Update 2025 der S3-Leitlinie: „Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge“
Was ist neu?
- Open Access
- 30.10.2025
- Sepsis
- Leitlinien und Empfehlungen
Zusammenfassung
Hintergrund
Was ist neu?
DSG 2025 | Status zu 2018 | DSG 2018 | |
|---|---|---|---|
Screening und Erstmaßnahmen | |||
Screening | Empfehlung der regelmäßigen Anwendung eines geeigneten Screeninginstrumentes außerhalb von ICU bei V. a. Infektion für frühzeitige Erkennung von Sepsis (Empfehlungsgrad: stark) | Änderung | Empfehlung der regelmäßigen Bestimmung des quickSOFA-Scores außerhalb von ICU bei V. a. Infektion für frühzeitige Erkennung von Risikopatienten mit vitaler Bedrohung (Expertenkonsens) |
Empfehlung eines Sepsisqualitätssicherungsprogrammes, inkl. Sepsisscreening für Hochrisikopatienten und SOP für die Therapie (Empfehlungsgrad: stark) | Empfehlung von Programmen zur Implementierung der Leitlinien, inkl. Risikopatientenscreening (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | ||
Laktatmonitoring | Laktatmessung im Blut bei Sepsisverdacht (Empfehlungsgrad: stark) | Neu | Keine Empfehlung |
Initiale hämodynamische Stabilisierung | Peripher venöse Gabe von Vasopressoren für Ziel-MAP ≥ 65 mm Hg (keine Verzögerung bis Anlage eines ZVK) (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Keine Empfehlung | |
Flüssigkeitstherapie | Rekapillarisierungszeit zur Beurteilung der Gewebeperfusion (Empfehlungsgrad: schwach) | Keine Empfehlung | |
Infektion und antimikrobielle Therapie | |||
Beginn der antimikrobiellen Therapie | I.v.-Gabe von Antiinfektiva bei Sepsis so schnell wie möglich, bei septischem Schock idealerweise innerhalb 1 h (Empfehlungsgrad: stark) | Änderung | I.v.-Gabe von Antiinfektiva so schnell wie möglich, idealerweise innerhalb 1 h nach Diagnose von Sepsis oder septischem Schock (Empfehlungsgrad: stark) |
Zeitnahe Zusatzdiagnostik bei V. a. Sepsis ohne Schock; bei Fortbestehen des V. a. Infektion Beginn der antiinfektiven Therapie innerhalb von 3 h (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Neu | Keine Empfehlung | |
Auswahl der Substanz | Nach initialem Bolus prolongierte/kontinuierliche Infusion von β‑Lactam-Antibiotika bei Sepsis oder septischem Schock (Empfehlungsgrad: stark) | Keine Empfehlung | |
Kein „double gram-negative coverage“* in der Initialtherapie bei Sepsis/septischem Schock ohne erhöhtes Risiko für multiresistente Erreger (Empfehlungsgrad: schwach) | Keine Empfehlung | ||
Empirische antimykotische Therapie bei Sepsis/septischem Schock nur bei hohem Risiko für Pilzinfektion (Empfehlungsgrad: schwach) | Änderung | Überprüfung der Indikation einer zusätzlichen kalkulierten antimykotischen/antiviralen Therapie bei Risikopatienten entsprechenden fokusbezogener Leitlinie (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | |
Kreislauftherapie | |||
Flüssigkeitstherapie | Additive Gabe von Albumin bei Verwendung großer Mengen balancierter Kristalloide für hämodynamische Stabilität (Empfehlungsgrad: schwach)# | Änderung | Ergänzende Gabe von Albumin oder Gelatine nur bei Nicht-Erreichen hämodynamischer Stabilität durch adäquate Flüssigkeitstherapie mit Kristalloiden alleine (Empfehlungsgrad: schwach) |
Keine Gelatine bei Sepsis/septischem Schock (Empfehlungsgrad: schwach)# | Neu | Keine Empfehlung | |
