Zum Inhalt
Die Nephrologie

Statininduzierte Rhabdomyolyse in Zusammenhang mit neu begonnener SGLT2-Inhibitor-Therapie

Erschienen in:

Redaktion

Gunter Wolf, Jena
QR-Code scannen & Beitrag online lesen

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Progrediente Muskelschwäche und akute Nierenschädigung

Anamnese

Eine 65-jährige Frau stellte sich auf Einweisung durch die Hausärztin aufgrund von neu aufgetretener Muskelschwäche und akuter Nierenschädigung in unserer Notaufnahme vor. Die Patientin berichtete von einer progredienten schmerzlosen Schwäche der unteren Extremitäten. Diese bestehe seit 8 Tagen, und sie könne nur noch mit viel Unterstützung wenige Schritte laufen. Zuvor sei sie ohne Hilfsmittel mobil gewesen.
Sie habe vor 8 Tagen neu mit der Einnahme von 10 mg Empagliflozin bei bisher nur diätetisch eingestelltem Diabetes mellitus Typ 2 und eingeschränkter Nierenfunktion (KDIGO[Kidney Disease: Improving Global Outcomes]-Stadium CKD [„chronic kidney disease“] G3b, geschätzte [„estimated“] glomeruläre Filtrationsrate [eGFR] zum Zeitpunkt der Verschreibung: 33 ml/min/1,73 m2) begonnen. Sie nehme bereits seit 4 Jahren wegen einer Hypercholesterinämie täglich 40 mg Rosuvastatin ein und habe das Medikament bisher gut vertragen.
Des Weiteren waren eine rheumatoide Arthritis und eine arterielle Hypertonie bekannt, weswegen sie Ramipril einnehme.

Klinischer Befund

In der körperlichen Untersuchung zeigten sich an den unteren Extremitäten beidseits proximal betonte schlaffe Paresen (Kraftgrade: proximal 3/5, distal 4/5) ohne begleitende Sensibilitätsstörungen. Die weitere neurologische und internistische körperliche Untersuchung war unauffällig. In der orientierenden abdominellen Sonographie zeigte sich die Vena cava inferior stark atemmoduliert, Pleuraergüsse und Aszites konnten ausgeschlossen werden, und das Nierenbeckenkelchsystem war beidseits nicht gestaut.
Laborchemisch zeigten sich initial eine CK(Kreatinkinase)-Erhöhung auf mehr als 22.000 U/l, eine Laktatdehydrogenase (LDH) von 1332 U/l, erhöhte Transaminasen (Aspartataminotransferase [ASAT]: 681 U/l; Alaninaminotransferase [ALAT]: 565 U/l) und eine akute Nierenschädigung (Kreatinin 949 μmol/l, Harnstoff 40,7 mmol/l). In der venösen Blutgasanalyse (BGA) fielen eine metabolische Azidose (pH: 7,09, HCO3:10,9 mmol/l, Anionenlücke: 20 mmol/l) und eine Hyperkaliämie (5,7 mmol/l) auf. Es bestand eine deutliche Rotfärbung des Urins ohne mikroskopischen Nachweis einer Hämaturie (Abb. 1 und 2).
Abb. 1
Rotfärbung des Urins der Patientin
Bild vergrößern
Abb. 2
Mikroskopische Untersuchung des Urinsediments der Patientin ohne den Nachweis von Erythrozyten
Bild vergrößern
In der erweiterten Labordiagnostik konnten bei fehlendem Nachweis myositidentypischer Antikörper und negativer Virusdiagnostik autoimmune oder virusassoziierte Myositiden ausgeschlossen werden (antineutrophile zytoplasmatische Antikörper [ANCA] und antinukleäre Antikörper [ANA] negativ, negative EBV[Epstein-Barr-Virus]-Diagnostik).

Wie lautet Ihre Diagnose?

In Zusammenschau der Befunde litt die Patientin an einer Rhabdomyolyse mit konsekutiver akuter Nierenschädigung. Ätiologisch ist am ehesten von einer statininduzierten Rhabdomyolyse auszugehen. Als Auslöser einer akut veränderten Verträglichkeit des zuvor gut verträglichen Rosuvastatins kommt die zusätzliche Einnahme des SGLT2(„sodium-glucose linked transporter 2“)-Inhibitors Empagliflozin infrage.

Therapie und Verlauf

Die Einnahme des Statins und des SGLT2-Inhibitors sowie von Ramipril wurde pausiert. Es erfolgte eine forcierte intravenöse Flüssigkeitssubstitution mit balancierter Vollelektrolytlösung. Es wurden 100 ml einer 1‑molaren Natriumbikarbonatlösung verabreicht und die Patientin wurde auf Normalstation aufgenommen. Im Verlauf berichtete die Patientin über eine subjektive Besserung der Symptome. Es stellte sich in den darauffolgenden Tagen eine stabile Diurese ein und die Paresen zeigten sich rückläufig. Nach 12 Tagen war die CK bis auf einen Wert von 189 U/l gefallen, und die Nierenparameter zeigten sich ebenfalls rückläufig (Kreatinin: 586 μmol/l).
Die Patientin war mit Hilfsmitteln wieder selbstständig mobil, sodass sie in die ambulante Weiterbehandlung entlassen werden konnte.

