Moderne medikamentöse Schmerztherapie in der Gefäßmedizin – was der Gefäßchirurg dazu wissen sollte anhand einer einrichtungsspezifischen „Standard Operating Procedure“ (SOP)
- Open Access
- 11.11.2024
- Ulcus cruris venosum
- Übersichten
Zusammenfassung
Einleitung
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85 % A. mesenterica superior (AMS)
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12 % Truncus coeliacus (TC) und
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3 % A. mesenterica inferior (AMI) bedingt [11].
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Dialyseshuntchirurgie,
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Implantation von iv-Portsystemen (neben der Allgemeinchirurgie),
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Beteiligung bei interdisziplinären Eingriffen
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* zur Tumorresektion mit Gefäßersatz (oder)
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* bei Traumafolgen mit Gefäßverletzungen.
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Methode
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unter den Stichworten: Veränderungen der supraaortalen Gefäße, Carotisstenose, Aneurysma, Veränderungen der Extremitätengefäße, Bypasschirurgie, Minor- und Majoramputationen (sowie)
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den entsprechenden Leitlinien (und)
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basierend auf der zugrunde gelegten „SOP Schmerztherapie in der Gefäßchirurgie“(QR-Code im Anhang).
Ergebnisse
Körperdiagnose In Anlehnung an das MASK-Schema | Häufigkeit (n) | Prozent bezogen auf n = 2930 (%) |
|---|---|---|
Kopf und Gesicht | 210 | 7,2 |
Gefäße | 23 | 0,8 |
Neuropathien (außer Wirbelsäule und Gesicht) | 356 | 12,2 |
Wirbelsäule | 1045 | 35,7 |
Wirbelsäule mit neuropathischen Anteilen | 95 | 3,2 |
Muskel‑/Gelenkschmerz | 593 | 20,2 |
Viszeraler Schmerz | 94 | 3,2 |
Tumorschmerz | 164: | 5,6: |
- Tumorschmerz (unklarer Kausalität) | 27 | 0,9 |
- Schmerz nach/durch Tumor | 111 | 3,8 |
- Schmerz durch Tumortherapie | 22 | 0,8 |
- Schmerz bei Tumor | 4 | 0,1 |
Brust/Thorax | 53 | 1,8 |
Coenästhesien | 77 | 2,6 |
Als Panalgesie empfunden/FMS | 129 | 4,4 |
Halbe Körperseite | 39 | 1,3 |
Panalgesie = > 50 % Körperoberfläche | 52 | 1,8 |
Gesamt | 2930 | 100 |
Einteilung
Einteilung nach betroffener Körperregion
Einteilung nach Invasivität der Operationen
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Varizenoperation,
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Anlage einer Brescia-Cimino-Fistel,
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Minoramputation,
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i.v.-Portanlage,
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einfache Thrombektomie am Arm,
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Abszessspaltung (und)
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perkutan-transluminale Angioplastie.
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Leistenendarteriektomie mit Patchplastik,
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Prothesen-Bypassoperation am Arm und am Bein (Shuntprothese, P1- bzw. P3-Bypässe),
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endovaskuläres Repair der Beckenachsen und der Aorta abdominell und thorakal (und)
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A.-carotis-TEA.
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Rekonstruktion der Aorta und Beckenachsen offen (trans- bzw. extraperitoneal),
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Rekonstruktion der V. cava,
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komplettes Debranching der supraaortalen Äste,
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Majoramputation (und)
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Rekonstruktion im Rahmen der Tumor- und Traumachirurgie.
