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27.03.2020 | Übersichten | Ausgabe 5/2020 Open Access

Der Nervenarzt 5/2020

Terrorismus aus psychiatrischer Sicht

Zeitschrift:
Der Nervenarzt > Ausgabe 5/2020
Autoren:
S. Seidenbecher, C. Steinmetz, Prof. Dr. rer. soc. A.-M. Möller-Leimkühler, Prof. Dr. med. B. Bogerts

Hintergrund und Fragestellung

Laut Global Terrorism Index [ 38] starben im Jahr 2018 bei Terroranschlägen weltweit 15.952 Menschen. Nach einem stetigen Ansteigen des weltweiten Terrorismus mit Höchstwerten im Jahr 2014 (33.555 Todesfälle) ist seit der sich abzeichnenden Niederlage des sog. Islamischen Staates (IS) weltweit ein Rückgang von Terroranschlägen zu verzeichnen. Auch in Europa sanken die Todesfälle seit 2016 um 75 %, wobei für Westeuropa die niedrigste Zahl an Vorfällen seit 2012 berichtet wird. Dennoch ist die Zahl der Opfer von Terroranschlägen heute noch dreimal so hoch wie eine Dekade zuvor. Zudem hat in Westeuropa, Nordamerika und Australien im dritten Jahr in Folge der rechtsextreme Terrorismus zugenommen (Anstieg zwischen 2014 und 2018 um 320 %).
Die politischen, gesellschaftlichen und psychosozialen Konstellationen sind für viele Einwohner einer vom Terror betroffenen Region relevant, jedoch wird nur ein äußerst geringer Anteil von ihnen zu Terroristen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, neben einer kurzen Darstellung historischer Aspekte und verschiedener Formen von Terror, aus der zu dieser Thematik verfügbaren Literatur eine Übersicht über das multifaktorielle Bedingungsgefüge mit besonderer Beachtung psychopathologischer Aspekte von Menschen, die Terrorhandlungen durchführen, zusammenzustellen. Neben der Sichtung älterer Literatur zur RAF in den 1970er- und 1980er-Jahren erfolgte eine Literatursuche über MEDLINE/PubMED, SCOPUS, PsychInfo und PsychARTICLES für den Zeitraum 2000 bis 2019 unter den Schlüsselworten „terrorism“, „terrorists“, „psychology“, „psychopathology“ bzw. „psychiatry“. Eingeschlossen wurden nur Publikationen, in denen empirische Daten zur Psychologie bzw. Psychopathologie oder zu sozialen Bedingungsfaktoren von Terroristen enthalten waren.

Begriffsbestimmung

Der Begriff „Terrorismus“ ist ein heterogenes Konstrukt, zu dessen Definition es keinen Konsens gibt. Entsprechend unscharf und variabel wird dieser Begriff in politischen Kontexten verwendet. Abzugrenzen ist Terrorismus von Amok (persönliche Motive, häufig im engen sozialen Umfeld, hohe Prävalenz psychischer Vorerkrankungen [ 10]), „school shootings“ (Amokläufe an Schulen), Aktionen von Guerillas oder paramilitärischen Organisationen sowie organisierter Kriminalität. Um per definitionem von einem terroristischen Anschlag sprechen zu können, muss es sich bei der Attacke um einen absichtlichen Gewaltakt mit politischen oder ideologischen Motiven handeln, dessen Ziel häufig ein Symbolwert für ein verhasstes System zukommt.

Historischer Hintergrund und aktuelle Entwicklungen

Terrorismus ist ein weltweites und keinesfalls neues Phänomen. Bekannte historische Beispiele sind die jüdischen Widerstandskämpfer gegen die Römer im 7. Jahrhundert oder die Selbstmordanschläge islamistischer Assassinen gegen politische Widersacher oder Ungläubige im 11. Jahrhundert. Terroristische Aktionen bleiben bis heute ein in der Historie stets präsentes Phänomen extremer politisch oder ideologisch motivierter Gewalthandlungen [ 52].
Rapoport [ 69] beschreibt eine zeitliche Abfolge des Terrorismus der letzten 200 Jahre in vier Perioden. Die erste Phase, welche sich vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg erstreckt, bezeichnet er als anarchistische Welle. Anschließend, beginnend in den 1920er-Jahren, entwickelte sich eine Phase antikolonialer Terrorakte motiviert durch ethnisch-nationalistische Einstellungen zu Zeiten der Unabhängigkeits- und Widerstandsbewegungen. Im Zeitraum der 1960er- bis 1980er-Jahre entstand die dritte, überwiegend linksradikal geprägte Terrorwelle. Die „Rote Armee Fraktion“ (RAF) verfolgte zu dieser Zeit in Deutschland das Ziel, durch Terroranschläge auf Repräsentanten von Staat und Gesellschaft das von ihr zum Feindbild erklärte kapitalistische System zu Fall zu bringen. In diesem Zusammenhang ist auch das Sozialistische Patientenkollektiv zu erwähnen, das vorgab, für die „Abschaffung der krankmachenden privatwirtschaftlich-patriarchalischen Gesellschaft“ [ 23] kämpfen zu müssen. Einige der Psychiatriepatienten dieses Kollektivs schlossen sich später der RAF an und waren unter anderem an dem Anschlag auf die Deutsche Botschaft in Stockholm im April 1975 beteiligt. Weitere Beispiele dieser dritten Terrorwelle sind die Rote Brigade in Italien sowie die Nihon Sekigun (Japanische RAF). Daran anschließend und bis heute andauernd beschreibt Rapoport eine vierte Terrorwelle, welche vornehmlich von islamistisch-dschihadistischen Motiven getragen wird [ 69].
Als weitere Terrorwelle gewann in den letzten zehn Jahren der Rechtsterrorismus an Bedeutung. Rechtsradikaler Terrorismus war Gegenstand des im Juli 2018 vor dem Oberlandesgericht München abgeschlossenen Prozesses gegen die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), die zwischen 2000 und 2007 zehn rassistisch motivierte Morde, 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle verübte. Im Rahmen der Flüchtlingsbewegung nahmen rechtsextremistische Taten in Deutschland zu, wie z. B. die Anschläge auf Asylantenheime in Rostock-Lichtenhagen 1992 und in Freital 2015/2016. Fremdenfeindliche Hintergründe hatten auch die Anschläge auf die Oberbürgermeisterin in Köln (Oktober 2015), den Regierungspräsidenten in Kassel (Juni 2019), die Synagoge in Halle (Oktober 2019) und auf Menschen mit Migrationshintergrund in München (Juli 2016) sowie Hanau (Februar 2020; [ 82]) .
Eine neue Entwicklung ist der zunehmende Einsatz des Internets für terroristische Radikalisierungen und Aktionen. Dabei ist zu beobachten, dass auch Einzeltäter zunehmend in ein virtuelles extremistisches soziales Umfeld über Hassforen in Internetgruppen eingebunden sind und dadurch die Trennung zwischen Einzel- und Gruppentätern im digitalen Raum verschwimmt. Einer Studie des National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) zufolge, welche das Social-media-Verhalten 479 US-amerikanischer Terroristen verfolgte, sind es vor allem Einzeltäter (68,12 %), welche sich über soziale Medien radikalisieren und mobilisieren [ 40]. Spätestens der Christchurch Anschlag im März 2019 mit 50 Toten und ebenso vielen Verletzten stellt in diesem Zusammenhang eine neue Kategorie eines hauptsächlich im Internet entstandenen internationalen rechten Terrors dar. In die gleiche Richtung sind die Anschläge von Poway (Kalifornien, April 2019), El-Paso (Texas, Juni 2019), Baerum (Norwegen, August 2019), Halle an der Saale (Oktober 2019) und Hanau (Februar 2020) einzuordnen [ 44, 51]. All diese Täter zitieren sich in Internetbotschaften gegenseitig und berufen sich ebenso, wie zuvor der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik (Utoya, Norwegen, Juli 2011), auf verschiedene Variationen von Verschwörungs- oder Verdrängungstheorien gegen die eigene Rasse [ 19].
In das multifaktorielle Bedingungsgefüge terroristischer Gewalt fließen biografische, psychopathologische und psychosoziale Faktoren ein, auf welche im Folgenden näher eingegangen wird.

