfallversorgung beitragen.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Zur Entlastung der Notaufnahmen wird in Deutschland seit Längerem über die Steuerung und integrative Versorgung von Patient:innen mit ambulantem Behandlungsbedarf diskutiert. In der Praxis kommen bereits unterschiedliche Ansätze zur Anwendung. Der vorliegende Beitrag exploriert aktuell praktizierte Modelle der Akut- und Notfallversorgung und leitet Forschungsbedarfe ab.
Hintergrund und Fragestellung
Die anhaltend hohe Belastung der Notaufnahmen in Deutschland hat eine intensive Debatte über geeignete Maßnahmen zur strukturellen Entlastung ausgelöst. Zum Tableau von Maßnahmen, die zu einer Entlastung beitragen sollen, zählt die Steuerung von Patient:innen, für die eine Behandlung im ambulanten Sektor eine adäquate Option darstellen könnte. Sie macht eine verstärkte Kooperation zwischen den Sektoren erforderlich.
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Kern dieser von der Gesundheitspolitik angestrebten Kooperation ist die Steuerung von Patient:innen auf Basis einer standardisierten Ersteinschätzung und einer entsprechenden Zuweisung in die adäquate Versorgungsebene, sowie die integrierte Versorgung [1, 2]. Der Sachverständigenrat Gesundheit empfahl hierfür bereits 2018 die Etablierung Integrierter Notfallzentren (INZ; [1]); entsprechende Konzepte wurden in politische Reformvorschläge aufgenommen. Bislang fehlen jedoch für Deutschland Daten zur Verbreitung, Ausgestaltung und Wirksamkeit derartiger Versorgungsmodelle.
Politik und Versorgungsforschung sehen sich diesbezüglich mit einem seit Jahren beklagten Mangel an Daten konfrontiert. Einzelne Pilotstudien geben Einblick in den jeweiligen Ansatz [3‐6]. Es mangelt jedoch weiterhin an systematischen Erkenntnissen zu den Modellen.
Der vorliegende Beitrag exploriert aktuell praktizierte Steuerungs- und Versorgungsansätze, vergleicht Behandlungszahlen und Entlastungspotenziale und leitet daraus erste Versorgungstrends und Ansatzpunkte für weitere Forschung ab.
Studiendesign und Untersuchungsmethoden
Vorgehen
Grundlage der hier präsentierten Ergebnisse ist die Befragung zur „Personalsituation in Notaufnahmen in Deutschland“, eine standardisierte, 12-monatige Onlineerhebung. Ziel war es, Einblicke in Arbeitssituation, Belastung, berufliche Position sowie aktuell praktizierte Versorgungsmodelle in deutschen Notaufnahmen zu gewinnen. Die anonyme Befragung wurde mit REDCap (Research Electronic Data Capture) erfasst und ist Teil der vom Innovationsfonds des G‑BA geförderten Studie „Patient:innen-Navigation in der deutschen Notfallversorgung“ (NODE) [7]. Die Studie wurde von der Ethikkommission der Charité – Universitätsmedizin Berlin geprüft (EA2/153/22) und im Deutschen Register Klinischer Studien registriert (DRKS00030398).
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Zwischen Juli 2023 und Juli 2024 wurden Ärzt:innen in Notaufnahmen über notfallmedizinische Mailverteiler, Fachveranstaltungen und soziale Medien zur Teilnahme eingeladen. Die Befragung bestand aus 7 Modulen, von denen 5 allen Teilnehmenden offenstanden. Zwei weitere Module richteten sich gezielt an leitendes Notaufnahmepersonal.
Das hier ausgewertete Modul 3 (Abb. 1) umfasste Fragen zu Versorgungsstrukturen und Behandlungszahlen.