Strukturierte Aufnahme des Schmerzpatienten
Fragen des Konsiliarius | Antworten des Patienten |
|---|---|
Hauptschmerz: wo? Schmerzen seit wann; Verstärkung? zeitlicher Verlauf VAS (0 = kein Schmerz, 10 = Schmerz zum Aus-dem-Fenster-Springen) jetzt: maximal, minimal, Ziel-VAS: Schmerzqualität: vegetative Anamnese: Einschlaf‑/Durchschlafstörungen; Appetit, Übelkeit, Erbrechen, Miktion, Stuhlgang Ängste bisherige/derzeitige Medikation: ggf. wer verordnet Diagnose: V. a. Proc.: 1. 2. 3. adjuvante Medikation mit aufschreiben! (Laxoberal, MCP-Tabletten) | – |
Bei stationären Patienten: Kontrolle nach Neueinstellung am nächsten Tag, dann WV nach Bedarf Bei Abschluss: Brief (handschriftlich) → Original erhält der Patient (im Briefumschlag) und Kopie für Station Einnahmeplan (Kopie für Akte) Bitte am Ende auch nach der derzeitigen Schmerzstärke (VAS) fragen | |
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der Schmerz im Augenblick der Fragestellung,
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der maximale Schmerz in den letzten Stunden,
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der minimale Schmerz in den letzten Stunden (und)
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das Therapieziel des Patienten oberhalb von 0 (Schmerzfreiheit ist kein Ziel).
Qualität | Medikamentengruppe |
|---|---|
Dumpf, drückend | Opioide |
Brennend, stechend, schneidend | Antidepressiva (Duloxetin, Venlafaxin, Mirtazapin) |
Stromartig, kribbelnd, einschießend | Antikonvulsiva (Gabapentin, Pregabalin) |
Krampfende Bauchschmerzen | Novaminsulfon |
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eines Einnahmeplans (im Hinz-System Anordnung des Konsiliarius für das Stationsteam) (sowie)
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einer Kopie für die Akte der Schmerzambulanz – diese ist notwendig, um schwierig einzustellende Patienten in der Schmerzambulanz mit einem der beiden Oberärzte der Schmerzambulanz diskutieren zu können sowie eine analoge Niederschrift zu haben für den Fall eines Strom- bzw. digitalen Systemausfalls.
Empfehlungen zur speziellen Schmerztherapie
Schmerzmedikamente
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dumpf/drückend,
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brennend/stechend,
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stromartig/einschießend (sowie)
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die krampfartigen Bauchschmerzen.
Administrationsmodi, Applikationssysteme und Medizinprodukte
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p. o. (Tablette/Pille/Tropfen)//s. c.//i. v.//s. l.,
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Kurzinfusion, Perfusor
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PCA-Pumpe,
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Periduralkatheter (PDK),
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nasogastrale/PEG-Sonde,
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Neuraltherapie (Plexusblockade),
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Physiotherapie (Einbringen von entzündungshemmenden Stoffen über Sonophorese).
Medikamente bei einzelnen Schmerzbildern
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Angiotensin-II-Rezeptor-1-Antagonisten (Losartan),
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Kalziumantagonisten Felodipin und Amlodipin,
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Serotonin-„re-uptake“-Hemmer (Fluoxetin) und
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Phospho-diesterase-V-Hemmer (Sildenafil, Vardenafil),
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Anamnese: Dauer, Verlauf, Beginn; Erkrankungen (Diabetes mellitus, Niereninsuffizienz), Immobilität, Schmerzen, Medikamente, Reise/Ausland, Bestrahlungen, Familienanamnese
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Bakterien: Bakterien sind eine mögliche, selten aber die alleinige Ursache chronischer Wunden. Biopsien werden notwendig bei tieferen Ulzerationen, diabetischem Fuß, schweren Infektionen von Weichteilgewebe oder V. a. spezifische Erreger.
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Klinische Untersuchung: Diese soll die anatomische Lokalisation sowie eine Beschreibung der Wunde (Wundrand, Wundumgebung, Verhalten unter Manipulation) enthalten.
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Durchblutung: Dafür sollten sowohl das venöse als auch das arterielle Gefäßsystem untersucht werden.
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Extras: Wenn mit den dargestellten Verfahren die Genese der Wunde nicht geklärt werden kann, sollte auf weiter zugrunde liegende Krankheiten untersucht werden wie z. B.