Psychosoziales und psychopathologisches Bedingungsgefüge von Gruppenterror

Oft wird die Auffassung vertreten, dass Terrorhandlungen nicht von psychisch gesunden Menschen verübt werden können, sondern vielmehr eine Persönlichkeitsstörung, wenn nicht sogar eine affektive, psychotische oder posttraumatische Erkrankung vorliegen müsste [ 85], die in einer Bereitschaft zur Radikalisierung bzw. Neigung zu Gewalttaten resultiere [ 7]. Gleichwohl stellen mentale Erkrankungen nur einen nachgeordneten Faktor im Bedingungsgefüge von Terrorhandlungen dar [ 28, 52]. Zudem ist hervorzuheben, dass die weit überwiegende Mehrheit von Menschen mit psychischen Störungen keine kriminellen Handlungen begeht. Gewaltfrei leben 95 % der psychisch Erkrankten im Vergleich zu 98 % der Menschen ohne psychische Störungen [ 50].

Untersuchungen zum Linksterrorismus

Ausführlichere Untersuchungen zu den psychologischen, sozialen und psychopathologischen Bedingungsfaktoren terroristischer Handlungen erfolgten erstmals vor etwa vier Jahrzehnten anlässlich des damals in der Bundesrepublik dominierenden RAF-Terrors [ 39, 70, 76, 83]. Vor diesem Hintergrund erstellte Schmidtchen [ 76] anhand von Fahndungsunterlagen und Prozessakten eine Zusammenfassung der biografischen Daten von 23 rechtsextremistischen und 227 linksextremistischen Personen. Letztere waren überwiegend der RAF und der Bewegung 2. Juni zuzuordnen, hatten ein überdurchschnittliches gesellschaftliches Herkunftsniveau und zum großen Teil ein Hochschulstudium mit oder ohne Abschluss. Ein Drittel der Mitglieder linksterroristischer Gruppierungen waren Frauen. Dagegen wurde Rechtsterrorismus ausschließlich durch männerbündnerische Gruppen mit ausgeprägtem Uniform‑, Waffen- und Kampfkult praktiziert bei wesentlich geringerem Durchschnittsalter (22 vs. 30 Jahre). Ein Drittel aller Terroristen fiel schon vor Anschluss an die Terrorszene durch Jugendstraftaten auf [ 76].
Süllwold [ 83] untersuchte psychologische Aspekte anhand biografischer Daten von 273 Linksterroristen. Der größte Anteil an Studenten mit späterer terroristischer Karriere bewegte sich in ideologisch homogenen Zirkeln mit starkem Konformitätsdruck und lebte in kollektiven Wohnformen wie Kommunen. Gruppenzugehörigkeit wurde zur psychischen Existenzfrage. Ein Drittel der Linksextremisten hatte einen schwerwiegenden irreparablen Bruch mit dem Elternhaus. Gewalt wurde als Gegengewalt zur imperialistischen Politik legitimiert. Jedoch habe nicht die Zielsetzung, sondern die terroristische Destruktion selbst die eigentliche Befriedigung verschafft. Psychische Störungen (entsprechend Achse I, DSM-IV) waren bei Terroristen nicht häufiger als in der Durchschnittsbevölkerung vorhanden. Oft aber seien besonders ausgeprägte Persönlichkeitszüge, wie „extreme Extroversion“ und „neurotische Feindseligkeit“, festzustellen (am ehesten histrionische und paranoide Persönlichkeitsakzentuierungen). Terroristen gemeinsam sei ein unerfüllter Geltungs- und Machtanspruch junger Menschen, die die Gesellschaft durch Gewaltmittel zwingen wollten, von ihrer Person und ihrem Willen Kenntnis zu nehmen [ 83].
Jäger und Böllinger [ 39] kamen zu der Auffassung, Terrorismus enthalte einen hohen Anteil normalen Sozialverhaltens, das nur verständlich werde, wenn man terroristische Gruppen als Subkulturen mit eigenem Wertesystem betrachte. Für eine psychopathologische Interpretation terroristischen Handelns gebe es keine Anhaltspunkte. Nicht auszuschließen sei jedoch, dass es psychopathologische Faktoren in einzelnen Individualentwicklungen gebe. Für eine generelle Pathologisierung von Terroristen fehle jeglicher Anhaltspunkt [ 39].
Dieselbe Auffassung vertrat Rasch [ 70], der elf angeklagte Terroristen forensisch-psychiatrisch begutachtete und keine Anhaltspunkte für krankheitswertige psychische Störungen finden konnte. Dies treffe auch für die Hauptfiguren des Stuttgart-Stammheim-Prozesses, Baader, Meinhof, Enslin und Raspe, zu. Er vertrat die Meinung, dass die terroristischen Entwicklungen am ehesten mithilfe der Frustrations-Aggressions-Theorie (Bandura) als Reaktion auf die damaligen politischen Verhältnisse in Westdeutschland und durch gruppendynamische Prozesse innerhalb der RAF zu erklären seien [ 70].

