Früh behandeln, um irreversible Schäden zu vermeiden Folgen des Vitamin-B12-Mangels
- 24.09.2024
- Online-Artikel
Ein Mangel an Vitamin B12 (Cobalamin) kann verschiedene Organsysteme beeinträchtigen, insbesondere die Blutbildung im Knochenmark sowie das zentrale und periphere Nervensystem. Wird der Mangel nicht rechtzeitig ausgeglichen, drohen gravierende Störungen.
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Eine typische hämatologische Manifestation des Vitamin-B12-Mangels ist eine makrozytäre Anämie, die durch eine geringere Anzahl an größeren roten Blutkörperchen gekennzeichnet ist. Die Anämie entwickelt sich langsam, was kardiopulmonale Kompensationsmechanismen ermöglicht. Symptome einer Anämie wie Schwäche, Palpitationen, Müdigkeit, Blässe, Schwindel und Atemnot treten daher in der Regel erst spät auf.
Die Anämie ist in der Regel makrozytär (MCV 100–150 fl oder mehr). Ein gleichzeitiger Eisenmangel oder Entzündungen können allerdings eine Makrozytose verhindern und so die Diagnose erschweren.
Auch andere hämatopoetische Zellen wie Leukozyten und Thrombozyten können von den Veränderungen betroffen sein [12].
Vielzahl an neurologischen und psychiatrischen Symptomen
Unabhängig von hämatologischen Veränderungen können neurologische und psychiatrische Symptome auftreten. Diese können die Erstmanifestation des Vitamindefizits darstellen und der Entwicklung hämatologischer Veränderungen vorausgehen oder aber isoliert auftreten, ohne dass sich jemals hämatologische Komplikationen entwickeln [1]. Daher sollte man bei unklaren neurologischen Symptomen immer auch an einen möglichen Vitamin-B12-Mangel denken – denn unbehandelte neurologische Manifestationen können fortschreiten und irreversibel werden [4].
Die Angaben zur Häufigkeit neurologischer Manifestationen schwanken: Zwischen 4% und 50% der Patienten mit einem Vitamin-B12-Mangel sollen neurologische Auffälligkeiten zeigen [3].
Neurologische Veränderungen können irreversibel sein
Bei Vitamin-B12-Mangel beobachtet man eine Demyelinisierung (Entmarkung) von zentralen und peripheren Neuronen [1]. Die Demyelinisierung kann die Hinter- und Seitenstränge des zervikalen und thorakalen Rückenmarks betreffen (funikuläre Myelose). Gelegentlich erfasst die Entmarkung aber auch kraniale und periphere Nerven sowie die weiße Hirnsubstanz [2]. Wird die Demyelinisierung nicht behandelt, kann es zur axonalen Degeneration und zum Untergang der Nervenzelle kommen [3].
Abb. 1
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Zu den häufigsten neurologischen Symptomen bei Vitamin-B12-Defizit zählen symmetrische Parästhesien (periphere Neuropathie bei 25% der Patienten), Taubheitsgefühl und Gangstörungen [3]. Darüber hinaus sind Störungen der Propriozeption (Störung des Lage- und Vibrationsempfindens), Ataxie, Hyperreflexie, Störungen des autonomen Nervensystems (orthostatische Hypotonie, Inkontinenz, Impotenz) und weitere Auffälligkeiten beschrieben [2, 3].
Zu den psychiatrischen Manifestationen des Vitamin-B12-Defizits zählen kognitive Verlangsamung, Gedächtnisstörungen und Demenz. Auch affektive Störungen, Reizbarkeit, Depression, Labilität, Schlafstörungen und psychotische Zustände sind beschrieben (siehe Tabelle), [2, 3].
