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Über dieses Buch

Dieses Buch gibt Antworten auf die dringendsten Fragen zum Thema Sucht. Was eigentlich ist das Süchtige an der Sucht? Gibt es Kriterien? Wie entsteht unabhängig vom Suchtmittel Sucht? Was ist problematisch an süchtigem Erleben und Verhalten? Woran hindert Sucht? Was sind Übergänge von normalem zum süchtigen Verhalten? Hat man einen Nutzen von süchtigem Verhalten? Sind wir vielleicht alle mehr oder weniger süchtig – oder leben wir gar in einer „versüchtelten“ Gesellschaft?

Sucht ist eines der chronisch gewordenen Probleme unserer Gesellschaft. Dabei sind es nicht nur die stoffgebundenen Suchtformen (Alkohol, Medikamente, illegale Drogen), die mit diesem Begriff gemeint sind, sondern es sind auch die Verhaltenssüchte, die jedes Jahr zunehmen: Internetsucht, Spiel-, Arbeits-, Kauf-, Sexsucht. Man nennt diese exzessiven Tätigkeiten auch stoffungebundene Suchtformen. Aber handelt es sich dabei wirklich um Sucht, sind es Vorstufen von Sucht oder haben sie einen ganz anderen Hintergrund? Antworten und Orientierung gibt dieses Buch.

Die Zielgruppen

Geschrieben für Betroffene, Angehörige und Freunde, Selbsthilfegruppen, Berater in Suchtberatungsstellen und -kliniken, Psychotherapeuten, Psychiater, Ärzte.

Der Autor

Werner Gross ist niedergelassener Psychotherapeut und Coach. Er beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit dem Thema Sucht, hat viele Suchtpatienten und deren Angehörige behandelt, hat mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben und gibt in mehreren Ausbildungsinstituten Seminare zu dem Thema.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung: Suchtprobleme in unserer Gesellschaft

Fast täglich kippen uns die Medien neue Horror-Meldungen ins Wohnzimmer:
„Crystal Meth weiter auf dem Vormarsch“, „Zahl der Drogentoten wieder gestiegen“, „Koma-Saufen bei jungen Leuten“, „Alkohol weiterhin Droge Nr.1“ heißen wiederkehrende Schlagzeilen – Belege dafür, dass Sucht schon lange kein Randproblem der Gesellschaft mehr ist.
Sucht hat inzwischen große Teile der Gesellschaft erreicht, das zeigte der Epidemiologische Suchtsurvey (ESA) 2012, der – vom Bundesgesundheitsministerium gefördert – ca. alle 3 Jahre veröffentlicht wird. Nach dieser bevölkerungsrepräsentativen Studie, die mehr als 9.000 Personen im Alter von 18–64 Jahren befragt, hatten in den letzten 30 Tagen 14 % der Befragten einen riskanten Alkoholkonsum und 30 % rauchten. In den letzten 12 Monaten haben 4,5 % Haschisch/Marihuana, 0,8 % Kokain und 0,7 % Amphetamine (Aufputschmittel) konsumiert. Nach den Diagnosekriterien sind in Deutschland ca. 3 % alkoholabhängig, knapp 11 % nikotinabhängig und 0,5 % cannabisabhängig.
Werner Gross

2. Was ist Sucht: Definition

Es gibt eine Vielzahl von Definitionen von Sucht in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Werken. Am bekanntesten sind der ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), der von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegeben wird und das DSM5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), das die American Psychiatric Association(APA) editiert. In akademischer Fachsprache wird dabei für Wissenschaftler, Ärzte und Psychotherapeuten erläutert, was Sucht und Abhängigkeit ist – und was nicht.
Wenn man versucht, das allgemeinverständlich zu formulieren, kann man sagen:
Der Begriff „Sucht“ ist eine verbreitete umgangssprachliche Bezeichnung für die Abhängigkeit von einem bestimmten Stoff oder von bestimmten Verhaltensweisen.
Werner Gross

3. Übergänge: Wo beginnt Sucht?

