Skip to main content
main-content

03.08.2017 | Sonderbericht | Onlineartikel | Bionorica SE

Gelungene Arzt-Patienten-Kommunikation

Strategien zur Reduktion unnötiger Antibiotikaverordnungen in der Praxis

Autor:
Dr. Beate Fessler

Kommunikation kann kompliziert sein. Das gilt auch für das Gespräch zwischen Arzt und Patient, z. B. wenn es bei einem Atemwegsinfekt um die Entscheidung für oder gegen ein Antibiotikum geht. Als Kommunikationsbasis können die Ergebnisse von Point-of-Care (POC)-Schnelltests sowie Bedarfsrezepte genutzt werden. Zur symptomorientierten Therapie werden in Leitlinien Phytotherapeutika mit belegter Wirksamkeit empfohlen. Ziel ist es, dem Patienten eine seinem Beschwerdebild entsprechende, adäquate Therapie zu vermitteln.

Eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist entscheidend für das Arzt-Patienten-Verhältnis und somit Grundlage für den Erfolg jeder Therapie. Doch sind die Anforderungen hinsichtlich gelungener Kommunikation in den vergangenen Jahren komplexer geworden. Die Patienten sind heute häufig sehr gut vorinformiert, gleichzeitig aber oft auch verunsichert. Sie erwarten, dass der Arzt ihre Fragen umfassend beantwortet, ihnen ihre Ängste nimmt und die Therapieentscheidungen gut begründet. Und weil immer mehr Patienten unter Zeitdruck stehen, erwarten sie eine rasche Heilung. Auch der Arzt hat grundsätzlich wenig Zeit. Er soll und will jeden Patienten umfassend beraten. Gleichzeitig jedoch ist das Wartezimmer gerade in der Erkältungssaison voll und die Zeit stets knapp. In diesem Spannungsfeld zwischen Patientenwünschen und Rahmenbedingungen ist ein gutes Kommunikationskonzept für die Vermittlung der adäquaten Therapie essenziell.

Schnelltests und Bedarfsrezepte nutzen

Eine gelungene Arzt-Patienten-Kommunikation ist Voraussetzung für die rationale Therapie von Atemwegsinfektionen. Rational bedeutet in den meisten Fällen eine Entscheidung für eine symptomorientierte Therapie, z. B. mit einem evidenzbasierten Phytotherapeutikum, und gegen eine Antibiose. Ein gut geführtes Arzt-Patienten-Gespräch hilft, diese Therapieentscheidung erfolgreich zu vermitteln. Objektivierbare Parameter, wie sie beispielsweise ein Point-of-Care (POC)-Test liefert, können diese Argumentation stützen. Verbleibenden Unsicherheiten des Patienten kann der Arzt mit einer „verzögerten Verordnung“ eines Antibiotikums auf einem Bedarfsrezept begegnen. Dieses Vorgehen kann insbesondere vor dem Wochenende oder einem anstehenden Urlaub hilfreich sein. Unerlässlich ist dabei die Aufklärung des Patienten zum möglichen Einlösen des Bedarfsrezepts (Abb. 1). Die Erfahrungen der Teilnehmer des Expertenworkshops zeigen, dass ergänzende schriftliche Informationen den Austausch zwischen Arzt und Patient über den Praxiskontakt hinaus verbessern.

Nur wenige Patienten erwarten ein Antibiotikum

In der Kommunikation mit dem Patienten sollte berücksichtigt werden, dass, entgegen der Meinung vieler Arzte, nicht jeder Patient mit einer akuten Atemwegsinfektion ein Antibiotikum erhalten mochte. So gaben bei einer Online-Befragung lediglich 113 (10,5 %) von 1.076 Personen an, bei einer Erkältung die Verordnung eines Antibiotikums zu erwarten. 71 % dieser Patienten würden ihrem Arzt jedoch vertrauen, wenn er ihnen sage, dass sie kein Antibiotikum brauchen. Sie würden also die Entscheidung des Arztes annehmen, ohne unzufrieden zu sein [1, 2]. „Richtig kommuniziert beeinträchtigt die Therapieentscheidung gegen ein Antibiotikum die Patientenzufriedenheit nicht“, resümierte Dr. Berthold Musselmann, Wiesloch. Die meisten Patienten wollen körperlich untersucht und bzgl. der Therapie beraten werden. In einigen Fällen geht es auch darum, eine Krankschreibung zur Vorlage beim Arbeitgeber zu erhalten, erläuterte Dr. Katja Linke, Viernheim.