Untersuchungen zum islamistischen Terror

Der mit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001 beginnende weltweite islamistische Terror hatte eine neue Publikationswelle zur Frage der Ursachen von Terror zur Folge. Die für die linksterroristische Szene der RAF-Zeit getroffene Feststellung, wonach bei Gruppenterroristen keine erhöhte Inzidenz krankheitswertiger Psychosyndrome vorlag, wurde in ähnlicher Weise auch in den neueren Untersuchungen zum islamistischen Terror getroffen. Sageman [ 74] stellte fest, dass mehr als 70 % islamistischer Terroristen eine College-Ausbildung hatten und über 50 % eine Berufsausbildung absolvierten. Er fand keine Hinweise auf krankheitswertige Persönlichkeitsstörungen oder paranoide Züge.
Bartletts und Miller [ 6] verglichen Persönlichkeitsprofile von 61 gewalttätigen islamistischen Terroristen mit 28 islamistisch radikalisierten Personen ohne Gewaltneigung sowie 70 jungen Muslimen ohne Radikalisierungstendenzen in Kanada, Dänemark, England, Frankreich und den Niederlanden. Unter den Radikalisierten waren Personen mit technischen oder akademischen Abschlüssen überrepräsentiert. Gefühlte oder tatsächliche Diskriminierung oder die Auffassung, dass der Islam von der westlichen Welt bedroht werde und deshalb verteidigt werden müsse, wurden als häufigste Motive für terroristische Handlungen genannt. Bemerkenswert ist, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Terroristen weder eine religiöse Erziehung noch profundere Kenntnisse des Korans hatte. Als wichtigste Differenz zwischen Radikalisierten, die nicht gewalttätig wurden, und solchen, die gewalttätig wurden, wurde bei Letzteren eine emotionale Disposition zu gewalttätigem Verhalten, Stimulation und „Kick“ durch Gewaltakte, ein terroristischer Ehrenkodex bei ausgeprägter „Wir-gegen-Sie“-Narrative sowie Gruppendruck angesehen. Psychische Störungen wurden nicht weiter thematisiert [ 6].
Merari [ 57] verglich 15 Selbstmordattentäter mit 14 Terroristen, die sich nicht suizidierten. Die Suizid-Terroristen hatten einen höheren Ausbildungsstand und bessere wirtschaftliche Verhältnisse sowie eine tiefere Religiosität bei gehäuftem Vorkommen vermeidender, dependenter und depressiver Persönlichkeitszüge.
Leygraf [ 47] erstattete über 29 islamistisch motivierte Straftäter forensisch-psychiatrische Gutachten. Davon waren 19 eingewanderte Täter, bei denen er keine psychopathologischen Symptome fand, jedoch dissoziale Auffälligkeiten. Von den zehn in Deutschland aufgewachsenen Islamisten waren drei an einer schizophrenen Psychose erkrankt, zwei hatten eine primär dissoziale Problematik.
Leuschner et al. [ 46] berichten, dass weniger eine krankheitswertige Psychopathologie als Persönlichkeitsakzentuierungen im Übergangsbereich zu Persönlichkeitsstörungen im Zusammenhang mit terroristischer Radikalisierung von Terrorgruppen zu sehen sind. Auffällig seien narzisstische und „psychopathische“ Persönlichkeitsstrukturen (im Sinne von R. Hare [ 33]) sowie ein generell erhöhtes Aggressionspotenzial. Post beschreibt in einer Übersichtsarbeit [ 65] ebenso wie Bhui et al. [ 8] das in Terrorgruppen gehäufte Vorliegen narzisstischer und antisozialer Persönlichkeitsprofile. Terroristen würden nicht wahrscheinlicher an einer mentalen Erkrankung der Achse I nach DSM IV, wie z. B. einer psychotischen Störung, leiden als Menschen mit vergleichbarem sozialem Hintergrund [ 66]. Auch die Gruppe um Piccinni [ 64] argumentiert, dass keine Evidenz dafür bestehe, dass gruppenterroristisches Verhalten das Vorliegen einer psychiatrischen Erkrankung bzw. der Diagnose „Psychopathy“ zur Voraussetzung habe. Gleichfalls kommt Horgan [ 36] zu dem Schluss, dass es keine speziellen individuellen psychopathologischen Merkmale gebe, die Terroristen von der generellen Population unterscheiden.