Wir alle kennen solche Situationen: Da trinkt man „mal einen über den Durst“, frisst sich so richtig pappsatt (weil’s so gut schmeckt) oder hockt den ganzen Abend lethargisch vor der „Glotze“. Wieder ein anderer verbringt Stunden am Computer oder am Spielautomaten. Da „zieht“ man sich ein paar Beruhigungspillen „rein“ – weil man sich danach irgendwie besser fühlt, nicht, weil man sie so unbedingt braucht. Ein Tässchen Kaffee oder eine Zigarette können ähnliche Dienste leisten. Der eine joggt stundenlang für den „Kick“ durch den Park und der nächste arbeitet bis spät in die Nacht.
Niemand käme auf den Gedanken, die aufgezählten Verhaltensweisen etwa als Sucht zu bezeichnen, falls sie nicht tagtäglich oder jede Woche vorkommen und die Betreffenden wirklich Spaß dabei oder einen echten Nutzen davon haben.
Kommen die angesprochenen Verhaltensweisen allerdings regelmäßig vor und werden sie benutzt, um Konflikten ständig auszuweichen oder vor ihnen davonzulaufen, ist die Sache schon nicht mehr ganz so einfach.
Diese Art der „Problemlösung“ kennen viele, aber ist das schon Sucht? Oder nur (eine schlechte) Angewohnheit? Oder ganz normal, weil es doch schließlich alle tun?
Werner Gross

4. Suchtkriterien

Die folgenden Kriterien geben Hinweise darauf, ob der Gebrauch eines Suchtmittels oder eine Verhaltensweise bereits als süchtig einzustufen ist oder noch in den Bereich des „normalen Gebrauches“ fällt: Toleranzentwicklung, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, Abstinenzunfähigkeit/Wiederholungszwang/“Craving“, Dosissteigerung/“more effect“, Interessenabsorption und Zentrierung, gesellschaftlicher Abstieg, psychischer und körperlicher Zerfall, Rückfall
Werner Gross

5. Stoffgebundene Suchtformen

Bei stoffgebundenen Suchtformen werden dem Körper eine oder mehrere chemische Substanzen von außen zugeführt, die den Wahrnehmungs-, Bewusstseins- und/oder Gefühlszustand sowie das Verhalten des „Users“ verändern. Diese Veränderung kann schwächer (wie z. B. bei Nikotin) oder stärker sein (wie z. B. bei Heroin oder Alkohol). Allerdings kann sich auch bei schwachen Zustandsveränderungen eine süchtige Karriere entwickeln („Niedrig-Dosis-Abhängigkeit“), beispielsweise bei Medikamentenabhängigen, aber auch bei Nikotinikern.
Der Grund hierfür liegt in der Wirkung sogenannter psychoaktiver Substanzen. Diese führen durch die Einnahme zu Veränderungen im Transmittergleichgewicht des Gehirns. Werden diese Substanzen wiederholt eingenommen, kommt es zu einer Anpassung des Körpers an diese Veränderungen, sodass der Stoff gleichsam „gebraucht wird“, um den „Normalzustand“ (wieder) herzustellen.
Werner Gross

6. Stoffungebundene Suchtformen: Sucht ohne Drogen

Während bei den stoffgebundenen Suchtformen dem Körper eine Droge von außen zugeführt wird, um den Erlebnis-, Bewusstseins- und Gefühlszustand zu verändern, ist das bei den stoffungebundenen Suchtformen anders: Hier wird von den Abhängigen keine chemische Substanz genommen und trotzdem können sich bei ihnen rauschähnliche Zustände einstellen. Es gibt inzwischen konkrete Hinweise darauf, dass der Körper durch Stimulation von außen (z. B. durch bestimmte Tätigkeiten) oder durch innere Bilder (Vorstellungen, Gedanken, Gefühle) und ohne die Zuführung eines chemischen Stoffes in der Lage ist, sich eine biochemische Situation zu schaffen, die ein rauschhaftes Erleben, sozusagen „Sucht ohne Drogen“, bewirkt. Dieser Bereich der körpereigenen Endorphine wird zurzeit in Biochemikerkreisen erforscht und in der Suchttherapie heiß diskutiert.
Werner Gross

