Hintergrund
Vor dem Hintergrund der starken Inanspruchnahme von Notaufnahmen und des zunehmenden Fachkräftemangels rücken digitale Anwendungen wie Symptom-Checker in den Fokus aktueller Forschungen [
1]. Symptom-Checker bieten als digitale Ersteinschätzungsinstrumente eine ressourcenschonende Möglichkeit zur Patientensteuerung, wobei die bisherige Evidenzlage noch heterogen ist. Während einzelne Studien von verkürzten Wartezeiten und hoher Patientenzufriedenheit berichten [
2,
3], weisen andere auf mögliche Diskrepanzen zwischen digitaler und ärztlicher Einschätzung hin [
4,
5]. Die DispoDigital-Studie (Disposition von weniger dringlichen Notaufnahmepatienten über einen digitalen Tresen mittels Symptom-Checker) untersucht erstmals im deutschen Kontext die systematische Kombination einer digitalen Selbsteinschätzung mit einem integrierten Terminvermittlungssystem zur sektorenübergreifenden Steuerung weniger dringlicher Notaufnahmepatienten in ambulante Versorgungsstrukturen.
Methodik
DispoDigital wird als prospektive Pilotstudie über einen Zeitraum von sechs Monaten in den Notaufnahmen des RoMed Klinikums in Rosenheim und des Krankenhauses Agatharied in Hausham durchgeführt. Das RoMed Klinikum in Rosenheim nimmt an der umfassenden Notfallversorgung teil, das Krankenhaus Agatharied an der erweiterten Notfallversorgung. Die Rekrutierung erfolgt werktags zu den regulären Praxisöffnungszeiten (Mo/Di/Do: 9–16 bzw. 17 Uhr, Mi/Fr: 9–14 Uhr), in denen speziell geschulte Studienassistenzen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) zur Unterstützung bereitstehen. Eingeschlossen werden volljährige, selbstzuweisende Patienten aller Geschlechter, bei denen im Rahmen der standardisierten Ersteinschätzung mittels Manchester Triage System (MTS) die Kategorien grün oder blau vergeben werden. Ausschlusskriterien umfassen höhere Dringlichkeitsstufen (MTS rot/orange/gelb), Zuweisung durch den Rettungsdienst, Minderjährigkeit, Schwangerschaft, Immobilität, ärztliche Einweisung, eingeschränkte Einwilligungsfähigkeit, unzureichende Deutschkenntnisse, Wohnungslosigkeit sowie berufsgenossenschaftliche Fälle. Studienablehner und -abbrecher werden systematisch erfasst.
Nach erfolgter MTS-Triage und umfassender Aufklärung führen einwilligende Teilnehmer an einem speziell eingerichteten Terminal der KVB eine digitale Selbsteinschätzung ihrer Beschwerden durch. Hierfür kommt die Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland (SmED) als Chatbot ohne vorzeitige Beendigungsmöglichkeit zum Einsatz (vgl. Patienten-Navi online unter www.116117.de). Je nach Ergebnis der digitalen Einschätzung erfolgt eine reguläre Versorgung in der Notaufnahme, die Vermittlung eines taggleichen Termins in einer teilnehmenden Kooperationspraxis oder das Angebot einer telemedizinischen Konsultation über DocOnline (
https://www.doconline-bayern.de/). Das Spektrum der 56 Kooperationspraxen umfasst die Fachgruppen Allgemeinmedizin, hausärztlich tätige Internisten, Orthopädie/Unfallchirurgie, Gynäkologie und Urologie. Die an den Kliniken angegliederten Bereitschaftspraxen sind ebenfalls eingebunden.
Die Datenerhebung erfolgt durch Primärdaten (standardisierte Fragebogenerhebung unter Studienteilnehmenden und KVB-Mitarbeitenden, Praxisdokumentation) und Sekundärdaten (SmED-Assessments, Terminvermittlungsdaten, KIS-Daten bei Wiederkehrern). Für die Studie liegt ein positives Votum der Ethik-Kommission der Bayerischen Landesärztekammer (Nr. 25017) und eine Registrierung im Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS00036172) vor. Die EU-Datenschutzgrundverordnung, das Bayerische Datenschutzgesetz und die Deklaration von Helsinki finden Anwendung.
Diskussion
Die DispoDigital-Studie soll wichtige Erkenntnisse über die Sicherheit, Akzeptanz und effiziente Nutzung digital unterstützter Patientensteuerung in der Notaufnahme liefern. Die Kombination aus strukturierter Selbsteinschätzung und unmittelbarer Terminvermittlung bietet Potenzial zur Entlastung der Notfallversorgung. Auch der aktuelle Referentenentwurf des Notfallgesetzes (NotfallG) sieht vor, dass eine digitale Ersteinschätzung künftig verpflichtend vorgeschaltet werden soll, um Patienten bedarfsgerecht zu steuern. Erste Ergebnisse aus der Inanspruchnahmebefragung von Oslislo et al. (2025) zeigen, dass auf Patientenseite eine grundsätzliche Bereitschaft zur digitalen Selbsteinschätzung besteht und eine hohe Akzeptanz für die Vermittlung vertragsärztlicher Termine über solche Anwendungen vorliegt [
6]. Dies bietet die Chance, den Aufnahmetresen von Steuerungsaufgaben zu entlasten. Gleichzeitig gilt es, Risiken wie Fehlsteuerungen oder Wiederaufnahmen kritisch zu evaluieren [
7]. Durch das Studienprotokoll wird die Patientensicherheit engmaschig überwacht. Die Ergebnisse können dazu beitragen, die Implementierung digitaler Steuerungsinstrumente evidenzbasiert zu gestalten und Perspektiven für zukünftige Versorgungskonzepte aufzuzeigen. Bei erfolgreichem Verlauf bietet sich ein ressourcenschonender und skalierbarer Ansatz zur Integration digitaler Technologien in die Notfallversorgung.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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