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30.03.2017 | Leitthema | Ausgabe 2/2017 Open Access

Journal für Ästhetische Chirurgie 2/2017

Wasserstrahlassistierte Liposuktion zur Therapie des Lipödems

Erfahrungen, Ergebnisse und Vergleich mit der Tumeszenzliposuktion

Zeitschrift:
Journal für Ästhetische Chirurgie > Ausgabe 2/2017
Autor:
Dr. D. Münch
Das Lipödem, eine Fettverteilungsstörung mit Disproportion zwischen Stamm und Extremitäten, lässt sich konservativ nicht ursächlich behandeln. Therapien mittels „trockenen“ Liposuktionsmethoden führten zu fatalen Resultaten, erst die Tumeszenztechnik brachte einen wesentlichen Fortschritt. Mit der wasserstrahlassistierten Liposuktion steht ein gewebeschonendes Operationsverfahren zur Verfügung, das sich durch eine effiziente Analgesie und Vasokonstriktion auszeichnet, die Belastung des Patienten mit Volumen und hohen Pharmakakonzentrationen reduziert sowie die Operationszeiten und die Rekonvaleszenz verkürzt.

Lipödem: Definition, Pathophysiologie, Symptome

Das Lipödem ist eine chronische und meist progrediente Erkrankung, die durch eine symmetrische Fettverteilungsstörung an den Beinen und in 30 % zusätzlich auch an den Armen charakterisiert ist. Neben der umschriebenen Unterhautfettgewebevermehrung bestehen eine Neigung zu orthostatischen Ödemen, eine Hämatomneigung nach geringem Trauma sowie eine vermehrte Berührungsempfindlichkeit, außerdem leiden die Patientinnen unter einem Spannungsgefühl und einer Druckschmerzhaftigkeit [ 19]. Fettwülste an den Oberschenkelinnenseiten können zu Hautirritationen oder zu Gehstörungen führen. Die Lebensqualität von Lipödempatientinnen kann durch das Aussehen und durch die Disproportion zwischen Oberkörper und Beinen stark beeinträchtigt sein und führt oft zu Frustration und psychologischen Problemen. Von einem Lipödem betroffen sind ausnahmslos Frauen, oft besteht eine familiäre Häufung. Das Lipödem beginnt in der Regel nach der Pubertät, nach einer Schwangerschaft oder in Zusammenhang mit dem Klimakterium. Eine gleichzeitige Adipositas, die aggravierend auf das Beschwerdebild wirkt, findet sich bei 50 % der Lipödempatientinnen [ 14].
Von einem Lipödem sind ausnahmslos Frauen betroffen
Neben der Fettvolumenvermehrung besteht eine Kapillarpermeabilitätsstörung: Eine erhöhte Fragilität der Kapillarwände verursacht die verstärkte Hämatomneigung, außerdem gelangt dadurch vermehrt Flüssigkeit aus dem Gefäßsystem in den interstitiellen Raum mit der Folge von orthostatisch bedingten Ödemen [ 20]. Das Lymphgefäßsystem kompensiert diesen vermehrten Flüssigkeitsanfall zunächst durch einen gesteigerten Lymphtransport, die Dauerbelastung führt in der Folge zu Veränderungen in den Wänden der Lymphgefäße und zu einer Einschränkung der Transportkapazität [ 2]. Die Folge sind Ödeme und die Zunahme des subkutanen Fettgewebes.
Klinisch wird das Lipödem in 3 Stadien unterteilt [ 5, 13].
  • Im Stadium I der Erkrankung ist die Haut glatt, die Subkutis ist verdickt, weich und von feinknotiger Fettstruktur.
  • Im Stadium II wird die Haut uneben, und es bildet sich eine grobknotige Fettstruktur.
  • Das Stadium III ist gekennzeichnet durch derbes Bindegewebe und deformierende Fettlappen.
Im Laufe von Jahren kann durch Fibrosierung der Lymphbahnen ein sekundäres Lymphödem entstehen.
Eine kausale konservative Therapie des Lipödems ist nicht bekannt
Diagnostiziert wird ein Lipödem durch die Anamnese (Beschwerden, Zeitpunkt des Auftretens, familiäre Häufung), die Inspektion (Disproportion, Hautoberfläche) und die Palpation (Schmerzhaftigkeit bei Berührung, Fettstruktur) [ 19]. Weitere Parameter wie Körpergewicht, Body-Mass-Index, „Waist-Hip/Waist-Height-Ratio“ sowie Umfangmessungen werden zur Verlaufskontrolle empfohlen [ 12]. Eine kausale konservative Therapie des Lipödems ist nicht bekannt. Ziel der konservativen Behandlung ist neben der Gewichtskontrolle die Beseitigung der vermehrten interstitiellen Flüssigkeitsansammlung durch die kombinierte physikalische Entstauungstherapie (KPE). Dazu gehören die manuelle Lymphdrainage, das Tragen von Kompressionsstrümpfen, die Bewegungstherapie und die Hautpflege [ 5]. Zur dauerhaften Reduktion des subkutanen Fettgewebes bietet sich die Liposuktion an, eine mittlerweile etablierte und risikoarme Methode.