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M Moisture balance: Exsudatmanagement
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O Oxygen balance: Sauerstoffbalance
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I Infection control: Infektionskontrolle
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S Support: Unterstützung des Heilungsprozesses
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T Tissue management: Gewebemanagement
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fortgeschrittene pAVK (Knöchelarteriendruck < 60 mm Hg, KADI < 0,5)
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dekompensierte Herzinsuffizienz
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Phlegmasia coerulea dolens
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septische Phlebitis
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Metamizol (z. B. Novalgin®): 1 g als KI oder p. o., alle 4–6 h (max. 5 g/d)
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COX-II-Hemmer, z. B. Celecoxib (Celebrex®): 100–200 mg p. o., 12-stündlich, an Kontraindikationen bestehen: kardiovaskuläre Erkrankungen und Einschränkung der Nierenfunktion sowie Gastritis‑/Ulcusanamnese (dann Abklärung von Risikofaktoren wie z. B. gastromucosale H.-pylori-Kolonisation durch Testverfahren/Ösophagogastroduodenoskopie mit ggf. abzuleitendem Eradikationsbedarf).
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Paracetamol (z. B. Perfalgan®) hat nach aktueller Studienlage vor allem eine geringe analgetische Wirkung. Dazu kommt eine enge therapeutische Breite und ausgeprägtes Nebenwirkungs(NW-)potenzial, insbesondere hinsichtlich medikamenteninduzierten Leberversagens (und) kardiovaskulärer Nebenwirkungen. Paracetamol zur Schmerztherapie in der postoperativen Phase bei allgemein-, viszeral- und gefäßchirurgischen Patienten ist daher nur als absolute Ausnahme und unter ärztlicher Berücksichtigung dieser Substanzeigenschaften in Erwägung zu ziehen.
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Opioide haben ihre Indikation bei Schmerzverstärkung, Beginn mit Tilidin 3 × 50 mg ret., falls erforderlich: Erhöhen auf starkes Opioid (z. B. Targin® p. o. 10–20 mg in 2 Einzeldosen jeweils 5 oder 10 mg).
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Thorakale Katheterperiduralanalgesie oder patientenkontrollierte Katheterperiduralanalgesie, z. B. mit Ropivacain oder Ropivacain/Sufentanil.
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Ohne tPDA auf der IMC oder Intensivstation ist Standard ein Morphinperfusor 1–3 mg/h; dazu als Bedarf 10 Boli à 10 mg i. v. Bei zusätzlich krampfenden Schmerzen sollte Novaminsulfon 1 g i. v. gegeben werden; alternativ: MST 10 mg ret. im Schema (8- oder 12-stündlich) mit 10 mg Sevredol p. o. (bis 8 ×/d) bei Bedarf.
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Bei Niereninsuffizienz sollte statt Morphin Hydromorphon angesetzt werden, 2 mg entsprechen 15 mg Morphin (i. v. wie p. o.) – Start mit 2 mg Hydromorphon (1-ml-Ampulle bis 48 ml mit NaCl auffüllen); evtl. zur Wirksamkeitsverbesserung ist additiv die Gabe von 50 mg Esketamin möglich.
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Ohne tPDA auf der Normalstation: Zunächst kann man mit Metamizol 6‑stündlich 1 g Kurzinfusion beginnen, zusätzlich intermittierende Gabe von Piritramid.Es bleibt abzuwarten, ob die Gabe von Opioiden nötig wird.
Diskussion
Allgemeines
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dem individuellen Patienten,
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seiner (Schmerz‑)Anamnese und seinen Begleitbefunden,
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dem Fachgebiet (sowie)
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der Invasivität der operativen Interventionen
Probleme bei Operationen
Schmerztherapie
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Opioide wirken weniger gut bei neuropathischen Schmerzen – Einsatzgebiet eher der dumpfe, drückende Schmerz sowie immer dann, wenn ein Patient am Knochensystem operiert wurde bzw. darin/daran eine Fraktur und/oder Metastasen vorliegen.