Diskussion

Die Gefahr von Myopathien und Rhabdomyolysen als Nebenwirkungen der Statine ist bestens bekannt. Bisher konnte kein signifikant erhöhtes Auftreten von Myopathien oder Rhabdomyolysen in Zusammenhang mit der gleichzeitigen Einnahme von Statinen und SGLT2-Inhibitoren nachgewiesen werden. Die Anzahl der Studien, die diesen Zusammenhang untersuchen, ist allerdings gering und deren Aussagekraft durch kleine Fallzahlen limitiert [1, 2].
Brailovski et al. beschreiben in einem Einzelfallbericht einen dem hier dargestellten Fall sehr ähnlichen Verlauf. Sie berichten über eine Patientin, die nach Beginn einer Therapie mit Canagliflozin bei zuvor 5 Jahre lang gut vertragener Rosuvastatineinnahme eine Rhabdomyolyse erlitt. In diesem Fall gelang es, bei der Patientin eine 15-fach erhöhte Rosuvastastinkonzentration nachzuweisen. Die Autoren dieser Kasuistik vermuten, dass dem eine erhöhte intestinale Absorption, eine gehemmte hepatozelluläre Aufnahme und eine reduzierte Elimination von Rosuvastatin zugrunde gelegen haben könnten [3].
Sakar et al. beschreiben ebenfalls eine sehr ähnliche Kasuistik. In diesem Fall wurde eine 47-jährige Patientin nach der jahrelangen Einnahme von Rosuvastatin 2 Wochen nach Beginn einer Therapie mit Empagliflozin in der Notaufnahme vorstellig. Die Patientin beklagte Muskelschmerzen und hatte eine erhöhte CK (3014 U/l) und ein erhöhtes Serumkreatinin (249 μmol/l; [4]).
Diagnose: statininduzierte Rhabdomyolyse
Rosuvastatin und Empagliflozin sind beides Substrate des hepatischen Aufnahmetransporters OATP1B1 („organic anion-transporting polypeptide 1B1“) und des Effluxtransporters BCRP („human breast cancer resistance protein“). Es gibt jedoch bisher keine konkreten Wechselwirkungsstudien, die einen klinisch relevanten Effekt nachweisen konnten. Klar ist allerdings, dass die Dosierung von 40 mg Rosuvastatin pro Tag die Empfehlungen zum Einsatz des Präparats bei eingeschränkter Nierenfunktion übersteigt. Üblicherweise sollte die Dosis ab einer eGFR von weniger als 60 ml/min/1,73 m2 auf 20 mg pro Tag reduziert und das Präparat bei einer eGFR von weniger als 30 ml/min/1,73 m2 komplett abgesetzt werden [5]. Die eGFR der Patientin zum Zeitpunkt der Empagliflozinverschreibung lag stabil bei 33 ml/min/1,73 m2. Es erscheint aber durchaus möglich, dass die GFR nach Beginn der Behandlung mit Empagliflozin im Sinne des bekannten „GFR dip“ unter 30 ml/min/1,73 m2 abgesunken ist und hierdurch eine renale Akkumulation von Rosuvastatin in kritischem Ausmaß ausgelöst wurde. Leider wurde die Rosuvastatinkonzentration während des Klinikaufenthalts nicht erhoben, was anderenfalls vielleicht weitere Erkenntnisse im Hinblick auf die Ätiologie der Rhabdomyolyse gebracht hätte. Von der erneuten Einnahme eines Statins zusammen mit einem SGLT2-Inhibitor wurde der Patientin zunächst abgeraten. Bei etwaiger Wiederaufnahme einer Statintherapie sollte allerdings ein Präparat wie Atorvastatin bevorzugt werden, da dieses keine Akkumulation bei eingeschränkter Nierenfunktion zeigt [5].

