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DispoDigital: Studienprotokoll zur digitalen Steuerung weniger dringlicher Notaufnahmepatienten mittels Symptom-Checker und Terminvermittlung

  • Open Access
  • 04.09.2025
  • Triage
  • short communication
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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Hintergrund

Vor dem Hintergrund der starken Inanspruchnahme von Notaufnahmen und des zunehmenden Fachkräftemangels rücken digitale Anwendungen wie Symptom-Checker in den Fokus aktueller Forschungen [1]. Symptom-Checker bieten als digitale Ersteinschätzungsinstrumente eine ressourcenschonende Möglichkeit zur Patientensteuerung, wobei die bisherige Evidenzlage noch heterogen ist. Während einzelne Studien von verkürzten Wartezeiten und hoher Patientenzufriedenheit berichten [2, 3], weisen andere auf mögliche Diskrepanzen zwischen digitaler und ärztlicher Einschätzung hin [4, 5]. Die DispoDigital-Studie (Disposition von weniger dringlichen Notaufnahmepatienten über einen digitalen Tresen mittels Symptom-Checker) untersucht erstmals im deutschen Kontext die systematische Kombination einer digitalen Selbsteinschätzung mit einem integrierten Terminvermittlungssystem zur sektorenübergreifenden Steuerung weniger dringlicher Notaufnahmepatienten in ambulante Versorgungsstrukturen.

Methodik

DispoDigital wird als prospektive Pilotstudie über einen Zeitraum von sechs Monaten in den Notaufnahmen des RoMed Klinikums in Rosenheim und des Krankenhauses Agatharied in Hausham durchgeführt. Das RoMed Klinikum in Rosenheim nimmt an der umfassenden Notfallversorgung teil, das Krankenhaus Agatharied an der erweiterten Notfallversorgung. Die Rekrutierung erfolgt werktags zu den regulären Praxisöffnungszeiten (Mo/Di/Do: 9–16 bzw. 17 Uhr, Mi/Fr: 9–14 Uhr), in denen speziell geschulte Studienassistenzen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) zur Unterstützung bereitstehen. Eingeschlossen werden volljährige, selbstzuweisende Patienten aller Geschlechter, bei denen im Rahmen der standardisierten Ersteinschätzung mittels Manchester Triage System (MTS) die Kategorien grün oder blau vergeben werden. Ausschlusskriterien umfassen höhere Dringlichkeitsstufen (MTS rot/orange/gelb), Zuweisung durch den Rettungsdienst, Minderjährigkeit, Schwangerschaft, Immobilität, ärztliche Einweisung, eingeschränkte Einwilligungsfähigkeit, unzureichende Deutschkenntnisse, Wohnungslosigkeit sowie berufsgenossenschaftliche Fälle. Studienablehner und -abbrecher werden systematisch erfasst.
Nach erfolgter MTS-Triage und umfassender Aufklärung führen einwilligende Teilnehmer an einem speziell eingerichteten Terminal der KVB eine digitale Selbsteinschätzung ihrer Beschwerden durch. Hierfür kommt die Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland (SmED) als Chatbot ohne vorzeitige Beendigungsmöglichkeit zum Einsatz (vgl. Patienten-Navi online unter www.116117.de). Je nach Ergebnis der digitalen Einschätzung erfolgt eine reguläre Versorgung in der Notaufnahme, die Vermittlung eines taggleichen Termins in einer teilnehmenden Kooperationspraxis oder das Angebot einer telemedizinischen Konsultation über DocOnline (https://www.doconline-bayern.de/). Das Spektrum der 56 Kooperationspraxen umfasst die Fachgruppen Allgemeinmedizin, hausärztlich tätige Internisten, Orthopädie/Unfallchirurgie, Gynäkologie und Urologie. Die an den Kliniken angegliederten Bereitschaftspraxen sind ebenfalls eingebunden.
Die Datenerhebung erfolgt durch Primärdaten (standardisierte Fragebogenerhebung unter Studienteilnehmenden und KVB-Mitarbeitenden, Praxisdokumentation) und Sekundärdaten (SmED-Assessments, Terminvermittlungsdaten, KIS-Daten bei Wiederkehrern). Für die Studie liegt ein positives Votum der Ethik-Kommission der Bayerischen Landesärztekammer (Nr. 25017) und eine Registrierung im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS00036172) vor. Die EU-Datenschutzgrundverordnung, das Bayerische Datenschutzgesetz und die Deklaration von Helsinki finden Anwendung.

