Objektive Bewertung peripherer Vestibulopathien als Beitrag zur wissenschaftlich fundierten HNO-Begutachtung
- Open Access
- 10.07.2025
- Vestibulopathie
- Leitthema
Zusammenfassung
Grundlagen der HNO-Begutachtung bei „Schwindel“
Internationales Vokabular und Krankheitsdefinitionen
Ermittlung der Gesundheitsstörung im Vollbeweis
Objektive vs. subjektive Bewertung
Methodik und Referenzbereiche objektiver vestibulärer Funktionsprüfungen
HNO-Lehrmeinung
Mindeststandard und Referenzbereiche
Testverfahren | Methodik | Referenzbereiche |
|---|---|---|
Thermische Prüfung („niederfrequenter“ hVOR) | 44°- und 30°-Wasserreizung des Gehörgangs, ggf. monothermal, Luft in Ausnahmefällen bei Trommelfelldefekten/Radikalhöhlen | Wasser: Seitendifferenz < 25 %, Luftreizung (keine quantitative Aussage, paradoxer Nystagmus [12]) |
Video-Kopfimpulstest („hochfrequenter“ VOR, 3 Bogengänge) | Heller Raum, Blickziel in 1,5 m, etwa 10–20 Kopfimpulse (15–20°), Dauer 150–200 ms, Geschwindigkeit 150–200°/s, 3 Bogengänge bds. | |
Vestibulär evozierte myogene Potenziale (VEMP; überwiegende Sakkulus- und Utrikulusfunktion) | Zervikale (cVEMP) und okuläre Ableitungen (oVEMP) in Luftleitung, 500 Hz, Burst-Reizung 100 dB nHL, 1 ms Rise-Fall-Time, 2 ms Plateau, etwa 50–100 Mittelungen, cVEMP: EMG 50–250 µV, auch bei Ertaubung, bei Schallleitungsstörungen schwierig (Knochenleitungs-VEMP) | cVEMP: Latenz: 15,91 ms ± 8,28 ms (p13), 24,69 ms ± 12,80 ms (n23); Amplitude 113,05 µV ± 35,95 µV. AR: 13,83 % ± 10,87 % (< 43 %); oVEMP: Latenz: 11,35 ± 1 (n10); 16,3 ± 1,1 (p13), Amplitude: 7,70 ± 4,50 μV; AR: 17,07 % ± 12,90 %; < 36 % [19] |
HNO-Begutachtung
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Liegt objektiv eine periphere Vestibulopathie/sensorische Funktionsstörung ohne und/oder mit Anfallscharakter im HNO-Fachgebiet vor? (Gesundheitsstörung nach ICD im Vollbeweis)?
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Wie ist diese charakterisiert (Lokalisation, Art, Ausmaß und Eigenschaften; Organschadensgrad; Tab. 2)?
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Wie ist das Ausmaß der vestibulären Kompensation (Kompensationsgrad, Tab. 3)?
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Welche Innenohrstörungen liegen noch vor?