Fragestellung

Das Ziel der Arbeit ist, die Sicherheit und die Effizienz der wasserstrahlassistierten Liposuktion (WAL) bei Vorliegen eines Lipödems bezüglich Beschwerdebild und Konturverbesserung zu analysieren.
Basierend auf der Literatur und der eigenen Erfahrung aus 4000 Tumeszenzliposuktionen (TL) und 1500 WAL, werden die prinzipiellen und praxisrelevanten Unterschiede beider Methoden aufgezeigt und verglichen.

Patienten und Methoden

Zwischen 01.07.2010 und 31.07.2016 wurden 141 Lipödempatientinnen mittels WAL operiert, 61 davon in 2 Sitzungen; insgesamt wurden 202 Eingriffe durchgeführt (Body-Jet Evo®, HumanMed, Schwerin) (Abb.  1). Bei Befall der ganzen unteren Extremität wurden in der Regel 2 Eingriffe im Abstand von ca. 3 Monaten durchgeführt: 1. Operation: Oberschenkel zirkulär und Knie innen, 2. Operation: Waden und allenfalls Oberarme und/oder Hüften. Das mittlere Alter betrug 37,2 Jahre (18–65; Standardabweichung [SD] 9,68), das mittlere präoperative Körpergewicht lag bei 72,5 kg (47–136; SD 13,96), der mittlere Body-Mass-Index (BMI) betrug 26,6 kg/m 2 (18,6–44,9; SD 5,14).

Präinfiltration

Alle Eingriffe wurden ambulant, in lokaler Betäubung und unter einer präoperativen Sedation mit 7,5 mg Midazolam (Dormicum®) durchgeführt. Je nach Bedarf erfolgte eine zusätzliche Sedation mit Entonox® (50 % Distickstoffmonoxid/50 % Sauerstoff, „Lachgas“). Entonox® wirkt analgetisch, ist einfach zu verabreichen und gut steuerbar. Der Patient bleibt immer ansprechbar und kann sich selbstständig in die optimale Position drehen, was ein präzises Operieren erlaubt. Eine prophylaktische Antibiotikagabe erfolgte mittels Ciprofloxacin 2‑mal 500 mg über 3 Tage, eine Thromboseprophylaxe je nach Risikoprofil mittels eines niedermolekularen Liquemins während 5 Tagen.
Durch kleine Inzisionen wird die 2,5-mm-Infiltrationskanüle in die subkutane Fettschicht der zuvor im Stehen markierten Behandlungszonen eingeführt. Die auf 37° vorgewärmte Anästhesieflüssigkeit (Klein-Lösung) wird am Ende der Kanüle durch eine um 30° von der Längsachse abgewinkelte Öffnung fächerförmig und dadurch gleichmäßig in die Fettschicht verteilt. Der im Gewebe erzielte Druck liegt unter 1 bar, etwa einem kräftigen Duschstrahl vergleichbar. Die Infiltration der Lösung erfolgt pulsierend mit einem Flow von 188 ml/min, die Eindringtiefe der Flüssigkeit in das Fettgewebe beträgt 40–50 mm. Die Kanüle wird fächerförmig und langsam, dem pulsierenden Sprühstrahl folgend, hin und her bewegt und gleichzeitig um die Längsachse gedreht. Dies erlaubt eine schmerzfreie und schonende Infiltration der subkutanen Fettschicht; das Fettgewebe wird durch den Wasserstrahl sanft disseziert und auf die nachfolgende Liposuktion vorbereitet. Das Gewebe wird nicht wie bei der typischen Tumeszenztechnik prall gefüllt, weil dadurch die Lymphgefäße geschädigt werden könnten und weil ein präzises Absaugen durch die aufgeschwemmte Oberflächenkontur erschwert wird. Das Ziel ist, mittels einer Basisinfiltration der subkutanen Fettgewebeschicht eine effiziente Analgesie und Vasokonstriktion zu erreichen.

