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01.06.2004 | Vortragsforum | Ausgabe 2/2004

Forum der Psychoanalyse 2/2004

Wir Kriegskinder

Zeitschrift:
Forum der Psychoanalyse > Ausgabe 2/2004
Autor:
Prof. Dr. med. Michael Ermann
Wichtige Hinweise
Überarbeitete Fassung des öffentlichen Abendvortrags anlässlich der 53. Lindauer Psychotherapiewochen am 15. April 2003. Gekürzte Fassung im Südwestrundfunk am 10.11.2003.—Die Fußnoten wurden für die Druckfassung aktualisiert.

Zusammenfassung

Annähernd sechs Jahrzehnte nach dem Kriegsende ist in den letzten Jahren ein Interesse am Schicksal der Generation von nichtjüdischen Deutschen erwacht, die im Zweiten Weltkrieg geboren wurden. Die Gründe für das lang dauernde Wegschauen vom frühen Schicksal dieser Kriegskinder, zumindest in der psychoanalytischen Literatur, wird vor allem in Schuldgefühlen als Folge des Holocaust und in der Gefahr gesehen, Unvergleichbares miteinander zu vergleichen. Dieser Gefahr bewusst, beschreibt der Autor Aspekte des Selbsterlebens und des Verhaltens der Kriegskindgenerationen. Er vertritt die Auffassung, dass die schuldbedingte Unfähigkeit der Erwachsenen zu trauern (Mitscherlich) transgenerational bei den Kriegskindern zu einem inneren Verbot führte, selbst zu fühlen. Dieses bewirkte in den Kriegskindgenerationen eine Pervertierung des Denkens, indem die grauenvollen Erfahrungen zur Normalität erklärt wurden. Hinzu kamen Überlebensschuld und Schuldgefühle über den traumabedingten eigenen Hass. Der Autor beschreibt eine Kriegskindidentität. Diese zeigt sich in einem Mangel an Selbsteinfühlung und Gefühlsferne in Bezug auf eigene Empfindungen. Sie äußert sich in einer gewissen Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst, einer bestimmten Zähigkeit durchs Leben zu gehen, einer Unauffälligkeit des Funktionierens und in sozialer Angepasstheit. Sie beruht auf einer Fremdheit gegenüber sich selbst, die bewirkt, dass die Betroffenen sich auch gegenüber anderen fremd fühlen und ihnen auch fremd bleiben. In der Behandlung besteht der entscheidende Schritt darin, dass Kriegskinder beginnen, sich als Traumatisierte anzuerkennen, ihre Verleugnung aufzugeben und eine positive, bejahende Kriegskindidentität zu erwerben. Im Wesentlichen bedeutet das, die Fähigkeit zu entwickeln, sich in sich selbst empathisch hineinzuversetzen, mit sich mitzufühlen und Verständnis für sich zu erwerben. Der Weg dahin führt durch Trauer über versäumte Lebenschancen und wird begleitet von der Gefahr, die Behandlung abzubrechen, als wäre alles gar nicht so schlimm.

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