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Lassen sich die Beschwerden/Auswirkungen mit der erforderlichen Wahrscheinlichkeit erklären oder gibt es Diskrepanzen (Begleiterkrankungen)? [4]
Unwesentlich/kaum Grad 1 | Leichtgradig Grad 2 | Mittelgradig Grad 3 | Schwergradig Grad 4 |
|---|---|---|---|
Z. B. kaum Reduktion der thermischen Erregbarkeit, etwa 25 bis < 30 % Seitendifferenz, kaum Reduktion des Gainwerts, kaum VEMP-Amplitudenreduktion | Thermische Erregbarkeit etwa 30–< 40 % Seitendifferenz, hVOR-Gain etwa > 0,6 oder Teilschäden der oberen Bogengänge einzeln oder kombiniert, unilateraler Teilschaden oder einseitige Vollschäden der Otolithenorgane, auch einzeln, keine offenen Rückstellsakkaden | Thermische Erregbarkeit etwa 40–< 90 % Seitendifferenz, hVOR-Gain ca. > 0,4–0,6, verdeckte Rückstellsakkaden und/oder offene Rückstellsakkaden, einseitiger Vollschaden beider oberer Bogengänge, bilateraler Schaden der Otolithenorgane, Schaden zweier korrespondierender oberer Bogengänge | Thermische Erregbarkeit etwa > 90 % Seitendifferenz, hVOR-Gain etwa < 0,4, offene Rückstellsakkaden, beidseitige Schädigung des hVOR-Gain (etwa < 0,6), Vollschaden auf einer Seite und bilaterale Vestibulopathie |
Testverfahren/vestibuläre Kompensation | Schwach (Grad 1) | Mittelmäßig (Grad 2) | Stark (Grad 3) | Nahezu vollständig (Grad 4) |
|---|---|---|---|---|
Spontannystagmus | ||||
Video- oder Elektronystagmographie GLP* [°/s] | Starke bis vollständige Normabweichung (hochfrequent, etwa > 10°/s) | Mittelmäßige Normabweichung (mittelfrequent, etwa 5–10°/s) | Schwache Normabweichung (niederfrequent, etwa < 5°/s) | Ohne bis sehr schwache Normabweichung |
Kopfschüttelnystagmus | ||||
Nystagmusanzahl nach Provokation oder GLP* (°/s) | Starke bis vollständige Normabweichung | Mittelmäßige Normabweichung | Schwache Normabweichung | Ohne bis sehr schwache Normabweichung |
Etwa > 10–20 oder ca. > 15°/s | Etwa 5–10 oder etwa 5–15°/s | Etwa < 5 oder etwa < 5°/s | – | |
Statische Prüfungen** | ||||
Ergebnis statischer Prüfungen** | Starke bis vollständige Normabweichung | Mittelmäßige Normabweichung | Schwache Normabweichung | Ohne bis sehr schwache Normabweichung |
Dynamische Prüfungen | ||||
Ergebnis dynamischer Prüfungen*** | Starke bis vollständige Normabweichung | Mittelmäßige Normabweichung | Schwache Normabweichung | Ohne bis sehr schwache Normabweichung |
Eigenschaften peripherer Vestibulopathien ohne Anfallscharakter
Eigenschaften peripherer Vestibulopathien mit Anfallscharakter
Bewertungskriterien im Rechtskontext
Periphere Vestibulopathien ohne Anfallscharakter
Periphere Vestibulopathien mit Anfallscharakter
Beurteilung in ausgewählten Rechts- und Versicherungsbereichen
Praktische Anwendung: Fallbeispiele
Periphere Vestibulopathien
Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel
M. Menière
Fazit für die Praxis
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„Schwindel“ als subjektives Symptom lässt sich heute im HNO-Fachbereich mithilfe der objektiven Diagnostik aller 5 Sensoren im Rahmen einer gutachterlichen Fragestellung im HNO-Fachbereich differenzieren.
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Eine periphere Vestibulopathie kann so mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen oder verifiziert werden.
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Episodische Schwindelsyndrome erfordern eine andere Herangehensweise als periphere Vestibulopathien mit dauerhaften Beschwerden.
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Die hier vorgestellten neuen Vorschläge zur Bewertung peripherer Vestibulopathien in Bezug auf Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE)/Grad der Behinderung (GdB) und Grad der Schädigungsfolgen (GdS) berücksichtigen objektive Kriterien, aktuelle Diagnosemethoden und wissenschaftliche Standards.
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Bei Diskrepanzen sollten mögliche Komorbiditäten (z. B. funktioneller Schwindel) geprüft und ggf. integrativ bewertet werden.
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Der gutachterlichen Freiheit wird bei der Diagnostik und der Bewertung Raum eingeräumt.
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Da sich die vestibuläre Kompensation, insbesondere bei einseitigen peripheren Vestibulopathien oder die Beschwerdesymptomatik (M. Menière), über die Zeit verändern kann, sollte die MdE/GdB/GdS bei der Erstbegutachtung zeitlich befristet ausgesprochen werden.