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10.05.2022 | Schmerzmedizinische Prävention | Nachrichten

Für bestimmte Menschen besonders schädlich

Wenn chronischer Schmerz auf Pandemie trifft

verfasst von: Dr. Elke Oberhofer

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Chronische Schmerzpatienten leiden offenbar besonders unter den indirekten Auswirkungen der Corona-Pandemie: In einer Studie der Universitätsmedizin Essen gaben rund 40% an, die Schmerzen hätten sich pandemiebedingt verschlimmert. Betroffen waren vor allem Patienten mit einer negativen Erwartungshaltung.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Zu den subjektiven Auswirkungen der Corona-Pandemie haben Forscher der Universität Duisburg-Essen sowie der Ruhr-Universität Bochum 196 ambulante Schmerzpatienten befragt. Mehr als die Hälfte berichtete, dass die Pandemie ihren Alltag zum Schlechteren verändert habe. Bis zu 40% gaben an, dass sich die chronischen Schmerzen pandemiebedingt verschlimmert hätten. Bei 54% waren diese offenbar gleichgeblieben, eine Verbesserung hatte sich nur bei 6% eingestellt.

Die Befragung hatten die Forscher in zwei Wellen (April/Mai 2020 bzw. August bis Dezember 2020) durchgeführt. Laut dem Team um Diana Müßgens und Ulrike Bingel von der Universitätsmedizin Essen berichteten Patienten, bei denen die Schmerzen im Verlauf zugenommen hatten, vergleichsweise häufig über eine gesunkene Lebensqualität und verstärkte Sorgen im Zusammenhang mit der Gesundheit. Mit der Schmerzstärke assoziiert war außerdem eine negative Erwartungshaltung. Diese hatte offenbar dazu geführt, dass die psychischen Auswirkungen der Pandemie stärker wahrgenommen wurden.

Weniger Sozialkontakte, weniger körperliche Aktivität

Unter den negativen Folgen der Pandemie selbst wurden am häufigsten die Einschränkung von Mobilität, Sozialkontakten und körperlichen Aktivitäten genannt. Viele der Befragten hatten auch unter dem Wegfall von Ablenkungsmöglichkeiten und zunehmender Einsamkeit gelitten. Müßgens und ihr Team betonen, dass es sich dabei nicht nur um ein temporäres Phänomen am Beginn der Pandemie gehandelt habe; vielmehr seien ähnliche Angaben sowohl in der ersten als auch in der zweiten Welle (hier nur leicht abgeschwächt) gemacht worden.

Den Forschern zufolge machen diese Beobachtungen die Rolle psychosozialer Faktoren im chronischen Schmerzgeschehen deutlich. Es sei daher wichtig, „Schmerzpatienten in Zeiten globaler Krisen engmaschig zu überwachen“.

Man habe sogar deutlich sehen können, wie negative Erwartungen nicht nur die Wahrnehmung von Schmerzen, sondern auch die Wirksamkeit von Medikamenten beeinflussten. Wer im ersten Interview mit einer Verschlimmerung der Symptome oder einem schlechteren Therapieansprechen gerechnet hatte, wurde darin häufig bestätigt. Unter diesen Umständen wurden im zweiten Interview im Mittel höhere Schmerzstärken und stärkere Alltagseinschränkungen angegeben, ebenso ein höheres Stressniveau.

Pessimisten leiden mehr

Müßgens und ihr Team vermuten, dass hinter den negativen Erwartungen einerseits schlechte Erfahrungen mit der Schmerztherapie stecken könnten. Auf der anderen Seite könne dies jedoch auch mit einer Persönlichkeit verbunden sein, die die Zukunft eher pessimistisch sehen lasse. 

Wie es um die Erwartungshaltung der Patienten bestellt war, hatten die Forscher mit dem Instrument der Kontrollüberzeugung (Locus of Control, LOC) gemessen. Dieses zeigt, wie stark jemand glaubt, dass das Auftreten eines Ereignisses sich der eigenen Kontrolle entzieht (external LOC) oder durch eigenes Handeln beeinflusst werden kann (internal LOC). Wie sich herausstellte, hatten Teilnehmer mit externaler Kontrollüberzeugung im Schnitt mehr Schmerzen und schmerzbedingte Einschränkungen und umgekehrt. „Die antizipierte Verschlechterung der Schmerzen könnte, zumindest teilweise, auf der grundsätzlichen Kontrollüberzeugung der Patienten beruhen“, so die Wissenschaftler.

Auf vorbelastete Patienten achten!

Für den Praktiker bedeute dies, sich der Rolle psychosozialer Faktoren für das chronische Schmerzgeschehen stärker bewusst zu werden. In Krisenzeiten seien vorbelastete Patienten deutlich mehr gefährdet, eine Verschlechterung ihrer Symptome zu erleiden. Dieses müsse man erkennen und den Therapieplan daran flexibel anpassen, ggf. in Form von zusätzlichen psychologischen Angeboten.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Welchen Einfluss hat die COVID-19-Pandemie auf das Wohlbefinden bei chronischen Schmerzpatienten?

Antwort: Bei über einem Drittel der Patienten hatten sich die Schmerzen im Lauf der Pandemie verschlimmert. Die Verschlechterung hing mit der Erwartungshaltung zusammen und damit, wie stark sich der oder die Betroffene durch die Pandemie beeinträchtigt fühlte.

Bedeutung: Nicht nur die direkten Auswirkungen der Pandemie auf den Alltag, sondern auch psychologische Faktoren wie die subjektive Erwartungshaltung beeinflussen den Symptomverlauf.

Einschränkung: Beobachtungsstudie; ursächliche Zusammenhänge zwischen psychosozialen Faktoren und Schmerzen lassen sich nicht nachweisen; keine Kontrollgruppe. 

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Literatur

Müßgens D et al. Impact of the COVID-19 pandemic on patients with chronic pain in Germany: associations with expectations and control beliefs. Eur J Pain 2022; https://doi.org/10.1002/ejp.1955

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