Erfassung der Versorgungsstrukturen und Behandlungszahlen
Zur Auswahl angeboten wurden verschiedene Modelle der Akut- und Notfallversorgung: Portal- oder Notdienstpraxen, Integrierte Notfallzentren (INZ) und klinikeigene Versorgungsmodelle. Zudem wurden für diese Modelle die Zuweisungsarten abgefragt. Die Auswahl basierte auf dem aktuellen Forschungs- und Praxisstand [5, 6, 8‐11]. Die Modelle unterscheiden sich u. a. in Öffnungszeiten, Ausstattung, Ressourcenzugriff, Standort und Trägerschaft. Die Zuordnung ihrer Notaufnahmen zu den in der Befragung aufgenommenen Modellen und Zuweisungsarten oblag den Befragten.
Befragte gaben monatliche Behandlungszahlen der Notaufnahme an; ggf. zusätzlich auch die Zahl alternativ versorgter Patient:innen. Unplausible Angaben wurden ausgeschlossen. Das Entlastungspotenzial wurde als Anteil der alternativ versorgten Fälle an der Gesamtfallzahl berechnet.
Statistik
Die Auswertung erfolgte deskriptiv. Kategoriale Variablen wurden als absolute und relative Häufigkeiten dargestellt. Für metrische Variablen wurden je nach Verteilung Median, Interquartilsabstand (IQA), 25. und 75. Perzentil (Q1/Q3), Spannweite (Min/Max) bzw. Mittelwert (MW) und Standardabweichung (SD) angegeben. Fehlende Werte wurden durchgängig ausgewiesen. Die Analyse wurde mit IBM SPSS Statistics, Version 29.0.0.0 (241; IBM, Armonk, NY, USA), durchgeführt.
Ergebnisse
Die Ergebnisse basieren auf den Angaben von leitendem Notaufnahmepersonal (Chefärzt:in, ärztliche Leitung oder leitende:r Oberärzt:in). Auf Grundlage des angegebenen beruflichen Status wurde das Modul „Versorgungsstrukturen und Behandlungszahlen“ 105 von insgesamt 370 Befragten angeboten. 90 Personen machten Angaben zu Versorgungsstrukturen, 78 zu Behandlungszahlen in der Notaufnahme; 22 gaben zusätzlich Behandlungszahlen für ein alternatives Versorgungsmodell an.
Soziodemografische Charakteristika der Teilnehmenden und Charakterisierung der Krankenhausstruktur
Das leitende Notaufnahmepersonal war im Mittel 49 Jahre alt, zu 65 % männlich und zu 39 % als Chefärzt:in tätig (Tab. 1).
Tab. 1
Übersicht über Teilnehmende und deren Krankenhäuser
Befragte in Leitungsposition
Teilnehmende (N=105)
Alter in Jahren: MW (SD)
49 (7)
Geschlecht (N=94; nmiss=11)
Weiblich: % (n)
35 (33)
Männlich: % (n)
65 (61)
Divers: % (n)
–
Berufliche Position in der Notaufnahme (N=1081; Mehrfachantworten möglich)
Chefärzt:in: % (n)
39 (42)
Ärztliche Leitung: % (n)
35 (38)
Leitende:r Oberärzt:in: % (n)
26 (28)
Trägerschaft der Klinik (N=87; nmiss=18)
Privat: % (n)
19 (17)
Kommunal: % (n)
42 (37)
Kirchlich: % (n)
32 (28)
Uniklinik: % (n)
<10
Anzahl der Betten der Klinik2: (N=78; nmiss=27)
MED
477
IQA (Q1; Q3)
380 (300; 680)
Range (Min; Max)
1090 (110; 1200)
Bundesland, in welchem sich die Klinik befindet (Top 3) (N=91; nmiss=14)
Berlin: % (n)
29 (26)
Nordrhein-Westfalen: % (n)
25 (23)
Baden-Württemberg: % (n)
<10
N Gesamtzahl, n Anzahl in der Kategorie, % Angabe in Prozent, MW Mittelwert, SD Standardabweichung, nmiss Anzahl der fehlenden Werte, MED Median, IQA Interquartilsabstand mit 25. Perzentil (Q1) und 75. Perzentil (Q3) (Tukey-Angelpunkte), Range Spannweite mit Angabe des Minimums (Min) und Maximums (Max). <10 Kategorien mit weniger als 10 Fällen werden aus Datenschutzgründen nicht ausgewiesen
1N = 105 Befragte machten insgesamt n = 108 Angaben
2Werte > 3300 wurden als unplausibel entfernt (n = 1)
Die Anzahl der Betten in den teilnehmenden Krankenhäusern zeigt eine hohe Streuung. Für das leitende Notaufnahmepersonal liegt der Median bei 477 Betten.