Wasserstrahlassistierte Liposuktion

Weil ein Eindringen der Anästhesieflüssigkeit in die Fettzellen nicht nötig ist, entfällt die bei der TL übliche Wartezeit: Unmittelbar nach Abschluss der Präinfiltration erfolgt die Absaugung mit der doppellumigen Sprüh-/Saugkanüle von 30 cm Länge (Abb.  2). Je nach Absaugzone, Dicke der Unterhautfettschicht und Konsistenz des Fettgewebes kommen Kanülen mit unterschiedlichen Durchmessern (3,5/3,8/4,2/4,6 mm) und verschieden geformten Kanülenenden (stumpfer/scharfer Kantenschliff, 2/4/Mehrlochkanülen, Löcher zirkulär/einseitig) zum Einsatz. Analog der vorgängigen Infiltrationsphase wird die in der Zusammensetzung unveränderte Anästhesieflüssigkeit an der Spitze der Kanüle fächerförmig im Gewebe verteilt, dadurch wird der anästhetische und hämostatische Effekt auch in der Absaugphase kontinuierlich aufrechterhalten. Die Pulsationsvarianten des Wasserstrahls werden je nach Gewebekonsistenz und Absaugzone zwischen kurz/schnell, gleichmäßig und lang eingestellt, ebenso die Flussraten zwischen 100 und 188 ml/min.
Durch das fortlaufende Spülen wird die Belastung durch die in der Lösung enthaltenen Medikamente für den Patienten reduziert. Der Unterdruck mit einer regelbaren Stärke von bis – 0,8 bar wird durch das Verschließen eines Bypassloches mit dem Daumen am Handstück der Kanüle aufgebaut und kontrolliert. Unter langsamen, gleichmäßigen Hin- und Herbewegungen werden die vergrößerten Adipozyten durch den Wasserstrahl sanft aus ihrer extrazellulären Matrix herausgespült, das umliegende Bindegewebe und insbesondere die Lymphbahnen werden durch diese Technik maximal geschont. Es wird darauf geachtet, dass die Kanülenbewegungen parallel zur Körperlängsachse und nicht in Criss-Cross-Technik erfolgen, dieses „achsengerechte“ Absaugen bietet zusätzlich Gewähr, dass keine Lymphgefäßschäden provoziert werden [ 16].
Im Gegensatz zu kosmetisch indizierten Liposuktionen werden bei einem Lipödem die Beine zirkulär, d. h. auch an der Oberschenkelvorder- und -hinterseite abgesaugt. Dadurch lässt sich eine maximale Volumenreduktion und entsprechend auch optimale Besserung des Beschwerdebildes erzielen. Dank der lokalen Anästhesie kann sich die Patientin jederzeit in die optimale Position drehen. Dies erlaubt eine präzise Führung der Kanüle. Am Ende der Operation werden die Inzisionsstellen offen belassen, nach Austritt der restlichen Spülflüssigkeit verschließen sich diese spontan innerhalb von 24 h. Die durchschnittliche Operationsdauer inklusive Präinfiltration betrug 1 h 36 min, der Mittelwert der entfernten Fettmenge pro Patientin lag bei 4200 ml (Abb.  3).