Neurologische Symptome | Zerebrale/psychische Symptome |
Parästhesien | Kognitive Verlangsamung, Vergesslichkeit |
Periphere sensorische Defizite | Demenz |
Gangunsicherheit, ataktischer Gang | Labilität, Reizbarkeit |
Schwäche bis hin zur Paraplegie | Schlafstörungen |
Gestörte Vibrationswahrnehmung | Affektive Störungen: Depression, Manie |
Gestörtes Lageempfinden | Paranoia, psychotische Zustände |
Spastizität/Hyperreflexie | |
Abnorme tiefe Sehnenreflexe | |
Sehstörungen im Zusammenhang mit einer Optikusatrophie | |
Störungen des autonomen Nervensystems: Inkontinenz, Impotenz, orthostatische Hypotonie |
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Tab. 1: Neuropsychiatrische Symptome bei Vitamin-B12-Mangel (modifiziert nach [2, 3])
Schützt Vitamin B12 vor einer demenziellen Entwicklung?
Eine Vitamin-B12-Unterversorgung ist mit einer nachlassenden Gedächtnisleistung assoziiert. Eine Querschnittsstudie, an der 100 Patienten mit leichter kognitiver Störung (mild cognitive impairment, MCI) teilnahmen, ergab, dass bereits Vitamin-B12-Konzentrationen im unteren Normbereich mit einer geringeren Gedächtnisleistung einhergehen und mit einer schlechteren Mikrostruktur des Hippocampus assoziiert sind [8].
Interessant ist auch der Zusammenhang zwischen Demenz und Vitamin-B12-Versorgung. Bei den meisten Demenz-Patienten liegen Demenzformen vor, die derzeit nur symptomatisch behandelt werden können. Doch weisen 5% der Demenz-Patienten Demenzformen auf, die teilweise reversibel und potenziell behandelbar sind. Zu diesen potenziell therapierbaren Ursachen zählt u.a. der Vitamin-B12-Mangel. In einer retrospektiven Studie wurden die Daten von 160 stationären Patienten einer geriatrischen Station untersucht. Bei 99 Patienten war eine Demenz bereits vor der Klinikaufnahme bekannt, bei 61 Patienten wurde die Demenz neu diagnostiziert. In der Gruppe mit gesicherter Demenz war ein Vitamin-B12-Mangel die häufigste, bei den neu diagnostizierten Patienten war ein Vitamin-B12-Mangel die zweithäufigste behandelbare Demenz-Ursache [9].
Eine aktuelle Studie ging der Frage nach, ob der Vitamin-B12-Spiegel zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bei Parkinson-Patienten die Zeit bis zur Entwicklung einer Demenz vorhersagen kann. Höhere Vitamin-B12-Serumspiegel zum Zeitpunkt der Diagnosestellung korrelierten mit einem geringeren Risiko für eine zukünftige Demenzentwicklung [10].
Bei Parkinson-Patienten ist zudem zu beachten, dass eine Therapie mit Levodopa einen Vitamin-B12-Mangel verursachen kann [11].
Vitamin-B12-Mangel durch Medikamente
Ein Mangel an Vitamin B12 hat unterschiedliche Ursachen. Häufig tritt er auch in Folge von Pharmakotherapien auf, etwa bei Langzeitmedikation mit Protonenpumpenhemmern oder mit Metformin. Fachgesellschaften weisen daher darauf hin, dass bei diesen Patienten die Vitamin-B12-Spiegel regelmäßig überwacht werden sollten [5].
Hier erfahren Sie mehr über Vitamin-B12-Mangel infolge von Pharmakotherapien.
Zügig diagnostizieren und behandeln
Bei Verdacht auf Vitamin-B12-Mangel sollte umgehend eine entsprechende Diagnostik eingeleitet werden. Bestätigt sich der Verdacht, ist eine rasche Therapie erforderlich, um irreversible neurologische Schäden zu verhindern [3]. Die Therapie kann patientenfreundlich hochdosiert oral mit 1.000 μg Vitamin B12 pro Tag erfolgen (z.B. B12 Ankermann®). Bei perniziöser Anämie bzw. neurologischen Symptomen sollte anfangs bis zur Normalisierung der Blutwerte eine parenterale Behandlung erfolgen, die durch eine hochdosierte orale Therapie fortgesetzt werden kann.
Erfahren Sie im Expertenvideo von Herrn Dr. Dr. med Babak Hooshmand, welche Bedeutung ein Vitamin-B12-Mangels bei Patienten mit Symptomen leichter kognitiver Beeinträchtigung und Demenz hat.
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