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Modelle der Akut- und Notfallversorgung
Eine Kooperation zwischen der Notaufnahme und der jeweiligen KV des Bundeslandes berichteten 50 % (N = 45) der 90 Befragten (Tab. 2). Die am häufigsten angegebene Form der Kooperation war mit einem Anteil von 72 % (N = 37) die Portal- oder Notdienstpraxis auf dem Klinikgelände.
Tab. 2
Versorgungsmodelle und Zuweisung von Patient:innen in den Notaufnahmen
Ja
Angabe
Kooperation der Notaufnahme mit KV: % (N)
(N = 90; nmiss = 15)
50 (45)
–
Folgefragen bei bestehender Kooperation (n=511; Mehrfachantworten möglich)
Portal- oder Notdienstpraxis (Klinikgelände): % (n)
Folgefrage zur Struktur der klinikeigenen alternativen Versorgung (n=213; nmiss=2; Mehrfachantworten möglich)
Räumlich getrennte Notfallambulanz oder Praxis: % (n)
–
43 (9)
„Fast Track“ durch eigenes ärztliches Personal: % (n)
–
38 (8)
Andere Versorgungsstruktur (Klinikgelände)4: % (n)
–
19 (4)
Standardisierte Zuweisung der Patient:innen in die Notaufnahme oder das alternative Versorgungsmodell: % (N) (N = 56; nmiss = 49)
43 (24)
–
Folgefrage zur Beschreibung der Basis der standardisierten Zuweisung (n=315; Mehrfachantworten möglich)
Triagekategorie: % (n)
–
55 (17)
Interne SOP: % (n)
–
29 (9)
SmED: % (n)
–
6 (2)
Kombination aus SmED und Triage: % (n)
–
3 (1)
Anderes6: % (n)
–
6 (2)
Folgefrage zur Beschreibung des Triagesystems bei Anwendung der Triagekategorie (n=18)
Machester Triage System: % (n)
–
56 (10)
Emergency Severity Index: % (n)
–
44 (8)
Anderes7: % (n)
–
0 (0)
N Gesamtzahl, n Anzahl in der Kategorie, % Angaben in Prozent, nmiss Anzahl der fehlenden Werte, SOP Standard Operating Procedure, SmED Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland
1N = 45 Befragte machten 51 Angaben
2, 4, 6, 7Freie Textangabe
3N = 17 Befragte machten 21 Angaben
5N = 24 Befragte machten 31 Angaben
Eine Verfügbarkeit eines Integrierten Notfallzentrums (INZ) in ihren Kliniken gaben 21 % (N = 19) von 90 Befragten an. Dabei steht das INZ in 89 % der Fälle (n = 16) unter der Leitung der Notaufnahme (Tab. 2).
Zur standardisierten Zuweisung in alternativen Versorgungsmodellen machten 56 Befragte Angaben. In 43 % (n = 24) der Versorgungsmodelle erfolgt eine standardisierte Steuerung, wobei in den meisten Fällen die Triagekategorie (55 %; n = 17) als Grundlage diente.