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Opioide helfen nicht bei Kopfschmerzen (und)
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Opioide helfen nicht bei Muskelschmerzen.
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Speziell Tapentadol wirkt nicht bei Tumorschmerzen. Oxygesic wirkt meist nicht länger als 2 bis 3 Jahre (Optimum: postoperative Schmerztherapie).
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Schwache und starke Opiate sollen nicht zusammen verordnet werden.
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Mehrere schwache oder mehrere starke Opiate sollen nicht zusammen verordnet werden.
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Ein Konsilauftrag „nichtsedierendes Analgetikum“ ist nicht zielführend (nicht verfügbar).
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Opioide sollen nicht um mehr als 100 % pro Visite erhöht werden.
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Die Beachtung des WHO-Stufenschemas ist nicht zwingend erforderlich, der Therapiebeginn ist direkt mit Stufe II = schwache Opioide möglich.
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Möglichst soll keine Verordnung von Tropfen erfolgen, solange der Patient schlucken kann.
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Retard-Präparate sind nicht als Bedarfsmedikation geeignet.
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Tilidin/Naloxon in Verordnung 2 ×/d ist häufig nicht ausreichend, ähnliche Aussage trifft zu auf Hydromorphon.
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Tapentadol und Hydromorphon sollen bei Rotation höher dosiert werden als das Ursprungsopioid.
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Transdermale Therapeutische Systeme (TTS) sollten nie bei sehr schlanken oder kachektischen Patienten appliziert werden.
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Niemals sollten Opioid-Naive initial ein Fentanyl-Pflaster in Dosierung 50 µg/h erhalten.
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Bei länger dauernder Opioidgabe ist die Gabe von Laxantien zwingend erforderlich (!) – gerade bei Opioiden sollte auf die sorgfältige Gabe von Medikamenten gegen Obstipation und Übelkeit geachtet werden.
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Nebenwirkungen vor allem der Opioide sind kein Grund zum Absetzen.
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Bei Schmerztherapie nach Qualität des Schmerzes sind häufig die starken Opioide nicht die allein geeignete Substanzgruppe, hier führt häufig die – ggf. kombinierte – Verordnung von Antidepressiva, Antikonvulsiva oder atypischen Neuroleptika zu einem besseren Therapieerfolg (Tab. 3 und 4). So zeigt auch Tab. 4, dass zwischen den Patienten mit Schmerzen bei Gefäßveränderungen und der Gesamtheit der Patienten der Schmerzambulanz die relativen Zahlen für die Psychopharmaka ähnlich sind, diejenigen aber für die Opioide reziprok.
Medikamentengruppe | Zahl der behandelten Patienten (n) bei Entlassung, % der n = 2930 Patienten | Zahl der behandelten Gefäßpatienten (n) bei Entlassung, % n = 23 Patienten |
|---|---|---|
Opioide | ||
Schwache Opioide | 1054 (36,0 %) | 6 (26,1 %) |
Starke Opioide | 788 (26,9 %) | 12 (52,2 %) |
Psychopharmaka | ||
Antidepressiva | 1379 (47,1 %) | 10 (43,5 %) |
Antikonvulsiva | 806 (27,5 %) | 5 (21,7 %) |
Atypische Neuroleptika | 220 (7,5 %) | 2 (8,7 %) |
Stärken des Manuskript(thema)s
Limitationen
Fazit für die Praxis
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Different zu anderen Bereichen der Schmerztherapie sind zahlreiche Patienten mit Gefäßerkrankungen nicht zwingend mit Schmerzmitteln auf längere Zeit zu therapieren.
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Vor Therapiebeginn ist eine sorgfältige und strukturierte Anamnese zu erheben.
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Die Schmerztherapie beginnt grundsätzlich bei niedrigen Dosierungen.
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Schmerztherapie richtet sich nach der Schmerzqualität, der bisherigen Schmerzstärke, nicht aber nach dem Alter oder Geschlecht.
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Die SOP soll ein Denken in Mustern fördern, entbindet aber nicht von der sorgfältigen Befragung der Patienten.