Vasoaktive Substanzen: Vasopressin | Additive Gabe von Vasopressin im septischen Schock, wenn durch Noradrenalin allein kein ausreichender Blutdruck zu erzielen ist (Empfehlungsgrad: schwach) | Änderung | Additive Gabe von Vasopressin oder Epinephrin im septischen Schock, wenn durch Noradrenalin allein kein ausreichender Blutdruck zu erzielen ist (Empfehlungsgrad: schwach) |
Vasoaktive Substanzen: Methylenblau | Indifferente Empfehlung zu Methylenblau im therapierefraktären septischen Schock (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Neu | Keine Empfehlung |
Vasoaktive Substanzen: Terlipressin | Kein Terlipressin im septischen Schock (Empfehlungsgrad: schwach) | Keine Empfehlung | |
va-ECMO | Indifferente Empfehlung zur va-ECMO im therapierefraktären septischen und kardiogenen Schock (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Keine Empfehlung | |
Keine va-ECMO im septischen Schock (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Keine Empfehlung | ||
Beatmungstherapie | |||
Ventilatoreinstellung | Tidalvolumen bei ARDS um 6 ml/kg IBW (4–8 ml/kg IBW) (Empfehlungsgrad: stark) | Änderung | Tidalvolumen bei ARDS ≤ 6 ml/kg Standard-KG (Empfehlungsgrad: stark) |
Inspiratorische Druckdifferenz ≤ 14 cm H2O bei Sepsis, septischem Schock und ARDS anstreben (Empfehlungsgrad: schwach) | Endinspiratorischer Atemwegsdruck (PEI) ≤ 30 cm H2O bei ARDS (Empfehlungsgrad: stark) | ||
PEEP | Individualisierte PEEP-Einstellung mit bettseitigen Methoden bei moderatem oder schwerem ARDS (Empfehlungsgrad: schwach) | Neu | Keine Empfehlung |
FiO2 | SaO2 bzw. SpO2 von 92–96 % bzw. paO2 zwischen 70 und 90 mm Hg (9,3–12 kPa) bei invasiver Beatmung (Empfehlungsgrad: schwach) | Keine Empfehlung | |
Rekrutierungsmanöver | Keine Durchführung prolongierter Rekrutierungsmanöver (> 60 s) (Empfehlungsgrad: stark) | Änderung | Keine Rekrutierungsmanöver bei invasiv beatmeten ARDS-Patienten (Empfehlungsgrad: schwach) |
Keine Durchführung kurzer Rekrutierungsmanöver (< 60 s) (Empfehlungsgrad: schwach) | Keine Rekrutierungsmanöver bei invasiv beatmeten ARDS-Patienten mit endinspiratorischen Drücken > 50 cm H20 (Empfehlungsgrad: stark) | ||
NIV, CPAP oder HFNO | Anwendung bei milder bis moderater akuter hypoxämischer Insuffizienz (paO2/FIO2 100–300) (Empfehlungsgrad: stark) | Keine Empfehlung im Sepsis-induzierten ARDS (Statement) | |
Bauchlagerung | Frühzeitiger Beginn und unverzügliche Umsetzung nach Indikationsstellung, Intervall mind. 12 h, vorzugsweise 16 h (Empfehlungsgrad: stark) | Frühzeitiger Beginn mit unverzüglicher Umsetzung nach Indikationsstellung, Intervall mind. 16 h (Empfehlungsgrad: schwach) | |
vv-ECMO | Erwägen bei schwerem ARDS nach Ausschöpfen konservativer Therapiemaßnahmen (einschließlich Bauchlagerung) und persistierender schwerer GAST (Empfehlungsgrad: schwach) | Neu | Keine Empfehlung |
Nierenersatztherapie | |||
Indikation und Durchführung | Indikation RRT durch Intensivmediziner und/oder Nephrologen (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Neu | Keine Empfehlung |
Beginn | Unverzüglicher Beginn bei lebensbedrohlichen Veränderungen des Flüssigkeits‑, Säure-Base- oder Elektrolythaushaltes (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Keine Empfehlung | |