Eine Aufschlüsselung der Zuweisungsstandards zwischen den Versorgungsmodellen zeigt unter anderem, dass in 50 % (n = 12) der Fälle, in denen die Notaufnahme mit der KV in Form einer Portal- oder Notdienstpraxis auf dem Klinikgelände kooperiert, eine standardisierte Zuweisung auf Basis der Triagekategorie erfolgt und in 33 % (n = 8) auf Basis einer internen SOP (Tab S1 im Online-Zusatzmaterial).
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Effizienz der alternativen Versorgungsmodelle
Der Median der in den Notaufnahmen versorgten Patient:innen betrug monatlich 2500 (n = 78). Im Median blieben 65 % der monatlich behandelten Patient:innen ambulant (n = 73). Die Befragten konnten ihre Angaben optional als geschätzt oder gesichert kennzeichnen; der berechnete Anteil ambulant versorgter Patient:innen unterschied sich dabei kaum (Tab. 3). Einzelne Extremwerte bis 100 % sind als potenzielle Bezugsfehler zu interpretieren.
Tab. 3
Ergebnisse zu den Behandlungszahlen in den Notaufnahmen
Behandlungszahlen (n)
Versorgungsanteil (%)3
N
MED
IQA (Q1; Q3)
Range (Min; Max)
MED
IQA (Q1; Q3)
Range (Min; Max)
Fallzahl Notaufnahme insgesamt/Monat1
78
2500
2150 (1600; 3750)
8916 (84; 9000)
–
–
–
Anteil ambulanter Fälle2
73
1500
1600 (900; 2500)
4464 (36; 4500)
65
15 (56; 71)
87 (13; 100)
Gesicherte Angabe4
Fallzahl Notaufnahme insgesamt/Monat
42
2600
1850 (1900; 3750)
6610 (390; 7000)
–
–
–
Anteil ambulanter Fälle
26
1797
1500 (1000; 2500)
4400 (100; 4500)
65
15 (56; 71)
87 (13; 100)
Geschätzte Angaben4
Fallzahl Notaufnahme insgesamt/Monat
35
2200
2200 (1450; 3650)
8916 (84; 900)
–
–
–
Anteil ambulanter Fälle
44
1500
1600 (850; 2450)
4414 (36; 4450)
64
17 (53; 70)
78 (22; 100)
N Anzahl der Befragten, n Anzahl in der Kategorie, % Angabe in Prozent, MED Median, IQA Interquartilsabstand mit 25. Perzentil (Q1) und 75. Perzentil (Q3) (Tukey-Angelpunkte), Range Spannweite mit Angabe des Minimums (Min) und Maximums (Max)
1Werte > 9000 wurden als unplausibel entfernt (n = 7)
2Werte > 4500 wurden als unplausibel entfernt (n = 6)
3Relativer Anteil an der Gesamtzahl aller behandelten Patient:innen in der Notaufnahme (stationär und ambulant)
4nmiss = 1 für die Gesamtfallzahl Notaufnahme; nmiss = 3 für den Anteil ambulanter Fälle
Für Kliniken mit einem alternativen Versorgungsmodell wurden die Befragten zusätzlich nach der monatlichen Fallzahl in der Notaufnahme sowie der Anzahl der alternativ versorgten Patient:innen pro Monat befragt (Tab. 4). Der Median der insgesamt versorgten Patient:innen liegt mit 3000 Fällen höher als in Notaufnahmen ohne alternative Versorgungsstruktur.
