Hintergrund
Bei stationär behandelten Patienten können akute Zustandsverschlechterungen auftreten. Viele dieser Verschlechterungen könnten im Vorfeld erfasst werden, bleiben jedoch im klinischen Alltag häufig unbemerkt oder werden nicht adäquat eingeordnet [
1,
11]. Um solche Situationen frühzeitig zu erkennen und adäquat reagieren zu können, wurden sogenannte Early Warning Scores (EWS) entwickelt [
21]. Dabei handelt es sich um standardisierte Bewertungssysteme, die Vitalparameter wie Atemfrequenz, Herzfrequenz, Blutdruck, Bewusstseinslage, Temperatur, Sauerstoffsättigung und ggf. weitere Parameter erfassen und gewichten [
28]. Abhängig von den Ergebnissen werden verschiedene, eskalierende Maßnahmen wie erhöhte Überwachungsfrequenzen, Benachrichtigungen und Maßnahmen eingeleitet [
12,
20]. Das Konzept wurde erstmals Ende der 1990er-Jahre im Vereinigten Königreich eingeführt [
7,
21]. Ziel war es, medizinischem Personal ein einfaches und objektives Instrument zur Verfügung zu stellen [
4,
6,
9]. Seitdem wurden über 60 verschiedene EWS-Systeme entwickelt, darunter der Modified Early Warning Score (MEWS) und der National Early Warning Score (NEWS und NEWS 2), letzterer als aktueller Goldstandard im britischen Gesundheitssystem [
24,
26]. Eine tabellarische Übersicht mit EWS-Variationen findet sich in [
24].
In einem Umbrella-Review mit 44 systematischen Übersichtsarbeiten und 15 Metaanalysen mit 542 Einzelstudien wurden insgesamt 57 verschiedene EWS-Versionen in unterschiedlichen Aspekten untersucht, u. a. Patientenoutcome (Sepsis, Notaufnahme, Geburtshilfe, Pädiatrie), Implementierung, Performanz in der Umsetzung und andere Aspekte [
24]. Der Einsatz von EWS kann in spezifischen Populationen (multimorbide und/oder alte Personen) und Settings (Notaufnahme, Alterstraumatologie, Medizin, Chirurgie, post Intensivstation) mit einer verbesserten Patientensicherheit assoziiert sein [
2,
24]. Zu den Vorteilen können insbesondere eine reduzierte Rate ungeplanter Intensivaufnahmen, eine geringere Krankenhausmortalität sowie eine schnellere klinische Reaktion bei sich verschlechternden Patienten zählen [
1]. Insbesondere in Kombination mit standardisierten Eskalationsprotokollen und Rapid-Response-Teams (RRT) entfalten EWS ihr volles Potenzial [
3,
9,
22]. Dennoch bestehen in der Praxisimplementierung zahlreiche Herausforderungen. Dazu gehören technische Aspekte wie die digitale Abbildung in der elektronischen Patientenakte, Schulungsbedarf für medizinisches Personal sowie verschiedene Scores und organisatorische Veränderungen in Klinikabläufen [
10,
27,
33]. Zudem gibt es Kritik an der fehlenden Individualisierung: EWS sind standardisierte Scores, die patientenspezifische Faktoren wie chronische Grunderkrankungen, Baseline-Vitalwerte oder individuelle Verlaufsmuster nicht oder nur wenig berücksichtigen [
16,
32]. Es kann auch durch falsch-positive Alarme zu Alarmmüdigkeit kommen, was die Akzeptanz bei Mitarbeitenden beeinträchtigt [
12,
18,
19]. Trotzdem überwiegen in vielen Settings die Vorteile, insbesondere wenn EWS Teil eines komplexen klinischen Risikomanagements sind [
22].
