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05.10.2022 | Suchterkrankungen in der Hausarztpraxis | Nachrichten

Chancen zur Prävention verpasst

Sprechen Sie mit Ihren Patienten über Alkohol!

verfasst von: Dr. Elke Oberhofer

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Alkoholprobleme kommen in deutschen Hausarztpraxen offenbar zu selten zur Sprache; dadurch wird auch das nachweislich wirksame Instrument der Kurzintervention zu selten genutzt. Eine aktuelle Studie der Uni Düsseldorf legt nahe: Besonders häufig scheinen Frauen und sozial besser Gestellte durch die Maschen der Prävention zu rutschen.

Das Wichtigste in Kürze zu dieser Studie finden Sie am Ende des Artikels.

Bei Menschen mit riskantem oder schädlichem Alkoholkonsum haben sich Kurzinterventionen, die auf eine Reduktion der Trinkmenge und -frequenz abzielen, als eindeutig wirksam erwiesen. Die deutsche S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“ schreibt Hausärztinnen und Hausärzten dabei eine Schlüsselrolle zu: „In der primärmedizinischen Versorgung“, heißt es im Leitlinientext, „sollen Kurzinterventionen zur Reduktion problematischen Alkoholkonsums angeboten werden“. Allerdings scheint es mit der routinemäßigen Umsetzung dieser Empfehlung bei Betroffenen mit Alkoholproblemen noch zu hapern, wie jetzt eine Studie der Universität Düsseldorf in Zusammenarbeit mit dem University College London nahelegt.

AUDIT-C erfasst riskanten Konsum

Die Daten der Teilnehmenden hatte das Forschungsteam um Dr. Sabrina Kastaun aus einer Umfrage zum Rauchverhalten (DEBRA: Deutsche Befragung zum Rauchverhalten) entnommen. Im Rahmen der aktuellen Studie wurde riskanter bzw. schädlicher Alkoholkonsum mithilfe des AUDIT-C-Fragebogens erfasst; der Schwellenwert für riskantes Trinken liegt hier bei 5 für Männer und bei 4 für Frauen. Im Mittel erreichten die männlichen Teilnehmer einen Wert von 5,9, die weiblichen von 4,8. Die Kernfrage in der Studie zielte darauf ab, ob von hausärztlicher Seite diesbezüglich Rat und Unterstützung angeboten worden war.

Nur jeder Zehnte auf Alkoholprobleme angesprochen

Ergebnis: Nur 11,5% der insgesamt 2247 erwachsenen Beteiligten mit zumindest riskantem Alkoholkonsum gaben an, jemals vom Arzt nach Alkoholproblemen gefragt worden zu sein. Der hausärztliche Rat, weniger zu trinken, war demnach nur in 6,3% der Fälle ergangen. Und sogar nur 1,5% hatten nach eigenen Angaben ein konkretes (medizinisches oder psychologisches) Unterstützungsangebot erhalten.

Beratung und Unterstützung hingen offenbar von Geschlecht, Alter und sozialer Stellung der Befragten ab. So gaben vor allem Männer an, in den Genuss solcher Leistungen gekommen zu sein, ebenso ältere Menschen und solche mit vergleichsweise niedrigem Bildungsgrad und Haushaltseinkommen. Die Rate derjenigen, die über Rat und Unterstützung aus der Hausarztpraxis berichteten, stieg außerdem mit dem AUDIT-C-Score. Bei Werten über 9 – was bereits schädlichem oder potenziell abhängigem Alkoholkonsum entspricht – traf das für gut die Hälfte (52%) zu. Und auch Raucher hatten offenbar bessere Chancen, zu ihrem Alkoholproblem beraten und unterstützt zu werden. Keine Rolle schien dagegen der Wohnort (Stadt oder Land) der Beteiligten zu spielen oder ob diese einen Migrationshintergrund hatten oder nicht.

Frauen und sozial besser Gestellte erhalten selten Hilfe

Dass gerade Frauen und sozial besser Gestellte offenbar seltener Hilfe erhalten, könnte nach Kastaun und ihrem Team daran liegen, dass sie das Alkoholproblem ihrem Arzt gegenüber nicht ansprechen, möglicherweise aus Scham oder Furcht vor Stigmatisierung. Auf der anderen Seite könnten aber auch „Stereotype auf ärztlicher Seite die Entscheidung beeinflussen, wen man auf Alkoholmissbrauch screent“.

Die Allgemeinärztinnen und -ärzte hätten grundsätzlich „das Potenzial, die Prävention alkoholbedingter Schäden zu verbessern“. Bei Betroffenen mit schädlichem Konsum finde bereits in der Hälfte der Fälle eine Intervention statt. Dies zeige aber auch, dass es noch deutlich Luft nach oben gebe. Der Vorschlag von Kastaun und Kollegen: das Alkohol-Screening in den regulären Gesundheits-Check-up ab dem 35. Lebensjahr integrieren. Hierfür kann der AUDIT-C-Fragebogen genutzt werden, mit dem sich riskanter bzw. schädlicher Konsum identifizieren lässt. 

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Anteil von Personen mit mindestens riskantem Alkoholkonsum, die laut eigenen Angaben Rat und Unterstützung durch den Hausarzt oder die Hausärztin erhalten haben.

Antwort: Laut Umfrage waren insgesamt nur 6,3% dahingehend beraten worden, weniger zu trinken, nur 1,5% hatten konkrete medizinische oder psychologische Unterstützungsangebote vom Hausarzt erhalten. Von den schädlich Konsumierenden war jeder zweite beraten oder unterstützt worden. Defizite in der Beratung fanden sich vor allem bei Frauen und sozial besser Gestellten.

Bedeutung: Das Screening auf Alkoholprobleme sollte in deutschen Hausarztpraxen intensiviert und das Instrument der Kurzintervention häufiger angeboten werden.

Einschränkung: Fragebogenstudie; Verzerrungsrisiko durch subjektive Angaben; Erfassungszeitraum fiel in das Corona-Jahr 2021.

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Literatur

Kastaun S et al. Prevalence and characteristics of hazardous and harmful drinkers receiving general practitioners’ brief advice on and support with alcohol consumption in Germany: results of a population survey. BMJ Open 2022;12:e064268. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2022-064268

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