7. Sucht: Ein unabänderliches Schicksal? Zur Frage der Suchtpersönlichkeit

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, sagt ein altes deutsches Sprichwort. Vielen genügt das als Erklärung dafür, dass fast die Hälfte der Kinder aus suchtkranken Familien als Erwachsene selbst süchtig wird. In Wirklichkeit aber gibt es eine große Variationsbreite verschiedenster Ursachen, wie Sucht bei den einzelnen Betroffenen entstehen kann.
Werner Gross

8. Der Suchtkranke und sein Umfeld: Co-Abhängigkeit

Wenn Menschen süchtig werden, leiden nicht nur sie selbst. Man übersieht sie leicht und doch sind sie von der Sucht unmittelbar und massiv betroffen: die Partner, Kinder und Angehörigen des Suchtkranken. Sie sind Mitspieler in einem kranken System und leiden mitunter genauso stark wie der Betroffene selbst, manchmal sogar noch mehr als dieser, da sie bewusstseinsklar mitbekommen, was da passiert, ohne sich dagegen wehren zu können. Familienmitglieder und enge Freunde werden in den Suchtstrudel hinein gezogen. Sie erfahren, wie die Süchtigen ihre Gesundheit ruinieren und leiden zwangsläufig mit.
Das ganze Leben vieler „Co-Abhängiger“, wie sie genannt werden, kreist um den Suchtkranken. Das beginnt mit ständigem Nachdenken über den Süchtigen: „Trinkt er gerade wieder? Was macht er mit dem Geld? Schlägt er wieder zu, wenn er nach Hause kommt?“ Und die Hilfe geht von dem Versuch, den Süchtigen von seiner Sucht zu befreien, über
das Verleugnen oder Banalisieren seiner Krankheit vor Angehörigen, Freunden oder Arbeitskollegen, bis hin zum Pflegen des Betroffenen während süchtiger Phasen oder gar dem Beschaffen von Suchtmitteln.
Werner Gross

9. Die Helfer I: Berufsgruppen

In diesem Kapitel werden die wichtigsten Berufsgruppen in der Suchtkrankenhilfe vorgestellt. Unter anderem werden die Aufgaben von Psychologen, Ärzten, Sozialarbeitern, Pädagogen/Sozialpädagogen und Suchtkrankenhelfern/Suchtkrankentherapeuten umrissen.
Werner Gross

10. Die Helfer II: Beratungs- und Behandlungseinrichtungen und Selbsthilfegruppen

Nach Angaben der Drogenbeauftragten der Bundesregierung gibt es derzeit (Stand Ende 2014) bundesweit über 1.800 ambulante Suchtberatungsstellen und 800 stationäre Suchthilfeeinrichtungen.
Nach Schätzungen der DHS, der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, werden jährlich in Deutschland professionelle Hilfsangebote in ambulanten oder stationären Einrichtungen von mindestens 370.000 Menschen in Anspruch genommen. Über die Anzahl der Menschen mit Suchtproblemen, die eine oder mehrere der ca. 8.700 Selbsthilfegruppen in Deutschland besuchen, gibt es aktuell keine gesicherten Zahlen, sie dürfte jedoch in die Hunderttausende gehen.
Werner Gross

11. Sucht und Wissenschaft

Es gibt sowohl an verschiedenen Universitätsinstituten als auch in ambulanten und stationären Behandlungseinrichtungen Suchtforschung verschiedenster Art.
Werner Gross

12. Gesellschaftliche Kosten der Sucht

Die gesellschaftlichen Kosten der Sucht sind immens. So wurden im Jahr 2012 in den alten Bundesländern allein von den Rentenversicherungen 500 Mio. Euro für die stationäre Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen aufgewendet. Dies entsprach 16% aller Kosten der Rentenversicherungen für medizinische Rehabilitationsleistungen. Von den Krankenkassen liegen dazu keine Zahlen vor, ebenso wenig von den ambulanten Beratungs- und Behandlungsstellen. Schätzungen gehen von mehreren Milliarden Euro aus. Aber auch das scheint nur die Spitze des Eisberges zu sein, denn es müssen bei dieser Frage zwei Ebenen der Kosten unterschieden werden.
Werner Gross

Backmatter

In b.Flat SpringerMedizin.de Gesamt enthaltene Bücher

In b.Flat Suchtmedizin enthaltene Bücher

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