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß EWS im deutschsprachigen Raum und speziell im Netzwerk der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) tatsächlich implementiert sind und von welchen fördernden und hinderlichen Faktoren dabei berichtet wird [
23]. Obwohl umfangreiche Erfahrungen vorliegen und nationale wie internationale Leitlinien den Einsatz von EWS empfehlen, ist unklar, in welchem Umfang in deutschsprachigen Kliniken entsprechende Systeme implementiert sind [
8,
13]. Erste Berichte deuten auf eine heterogene Implementierung hin, die stark vom jeweiligen Krankenhaus, den verfügbaren Ressourcen und der klinischen Kultur abhängt [
23]. In Nachbarländern spielen die Integration in bestehende IT-Infrastrukturen sowie der Schulungsaufwand eine zentrale Rolle [
14,
17]. In Deutschland ist aufgrund der Krankenhausreform und des Beschlusses des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) der EWS-Einsatz bei der Sepsisfrüherkennung relevant [
15]. Der Beschluss fordert eine Implementierung ab 2026 und wird nach einem Jahr Übergangsfrist ab 2027 auch Strafzahlungen bei Nichteinhaltung von Benchmarking in bestimmten Bereichen einfordern. Ziel dieser Arbeit ist es daher, den Stand der Implementierung von EWS im Netzwerk der IQM zu erheben und dabei bestehende fördernde und hinderliche Faktoren zu identifizieren.
Ergebnisse
Die Umfrage konnte wie geplant an 480 IQM-Krankenhäuser versendet und vom 06.02.2025 bis zum 28.03.2025 durchgeführt werden. Insgesamt nahmen 90 Personen teil (Responserate 90/480 = 18,7 %), von denen insgesamt 66,7 % (n = 60) von der Analyse ausgeschlossen worden sind (keine Daten: 30 % [n = 27]; kein EWS implementiert: 33,3 % [n = 30]; doppelte Datensätze aus den Krankenhäusern: 3,3 % [n = 3]). Es wurden 33,3 % (n = 30) der Datensätze mit einer Antwortvollständigkeit von 83,2 % analysiert.
Die meisten Antwortenden waren mit 33,3 % (
n = 10) Ärzte/Ärztinnen, 33 % (
n = 10) der Krankenhäuser verfügten über mehr als 30 Fachabteilungen (Tab.
1). Die Krankenhäuser beschäftigten sich im Mittelwert seit 4,3 (3,0) Jahren mit der Implementierung von EWS. Teilnehmende gaben die subjektive Einschätzung der EWS-Implementierung im Median mit 3,5 (IQR: 2 bis 5) an, 20 % (
n = 6) gaben sich Bewertungen von > 5 und können als High-Performer gewertet werden (Tab.
2). High-Performer unterschieden sich im Vergleich zu Low-Performern nicht signifikant in der Bettenanzahl (801 [442,7] vs. 809,7 [577,8],
p = 0,973) oder Dauer der Implementierung, waren aber im Mittelwert schon länger damit beschäftigt (6,8 [4,5] vs. 3,6 [2] Jahre,
p = 0,143).
Tab. 1
Angaben zu den Teilnehmenden
Arzt/Ärztin | 10 (33,3) |
Qualitätsmanager:in | 9 (30) |
Pflegefachperson | 4 (13,3) |
Sonstige (Pflegewissenschaftler:in, Beauftragte) | 4 (13,3) |
Fehlende Angaben | 3 (10) |
Bettenanzahl, MW (SD) | 807 (545,3) |
Anzahl Fachabteilungen, n (%) |
1–6 | 3 (19) |
7–15 | 11 (36,7) |
16–30 | 6 (20) |
> 30 | 10 (33,3) |
Tab. 2
Anwendungsdaten zu Early Warning Scores
Subjektiv beurteilte Umsetzung von EWS (1–10, 10 = max.), Median (IQR) | 3,5 (2 bis 5) |
High-Performer (subjektiv beurteilte Umsetzung EWS > 5), n (%) | 6 (20) |
Subjektiv beurteilte Implementierung EWS seit (Jahre), MW (SD) | 4,3 (3,0) |
Bereiche mit EWS, n (%)* |
Allgemeinstation konservativ | 20 (66,7) |
Allgemeinstation operativ | 19 (63,3) |
Intensivstationen | 13 (43,3) |
IMC-Stationen | 13 (43,3) |
Notaufnahme | 12 (40) |
Sonstige (Gynäkologie, Pädiatrie, alle Stationen) | 7 (23,3) |
EWS-Typ, n (%) |
NEWS | 11 (37,9) |
MEWS | 5 (17,2) |
NEWS2 | 4 (13,8) |
PEWS | 2 (6,9) |
Andere (qSOFA, Vital Score, Sana Sepsis Score, MET Calling) | 10 (34,5) |
Verbindung mit Rapid-Response-Teams (RRT), n (%) |
RRT werden durch CPR-Teams gestellt | 10 (33,3) |