Kriminologische Analysen von IS-Zuläufern

Gegen die Auffassung psychischer Unauffälligkeit von Personen, die sich Terrorgruppen anschließen, sprechen jedoch kriminologische Analysen des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Dieses legte 2016 eine Analyse der Radikalisierungshintergründe und -verläufe der Personen vor, die aus islamistischer Motivation aus Deutschland in Richtung des sog. Islamischer Staates (IS) nach Syrien oder in den Irak ausgereist waren [ 11]. Zwei Drittel der Ausgereisten waren schon vor ihrer Ausreise polizeibekannt, insbesondere wegen Gewalt- oder Eigentumsdelikten, darüber hinaus durch Straftaten aus dem Bereich „politisch motivierte Kriminalität“ sowie wegen Drogenhandels oder -besitzes. Im Verlauf der Radikalisierung war eine Zunahme politisch motivierter Kriminalität zu verzeichnen, gefolgt von Gewaltdelikten und Eigentumsdelikten. Mehr als die Hälfte dieses Personenkreises trat mit drei oder mehr Straftaten in Erscheinung. Es handelte sich somit überwiegend um Mehrfachtäter. Vorbestehende dissoziale Persönlichkeitszüge waren vielfach dokumentiert. Weitere Faktoren, die zur Radikalisierung beitrugen, waren Bekannte aus der Islamistenszene, Kontakte in einschlägigen Moscheen, Internet, Islamseminare und Koran-Verteilaktionen [ 11].
Vergleichbare Daten über Personen, die sich dem IS anschlossen, liegen aus Frankreich, England, Italien, Belgien, den Niederlanden und Griechenland vor [ 38]. Demnach hatten 50–70 % bereits eine kriminelle Karriere vor Eintritt in die Terrorszene. Eine Erklärung für den hohen Anteil vorbestrafter Personen wurde darin gesehen, dass deren Neigung zu aggressiv-gewalttätigem Verhalten im terroristischen Umfeld besser ausgelebt werden kann und risikofreier ist.
Eher als das Vorliegen einer manifesten Psychopathologie psychotischer oder affektiver Art scheint bei Mitgliedern von Terrorgruppen eine besondere Persönlichkeitsakzentuierung bis hin zur Persönlichkeitsstörung vorzuliegen. Beschrieben werden narzisstische, antisoziale und paranoid-aggressive Persönlichkeitszüge [ 46].

Unterschiedliche Radikalisierungswege

Jensen et al. [ 41] untersuchten die Radikalisierungswege von 31 gewalttätigen im Vergleich zu 25 nichtgewalttätigen Extremisten in den Vereinigten Staaten zwischen 1960 und 2013. 90 % waren Männer im Alter von 28 bis 32 Jahren, mehr als die Hälfte hatte einen College-Abschluss. Die Wege, die zur gewalttätigen Radikalisierung führten, waren äußerst unterschiedlich. Persönliche und kollektive Krisen nach empfundener oder tatsächlicher Erniedrigung und Ausgrenzung verbunden mit kognitiver Neuausrichtung sowie neues Bedeutsamkeits‑, Zugehörigkeits- und Verpflichtungsgefühl in der Terrorgruppe waren die wichtigsten Motive. Das Bedingungsgefüge zu gewalttätiger Radikalisierung erwies sich als äußerst komplex, einen einheitlichen Prototypen gab es nicht [ 41].
In einer Studie mit 227 links- und 23 rechtsextremen Terroristen konnte Crenshaw mittels eines semistrukturierten Interviews zwei Muster von Persönlichkeitseigenschaften differenzieren: Es handelt sich zum einen um einen extrovertierten, nach Anreiz suchenden und abhängigen Typus. Das zweite Muster wird als feindselig, grausam und abwertend beschrieben [ 18]. Eine Einteilung in Muster oder das Zuschreiben bestimmter Eigenschaften werden jedoch nicht dem Aspekt genüge, dass bei Terroristen ein breites Spektrum von Persönlichkeitsprofilen mit heterogenen psychologischen und psychopathologischen Charakteristika sowie ein komplexes Gefüge unterschiedlicher psychosozialer Erfahrungen vorliegen [ 64].
Webber und Kruglanski [ 86] formulierten drei wesentliche psychosoziale Voraussetzungen zur Entwicklung terroristischen Verhaltens: erstens eine individuelle Motivation, die aus einer Erniedrigung, Demütigung, Diskriminierung oder Unterdrückung resultieren könne, zweitens eine ideologische Narrative, mit der Gewaltanwendung gerechtfertigt werden könne und drittens ein soziales Netzwerk, das zur Durchführung radikaler Taten ansporne [ 86].
Bei terroristischen Tätern, die in Gruppen agieren, scheinen somit keine Hinweise auf erhöhte Prävalenzen manifester psychotischer oder affektiver Störungen vorzuliegen [ 3, 7, 16]. Es dominieren hingegen Persönlichkeitsprofile, die entweder gar nicht oder nur schwer in die gängigen Klassifikationssysteme nach ICD oder DSM einzuordnen sind und eine Nähe zu bestimmten Persönlichkeitsstörungen (Gruppe F6 nach ICD-10 bzw. Achse-II-Störungen nach DSM-IV ) aufweisen.

Sonderfall salafistischer Terrorismus

Salafismus ist per se nicht mit Extremismus oder Terrorismus gleichzusetzen. Salafisten beanspruchen den wahren Islam, der sich auf die Gründergeneration bezieht, nur für sich und sehen Angehörige anderer Religionen oder Atheisten als „Ungläubige“ an. Bei gewaltorientierten Gruppen kann dies Tötungsaufrufe nach sich ziehen, insbesondere, da extremistische Salafisten den Islam als bedroht ansehen. Deshalb werde der Dschihad, der Heilige Krieg, notwendig. Dschihadisten nehmen den eigenen Tod in Kauf, um – wie sie glauben – den Islam zu verteidigen. Dafür wird der direkte Einzug in das Paradies verheißen.
Überlebende Attentäter berichteten, dass die Sehnsucht nach einem Heldentod und Unsterblichkeit eine starke Motivation ist. Andere sprachen von der Ekstase des Kampfes, die an religiöse Begeisterung heranreichte [ 74]. Bei einem der Terroristen von 9/11 wurde ein Dokument mit Gebeten und Reflexionen gefunden, das den Attentätern auf das Word Trade Center helfen sollte, durchzuhalten.