Tab. 4
Ergebnisse zu den Behandlungszahlen und Entlastungspotenzialen
N Anzahl der Befragten, n Anzahl in der Kategorie, % Angabe in Prozent, MED Median, IQA Interquartilsabstand mit 25. Perzentil (Q1) und 75. Perzentil (Q3) (Tukey-Angelpunkte), Range Spannweite mit Angabe des Minimums (Min) und Maximums (Max)
1Befragte konnten die Angaben als geschätzt oder gesichert qualifizieren. Keine Differenzierung aufgrund geringer Fallzahl
2Eine Angabe von „0“ Behandlungsfällen in der Notaufnahme wurde als unplausibel entfernt (n = 1); Werte > 9000 Behandlungsfälle in der Notaufnahme wurden als unplausibel entfernt (n = 4). Werte > 4000 Behandlungsfälle in der alternativen Versorgungsstruktur wurden als unplausibel entfernt (n = 2)
3Relativer Anteil der im alternativen Versorgungsmodell behandelten Patient:innen an der Gesamtzahl aller behandelten Patient:innen. Es wurden nur Fälle gewertet, die beide Fallzahlen berichteten (n = 22)
4Befragte machten Angaben zur Gesamtfallzahl in der Notaufnahme pro Monat sowie zur Fallzahl in dem alternativen Versorgungsmodell pro Monat
5Mehrfachantworten möglich
Der mediane Anteil alternativ versorgter Patient:innen – und damit das potenzielle Entlastungspotenzial – beträgt 21 %. Während sich zwischen den Modellen kein Unterschied zeigt, variieren die Anteile innerhalb der spezifischen Modellausprägungen. So liegt das mediane Entlastungspotenzial bei 15 % für das Modell „andere Praxis bzw. MVZ auf dem Klinikgelände“, das in Kooperation mit der KV betrieben wird, und bei 23 % für das klinikeigene Fast-Track-Modell (Tab. 4). Die Angaben der alternativ versorgten Patient:innen beruhen dabei weitgehend auf Schätzungen und sind aufgrund der teilweise geringen Fallzahlen als explorativ zu interpretieren.
Diskussion
Entlastung durch Steuerung
Die medianen Entlastungspotenziale variierten je nach Modellausprägung. Mit 15 bis 38 % liegen sie deutlich unter dem Anteil ambulanter Notfälle von 65 % (n = 73). Damit lässt sich der Anteil ambulanter Fälle nicht mit dem Steuerungspotenzial gleichsetzen, zumal viele Modelle nur zeitlich eingeschränkt verfügbar sind [5, 6].
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Des Weiteren liegen die im Beitrag berichteten medianen Entlastungspotenziale zum Teil über den in der Literatur berichteten Werten.
Im INZ-Pilotprojekt des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) lag der Anteil alternativ versorgter fußläufiger Patient:innen bei 13 % [6], während an der Ubbo-Emmius-Klinik (UEK) Aurich ein Entlastungspotenzial von 23 % für niedrig-dringliche Patient:innen durch eine KV-Notdienstpraxis ermittelt wurde [5]. Die in dieser Erhebung ermittelten medianen Entlastungspotenziale liegen mit jeweils 21 % für INZ (n = 12) und KV-Kooperationen (n = 18) im ähnlichen Bereich wie die UEK-Werte, aber deutlich über dem UKE.
In einem Fast-Track-ähnlichen Modell des UKE lag der Anteil alternativ versorgter ambulanter Patient:innen bei 16 % [11]. Das mediane Entlastungspotenzial des Fast-Track-Modells in diesem Beitrag lag mit 23 % (n = 7) höher.
Auch das hier berichtete mediane Entlastungspotenzial der Partnerpraxis bzw. des MVZ in Kliniknähe lag mit 38 % (n = 3) deutlich über dem Wert der prospektiven Studie am RoMed Klinikum Rosenheim, die ein Steuerungspotenzial von 1,3 % an allen Notaufnahmepatient:innen identifizierte [4].
Die höheren Entlastungspotenziale in diesem Beitrag könnten auf die überwiegend geschätzten Angaben und andere Bezugsgrößen (z. B. ambulante Fälle) zurückzuführen sein.
Art der Zuweisung
Derzeit besteht keine gesetzliche Verpflichtung zur Implementierung eines Steuerungsmodells in der Akut- und Notfallversorgung – entsprechend fehlt eine einheitliche Grundlage für die Zuweisung von Patient:innen. Dies spiegelt sich in den Ergebnissen dieser Befragung wider: In 57 % der alternativen Versorgungsmodelle (n = 32) erfolgt die Zuweisung unstandardisiert.