RRT werden zusätzlich zu CPR-Teams eingesetzt | 5 (16,7) |
RRT werden mit CPR-Teams gemischt | 5 (16,7) |
Keine zusätzliche Struktur | 9 (30) |
Sonstiges (generelle Schulung des Personals) | 1 (3,3) |
Unterstützung der EWS-Erfassung, n (%)* |
Elektronische Systeme, z.B. EWS in Patientenakte integriert | 24 (82,2) |
Schulungen für Mitarbeitende | 16 (55,2) |
Papierbasierte Dokumentation | 8 (31) |
Feedbackgespräche | 1 (3,3) |
Sonstige (Aushänge auf Station, Spot-Check-Monitore) | 2 (6,9) |
Häufigkeit der EWS-Dokumentation, n (%) |
Bei klinischen Auffälligkeiten | 17 (56,7) |
Bei jeder routinemäßigen Vitalzeichenmessung | 9 (30) |
Bei Aufnahme | 9 (30) |
Sonstige (vor/bei Verlegung von ITS, postoperativ 3 Tage abh. von Bereichen) | 10 (33,3) |
Der häufigste Anwendungsbereich für EWS waren mit 66,7 % (
n = 20) konservative Allgemeinstationen, der häufigste EWS-Typ war mit 37,9 % (
n = 11) NEWS. Rapid-Response-Teams wurden meistens und in 33,3 % (
n = 10) durch CPR-Teams gestellt. Zur Unterstützung der EWS-Erfassung wurden in 82,2 % (
n = 24) elektronische Systeme verwendet. Die Dokumentation erfolgte am häufigsten mit 56,7 % (
n = 17) bei klinischen Auffälligkeiten, eine routinemäßige Erfassung während der Vitalzeichenmessung wurde in 30 % (
n = 9) durchgeführt (Tab.
2).
Die Implementierung von EWS wurde in 73,3 % (
n = 22) durch Ärzte/Ärztinnen initiiert, in 36,7 % (
n = 11) durch das Qualitätsmanagement, in 30 % (
n = 9) durch den Pflegedienst, in 20 % (
n = 6) durch die Krankenhausleitung und in 10 % durch sonstige Personen (Pflegewissenschaft, Praxisentwicklung, andere). Die häufigsten förderlichen Faktoren in der Implementierung waren zu 76,9 % (
n = 20) Unterstützung durch engagierte Mitarbeitende, in 57,7 % (
n = 15) klare Kommunikation und Schulungskonzepte sowie zu 50 % (
n = 13) technologische Unterstützung (Tab.
3). Die häufigsten hinderlichen Faktoren in der Implementierung waren mit 61,5 % (
n = 16) mangelnde Akzeptanz bei Mitarbeitenden und zu jeweils 50 % (
n = 13) unzureichende technische Infrastruktur und Zeitaufwand für Schulungen. High-Performer berichten im Vergleich zu Low-Performern über nichtsignifikant weniger hinderliche Faktoren pro Einrichtung (1,6 vs. 1,9,
p = 0,781), aber etwas mehr förderliche Faktoren (2,2 vs. 1,9,
p = 1).
Barrieren in der Implementierung* |
Mangelnde Akzeptanz bei Mitarbeitenden | 16 (61,5) |
Unzureichende technische Infrastruktur | 13 (50) |
Zeitaufwand für Schulungen | 13 (50) |
Keine klare Unterstützung durch Führungsebene | 6 (23,1) |
Finanzielle Einschränkungen | 1 (3,8) |
Sonstiges (unzureichende WLAN-Abdeckung, monoprofessionelle Schulungen, Scores im PDMS nicht verfügbar, Kommunikation Pflege – Medizin) | 6 (23,1) |
Fehlende Daten | 4 (13,3) |
Hilfen in der Implementierung* |
Unterstützung durch engagierte Mitarbeitende | 20 (76,9) |
Klare Kommunikation und Schulungskonzepte | 15 (57,7) |
Technologische Unterstützung, z. B. elektronische Systeme | 13 (50) |
Unterstützung durch die Krankenhausleitung | 10 (38,5) |
Sonstiges (Empfehlung Patientensicherheit – Ausbau klin. Risikomanagement, Empfehlung durch AG zum innerklinischen med. Notfallmanagement) | 1 (3,8) |
Fehlende Daten | 4 (13,3) |
Ist eine Erweiterung in den nächsten Jahren geplant? |
Ja | 17 (56,7) |
Die Evaluation von EWS wird in 50 % (
n = 15) der Krankenhäuser zu 26,7 % (
n = 8) in unregelmäßigen Abständen durchgeführt. Am häufigsten werden dabei zu je 31 % (
n = 9) die frühzeitige Erkennung von Verschlechterungen und die Vollständigkeit der Dokumentation evaluiert. Ein Hindernis in der Evaluation ist in 32 % (
n = 8) Zeitmangel. Ein Viertel der Teilnehmenden (26,7 %,
n = 8) gab an, dass die Ergebnisse der Evaluation im Krankenhaus kommuniziert werden (Tab.