Nachbehandlung

Postoperativ wird den Patientinnen ein Kompressionsanzug angepasst. Die Absaugzonen werden auf 16° gekühlt (Hilotherm Clinic®, Hilotherm GmbH, Argenbühl-Eisenharz). Lokal verordnen wir Heparin-Gel sowie ein Paracetamol-Präparat als Schmerzreserve. Das Tragen der Kompressionskleidung empfehlen wir über 2 Wochen während 24 h, danach während weiteren 6 Wochen tagsüber.

Komplikationen

Nach keinem der Eingriffe traten postoperative Komplikationen wie Infekte, Abszesse, Nekrosen, Blutungen, thromboembolische Ereignisse oder Hautirritationen wie Erysipele auf. Mehr oder weniger ausgeprägte Hämatome, Schwellungen und lokale Indurationen traten in praktisch jedem Fall auf. Unter konservativen Maßnahmen wie Schonung, Hochlagern, Tragen der Kompressionskleidung und der Applikation von Heparin-Präparaten bildeten sich diese Nebenwirkungen aber in jedem Fall innerhalb weniger Wochen vollständig zurück.

Ergebnisse

Eine definitive Beurteilung der operierten Zonen ist erst nach 6 bis 8 Monaten möglich. Bei allen Patientinnen waren oft schon nach wenigen Wochen eine deutliche Besserung der Beschwerden und eine signifikante Zunahme der Lebensqualität zu verzeichnen. Die Reduktion der subkutanen Fettschicht führte in jedem Fall zu einer Umfangreduktion und zu einer dauerhaften Normalisierung der Gesamtproportionen (Abb.  4 und  6). Die krankheitsbedingte Schmerzsymptomatik, die Ödemneigung, die Druckschmerzhaftigkeit und die vermehrte Neigung zu Hämatomen verminderten sich signifikant oder verschwanden ganz. Orthopädische Beschwerden besserten sich, Anzahl und Intensität der konservativen Therapien konnten reduziert oder weggelassen werden. Oft resultiert eine neue Kleidergröße und vorher verwehrte sportliche Aktivitäten waren wieder möglich.
Bei 71 Patientinnen, deren Fragebogen ausgewertet werden konnten, wurde die Selbsteinschätzung einzelner Beschwerdekriterien anhand einer visuellen Analogskala von 0 (= nicht vorhanden) bis 9 (= sehr stark ausgeprägt) erfasst (Abb.  5). Bei allen Beschwerdeparametern und bezüglich der Körperproportionen sowie der Lebensqualität konnten signifikante Verbesserungen erzielt werden (Wilcoxon-Test; p < 0,05). Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 35,9 Monate (5–84; SD 14,09).
Postoperativ zeigte sich eine Reduktion des Körpergewichtes um durchschnittlich 3,4 kg (−4–17; SD 4,62); 42,1 % der Patientinnen konnten ihre Kleidergröße um 1 Nummer reduzieren, 10,5 % um 2 Nummern (Abb.  4 und  6). Lymphdrainage- oder Kompressionsbehandlungen waren bei 5,3 % der Patientinnen nicht mehr nötig, konnten bei 23,4 % reduziert werden und wurden bei 9,5 % als wirksamer empfunden.

Diskussion

Konservative Therapie

Konservative Maßnahmen können in begrenztem Maße die Symptomatik des Lipödems lindern, Komplikationen verhindern und die Lebensqualität der Patientinnen verbessern. Körperliche Aktivitäten und kalorienarme Diäten bewirken zwar eine Reduktion des Körpergewichtes, die disproportionale Fettverteilung kann dadurch jedoch nicht beeinflusst werden. Eine lipödemspezifische Diät ist nicht bekannt. Kontraindiziert sind Diuretika, weil es dadurch zu einem Flüssigkeitsentzug des Interstitiums mit konsekutiv gesteigertem Proteingehalt kommt, was sekundär eine Verstärkung der Ödeme bewirkt [ 12]. Eine Reduktion des krankhaft vermehrten Fettgewebes ist durch konservative Maßnahmen nicht möglich, ebenso ist eine Beeinflussung der gesteigerten Kapillarpermeabilität und somit der Ödemneigung nicht zu erwarten. Ein Lipödem bedarf einer dauerhaften konservativen Behandlung, zudem sind diese Maßnahmen zeitaufwendig, beschränkt in der Wirkung und stellen v. a. für jüngere Patientinnen eine erhebliche Belastung dar.

