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30.09.2022 | Schwangerschaft | Nachrichten

Junge Frauen erhalten zu oft Arzneien mit teratogenem Potenzial

verfasst von: Dr. Elke Oberhofer

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Viele Frauen im gebärfähigen Alter erhalten laut aktuellem BARMER-Arzneimittelreport Medikamente, die als potenziell oder sogar gesichert teratogen eingestuft sind. Die Autoren fordern für alle Frauen im entsprechenden Alter einen bundeseinheitlichen Medikationsplan (BMP) bereits ab der ersten Verordnung sowie eine systematische Prüfung verschriebener Arzneimittel auf Unbedenklichkeit im Fall einer Schwangerschaft.

Auf „inakzeptable“ Missstände in der Verschreibungspraxis bei Frauen im gebärfähigen Alter weist der soeben veröffentlichte Arzneimittelreport 2021 der BARMER-Krankenkasse hin: Nicht nur, dass die Verordnungen im Betrachtungsjahr 2018 „schlecht dokumentiert“ gewesen und häufig auch potenziell teratogene Medikamente zum Einsatz gekommen seien. Die BARMER-Experten Dr. Daniel Grandt aus Saarbrücken, Dr. Veronika Lapp und Dr. Ingrid Schubert von der Universität zu Köln weisen außerdem nach, dass in Einzelfällen sogar Schwangere von ihrem Arzt gesichert teratogene Substanzen erhalten hatten.

Auch stark teratogene Arzneien verordnet

Nur 2% der Frauen im Alter zwischen 13 und 49, die 2018 medikamentös behandelt wurden, hatten über einen bundeseinheitlichen Medikationsplan (BMP) verfügt. Mit potenziell teratogenen Substanzen seien insgesamt 153.653, das heißt 7,8% der Frauen im gebärfähigen Alter, behandelt worden. 14 von 1000 Frauen im entsprechenden Alter hatten dem Bericht zufolge innerhalb eines Jahres ein oder mehrere Arzneimittel erhalten, die als „gesichert und/oder stark teratogen“ gelten, darunter Valproinsäure sowie Retinoide. Die Substanzen seien dabei in den meisten Fällen „länger als ein Quartal“ verordnet worden. Schwache Teratogene – dazu gehören z. B. systemische Glukokortikoide, Lithium oder Cotrimoxazol – seien an 68 von 1000 Frauen im gebärfähigen Alter verschrieben worden.

Das Autorenteam weist darauf hin, dass solche Verordnungen zwar im Einzelfall, nach sorgfältiger Abwägung und Prüfung von Alternativen, vertretbar sein könnten. Dies gelte allerdings nicht für „unzweifelhaft stark teratogene Wirkstoffe in der Frühschwangerschaft und fetotoxische Arzneimittel, für die es sichere Alternativen gibt“. Arzneimittel der höchsten Risikoklasse verzehnfachten das Risiko von Missbildungen, drei von zehn im ersten Trimenon exponierten Kindern würden dann im Mutterleib geschädigt.

Substanzen häufig aus der Neurologie

Von 66.549 Frauen, die im Jahr 2018 ein Kind zur Welt gebracht hatten, hatten laut Bericht 663 – also etwa 10 von 1000 – im besonders vulnerablen ersten Trimenon einen potenziell teratogenen Wirkstoff erhalten, darunter in 20 Fällen ein starkes Teratogen (neben Valproinsäure auch die zur Behandlung von multipler Sklerose eingesetzten Substanzen Fingolimod und Teriflunomid). In über der Hälfte der Fälle ging die Verschreibung offenbar von neurologischen Praxen aus.

Dass solche kritischen Arzneitherapien derzeit nicht sicher verhindert würden, bezeichnen Grandt und seine Kolleginnen als „inakzeptabel“. Die erste Besprechung mit dem Arzt erfolge im Mittel in der siebten Schwangerschaftswoche. Für die Verhinderung von Missbildungen sei dies „eindeutig zu spät“.

Dem Bericht zufolge lässt aber auch der Umgang mit Arzneimitteln in fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadien zu wünschen übrig. So hatten fast 2% der bei der BARMER versicherten Frauen mit Geburt im Jahr 2018 im zweiten und/oder dritten Trimenon einen potenziell fetotoxischen Wirkstoff erhalten. Dabei handelte es sich in vier von fünf Fällen nicht um eine Neu-, sondern eine Weiterverordnung.

Einstufung als „Never Event“

Um arzneimittelbedingte Schäden für das ungeborene Kind zu verhindern, fordert das Autorenteam zweierlei:

  1. Die Verschreibung eines teratogenen Arzneimittels in der Schwangerschaft sollte als „Never Event“ eingestuft werden (darunter versteht man sehr schwerwiegende Ereignisse, die mit bestimmten Maßnahmen weitgehend vermeidbar wären). Damit solle die Risikowahrnehmung verbessert und der Behandlungsprozess optimiert werden. 
  2. Alle Frauen im gebärfähigen Alter sollten einen bundeseinheitlichen Medikationsplan (BMP) erhalten. Bei jeder Verordnung eines Arzneimittels sollte außerdem eine systematische Prüfung auf Unbedenklichkeit für den Fall einer Schwangerschaft erfolgen. Problematische Arzneimittel müssten dann auf dem BMP kenntlich gemacht werden.
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Literatur

Grandt D, Lappe V, Schubert I. BARMER Arzneimittelreport 2021. Arzneimitteltherapie in der Schwangerschaft und bei Frauen im gebärfähigen Alter.

https://www.barmer.de/resource/blob/1031556/2e035a16e2a35a40a8ad5f3268258f02/barmer-arzneimittelreport-2021-band-29-bifg-data.pdf

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