4).
Tab. 4
Evaluationen zu Early Warning Scores
Evaluationen zu EWS werden durchgeführt | 15 (50) |
Frequenz der Evaluation |
Monatlich | 2 (6,7) |
Jährlich | 5 (16,7) |
Unregelmäßig | 8 (26,7) |
Fehlende Angaben | 15 (50) |
Parameter der Evaluation* |
Frühzeitige Erkennung von Verschlechterungen | 9 (31) |
Vollständigkeit der Dokumentation | 9 (31) |
Qualität der Erfassung | 8 (27,6) |
Mortalität | 0 (0) |
Weitere (Fallzahl, EWS-Daten, Art, Einsatzzeiten, Anzahl, RRT) | 3 (10,3) |
Fehlende Angaben | 15 (50) |
Hindernisse bzgl. Evaluation* |
Zeitmangel | 8 (32) |
Technische Hürden, z. B. Datenzugänglichkeit | 6 (24) |
Akzeptanzprobleme bei Mitarbeitenden | 4 (16) |
Fehlendes Personal | 4 (16) |
Sonstige (Pilotierung, Qualifikation) | 3 (12) |
Fehlende Angaben | 17 (56,7) |
Kommunikation der Evaluation |
Die Ergebnisse werden im Krankenhaus kommuniziert | 8 (26,7) |
Auf die Frage nach den Auswirkungen der EWS-Einführung gaben die Teilnehmenden verschiedene Antworten von noch fehlenden Erfahrungen bis zu komplexen Antworten (Online-Zusatzmaterial Tab. E1).
Zukünftig planten 56,7 % (n = 17) eine erweiterte EWS-Nutzung und gaben unterschiedliche Kommentare ab, unter anderem die Implementierung auf weiteren Stationen und die Nutzung elektronischer Systeme (Online-Zusatzmaterial Tab. E2).
Diskussion
In dieser Online-Umfrage in IQM-Krankenhäusern im Frühjahr 2025 berichteten 30 Teilnehmende bei einer durchschnittlichen Implementierungsdauer von 4,3 Jahren von einer subjektiv eingeschätzten moderaten EWS-Umsetzung. In sechs Krankenhäusern wurden höhere Implementierungswerte angegeben, ohne dass dort besondere Merkmale identifizierbar waren. Am häufigsten wurde NEWS auf konservativen Allgemeinstationen eingesetzt und mit elektronischen Systemen erfasst. Die Anwendung erfolgte allerdings meist nur bei klinischen Auffälligkeiten, nur ein Drittel wendete EWS in der Routine-Vitalzeichenmessung an, was auf eine inkonsistente Umsetzung und Herausforderungen bei der Implementierung hinweisen könnte. Förderliche Faktoren waren vor allem Unterstützung durch engagierte Mitarbeitende, klare Kommunikation und Schulungskonzepte sowie technologische Unterstützung. Die häufigsten Barrieren in der Implementierung waren mangelnde Akzeptanz der Mitarbeitenden, unzureichende technische Infrastruktur und Zeitaufwand für Schulungen.