Dry-technique-Liposuktion

Bis Ende der 1980er-Jahre wurden zur Behandlung des Lipödems großflächige Liposuktionen mittels „dry-technique“ in Vollnarkose durchgeführt. Dabei wurde mit dicken und scharfen Kanülen ohne vorherige Infiltration operiert. Die Folge waren Blutungen, Infekte, Verletzungen von Lymphgefäßen und postoperativ persistierende Schwellungen, oft kombiniert mit inakzeptablen kosmetischen und funktionellen Resultaten. Aufgrund dieser hohen Komplikationsraten sind diese Methoden als obsolet zu betrachten [ 4, 13, 16].

Wet-technique-Liposuktion

Die Wet-Technik in Tumeszenzanästhesie reduziert diese Risiken [ 3, 6, 11, 14]: Dabei wird das subkutane Fettgewebe mit einer 0,9 %-Kochsalzlösung, die Lidocain und Adrenalin enthält, prall aufgefüllt. Beim Absaugen wird dann ein Fett-Lösungs-Gemisch entfernt. Diese Methode bedeutet gegenüber der „dry-technique“ einen Gewinn an Sicherheit und erlaubt ein Vorgehen in lokaler Betäubung. Die Adrenalinzugabe und der Gewebedruck verbessern die Hämostase, und der Drainageeffekt der über längere Zeit durch die Inzisionsstellen austretenden Spülflüssigkeit schützt vor Infektionen.

Wasserstrahlassistierte Liposuktion

Die seit 2007 im klinischen Einsatz befindliche WAL stellt eine methodische Neuentwicklung dar und führte zu einem Paradigmenwechsel in der Liposuktionsbehandlung [ 17]: Bei dieser Technik folgt die Kanüle dem Wasserstrahl, und die Fettzellen werden selektiv und unter Schonung der Lymphbahnen, Nerven und Blutgefäße aus dem Gewebe herausgespült und gleichzeitig zusammen mit der Spülflüssigkeit abgesogen (Abb.  2).
Im Gegensatz zur konventionellen Liposuktion respektiert der Wasserstrahl die anatomischen Strukturen besser, ohne sie zu traumatisieren [ 1, 7, 8, 16]. Eine volle Tumeszenz ist nicht notwendig, da der kontinuierliche Sprühstrahl die zusammen mit den Fettzellen abgesogene Flüssigkeit fortlaufend ersetzt.

