Untersuchungen mit unterschiedlichsten Forschungsdesigns und Versuchsgruppen zeigen, dass Nikotinersatzprodukte durchaus effektiv sind und beim Rauchstopp helfen [
10]. Gleichwohl gelten diese nicht als besonders beliebt, insofern als sie kaum im Rahmen von Rauchstoppversuchen von Raucher*innen genutzt werden [
5]. Das ist besonders problematisch, da Versuche, ohne entsprechende Unterstützung, wenig Aussicht auf Erfolg haben [
5]. Gleichzeitig zeigen Studien, dass immer mehr Raucher*innen von Verbrennungszigaretten eine Entwöhnung mit der E‑Zigarette versuchen [
11]. Gemäß Kotz et al. ist die E‑Zigarette die am häufigsten verwendete Methode in Deutschland, um das Rauchen von Verbrennungszigaretten aufzugeben [
5]. E‑Zigaretten sind Geräte, die ein Liquid zu einem Aerosol verdampfen, wobei Liquids ohne und mit Nikotin erhältlich sind [
12]. Neben ihrem Einsatz zur Entwöhnung vom Tabakkonsum wird der E‑Zigaretten-Konsum auch im Sinne von „Harm Reduction“, diskutiert. Das Konzept entwickelte sich in den 1980er-Jahren vor allem in Bezug auf Angebote für Konsumierende illegaler Substanzen und galt als Gegenentwurf zu „bevormundenden“ und „entmündigenden“ Begriffen, Konzepten und Praktiken der damals ausschließlich abstinenzorientierten Drogenhilfe [
13]. Ein weiteres Produkt, das momentan als potenziell schadensreduzierend diskutiert wird, ist der Tabakerhitzer. Hier kommt echter Tabak zum Einsatz, der auf etwa 350 Grad erhitzt wird, was zu weniger Schadstoffen im Rauch führen soll [
12].
Der Einsatz von E‑Zigaretten und Tabakerhitzern zur Entwöhnung von Tabakzigaretten, aber auch als Harm Reduction-Maßnahme wird national wie international kontrovers diskutiert. Diese Produkte sind bisher nicht Teil der deutschen Tabakkontrollpolitik, insofern, als dass sie nicht als Maßnahme genutzt werden. Entsprechend werden sie derzeit in der S3-Leitlinie „Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung“ auch nicht als evidenzbasierte Maßnahme empfohlen [
14]. Diese Leitlinie bietet Gesundheitsfachkräften Empfehlungen und Richtlinien für die Behandlung von Tabakabhängigkeit und wird darüber hinaus als Referenz verwendet, um optimale Behandlungsansätze zu wählen. Nachfolgend wird diskutiert, ob und inwieweit diese alternativen Produkte die bestehenden Tabakkontrollmaßnahmen unterstützen können.
Schädlichkeit von E-Zigaretten und Tabakerhitzern
Grundsätzlich merken die Kritiker*innen von E‑Zigaretten an, dass auch bei diesen Produkten, durch das enthaltene Nikotin [
15] und durch die Liquids bzw. Aerosole [
16], von gesundheitsschädlichen Effekten auszugehen ist. Insgesamt ist zudem nach derzeitigem Stand unklar, welche gesundheitlichen Langzeitfolgen aus dem dauerhaften Konsum von E‑Zigaretten resultieren [
17]. Anders als E‑Zigaretten sind Tabakerhitzer nicht tabakfrei. Der schadensminimierende Effekt bei der Nutzung von Tabakerhitzern ergibt sich aus den niedrigeren Temperaturen, bei denen der Tabak vaporisiert (verdampft), aber nicht verbrannt wird. Studien zeigen, dass gefährliche Chemikalien auch durch das Vaporisieren mit Tabakerhitzern entstehen, wenn zum Teil auch in niedrigerer Konzentration als bei Verbrennungszigaretten [
18]. Auch wenn Tabakerhitzer somit ein nützliches Hilfsmittel zur Schadensminimierung darstellen könnten, gibt es bislang noch nicht ausreichend Studien, um dies zu belegen [
19]. Die Befürworter*innen wiederum argumentieren, dass E‑Zigaretten und möglicherweise auch Tabakerhitzer zwar gewisse Risiken mit sich bringen, im Vergleich zur Verbrennungszigarette jedoch weitaus weniger schädlich sind, weshalb ein Umstieg von Raucher*innen auf E‑Zigaretten mit einer vielfach geringeren gesundheitlichen Belastung einhergeht [
19‐
22].
Dual-use
Ein weiterer Punkt der Kritiker*innen ist der Verweis auf den sogenannten Dual-use [
23]. Damit ist gemeint, dass neben dem E‑Zigarettenkonsum weiterhin Tabakzigaretten geraucht werden. 2017 wurde Dual-use von 74,5 % der E‑Zigarettennutzer*innen praktiziert [
12]. An dieser Stelle sei allerdings darauf hingewiesen, dass zwischen 2 Ansätzen unterschieden werden sollte: Add-on-use (E-Zigaretten werden zusätzlich zu einem weitgehend unveränderten Konsum an Verbrennungszigaretten konsumiert) und Dual-use (Verbrennungszigaretten werden durch die E‑Zigarettennutzung zu einem gewissen Grad ersetzt). Letzteres führt gemäß Storck zu einer reduzierten Schadstoffaufnahme [
23]. Während also ein Add-on-use nicht zu empfehlen ist, da der Schaden nicht reduziert wird und mit einem verstärkten Wunsch nach Nikotin einhergeht, kommt es beim Dual-use zu einer Reduktion der Schadstoffe, bei unverändertem Bedarf nach Nikotin [
23]. Darüber hinaus ist Dual-use häufig als Übergangsphase vom ausschließlichen Rauchen zum ausschließlichen Dampfen zu sehen [
23].