Untersuchung von terroristischen Einzeltätern

Tatsächlich liegen psychische Erkrankungen vermehrt bei Personen vor, die als Einzeltäter, nicht aber im Rahmen einer Terrorgruppierung, agieren [ 16, 31]. Alonso et al. konnten zeigen, dass insbesondere Individuen, die isoliert von Terrornetzwerken agieren, an psychischen Auffälligkeiten litten [ 3]. Demnach scheint aus psychiatrischer Sicht eine Unterscheidung der Täter in Einzeltäter (auch: „lone-wolves“, „leaderless resistance“, „freelance terrorism“ oder „individual terrorism“) und terroristische Gruppierungen („group-based terrorism“) sinnvoll zu sein [ 16, 78].
Einzeltäter können wie Gruppentäter einer bestimmten Ideologie folgen, die sie sich jedoch vorwiegend über das Internet angeeignet haben [ 1]. Gill und Kollegen postulieren, dass die sog. „lone-wolves“ nicht immer isoliert sind und es somit kein einheitliches Profil eines Einzeltäters gibt [ 30]. Vor allem in Bezug auf Einzeltäter lässt sich eine klare Dominanz des männlichen Geschlechts erkennen [ 45]. Außerdem sind Einzeltäter im Schnitt ca. zehn Jahre älter als Mitglieder terroristischer Organisationen [ 30]. Auch die Anzahl früherer Verurteilungen ist bei Einzeltätern höher [ 25].
Lindekilde et al. [ 48] untersuchen 33 terroristische Einzeltäter und unterteilten diese aufgrund des Persönlichkeitsprofils in zwei Gruppen: Die erste Gruppe war charakterisiert durch spontanes und emotional irritierbares Verhalten bei zahlreichen kriminellen Vortaten ohne Einbindung in eine Ideologie und ohne Gruppenkontakte („volatile lone actor terrorists“). Die zweite Gruppe war zwar in ein radikales oder terroristisches Milieu integriert, bevorzugte aber Terrorattacken in Eigenregie, weil sie sich hierdurch einen größeren persönlichen Erfolg versprachen („autonomous lone actors“).
Der Hintergrund terroristischer Einzelattacken ist nicht an eine bestimmte Ideologie gebunden. Es findet sich bei solchen Tätern das gesamte Spektrum rechtsradikalen, linksradikalen und salafistisch-dschihadistischen Gedankengutes. Oft entwickeln solche Täter auch Hassideologien, die ihrem eigenen Gedankengut entsprungen sind und nicht einer politischen oder religiösen extremen Ideologie zugehörig sind.
Eine Gegenüberstellung von terroristischen Einzeltätern und Mitgliedern terroristischer Organisationen zeigt Tab.  1.
Tab. 1
Gegenüberstellung terroristischer Einzeltäter und Gruppierungen
Merkmal
Terroristische Einzeltäter
Terroristische Gruppierungen
Definition
Planung, Organisation und Ausführung ohne finanzielle/personelle Unterstützung einer terroristischen Organisation [ 1]
Training, Finanzierung und Koordination durch eine terroristische Organisation [ 1]
Individuelle und unabhängige Operation [ 81]
Organisatorische Struktur und finanzielle Förderung [ 1]
Ohne Kommunikation/Interaktion mit einer Gruppe [ 62]
Inspiration durch Internet und terroristische Gruppierungen [ 16]
Mittleres Alter
33 Jahre [ 30] bis Ende 30 [ 32]
→ Alter von Einzeltätern höher als in vergleichbaren Studien mit terroristischen Gruppierungen
Kolumbianische Kämpfer: 20 Jahre [ 24]
Provisorische irisch-republikanische Armee (PIRA): 25 Jahre [ 29]
Al-Qaida-Terroristen: 26 Jahre [ 74]
Männliches Geschlecht
96,6 % [ 30]
PIRA: 95,1 % [ 29]
IRA: 97,3 % [ 27]
ETA: 93,6 % [ 72]
Mentale Erkrankungen
40 % leiden an mentaler Erkrankung [ 32]
7–8 % leiden an mentaler Erkrankung [ 32]
13,9-mal wahrscheinlicher psychische Erkrankung als Mitglieder terroristischer Gruppierungen [ 16]
61 % in der Vergangenheit Kontakt mit Dienstleistungen im Bereich der psychischen Gesundheit [ 22]
→ Psychische Störung als möglicher Risikofaktor für terroristische Einzeltaten [ 53]
Isolation
53 % sozial isoliert [ 16]
→ Großer Anteil sozialer Isolation [ 30]
Organisation und Gruppendynamik [ 61]
Häufig Einzelgänger mit wenigen sozialen Kontakten [ 62]
Höhere Effektivität, Zugang zu finanziellen Ressourcen [ 1]
Vorstrafen
40 [ 30] –50 % [ 32] haben Vorstrafen
Anteil an Tätern mit Vorstrafen geringer [ 62]
Bevorzugte Rekrutierung Personen ohne Vorstrafen [ 30]
Letalität
Geringere Rate an vollendeten Taten [ 79]
1,60 Tote pro Attacke [ 79]
0,62 Tote pro Attacke [ 79]
2‑mal so viele Todesopfer [ 1]
Kontextbedingt: Letalität signifikant erhöht in USA [ 63]
→ Sind organisierter, ressourcenreicher und effektiver [ 1]
In einer Studie mit 27 US-Einzeltätern aus den Jahren 1995 bis 2001 kam Hewitt zu dem Fazit, dass diese wahrscheinlicher an einer Depression oder paranoiden Symptomatik leiden als US-Terroristen, die keine Einzeltäter sind [ 35]. Sie leben häufiger getrennt bzw. isoliert mit nur wenigen/keinen sozialen Kontakten [ 16, 30, 31, 81].
Corner und Gill [ 16] untersuchten 119 Einzeltäter-Terroristen im Vergleich zu einer altersangepassten Gruppe von Mitgliedern terroristischer Gruppierungen mithilfe multivariater statistischer Analysen. Sie fanden eine 13- bis 14-mal höhere Wahrscheinlichkeit (Odds Ratio) für das Vorliegen einer mentalen Erkrankung bei Einzel- im Vergleich zu Gruppentätern. Es handelt sich dabei primär um schwere psychische Erkrankungen, insbesondere Psychosen. In einer weiteren Untersuchung an 153 Einzeltäter-Terroristen konnten Corner und Kollegen [ 17] zeigen, dass schizophrene und wahnhafte Störungen sowie Autismusspektrumstörungen in dieser Population im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine höhere Prävalenz aufweisen.
Bhui und Mitarbeiter [ 9] haben eine Querschnittsfragebogenuntersuchung mit 608 aus Pakistan und Bangladesch gebürtigen Probanden durchgeführt. Es zeigte sich, dass depressive Symptome mit einem höheren Risiko für Sympathie bzw. Verständnis für Terrorismus assoziiert sind. Diese Autoren beschreiben darüber hinaus, dass nicht eine einzelne Diagnose für Einzeltäter-Terroristen typisch ist, sondern ein breites Spektrum von Persönlichkeitsstörungen, schizophrenen Psychosen, anhaltenden wahnhaften Störungen oder Autismusspektrumstörungen vorliegt. Posttraumatische Belastungsstörungen, Angst, Depression sowie Alkoholabhängigkeit werden laut einer anderen Übersichtsarbeit [ 2] ebenfalls bei Einzeltätern gehäuft angetroffen.
Es gibt Berichte, dass terroristische Organisationen sich von offensichtlich gestörten Menschen distanzieren (z. B. [ 23, 34]), da das Einbeziehen solcher Mitglieder die terroristische Effektivität negativ beeinflussen könnte [ 74].