Konservative Maßnahmen unter RRT-Vermeidung und regelmäßige Reevaluation des Beginns bei Unklarheit einer zu erwartenden RRT und bei nichtlebensbedrohlichen Veränderungen des Flüssigkeits‑, Säure-Base- oder Elektrolythaushaltes (Empfehlungsgrad: schwach) | Keine Empfehlung | ||
Diffusion vs. Konvektion | Diffusive vs. konvektive vs. kombinierte Verfahren sind gleichwertig (Empfehlungsgrad: schwach) | Keine Empfehlung | |
Regionale und systemische Antikoagulation | Regionale Zitrat- oder systemische Heparinantikoagulation des ECKL sind gleichwertig (Empfehlungsgrad: stark) | Keine Empfehlung | |
Dosis | CVVH mit mittlerer Dosis von 20–25 ml/kg KG und h (Empfehlungsgrad: stark) | Keine Empfehlung | |
Keine High-volume-Hämofiltration (Empfehlungsgrad: stark) | Keine Empfehlung | ||
Adjunktive Maßnahmen | |||
Kortikosteroide im septischen Schock | HC (200 mg/Tag i.v.) mit oder ohne FC (50 μg/Tag enteral) bei anhaltendem Vasopressorbedarf (≥ 0,25 μg/kgKG und h über mind. 4 h) trotz ausreichender Volumengabe (Empfehlungsgrad: schwach) | Änderung | Kein intravenöses HC, wenn durch adäquate Flüssigkeits- und hochdosierte Vasopressortherapie eine hämodynamische Stabilisierung erreicht werden kann (Empfehlungsgrad: schwach) |
Falls diese durch diese Maßnahmen nicht erreichbar: Dosis 200 mg/d (Empfehlungsgrad: schwach) | |||
Unselektive Adsorptionsverfahren | Kein Einsatz (Empfehlungsgrad: stark) | Neu | Keine Empfehlung |
Polymyxin-B-Hämoperfusion | Indifferente Empfehlung (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Keine Empfehlung | |
Plasmapherese (PLEX) | Indifferente Empfehlung (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Keine Empfehlung außerhalb klinischer Studien (Expertenkonsens) | |
Weitere Maßnahmen | |||
Antikoagulation und Thromboseprophylaxe | NMH zur pharmakologischen Prophylaxe einer VTE (Empfehlungsgrad: stark) | Änderung | NMH oder UFH zur pharmakologischen Prophylaxe einer VTE, sofern keine KI vorliegen (Empfehlungsgrad: stark) |
Keine Empfehlung zur Bevorzugung von NMH gegenüber UFH zur VTE-Prophylaxe (Statement) | |||
Einsatz von NMH unter engmaschiger Anti-Xa-Kontrolle oder UFH bei hochgradig eingeschränkter Nierenfunktion und/oder septischem Schock (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Neu | Keine Empfehlung | |
Glucose-Management | Beginn einer Insulintherapie bei BZ ≥ 180 mg/dl (≥ 10 mmol/l) (Empfehlungsgrad: stark) | Änderung | Erstellung eines Protokolls für BZ-Management mit dem Beginn der Insulintherapie (2 aufeinanderfolgender Messungen mit BZ-Spiegel > 180 mg/dl) mit dem Ziel eines oberen BZ-Spiegels ≤ 180 mg/dl anstatt 110 mg/dl (Empfehlungsgrad: stark) |
Stressulkusprophylaxe (SUP) | Gabe von PPI für Patienten mit Risikofaktoren für gastrointestinale Blutungen (Empfehlungsgrad: stark) | Neu | Gabe von PPI oder H2RA bei Indikation für SUP (Empfehlungsgrad: schwach) |
Vitamine | Keine Verwendung von hochdosiertem Vitamin C als Monotherapie oder in Kombination mit Hydrocortison und hochdosiertem Vitamin B1 (Empfehlungsgrad: schwach) | Keine Empfehlung | |
Behandlungsziele und Spätfolgen | |||
Behandlungsziele und Palliativversorgung | Möglichst frühe Festlegung der Behandlungsziele, innerhalb von 72 h (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Neu | Keine Empfehlung |