Die geringe Teilnahmerate (30/480) muss berücksichtigt und diskutiert werden. Zunächst ist die geringe Rate nicht repräsentativ, der Survey wurde aber auch nicht so geplant. Eine mögliche Interpretation der geringen Teilnahmerate könnte in einer geringen EWS-Umsetzungsrate liegen. Es wurde im Studienaufruf nach EWS-Implementierung gefragt, und Mitarbeitende aus Häusern, für die die Implementierung noch kein Thema ist, nehmen aus plausiblen Gründen nicht teil. Gegenteilig hat aber ein Drittel der Teilnehmenden den Survey begonnen, ohne Erfahrungen in der Implementierung zu haben, die Ursachen der geringen Teilnahme scheinen also komplex zu sein. Es ist denkbar, dass technische Gründe wie Spamfilter den Aufruf zur Studienteilnahme mit Link blockiert haben, gegenteilig wurde diese E‑Mail über das Sekretariat der IQM versendet und gerade diese E‑Mail-Adresse sollte bei den Mitgliedern nicht herausgefiltert worden sein. Weiter ist denkbar, dass es weitere IQM-Krankenhäuser gibt, die bereits EWS implementiert haben, aber nicht an dem Survey aus zeitlichen oder anderen Gründen teilgenommen haben. Es ist auch denkbar, dass viele IQM-Krankenhäuser die Implementierung zurzeit planen, zumal im G‑BA-Beschluss ein Jahr Übergangsfrist und damit ein gewisser Spielraum gewährleistet wird. Andere Gründe für die Nichtteilnahme können gescheiterte bzw. verzögerte Implementierungsprojekt sein, die fehlgeleitete Weiterleitung der Einladungs-E-Mail oder längere Abwesenheiten der zuständigen Personen. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass vor allem IQM-Häuser teilgenommen haben, die mit ihrer EWS-Implementierung einigermaßen erfolgreich sind, und genau dieses Expertenwissen sollte analysiert werden. Damit kann das Ausmaß der EWS-Implementierung im IQM-Netzwerk nur sehr unsicher beurteilt werden, die Vorschläge zur Implementierung aber in dessen Kontext berücksichtigt werden.
Die Implementierung eines EWS in Krankenhäusern ist ein interprofessioneller und langfristiger Prozess. Auswahl und Integration geeigneter technischer Lösungen spielen eine zentrale Rolle [
5]. Digitale Tools müssen benutzerfreundlich gestaltet und nahtlos in bestehende Arbeitsabläufe integriert werden [
31]. Die Teilnehmenden setzten sich zu etwa gleichen Anteilen aus Ärzt:innen, Qualitätsmanager:innen und Pflegefachpersonen zusammen, ergänzt durch weitere Professionen. Diese Heterogenität kann zu abweichenden Bewertungen geführt haben, die aufgrund des geringen Samples nicht evaluiert worden sind, zugleich stellt sie eine Chance dar, da unterschiedliche Perspektiven die Identifikation und Synthese von Barrieren und Lösungsansätzen für die Implementierung ermöglichen. Der Einbezug aller Stakeholder – von Pflegefachpersonen über Ärzte/Ärztinnen bis hin zur IT-Abteilung und zum Management – ist essenziell, um Akzeptanz zu fördern und Widerstände zu minimieren. Die strategische Verantwortung für die Implementierung von EWS sollte bei Klinikleitung, ärztlicher und pflegerischer Direktion sowie dem Qualitätsmanagement in einem interprofessionellen Steuerungsgremium liegen, während die operative Verantwortung bei Stationsleitungen, Oberärztinnen und -ärzte, Pflegefachpersonen und einer zentralen EWS-Koordination verortet werden könnte, unterstützt durch die IT-Abteilung. Technische Hürden wie Schnittstellenprobleme zu bestehenden Krankenhausinformationssystemen (KIS) müssen gelöst werden. Regelmäßige Evaluationen sichern eine kontinuierliche Optimierung des Systems [
29].
Die Erkennung von hindernden Faktoren ist essenziell, um geeignete Lösungen zur Überwindung zu entwickeln. Die Implementierung ist ein Prozess, bei dem neben der Einführung einer neuen technischen Infrastruktur den Teams ausreichend Zeit zur Schulung und Akzeptanzentwicklung gegeben werden muss. Bedenken müssen gehört und adressiert werden [
29]. Begleitend zum Implementierungsprozess sollten daher Einzel- und Fokusgruppeninterviews zu fördernden und hindernden Faktoren und ggf. weiteren Aspekten durchgeführt werden. Eine klare Kommunikation mit den langfristigen Vorteilen für die Patientensicherheit und Professionalisierung der Pflege unterstützt den Prozess [
11]. Eine weitere Studie mit den wesentlichen Faktoren zur Implementierung in der IQM wird zurzeit durchgeführt, in der auch Empfehlungen zur EWS-Einführung mit notwendigen Strukturen, Prozessen und vermeidbaren Fehlern berichtet werden. Langfristig sind zwingend weitere Studien zur Evaluation der EWS-Implementierung im Hinblick auf Implementierungsprozesse, Kosten und Patientensicherheit und -outcome erforderlich.