Rechtsterrorismus und Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien bilden den ideologischen Kern vor allem rechten Terrors. Die Täter der Anschläge von Utoya, München, Christchurch, Poway, El-Paso, Baerum, Halle (Saale) sowie Hanau beriefen sich auf verschiedene Variationen der Weltverschwörungstheorie des Great Replacement, White Genocide oder Eurobia, welche größtenteils inhaltliche Überschneidungen aufweisen [ 19]. Kern dieser realitätsfremden Theorien ist, dass die weiße europäische Bevölkerung bewusst reduziert und letztlich durch andere ethnische/religiöse Gruppen (z. B. Muslime) ersetzt wird, deren Kultur mit der westlichen unvereinbar sei [ 19]. Diese Narrative vereint verschiedenste rechtextremistische, antifeministische, antisemitische, Antiestablishment- und Antimigrationsideologien zu einer. In Deutschland auch als „Großer Austausch“ oder „Volkstod“ bezeichnet war ähnliches Gedankengut bereits in „Mein Kampf“ vorhanden [ 4].
Nach Imhoff und Lamberty [ 37] weisen Paranoia und Verschwörungsdenken eine gewisse Verwandtschaft auf und zeigen eine schwache Korrelation in psychologischen Bewertungsskalen auf, sind aber keine identischen Phänomene.
Paranoid-psychotische Symptome sind immer selbstreferenziell; die vermeintliche Bedrohung oder Beeinflussung wird von den betroffenen Menschen auf sich selbst gerichtet empfunden. Bei Verschwörungstheorien liegt hingegen von vornherein eine feindselige Einstellung gegenüber anderen Menschengruppen vor. Die wahrgenommene Bedrohung, wenn auch realitätsfremd, wird auf die Gesellschaft oder eigene Gruppen und nicht nur auf sich selbst bezogen. Eine psychotische Symptomatik muss nicht vorliegen, kann aber auch bei einzelnen Tätern mit Verschwörungstheorien zusammen auftreten, wie z. B. bei dem sog. Unabomber, der in den USA zwischen 1978 und 1995 durch Briefbomben drei Menschen tötete und 16 verletzte [ 49], und auch bei dem Täter von Hanau [ 60] . Die realitätsgestörte Einordnung vermeintlicher Feinde gegen die Eigengruppe fungiert als kognitiver Hauptmechanismus des Verschwörungsglaubens [ 68] und dient als Rechtfertigung für Terrorhandlungen. Dadurch soll die nicht vorhandene soziale oder politische Kontrolle über die anderen kompensiert werden [ 71]. Hinzu kommen archaische soziale Motive von Verschwörungstheorien. Sie liefern Narrative zur Abwertung der Fremdgruppe und Aufwertung der Eigengruppe, welche keine objektiven Wahrheiten benötigen und deshalb besonders ansprechend für Randgruppen sind [ 20].