E-Zigaretten als Einstieg in das Tabakrauchen?
Gerade im Hinblick auf Jugendliche befürchten Kritiker*innen, dass E‑Zigaretten einen Einstieg in das Tabakrauchen darstellen könnten [
24]. Bisher zeigt sich, dass Produkte wie E‑Zigaretten, Tabakerhitzer und Wasserpfeifen gerade unter jungen Erwachsenen sehr beliebt sind [
25]. Daten aus Deutschland zeigen, dass im Jahr 2021 6,1 % der 12- bis 17-jährigen Befragten und 29,8 % der 18- bis 25-jährigen Befragten Tabakzigaretten rauchten. Grundsätzlich ist in beiden Altersgruppen das Rauchen rückläufig, wobei der Rückgang unter den 18- bis 25-Jährigen ab 2014 stagnierte [
26]. Der Konsum von Wasserpfeifen ist in beiden Altersgruppen rückläufig, ebenso wie der Konsum von E‑Zigaretten (seit 2018). In der Altersgruppe der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen ist der Konsum von E‑Shishas zurückgegangen, während er bei den 18- bis 25-jährigen steigt. Der Konsum von Tabakerhitzern ist in beiden Altersgruppen leicht angestiegen [
26]. Gemäß der DEBRA-Studie haben unter den 14- bis 17-Jährigen, die E‑Zigaretten konsumieren, 38,9 % noch nie Tabak konsumiert. Als Grund für den E‑Zigarettenkonsum nennen 71,2 % „Spaß“, weitere genannte Gründe sind der Geschmack und die „Coolness“ [
12].
Insgesamt ist aus Studien ersichtlich, dass E‑Zigaretten nur sehr selten von Personen konsumiert werden, die noch nie Tabak geraucht haben [
12]. Daten aus dem Vereinigten Königreich zeigen jedoch, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen (11–17 Jahre), die mit Dampfen experimentieren, im März/April 2023 im Vergleich zum Vorjahr um 50 % gestiegen ist [
27]. Gleichzeitig ist der Marktanteil von Einweg-E-Zigaretten im selben Zeitraum angestiegen [
27]. Genau wie in Deutschland sind die Prävalenzen von Tabakraucher*innen – zumindest im Vereinigten Königreich [
28,
29] – rückläufig. Es lässt sich festhalten, dass regelmäßige E‑Zigaretten-Konsument*innen meist Erwachsene sind, die bereits rauchen, und es derzeit keine Beweise dafür gibt, dass E‑Zigaretten die Zahl der Raucher*innen erhöhen [
30].
E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung?
Befürworter*innen des Einsatzes von E‑Zigaretten zur Tabakentwöhnung argumentieren, dass durch die ähnliche Haptik von E‑Zigaretten und Verbrennungszigaretten (vor allem im Vergleich zu NET) und durch die ähnlich schnelle Nikotinaufnahme ins Gehirn ein Rauchausstieg erleichtert werden könnte. Eine repräsentative Umfrage aus Deutschland zeigt, dass die Verwendung von E‑Zigaretten beim Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören, mit einer höheren Abstinenzrate verbunden ist, als dies bei Verwendung von NET oder ohne Hilfe der Fall ist [
31]. Auch in einer kürzlich veröffentlichten randomisierten klinischen Studie zeigten E‑Zigaretten eine deutlich bessere Wirksamkeit bei der Tabakentwöhnung als herkömmliche NET und eine vergleichbare Wirksamkeit zu dem Medikament Vareniclin [
32]. Diese Erkenntnisse decken sich zudem mit einem jüngst erschienenen Cochrane-Review [
22]. Kritiker*innen hingegen merken an, dass hierdurch die Gefahr besteht, dass die Entwöhnung schwieriger wird und Raucher*innen von Verbrennungszigaretten, durch die weiterhin bestehende Nikotinabhängigkeit, an ein anderes Produkt gebunden werden. Damit legen Kritiker*innen ein stärkeres Gewicht auf die negativen Folgen von Abhängigkeit an sich. Studien aus den USA und England zeigen, dass der Anstieg des E‑Zigarettenkonsums mit einem statistisch signifikanten Anstieg der Rauchentwöhnungsrate verbunden ist [
11,
33].
Zusammenfassend deuten die bisherigen Ergebnisse darauf hin, dass E‑Zigaretten deutlich weniger schädlich sind als herkömmliche Zigaretten [
19‐
22], weshalb die Zahl der Befürworter*innen von E‑Zigaretten entweder zur Unterstützung eines Rauchausstiegs [
20] oder auch als Strategie zur Schadenminimierung [
9] stetig wächst. Darüber hinaus könnten Tabakerhitzer eine weitere Harm Reduction-Maßnahme sein, wenn auch mit größerem Risiko für die Gesundheit. Ein Land, welches wie kein anderes ergänzend zu verhältnispräventiven Maßnahmen auf Harm Reduction als Strategie setzt, ist das Vereinigte Königreich. Mit dieser Kombination aus verhältnispräventiven Tabakkontrollmaßnahmen und Harm Reduction konnte das Vereinigte Königreich große Erfolge erzielen, weshalb dessen Tabakkontrollpolitik nachfolgend kurz vorgestellt wird.