Diskussion

Die DispoDigital-Studie soll wichtige Erkenntnisse über die Sicherheit, Akzeptanz und effiziente Nutzung digital unterstützter Patientensteuerung in der Notaufnahme liefern. Die Kombination aus strukturierter Selbsteinschätzung und unmittelbarer Terminvermittlung bietet Potenzial zur Entlastung der Notfallversorgung. Auch der aktuelle Referentenentwurf des Notfallgesetzes (NotfallG) sieht vor, dass eine digitale Ersteinschätzung künftig verpflichtend vorgeschaltet werden soll, um Patienten bedarfsgerecht zu steuern. Erste Ergebnisse aus der Inanspruchnahmebefragung von Oslislo et al. (2025) zeigen, dass auf Patientenseite eine grundsätzliche Bereitschaft zur digitalen Selbsteinschätzung besteht und eine hohe Akzeptanz für die Vermittlung vertragsärztlicher Termine über solche Anwendungen vorliegt [6]. Dies bietet die Chance, den Aufnahmetresen von Steuerungsaufgaben zu entlasten. Gleichzeitig gilt es, Risiken wie Fehlsteuerungen oder Wiederaufnahmen kritisch zu evaluieren [7]. Durch das Studienprotokoll wird die Patientensicherheit engmaschig überwacht. Die Ergebnisse können dazu beitragen, die Implementierung digitaler Steuerungsinstrumente evidenzbasiert zu gestalten und Perspektiven für zukünftige Versorgungskonzepte aufzuzeigen. Bei erfolgreichem Verlauf bietet sich ein ressourcenschonender und skalierbarer Ansatz zur Integration digitaler Technologien in die Notfallversorgung.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Oslislo, K. Witt und S. Carnarius sind Mitarbeitende des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). D. von Stillfried ist der Vorstandsvorsitzende des Zi. Das Zi ist eine von den Kassenärztlichen Vereinigungen finanzierte gemeinnützige Stiftung des bürgerlichen Rechts ohne Gewinnorientierung. Im Rahmen ihres Stiftungsauftrags der „Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens und der öffentlichen Gesundheitspflege“ ist das Zi Bereitsteller von SmED im KV-System. Die Kosten für die Implementierung des Terminals sowie die Vorhaltepauschale für die Kooperationspraxen werden seitens KVB getragen. C. Pfeiffer ist Vorstandsvorsitzender der KVB und M. Holder ist Mitarbeitender der KVB. M. Bayeff-Filloff und S. Herdtle geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die nicht-kommerzielle Nutzung, Vervielfältigung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die Lizenz gibt Ihnen nicht das Recht, bearbeitete oder sonst wie umgestaltete Fassungen dieses Werkes zu verbreiten oder öffentlich wiederzugeben. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
DispoDigital: Studienprotokoll zur digitalen Steuerung weniger dringlicher Notaufnahmepatienten mittels Symptom-Checker und Terminvermittlung
Verfasst von
Dr. S. Oslislo
K. Witt
M. Bayeff-Filloff
S. Herdtle
S. Carnarius
D. von Stillfried
M. Holder
C. Pfeiffer
Publikationsdatum
04.09.2025
Verlag
Springer Medizin
Schlagwörter
Triage
Notfallmedizin
Triage
Erschienen in
Notfall + Rettungsmedizin / Ausgabe 7/2025
Print ISSN: 1434-6222
Elektronische ISSN: 1436-0578
DOI
https://doi.org/10.1007/s10049-025-01631-3
1.
Zurück zum Zitat Altendorf M, Luckmann M, Lägel R et al (2023) Einsatz von Symptom-Checkern zur Steigerung der Versorgungseffizienz. Kompetente Patient:innen und bessere Entscheidungen? Monit Versorgungsforsch 2:66–70. https://doi.org/10.24945/MVF.02.23.1866-0533.2487CrossRef
2.
Zurück zum Zitat Mahmood A, Wyant DK, Kedia S et al (2020) Self-Check-In Kiosks Utilization and Their Association With Wait Times in Emergency Departments in the United States. J Emerg Med 58(5):829–840. https://doi.org/10.1016/j.jemermed.2019.11.019CrossRefPubMed
3.
Zurück zum Zitat Pairon A, Philips H, Verhoeven V (2023) A scoping review on the use and usefulness of online symptom checkers and triage systems: How to proceed? Front Med 9:1040926. https://doi.org/10.3389/fmed.2022.1040926CrossRef
4.
Zurück zum Zitat Riboli-Sasco E, El-Osta A, Alaa A et al (2023) Triage and Diagnostic Accuracy of Online Symptom Checkers: Systematic Review. J Med Internet Res 25:e43803. https://doi.org/10.2196/43803CrossRefPubMedPubMedCentral
5.
Zurück zum Zitat Trivedi SV, Batta R, Henao-Romero N et al (2024) A comparison of self-triage tools to nurse driven triage in the emergency department. PLoS ONE 19(8):e297321. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0297321CrossRefPubMedPubMedCentral
6.
Zurück zum Zitat Oslislo S, Witt K, Kellner P, Schmidt-Traub H, Wrede C, Somasundaram R (2025) Awareness of the patient service telephone number 116117 and willingness to use a symptom checker. Dtsch Ärztebl Int 122:306–307. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0065CrossRefPubMedPubMedCentral
7.
Zurück zum Zitat Slagman A, Bremicker A, Möckel M, Eienbröker L, Fischer-Rosinský A, Gries A (2024): Evaluation of an automated decision aid for the further referral of emergency room patients—a prospective cohort study. Dtsch Ärztebl Int 121:703–709. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2024.0191CrossRefPubMedPubMedCentral

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