Terrorismus als vorwiegend männliches Phänomen

Die Mehrzahl von Terrorakten – wie individuelle und kollektive Gewalttaten überhaupt – wird durch junge Männer ausgeübt [ 58, 59]. In einigen Terrorgruppierungen spielten jedoch auch Terroristinnen eine wesentliche Rolle (z. B. RAF: Ulrike Meinhof, NSU: Beate Zschäpe).
Im Gegensatz zu Einzeltätern bilden terroristische Gruppierungen eine kollektive Identität, die geprägt ist durch eine sog. Ingroup-outgroup-Feindschaft. Gruppenprozesse sowie ein charismatischer Anführer, dem die Mitglieder gehorsam sind, werden hierbei als wichtige Faktoren angesehen [ 5, 67].
Extremisten teilen, unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung (ob rechtsextrem oder islamistisch), die Einstellung, dass ihre fundamentalistischen, politischen oder religiösen Werte durch westliche Modernisierungsprozesse bedroht sind, was auch für die traditionelle patriarchale Geschlechterordnung zutrifft. Daher ist es nicht verwunderlich, dass diese Gruppen in ihren Botschaften, Videos und Symbolen ein ultrakonservatives Männlichkeitsideal propagieren, das als Voraussetzung für die Schaffung einer besseren Welt gesehen wird [ 80].
Als eine von vielen gesellschaftlichen Ursachen für Gewalt und Terrorismus wird der demographische Überschuss junger Männern im Alter von 15 bis 24 Jahren diskutiert. „More men, more violence?“ [ 75]. Ein solcher „youth bulge“ von etwa 20 % ist besonders in den islamischen Staaten ausgeprägt und soll nach Heinsohn [ 34] die Hauptursache für die Entwicklung und Eskalation des Terrors sein, da der Jungmännerüberschuss ein unerschöpfliches Reservoir für die Rekrutierung von Terroristen darstelle. Der zentrale Grund wird darin gesehen, dass junge Männer in diesen Ländern (z. B. Nordafrika, Mittlerer Osten, Teile von Asien) angesichts einer stagnierenden wirtschaftlichen Entwicklung geringe Aussichten auf Erwerbstätigkeit, Partnerschaft und Familiengründung haben und sich alternativ in gewaltsamen Konflikten engagieren. Dies gilt nicht nur für desintegrierte junge Männer mit wenig Bildung, sondern auch für hoch qualifizierte, für die keine adäquaten Positionen zur Verfügung stehen [ 26]. So sind z. B. junge Ingenieure unter den islamistischen Terroristen in muslimischen Ländern überrepräsentiert. Allerdings lässt sich anhand historischer Daten und einschlägiger Studien ein monokausaler, linearer Zusammenhang zwischen Männerüberschuss und Terrorismus eben so wenig belegen, wie zwischen Armut und Terrorismus [ 54, 75]. Die simple Annahme „more men, more violence“ [ 75] übersieht die Bedeutung der sozioökonomischen Struktur einer Gesellschaft, die jungen statusorientierten Männern Chancen auf Zukunft bieten muss.
Ein Überschuss an Männern ist nicht nur in muslimischen Ländern, in Indien und China ein Problem, sondern auch in Teilen von Deutschland. So hat sich etwa in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung 1989 aufgrund der im Vergleich zu Westdeutschland geringeren wirtschaftlichen Entwicklung und der Abwanderung gut ausgebildeter junger Frauen in einigen ländlichen Regionen ein Überschuss an jungen Männern gebildet, deren Situation durch mangelnde Bildung, Arbeits- und Partnerlosigkeit, Perspektivlosigkeit und Frustration gekennzeichnet ist. Unter diesen Bedingungen ist die Zahl der Rechtsextremisten im Zeitraum 2014 bis 2018 von 21.000 auf 24.100 gestiegen [ 13, 15], wobei die Hälfte als gewaltorientiert eingeschätzt werden muss [ 42]. Von 2014 bis 2016 stieg die Zahl der Gewalttaten um 72 % [ 13, 14], wobei es sich überwiegend um Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte handelte. Im Anschluss sank die Anzahl der Gewalttaten wieder, dennoch ist im Zeitraum von 2014 bis 2018 ein Anstieg von 10 % zu verzeichnen [ 13, 15].

Gruppendynamik und kollektive Identität

Grundsätzlich stellen homosoziale Gruppen Gleichaltriger eine wesentliche Instanz der männlichen Sozialisation im Jugendalter dar, die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Anerkennung, sozialer Identität, Status, Wettbewerb und Demonstration von Maskulinität erfüllen. So ist es nicht verwunderlich, dass 90 % aller Gewalttaten von jungen Männern in Gruppen ausgeübt werden [ 87] und Terroristen sich oft in Gruppen organisieren. Experimentelle Studien belegen, dass Gruppen im Vergleich zu Individuen aggressiver und kompetitiver sind [ 55], ein Befund, der kompatibel mit evolutionsbiologischen Ansätzen ist, die davon ausgehen, dass Gruppenbildung Überlebensvorteile sicherte und begrenzte Ressourcen mit Aggression und Gewalt effektiver gegenüber rivalisierenden Gruppen verteidigt werden konnte. Das von der Sozialpsychologie beschriebene Phänomen der Intergruppendiskriminierung, das sich mit zahllosen Kriegen, Kämpfen und Genoziden durch die Weltgeschichte zieht, beruht auf der Überbewertung der eigenen („ingroup“) und der Abwertung der fremden Gruppe („outgroup“), wobei die Gruppenunterschiede völlig beliebig und minimal sein können („minimal group paradigm“ [ 84]), aber Diskriminierung und Bekämpfung legitimieren.
Kollektive Identität stärkt sowohl das Selbstwertgefühl des Einzelnen als auch die Gruppenkohäsion. Terroristische Gruppen weisen aufgrund ihrer ideologischen Mission eine besonders hohe Gruppenkohäsion auf und sind damit hoch attraktiv für potenzielle Terroristen, die weniger an der Ideologie als an Freundschaft und Gemeinschaft interessiert sind [ 77].