Phytopharmaka als Therapiebasis

Eine zentrale Erwartung des Patienten ist dagegen eine möglichst rasche Linderung seiner Beschwerden. Für Dr. Heinz-Jürgen Träger, Bad Mergentheim, bedeutet dies die Empfehlung evidenzbasierter Phytopharmaka. „Atemwegsinfekte sind für mich die Domäne der Phytotherapeutika, die inzwischen in den Leitlinien für alle Atemwegserkrankungen bestätigt und dokumentiert sind.“

Phytotherapeutika mit nachgewiesener Wirksamkeit seien nicht nur Mittel der Wahl bei unkomplizierten Verläufen, so Linke. „Eine evidenzbasierte Phytotherapie ist für mich die Grundlage zur Therapie aller Atemwegsinfektionen.“ Auch wenn eine Antibiose im späteren Krankheitsverlauf notwendig werden sollte, könne ein Phytotherapeutikum unterstützend wirken. Wichtig sei, dass sich das Phytopharmakon in klinischen Studien bewiesen habe. Werde das Phytopharmakon zudem über ein Grünes Rezept verordnet, erhalte die Therapieempfehlung des Arztes ein besonderes Gewicht.

Point-of-Care-Diagnostik: Unterstützung durch wissenschaftliche Fakten

Eine überzeugende Argumentationshilfe für oder gegen eine antibiotische Therapie liefern die Ergebnisse der Point-of-Care-Diagnostik. Bei Atemwegsinfektionen kann z. B. die quantitative Bestimmung des CRP (C-reaktives Protein)-Werts, zusätzlich zur Anamnese und der klinischen Untersuchungen, noch während der Konsultation einen Hinweis darauf geben, ob es sich bei der Erkrankung um eine virale oder eine bakterielle Infektion handelt. „Damit kann ich den meisten Patienten mit einem wissenschaftlich nachweisbaren Test zeigen, dass sie kein Antibiotikum benötigen“, so Träger. Die Therapieentscheidung gegen die Antibiose könne dann leichter kommuniziert werden.

Mediziner, die hinsichtlich Kommunikation und CRP-Bestimmung geschult sind, verordnen weniger Antibiotika. Das ist das Ergebnis einer multizentrischen, faktoriellen, Clusterrandomisierten Studie, in welcher der Effekt eines internetbasierten Kommunikations- und/ oder CRP-Trainings auf Antibiotikaverordnung und Symptomkontrolle bei Patienten mit Atemwegsinfektionen untersucht wurde [3]. Sowohl durch CRP-Messungen als auch durch verbesserte Kommunikation ließ sich die Verordnungsrate reduzieren. Wurden beide Strategien kombiniert, waren 66 % weniger Antibiotikaverordnungen zu verzeichnen als ohne Interventionsmaßnahme (Abb. 2) [3].

Ein hoher CRP-Wert bedeute aber nicht obligatorisch die Notwendigkeit einer Antibiose. Je nach Allgemeinzustand des Patienten könne die Behandlung auch mit einer symptomorientierten Phytotherapie begonnen und der Krankheitsverlauf beobachtet werden, erläuterte Träger. In diesem Fall kann auch oft gut mit Bedarfsrezepten gearbeitet werden.

Bedarfsrezept wird oft nicht eingelöst –ohne klinische Konsequenzen

Der Patient erhält mit dem Bedarfsrezept die Möglichkeit, dieses einzulösen, wenn er denkt, eine zusätzliche Antibiotikatherapie zu benötigen. Häufig werden mitgegebene Bedarfsrezepte von den Patienten jedoch gar nicht eingelöst. „Viele bringen das Rezept sogar zurück“, so Musselmann. Damit leisten Bedarfsrezepte auch einen wesentlichen Beitrag zur Reduktion unnötiger Antibiotikaverordnungen. Gleichzeitig vermitteln diese Rezepte den Patienten die Sicherheit, für den Ernstfall gut gerüstet zu sein.

Eine praxisnahe randomisierte Studie, an der 889 Patienten mit Atemwegsinfektionen aus 25 Arztpraxen in Großbritannien teilnahmen, kam zu einem ähnlichen Ergebnis [4]. 333 Patienten erhielten eine sofortige Antibiose. Die anderen 556 Patienten wurden randomisiert fünf verschiedenen Gruppen ohne bzw. mit verzögerter Antibiotikaverordnung zugewiesen:

  • Ein Antibiotikum wird zunächst nicht, sondern erst bei einer Syptomverschlechterung verordnet.
  • Ein Antibiotikum wird erst nach erneuter Kontaktaufnahme verordnet.
  • Der Patient erhält ein Rezept, das auf ein späteres Datum ausgestellt ist.
  • Das Rezept wird am Empfang der Praxis hinterlegt.
  • Der Patient bekommt das Rezept mit nach Hause und entscheidet selbst, ob/wann er das Rezept einlöst.

Es zeigte sich: 97 % der Patienten mit sofortiger Verordnung nahmen das Antibiotikum ein. Von denjenigen Patienten, die zunächst kein Rezept erhielten, nahmen im weiteren Krankheitsverlauf 26 % aufgrund einer Symptomverschlechterung ein Antibiotikum ein. Bei verzögerter Verordnung nahm etwa ein Drittel der Patienten das Antibiotikum ein (Abb. 3). Zwischen den einzelnen Gruppen gab es dabei keinen Unterschied hinsichtlich des Schweregrads der Symptome an den Tagen 2–4, keinen signifikanten Unterschied in der Krankheitsdauer und keinen signifikanten Unterschied bezüglich der Zufriedenheit der Patienten.