Vergleich Tumeszenzliposuktion/wasserstrahlassistierte Liposuktion

Nachteil der TL gegenüber der WAL ist die Tatsache, dass das Gewebe zuvor mit großen Volumina von Anästhesielösung prall aufgefüllt wird, was eine Belastung für den Kreislauf darstellt und zu einer kritischen Dosierung der Medikamente führen kann. Zudem erschwert das massiv aufgequollene Gewebe ein präzises Absaugen und eine optische Kontrolle des Liposuktionsergebnisses. Die Folgen können ungleichmäßige Resultate und konsekutiver Korrekturbedarf sein. Die Tumeszenz führt durch den Druck der Flüssigkeit und durch das osmotische Gefälle zu einer Membranpenetration der Adipozyten. Dies und die nachfolgende Liposuktion können eine Destruktion der Zellen bewirken [ 8, 16]. Im Gegensatz dazu finden sich im WAL-Aspirat weitgehend intakte Fettzellen [ 9]. Somit kann davon ausgegangen werden, dass die WAL als gewebeschonende Technik potenziell auch einen weniger traumatisierenden Effekt auf die Lymphbahnen ausübt. Im weiteren kann eine Schädigung des Gewebes und insbesondere der Lymphbahnen durch „aggressivere“ mechanische Absaugverfahren nicht ausgeschlossen werden: Vibrationskanülen, Ultraschallgeräte oder laserassistierte Lipolyseverfahren traumatisieren das Gewebe mehr als der sanfte Wasserstrahl, welcher, der Kanülenspitze vorausgehend, einen natürlichen Weg durch das Gewebe bahnt und dadurch Gefäße, Lymphbahnen und Nerven nicht verletzt [ 1]. Aus diesen Gründen hat sich die WAL auch als erfolgreiche Methode zur schonenden Gewinnung intakter Fettpartikel beim autologen Fetttransfer etabliert [ 10, 18].
Ein weiterer Nachteil der TL besteht darin, dass die Wirkung der Anästhesie und der Vasokonstriktion gegen den Schluss der Liposuktion nachlässt und so der Eingriff wegen Schmerzen oder Blutungen vorzeitig beendet werden muss. Bei der WAL wird fortlaufend frische Flüssigkeit gezielt an den Arbeitsort zugeführt, an empfindlichen Stellen ist eine zusätzliche Anästhesierung jederzeit einfach machbar. Dies gewährt eine sichere Schmerzausschaltung auch gegen Ende des Eingriffes und reduziert die intra- und postoperative Hämatomneigung.
Bei der WAL erfolgt eine effiziente Analgesie durch die kontinuierliche Zufuhr von Anästhesielösung
Studien zeigen außerdem, dass die Schmerzen intra- und postoperativ nach einer WAL signifikant geringer sind als nach einer TL [ 1, 7]. Auch bezüglich Hämatombildung und Hautretraktion bietet die WAL Vorteile [ 8]. Das unangenehme Auslaufen der Anästhesielösung dauert bei einer TL oft mehrere Tage, bei der WAL maximal 24 h. Von Vorteil ist die WAL auch bezüglich der Operationsdauer: Eine Präinfiltration ist schneller erreicht als eine volle Tumeszenz, außerdem entfällt die Wartezeit von bis zu 1 h bis zur Wirkung einer Tumeszenzanästhesie [ 3, 7]. Wegen der größeren Flüssigkeitsbelastung sind zur Behandlung eines Lipödems in Tumeszenz im Median 3 Sitzungen nötig [ 11], mittels WAL kann die gleiche Behandlung in praktisch allen Fällen in nur 2 Operationen durchgeführt werden (Tab.  1).
Tab. 1
Vergleich Tumeszenzliposuktion (TL)/wasserstrahlassistierte Liposuktion (WAL)
Kriterium
TL
WAL
Apparativer Aufwand
Kleiner
Größer
Belastung des Körpers durch Pharmaka und Volumen
Stärker, da Tumeszenz große Volumina erfordert
Minimal, weil fortlaufendes simultanes Sprayen und Absaugen der Flüssigkeit exakt am Ort der Operation stattfinden
Traumatisierung des Gewebes und der Lymphbahnen
Vermehrt, da Flüssigkeitsdruck/Osmose potenziell zellschädigend wirken; Kanüle ohne Wasserstrahl führt eher zu Gewebeläsionen
Minimal, weil Gewebe nicht aufgeschwemmt wird und Kanüle dem natürlichen Weg des Wasserstrahls folgt
Präzision der Liposuktion
Häufiger unregelmäßige Resultate, weil Tumeszenz Oberflächenstruktur aufschwemmt und Beurteilbarkeit des Arbeitsfeldes einschränkt
Korrektureingriffe seltener, da erhaltene Kontur präzise Liposuktion erlaubt
Möglichkeit, empfindliche oder zuvor ungenügend anästhesierte Zonen nachträglich zu infiltrieren
Umständlicher wegen zeitaufwendigem Instrumentenwechsel
Einfach, da bei laufendem Sprühstrahl einzig das Vakuum vorübergehend zu deaktivieren ist
Schmerzen intraoperativ, im Besonderen gegen Ende der Operation
Ausgeprägter, weil gegen Ende der Liposuktion der Wirkspiegel der Anästhesie ungenügend wird
Konstant gute Analgesie, da kontinuierliche Zufuhr von frischer Anästhesielösung am Wirkungsort bis zum Ende des Eingriffes für einen effizienten Wirkspiegel sorgt
Operationsdauer
Länger, wegen erhöhtem Zeitbedarf für Infiltration/Wartephase bis zum Wirkungseintritt der Tumeszenzanästhesie
Kürzer, da Präinfiltration rascher durchgeführt und Wartezeit entfällt
Dauer des postoperativen Flüssigkeitsaustrittes
Oft mehrere Tage, da große Volumina im Körper verbleiben
Maximal 24 h, weil weniger Restflüssigkeit im Körper verbleibt
Rekonvaleszenzphase
Länger
Kürzer
Hämatome postoperativ
Vermehrt
Weniger ausgeprägt
Schmerzen postoperativ
Ausgeprägter
Geringer
Hautretraktion
Oft unbefriedigend
Ausgeprägter wegen Straffungseffekt durch den Wasserstrahl, abhängig von Alter und Bindegewebe
Anzahl nötiger Eingriffe für eine vollständige Liposuktion
Oft mehr als 2
In der Regel 2