Fazit für die Praxis

  • Beim Beginn einer Therapie mit einem SGLT2(„sodium-glucose linked transporter 2“)-Inhibitor sollte insbesondere bei stark eingeschränkter Nierenfunktion bedacht werden, dass durch eine weitere Reduktion der glomerulären Filtrationsrate möglicherweise eine kritische Akkumulation anderer Medikamente eintreten kann.
  • Im hier ausgeführten Fall hat ein solcher Effekt mutmaßlich zu einer lebensbedrohlichen Rhabdomyolyse durch Rosuvastatin geführt.
  • Im Zweifelsfall sollte bei stark eingeschränkter Nierenfunktion daher auf ein anderes Präparat wie Atorvastatin ausgewichen werden, das nicht renal akkumuliert.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

A. Heinzel und B. Kolbrink geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien. Für Bildmaterial oder anderweitige Angaben innerhalb des Manuskripts, über die Patient/-innen zu identifizieren sind, liegt von ihnen und/oder ihren gesetzlichen Vertretern/Vertreterinnen eine schriftliche Einwilligung vor.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen.
Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
download
DOWNLOAD
print
DRUCKEN
Titel
Statininduzierte Rhabdomyolyse in Zusammenhang mit neu begonnener SGLT2-Inhibitor-Therapie
Verfasst von
Anna Heinzel
Dr. med. Benedikt Kolbrink
Publikationsdatum
08.08.2024
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Die Nephrologie / Ausgabe 5/2025
Print ISSN: 2731-7463
Elektronische ISSN: 2731-7471
DOI
https://doi.org/10.1007/s11560-024-00790-7
1.
Zurück zum Zitat Alkabbani W, Pelletier R, Beazely MA, Labib Y, Quan B, Gamble JM (2022) Drug–Drug Interaction of the Sodium Glucose Co-Transporter 2 Inhibitors with Statins and Myopathy: A Disproportionality Analysis Using Adverse Events Reporting Data. Drug Saf 45(3):287–295PubMedCrossRef
2.
Zurück zum Zitat Gravel CA, Krewski D, Mattison DR, Momoli F, Douros A (2023) Concomitant use of statins and sodium-glucose co-transporter 2 inhibitors and the risk of myotoxicity reporting: A disproportionality analysis. Brit J Clinical Pharma 89(8):2430–2445CrossRef
3.
Zurück zum Zitat Brailovski E, Kim RB, Juurlink D (2020) Rosuvastatin Myotoxicity After Starting Canagliflozin Treatment: A Case Report. Ann Intern Med 173(7):585–587PubMedCrossRef
4.
Zurück zum Zitat Sakar K, Avci M, Akbaba G, Cinar N (2023) A case report: Empagliflozin-Induced Rhabdomyolysis. https://www.endocrine-abstracts.org/ea/0090/ea0090ep397. Zugegriffen: 3. Juli 2024
5.
Zurück zum Zitat Lechner B, Vogt A (2023) Lipidsenkung: Rosuvastatin und Atorvastatin bei Niereninsuffizienz. Nephrol Aktuell 27:206–207CrossRef

Passend zum Thema

ANZEIGE

ENDO 2025: Starker Fokus auf Hypoparathyreoidismus

Auf dem ENDO 2025 und dem Hypoparathyroidism 2025 Summit wurden unter anderem die kardiovaskulären und nephrologischen Langzeitfolgen und Risiken bei HypoPT sowie dessen Auswirkungen auf die Lebensqualität thematisiert. Neue 3-Jahres-Daten einer PTH-Ersatztherapie zeigen eindrucksvoll, wie all diese Aspekte adressiert werden können.

ANZEIGE

PTH und seine Relevanz für die Niere

Beim DGE 2025 erläuterte PD Dr. Schanz, wie chronischer HypoPT die Organe und die Nieren im Besonderen belasten kann. Während die konventionelle Therapie mit hoher Calcium-Zufuhr das Risiko für nephrologische Folgen steigert, hat die PTH-Ersatztherapie das Potenzial, Nierenerkrankungen vorzubeugen.

ANZEIGE

Mehr als Laborwerte – wie PTH bei HypoPT den Unterschied macht

Hypoparathyreoidismus wird häufig unterschätzt, obwohl Symptome wie Muskelkrämpfe, Müdigkeit und kognitive Beeinträchtigungen den Alltag erheblich einschränken können. Konventionelle Therapie bietet oft nur begrenzte Linderung und birgt zusätzliche Risiken. Eine PTH-Ersatztherapie kann dies ändern.

ANZEIGE

Hypoparathyreoidismus verstehen

Hypoparathyreoidismus (HypoPT) ist eine seltene endokrine Erkrankung, die durch reduziertes oder fehlendes Parathormon (PTH), einem Hormon aus den Nebenschilddrüsen, gekennzeichnet. Ein zu niedriger PTH-Spiegel kann negative Auswirkungen auf die Organe haben und zahlreiche Symptome hervorrufen

Ascendis Pharma
Bildnachweise
Rotfärbung des Urins der Patientin/© Heinzel A & Kolbrink B https://doi.org/10.1007/s11560-024-00790-7, Ärztin mit Nierenhologramm/© Ascendis Pharma, Zwei Sonnenschirme vor blauem Hintergrund/© MicroStockHub | iStock, Paar spaziert am Strand/© kate_sept2004 | iStock (Symbolbild mit Fotomodellen), Schematische Darstellung der Schilddrüse/© Dr_Microbe | iStock