Entlass-Management | Sepsisüberlebende und deren Angehörige sollen über das Beratungsangebot von Selbsthilfegruppen informiert werden (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Keine Empfehlung | |
Im Entlassbrief Hinweis auf Entwicklung eines PICS (Empfehlungsgrad: Expertenkonsens) | Keine Empfehlung | ||
Fallvignette
Bewertung des Falls unter fokussierter Berücksichtigung der Neuerungen der DSG 2025
Screening und Erstmaßnahmen
Antimikrobielle Therapie und Diagnostik
Nosokomial erworben | Ambulant erworben | |||
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Fokus | Septischer Schock | Sepsis | Septischer Schock | Sepsis |
Pulmonal | Meropenem oder PipTaz* oder Cefepim ±1 Ciprofloxacin oder Levofloxacin9 | PipTaz oder Cefepim | PipTaz oder Cefepim + Azithromycin oder Moxifloxacin oder Levofloxacin | Cefotaxim oder Ampicillin/Sulbactam + Azithromycin oder Moxifloxacin oder Levofloxacin |
Urogenital | PipTaz oder Meropenem oder Imipenem ±1 Ciprofloxacin oder Levofloxacin | Cefotaxim oder Cefepim oder PipTaz | PipTaz oder Meropenem oder Imipenem | Cefotaxim oder Cefepim oder PipTaz |
Abdominal | PipTaz oder Meropenem oder Imipenem + Linezolid | PipTaz ±2 Linezolid alternativ: Tigecyclin + Ceftazidim8 | PipTaz ±2,3 Linezolid | Cefotaxim + Metronidazol oder PipTaz |
Haut/Weichgewebe5 | PipTaz oder Meropenem + Clindamycin6 oder + Linezolid | PipTaz + Clindamycin6 oder + Linezolid | PipTaz oder Meropenem + Clindamycin6 oder + Linezolid | PipTaz + Clindamycin6 |
Katheterassoziiert | Daptomycin7 + PipTaz oder + Cefepim oder + Meropenem | Daptomycin7 ±4 Cefepim oder PipTaz | – | – |
Fokus unbekannt | – | PipTaz ±2 Linezolid | PipTaz oder Cefepim oder Meropenem10 ±2 Linezolid ±1 Ciprofloxacin oder Levofloxacin9 | PipTaz oder Cefotaxim |
Volumen- und Kreislauftherapie
Beatmungstherapie
Nierenersatztherapie
Ernährungstherapie
Weitere Maßnahmen
Therapieziele
Präventionsmaßnahmen und Impfungen
Fazit für die Praxis
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Sepsis ist ein akuter Notfall, der schnelles Handeln erfordert.
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Ein geeignetes Screening-Tool soll außerhalb der Intensivstation bei V. a. eine Infektion für die frühzeitige Erkennung der Sepsis angewandt werden.
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Eine klare Antibiotikastrategie, basierend auf den vermuteten Erregern und der klinischen Situation, ohne unnötige Wirkstoffkombinationen ist wichtig, um Resistenzentwicklungen und Nebenwirkungen zu minimieren.
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Eine konsequente Unterstützung der Organfunktionen sowie eine engmaschige Reevaluation der Hämodynamik sind entscheidend, um die Therapie bei Bedarf anzupassen und die bestmöglichen Ergebnisse für den Patienten zu erzielen.
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In der neuen Leitlinie wird erstmals die Integration einer systematischen Nachsorge nach der Krankenhausentlassung betont sowie eine stärkere Fokussierung auf eine patientenzentrierte Gesamtbetreuung, die über die akute Behandlung hinausgeht und auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt sein soll.