Limitationen
Die Studie weist mehrere methodische Limitationen auf, darunter eine geringe Stichprobengröße, mögliche Selektions‑, Selbstauskunfts- und Recall-Bias, z. B. durch engagierte Mitarbeitende, sowie das Fehlen objektiver klinischer Daten. Die geringe Stichprobe schließt nicht die Möglichkeit aus, dass andere Krankenhäuser im IQM-Netzwerk nicht doch EWS nutzen. Die geringe Teilnahmerate könnte zu einer Verzerrung (Selektions-Bias) führen, da nicht alle Häuser mit oder ohne EWS-Erfahrungen gleichermaßen vertreten sind; dagegen spricht jedoch, dass auch Teilnehmende ohne Implementierungserfahrung den Survey beantwortet haben. Weiterhin wurde der Grad der Implementierung von den Teilnehmenden subjektiv beurteilt, und da es sich wahrscheinlich um die dafür verantwortlichen Personen gehandelt hat, kann dies überschätzt angegeben worden sein; eine objektive Beurteilung der Implementierung hätte hingegen ein anderes, komplexeres Design mit mehr Methoden und Ressourcen erfordert. Insgesamt bleibt das tatsächliche Ausmaß der EWS-Implementierung im IQM-Netzwerk unklar, die gewonnenen Vorschläge zur Implementierung sind aufgrund dieser Limitationen als kontextbezogen einzuschätzen. Die Zusammensetzung der Teilnehmenden aus unterschiedlichen Professionen könnte zu einer Verzerrung durch berufsspezifische Sichtweisen führen; gleichzeitig eröffnet diese Heterogenität eine breitere Perspektive auf Barrieren und Lösungen, sodass die Schlussfolgerungen in ihrem Kern gestützt und nicht wesentlich eingeschränkt werden. Das Querschnittsdesign erlaubt keine kausalen Aussagen, und die qualitativen Antworten waren heterogen. Fragen zu hinderlichen und fördernden Faktoren wiesen einen Interpretationsspielraum und damit eine geringe Operationalisierung auf. Die Kürze der Antworten zu fördernden und hindernden Faktoren ließ nur eine oberflächliche Interpretation zu, weiterhin konnten zentrale Begriffe der Teilnehmenden wie „klare Kommunikation“ oder „engagierte Mitarbeiter“ nicht differenziert exploriert und definiert werden. Diese Faktoren schränken die Validität und Generalisierbarkeit der Ergebnisse mit anderen strukturellen Merkmalen bzw. außerhalb der IQM ein. Die Studie kann nicht als repräsentativ interpretiert werden. Dennoch bietet die Studie explorative Einblicke, die mit Vorsicht interpretiert und durch künftige Forschung vertieft werden sollten.
Schlussfolgerungen
Diese explorative Studie deutet darauf hin, dass die Implementierung von EWS im IQM-Krankenhausnetzwerk bislang nur begrenzt erfolgt zu sein scheint. Der häufigste eingesetzte Score könnte NEWS sein, der primär auf konservativen Allgemeinstationen und meist mit elektronischer Dokumentation verwendet werden könnte.
Förderliche Faktoren wie engagiertes Personal, klare Kommunikation und technologische Unterstützung könnten die Bedeutung eines strukturierten Implementierungsprozesses unterstreichen. Gleichzeitig könnten Barrieren wie geringe Akzeptanz, fehlende technische Infrastruktur und hoher Schulungsaufwand eine flächendeckende Einführung erschweren.
Weitere Forschung ist nötig, um kausale Zusammenhänge zwischen verschiedenen Implementierungsstrategien und -erfolgen, die Übertragbarkeit dieser explorativen Studie in andere Krankenhausnetzwerke und die Wirkung von EWS-Implementierung auf das Outcome von Patienten zu untersuchen.
Langfristig scheint ein interdisziplinärer, ressourcengestützter Ansatz erforderlich zu sein, um EWS erfolgreich in der klinischen Routine zu verankern.
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.