Bei der standardisierten Zuweisung erfolgt die Zuweisung auf unterschiedlicher Grundlage: In 6 % (n = 2) kommt die „Strukturierte medizinische Ersteinschätzung Deutschland“ (SmED), in 3 % (n = 1) eine Kombination aus SmED und Triagekategorie zum Einsatz. Eine Studie zu SmED-Kontakt+ zeigte einen Anteil potenziell gefährdeter Fälle von 2,7 % [12]. Der Einsatz von SmED in Notdienstpraxen auf dem Klinikgelände könnte mit der Studienempfehlung übereinstimmen, derart eingeschätzte Patient:innen nur dann weiterzuleiten, wenn ausreichende Ressourcen unmittelbar verfügbar sind und eine Überwachung der Patient:innen gewährleistet ist [12].
In 55 % (n = 17) der standardisierten Fälle erfolgte die Steuerung über die Triagekategorie, insbesondere bei der Notdienstpraxis auf dem Klinikgelände (50 %; n = 12). Studien zeigen jedoch, dass MTS- und ESI-Triagekategorien nicht geeignet sind, Patient:innen sicher zwischen ambulanter und stationärer Notfallversorgung zu steuern [13, 14]. Besonders bei strukturell getrennten Modellen wie Notdienstpraxen könnte dies die Patient:innensicherheit gefährden. Pilotstudien deuten zudem darauf hin, dass nicht alle in die Alternativstruktur zugewiesenen Patient:innen dort fallabschließend versorgt werden können [4, 6, 11].
Des Weiteren erlaubt die Triageeinteilung keine verlässliche Einschätzung des Ressourcenbedarfs [13], was Fragen der Effizienz aufwirft. Interne SOPs, wie sie in 29 % (n = 9) der standardisierten Verfahren eingesetzt wurden, könnten das diagnostisch-therapeutische Spektrum z. B. einer Notdienstpraxis berücksichtigen.
Limitationen
Die Daten dieser Studie basieren auf einer konvenienten Stichprobe, was mit Einschränkungen verbunden ist:
Unbekannte Grundgesamtheit und Ausfallquote;
Mehrfachangaben aus derselben Einrichtung sind nicht auszuschließen.
Weitere Einschränkungen betreffen die Erhebung selbst:
Trotz der Zuordnung der Notaufnahmen zu bestimmten Steuerungs- und Versorgungsmodellen durch die Befragten bleibt die konkrete Umsetzung der Modelle unklar; die Vergleichbarkeit der Angaben ist möglicherweise aufgrund unterschiedlicher Ausgestaltungen und Definitionsverständnisse (bspw. „INZ“) eingeschränkt.
Möglichkeit zur Mehrfachauswahl führte teils zu Überschneidungen bei der Modellzuordnung; dies kann reale Kombinationen widerspiegeln, aber auch auf Unsicherheiten bei der Kategorisierung hinweisen.
Viele Angaben beruhen auf Schätzungen.
Keine Differenzierung zwischen gezielter Inanspruchnahme der Notaufnahme oder des alternativen Modells.
Keine Erfassung der Öffnungszeiten der Modelle; es ist von einem potenziell höheren, aber zeitlich begrenzten Entlastungseffekt auszugehen.
Teilweise geringe Fallzahlen bei den Modellen der alternativen Versorgung und Steuerungsinstrumenten, sodass die Ergebnisse als explorativ und hypothesengenerierend zu interpretieren sind.
Ausblick
Der vorliegende Beitrag bietet einen umfassenden, wenn auch nicht repräsentativen und explorativen Einblick in die in Deutschland praktizierten Steuerungsmodelle der Akut- und Notfallversorgung. Zur Validierung der Ergebnisse und Verbesserung der Datenlage wären eine systematische, nichtanonymisierte Befragung mit bekannter Grundgesamtheit sowie prospektive Vergleichsstudien sinnvoll. Auch die Wirksamkeit und Sicherheit integrierter Versorgungs- und Steuerungsmodelle sollte systematisch untersucht werden, um deren evidenzbasierte Weiterentwicklung und Implementierung zu fördern.