Rolle der Psychiatrie in der Prävention

In ihrer Analyse der soziodemographischen Netzwerke von insgesamt 119 Einzeltat-Terroristen beschreiben Gill und Kollegen, dass häufig die Personen im Umfeld extremistischer Ideologien von der Absicht Kenntnis hatten, dass Terrorakte ausgeübt werden sollten, die zudem lange und intensiv vorbereitet wurden [ 30]. Allerdings ist es wenig wahrscheinlich, dass Psychiater oder Psychotherapeuten hierüber Kenntnis aus dem Umfeld von Terrorgruppen bekommen. Erfolgversprechender scheint bei Kenntnis des Risikoprofils die Früherkennung terroristischer Einzeltäter zu sein.
Es gibt verschiedene Risikobewertungsinstrumente, die der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit extremistischer Gewalttaten dienen. Dazu zählen das „Violent Extremism Risk Assessment“ (Version 2 Revised, VERA-2R; [ 73]), das „Terrorist Radicalization Assessment Protocol“ (TRAP-18; [ 56]) sowie die vom BKA und der Universität Konstanz entwickelte „Regelbasierte Analyse potenziell destruktiver Täter zur Einschätzung des akuten Risikos islamistischen Terrorismus“ (RADAR-iTE; [ 12]). Ein neues Modellprojekt, was sich spezifisch an rechtsextrem orientierte junge Menschen richtet, ist „Online Hass Abbauen“ (OHA; [ 21]). Hierbei handelt es sich um ein virtuelles Training zur Reduktion von Hass und Gewalt. Ein vom BMBF gefördertes, groß angelegtes Projekt ist „Radikalisierung im digitalen Zeitalter – Risiken, Verläufe und Strategien der Prävention“ (RadigZ; [ 43]). Im Fokus dieses Verbundprojekts stehen unter anderem die Ermittlung von Vulnerabilitätsfaktoren und die Entwicklung von Präventionsmaßnahmen.

Schlussfolgerung

Wenn man von forensischen Fragestellungen absieht, zeigt die Psychiatrie bislang kaum Interesse für das multidimensionale Bedingungsgefüge von Gewalt; das trifft auch für die Ursachen von Terrorhandlungen Einzelner oder durch Gruppen zu. Dieses Feld wurde weitgehend Sozialwissenschaftlern, Kriminologen, Psychologen und auch Politikern überlassen. Terrorhandlungen sind aber das Resultat elementarer Emotionen, wie Hass, Fanatismus, Aggressivität oder auch Geltungsbedürfnis und Überlegenheitsdenken, für die es ebenso wie für andere Emotionen, mit denen sich die Psychiatrie hinreichend beschäftigt (wie z. B. Angst, Depression und Euphorie/Manie), einen breiten Übergangsbereich zwischen Normalpsychologie und Psychopathologie gibt. Mitunter scheinen Terrorhandlungen auch einem reinen Vernichtungswillen Andersartiger zu entspringen, der kaum aus einem bekannten Psychosyndrom herzuleiten ist.
Bei einem hohen Anteil terroristischer Einzeltäter, die überwiegend sozial isoliert leben, lassen sich psychische Störungen der Achse I nach DSM-IV, überwiegend psychotische, wahnhafte aber auch posttraumatische und Autismusspektrumstörungen, feststellen. Dahingegen konnten bei Mitgliedern von Terrorgruppen nur in seltenen Einzelfällen derartige psychische Auffälligkeiten von Krankheitswert festgestellt werden. Es wurden eher Persönlichkeitsakzentuierungen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen antisozialer und histrionischer Art, somit Syndrome der Achse II nach DSM-IV, beschrieben.
Das Vulnerabilitäts-Stress-Konzept, wonach die Vulnerabilität durch die vorbestehende (biografisch, genetisch, neurobiologisch geprägte) Persönlichkeitskonfiguration gegeben ist und die Stresskomponente durch die aktuelle psychosoziale und politische Situation, verstärkt durch gruppendynamische Einbindung, hat auch für das Phänomen Terror einen hohen Erklärungswert. Danach können auch bei sehr geringer Vulnerabilität stärkste Stressoren Terrorhandlungen auslösen und umgekehrt bei ausgeprägter Persönlichkeitsdisposition zu Gewalthandlungen geringe Anlässe hierfür ausreichen.
Die politischen, religiösen, rassistischen oder sonstigen Ideologien, in deren Namen Terror verübt wird, sind – das ist eine wesentliche Schlussfolgerung der Autoren – nicht selbst der Grund für terroristische Gewalttaten, sondern werden von gewaltbereiten Individuen aktiv aufgesucht, um dadurch ein Gefühl von Zurücksetzung auszugleichen sowie Überlegenheit und Bedeutsamkeit oder einfach nur eine Befriedigung durch die Terrorhandlung zu erlangen. Solche Täter im Vorfeld zu erkennen und damit prophylaktisch aktiv zu werden, ist naturgemäß äußerst schwierig, auch deshalb, weil terroristische Einzeltäter mit psychischen Störungen kaum soziale Kontakte haben. Die Psychiatrie sollte aber von den in den letzten Jahren entwickelten Risikobewertungsinstrumenten Kenntnis nehmen, um gegebenenfalls therapeutische Maßnahmen einleiten zu können, auch wenn dies nur in wenigen Einzelfällen möglich sein dürfte.

Fazit für die Praxis

  • Entgegen der landläufigen Meinung weisen Mitglieder von Terrorgruppen kein erhöhtes Vorkommen krankheitswertiger psychischer Störungen auf. Stattdessen finden sich hier gehäuft Persönlichkeitsakzentuierungen histrionischer, antisozialer und paranoid-aggressiver Art sowie eine Disposition zu gewalttätigem Verhalten, das durch soziale und gruppendynamische Gegebenheiten hergeleitet werden kann.
  • Terroristische Einzeltäter leiden hingegen gehäuft an psychotischen oder affektiven Störungen. Die radikale Entwicklung solcher Täter entspringt entweder eigenem (paranoidem) Gedankengut oder erfolgt bei digitaler Vernetzung mit Gleichgesinnten über Hassforen im Internet.
  • Verschwörungstheorien unterscheiden sich von paranoiden Syndromen dadurch, dass sie nicht von Einzelpersonen auf sich selbst bezogen werden, sondern sich eine Gruppe ohne realen Anlass durch eine vermeintlich feindliche andere Gruppe bedroht sieht.
  • Traditionelle Ideale von Maskulinität und archaische Vorstellungen von Kampf und Heldentum tragen zur Erklärung bei, dass Terrorismus ein überwiegend männliches Phänomen ist.
  • Mehrere in den letzten Jahren entwickelte Skalen können zur Früherkennung eines Risikos für extreme Gewalttaten beitragen.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Seidenbecher, C. Steinmetz, A.-M. Möller-Leimkühler und B. Bogerts geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access. Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.
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