Zusammenfassende Bewertung Tumeszenzliposuktion/wasserstrahlassistierte Liposuktion

Im Gegensatz zu den konservativen Maßnahmen lässt sich mittels Liposuktion im Sinne einer kausalen Therapie das krankhaft vermehrte Fettgewebe nachhaltig reduzieren, die Kapillardurchlässigkeit wird allerdings nicht beeinflusst [ 14]. Die Schmerzsymptomatik sowie die Ödem- und Hämatomneigung können daher nicht ganz vollständig beseitigt, aber doch deutlich reduziert werden. Die Reduktion von Fettgewebedepots verhindert außerdem Hautirritationen, normalisiert die Beweglichkeit und verbessert das Gangbild. Konservative Therapien können nach einer Liposuktion reduziert oder ganz abgesetzt werden. Verlaufskontrollen über mehr als 8 Jahre zeigen, dass diese Ergebnisse weitgehend als dauerhaft betrachtet werden können [ 3, 15].

Fazit für die Praxis

  • Das Lipödem ist eine Fettverteilungsstörung unbekannter Ursache, die bei Frauen symmetrisch an den unteren Extremitäten und in 30 % zusätzlich an den Oberarmen auftritt. Die Patientinnen leiden massiv unter ihrem Aussehen und unter den Beschwerden.
  • Weil die Pathogenese ungeklärt ist, existiert keine kausale Therapie.
  • Konservative Therapien können die Symptome bessern, sind aber zeitaufwendig und nicht nachhaltig.
  • Die Tumeszenzliposuktion hat sich als sicheres Verfahren für eine Fettzellreduktion beim Lipödem in lokaler Anästhesie etabliert.
  • Die wasserstrahlassistierte Liposuktion bietet zusätzliche Vorteile bezüglich Schonung der anatomischen Strukturen, weniger Volumen- und Medikamentenbelastung, präziserer Liposuktion und kürzerer Operationszeiten.
  • Eine wasserstrahlassistierte Liposuktion verbessert die Beschwerden eines Lipödems entscheidend und nachhaltig. Die Betroffenen gewinnen gegenüber konservativen Maßnahmen deutlich an Lebensqualität, sodass die Indikation zur Operation großzügig gestellt werden sollte.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
D. Münch gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Dieser Beitrag beinhaltet keine vom Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren. Alle Patienten, die über Bildmaterial oder anderweitige Angaben innerhalb des Manuskripts zu identifizieren sind, haben hierzu ihre schriftliche Einwilligung gegeben. Im Falle von nicht mündigen Patienten liegt die Einwilligung eines Erziehungsberechtigten oder des gesetzlich bestellten Betreuers vor.
Open Access. Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz ( http://​creativecommons.​org/​licenses/​by/​4.​0/​deed.​de) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.

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