Fazit für die Praxis
Verschiedene Modelle für die Steuerung und integrative Versorgung haben sich in der Akut- und Notfallversorgung in Deutschland etabliert.
Auf Basis der vorliegenden Angaben deuten alle Versorgungsmodelle auf eine potenzielle Entlastung der Notaufnahmen hin.
Die Zuweisung der Patient:innen scheint derzeit mehrheitlich unstandardisiert oder auf Basis der Triagekategorie zu erfolgen, mit unklaren Auswirkungen auf die Sicherheit und Effizienz.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
F. Holzinger (FH), Daniela Krüger (DK), Anna Slagman (AS), Sylwia Steinke (SS), Konrad Schmidt (KS) und C. Wäscher (CW) berichten über eine Förderung der vorliegenden Studie durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (Förderkennzeichen: 01VSF21032). D. Krüger berichtet darüber hinaus über Fördermittel außerhalb der eingereichten Arbeit durch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi), die Berlin University Alliance (BUA), die Volkswagen-Stiftung, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Heinrich-Böll-Stiftung. A. Slagman berichtet zusätzlich über Förderungen außerhalb der eingereichten Arbeit durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), den Innovationsfonds, das Netzwerk Universitätsmedizin, Roche Diagnostics, das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Zudem bestehen Beratungstätigkeiten für das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung und den Deutschen Bundestag. S. Steinke berichtet über Fördermittel außerhalb der eingereichten Arbeit durch das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi). F. Möhring berichtet über ein Referentenhonorar von AstraZeneca außerhalb der eingereichten Arbeit. E.-M. Steppeler, K. Schmidt und geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren. Die Studie wurde von der Ethikkommission der Charité – Universitätsmedizin Berlin geprüft (EA2/153/22) und im Deutschen Register Klinischer Studien registriert (DRKS00030398).
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Quo vadis: Steuerung in der Notfall- und Akutversorgung?
Ergebnisse einer Onlinebefragung zu aktuell praktizierten Modellen der Patient:innensteuerung und integrativen Versorgung in Notaufnahmen in Deutschland
Verfasst von
Daniela Krüger
Fereschta Möhring
Eva-Maria Steppeler
Sylwia Steinke
Felix Holzinger
Cornelia Wäscher
Konrad Schmidt
Anna Slagman
Gesundheit SVR (2018) Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung. Sachverständigenrat Gesundheit, Berlin
2.
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Bei Notfallpatienten mit RAASi(Renin-Angiotensin-Aldosteron-Inhibitor)-bedingtem Angioödem sagten in einer retrospektiven Studie drei Faktoren einen schweren Verlauf vorher. Der wichtigste: ein Larynxödem.
Ein Drittel der Menschen ab 70 Jahren, die eine Notaufnahme in Deutschland aufsuchen, hat keine dringenden Probleme. Oft stehen Kopfverletzungen oder Komplikationen bei Krankheiten wie Herzinsuffizienz und Hypertonie im Vordergrund, die in die ambulante Versorgung gehören.
Kritisch Kranke, die einer Intensivbehandlung bedürfen, haben ein hohes Risiko für ernste Beeinträchtigungen nach ihrer Entlassung. Hausarztpraxen kommt hier eine Schlüsselrolle zu.
Behandelnde beurteilen rund 17% der Patientinnen und Patienten in der Primärversorgung als schwierig. Meist handelt es sich um Menschen mit psychischen Begleiterkrankungen, chronischen Schmerzen oder anderen chronischen Leiden. Aber auch die Berufserfahrung der Behandelnden ist für das Urteil relevant.
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