Kommunikation schafft Sicherheit

Die wichtigste Stütze in der Kommunikation mit dem Patienten sei die Verordnung der adäquaten (Bedarfs-) Medikation auf Grünem oder Rotem (Bedarfs-) Rezept, so Musselmann überzeugt. Um dem Patienten die nötige Sicherheit zu geben, sollte er bei der Bedarfsverordnung eines Antibiotikums über den Unterschied zwischen viralen und bakteriellen Infektionen sowie über den Verlauf der Erkrankung informiert sein. D. h. der Patient sollte von seinem Arzt genau darüber informiert werden, wann er das Bedarfsrezept einsetzen bzw. in welcher Situation er den Arzt erneut aufsuchen sollte. Wichtig ist es laut Musselmann, die Patienten immer wieder aufzuklären und ihnen anzubieten, die Praxis zu kontaktieren, sobald Probleme oder Komplikationen auftreten.

Informationsmaterialien für Patienten

Ergänzend zur Kommunikation in der Arztpraxis kann der Patient mit Informationsmaterial wie Flyern oder Broschüren versorgt werden. Auch verlässliche Informationsquellen im Internet können für den Patienten hilfreich sein und die Kommunikation erleichtern. Musselmann nutzt zudem „Infozepte“, auf denen er seine persönlichen Empfehlungen schriftlich zusammenfasst. Inzwischen sind Online-Tools verfügbar, die den Arzt bei der Erstellung indikationsbezogener Informationsmaterialien unterstützen (Kasten).

INFOZEPT-Generator

Das Projekt RAI (Rationaler Antibiotikaeinsatz durch Information und Kommunikation) unterstützt Hausärzte u. a. mit einem Infozept-Generator, mit dem Informationsmaterialien mit Schwerpunkt auf akuten Atemwegserkrankungen online erstellt und bei Bedarf in mehreren Sprachen ausgedruckt werden können: http://www.rai-projekt.de/rai/handeln/.

Impressum

Mit freundlicher Unterstützung der Bionorica SE, Neumarkt
Broschüre „Atemwegsinfektionen – Strategien zur Antibiotikaminimierung“ aufgelegt auf CME 10/2017.
Corporate Publishing (verantwortl. i. S. v. § 55 Abs. 2 RStV):
Ulrike Hafner
Tiergartenstraße 17
69121 Heidelberg
Redaktion: Ann Köbler

Springer Medizin Verlag GmbH
Heidelberger Platz 3
14197 Berlin

Tel: 0800 7780 777 (kostenfrei) | +49 (0) 30 827 875 566
Fax: +49 (0) 30 827 875 570
Email: kundenservice@springermedizin.de 

Die Springer Medizin Verlag GmbH ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Nature

Geschäftsführer: Joachim Krieger, Fabian Kaufmann
Handelsregister Amtsgericht Berlin-Charlottenburg HRB 167094 B
Umsatzsteueridentifikationsnummer: DE 230026696

© Springer Medizin Verlag GmbH

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen. Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen kann vom Verlag keine Gewähr übernommen werden. Derartige Angaben müssen vom jeweiligen Anwender im Einzelfall anhand anderer Literaturstellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden.

Literatur

Das könnte Sie auch interessieren

03.08.2017 | Sonderbericht | Onlineartikel

Rationaler Antibiotikaeinsatz senkt Resistenzraten

Über Antibiotikaresistenzen, die sich durch übermäßigen Antibiotikagebrauch in der Humanmedizin und der Tierzucht entwickeln, wird mittlerweile nicht nur in medizinischen Fachkreisen, sondern auch in der Politik diskutiert. Der Fokus liegt dabei aktuell vor allem auf multiresistenten gramnegativen Bakterien.

Bionorica SE

03.08.2017 | Sonderbericht | Onlineartikel

Atemwegsinfektionen: viral oder bakteriell bedingt?

Da akute Infektionen der oberen Atemwege überwiegend viral bedingt sind, sollten sie zunächst symptomorientiert, z. B. mit Phytopharmaka, behandelt werden. Eine ausführliche Diagnostik ist dabei aber unverzichtbar – auch, um die Therapie bei bakterieller Beteiligung rechtzeitig zu eskalieren.

Bionorica SE
ANZEIGE

Atemwegsinfektionen – Strategien zur Antibiotikaminimierung

Infektionen der Atemwege sind vor allem viralen Ursprungs. Antibiotika helfen gegen sie nichts. Wie Sie Atemwegsinfektionen sicher diagnostizieren, evidenzbasiert therapieren und gezielt vorbeugen – dazu finden Sie hier Artikel und Videos mit Statements von Experten.