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22.03.2018 | Wissen macht Arzt | Redaktionstipp | Onlineartikel

Gen SLC6A4

Der Schlüssel zum Glück

Autor:
Jan Ludwig

Das "Streben nach Glück" ist nicht nur in der Unabhängigkeitserklärung der USA als Recht verbrieft. Auch die Vereinten Nationen bezeichnen es als "grundlegendes Ziel des Menschen", haben gar einen Weltglückstag ausgerufen.

Im Jahr 1980 liegt ein Neugeborenes in den staubigen Straßen der indischen Metropole Kolkata. Von Hunger und Durst entkräftet, droht es binnen Tagen zu sterben. Doch Mitarbeiter von Mutter Teresas Hilfsorganisation nehmen sich des kleinen Jungen an. Sie nennen ihn Adam – wie der erste Mensch in der biblischen Erzählung. Im Alter von zwei Wochen adoptiert ihn dann eine Amerikanerin. Jayme Illien wird nun sein Name. Aus dem Jungen wird ein Mann, der sein eigenes Glück anderen zuteilwerden lassen will. Illien übernimmt die Leitung einer Organisation für Adoptionen, engagiert sich als Philanthrop, wird UN-Berater und setzt sich für einen Weltglückstag ein. Am 28. Juni 2012 ist er am Ziel: Die Vereinten Nationen beschließen in einer Resolution den Internationalen Tag des Glücks, den 20. März.

Guter Chemikalien-Cocktail

Was Glück bedeutet, versucht auch die Wissenschaft zu ergründen. Aus neurobiologischer Sicht fühlen wir uns dann glücklich, wenn eine Art guter Cocktail aus körpereigenen Chemikalien durchs Hirn strömt. Oxytocin zum Beispiel wird bei Umarmungen und beim Orgasmus ausgeschüttet, bei Frauen auch während der Geburt und beim Stillen. Als sogenanntes Bindungshormon macht es uns entspannter, vertrauensseliger und monogamer.

Wir empfinden auch ein Hochgefühl, wenn mehr Dopamin gebildet wird. Der Botenstoff regt im Hirn das "positive Belohnungszentrum" an, das eigentlich mesolimbisches System heißt. Dort entsteht ein Glücksgefühl. Dopamin spielt auch bei der Produktion von Endorphinen eine Rolle. Das sind gewissermaßen körpereigene Drogen – nur ohne heftige Nebenwirkungen. Endorphine lindern vor allem Schmerzen und stimulieren das Immunsystem. Weil unser Hirn so verschaltet ist, können Umarmungen gegen Traurigkeit helfen und Sex gegen Kopfschmerzen.

Auf die Länge kommt es an

Das Glück liegt zum Teil bereits in den Genen. Der Schlüssel zum Glück lautet SLC6A4. Was aussieht wie ein Passwort, ist in Wahrheit der Fachbegriff für ein Gen. SLC6A4 leitet das Hormon Serotonin in die Zellen weiter, und das lässt uns entspannt sein und gut gelaunt. Forscher gehen, grob gesagt, von zwei Arten dieses Gens aus: einer Langform und einer Kurzform. Wer ein längeres Gen hat, der hat mehr Serotonin in den Zellen – und sieht eher das Positive. Ein kürzeres Gen macht anfälliger für Pessimismus.

Also gute Gene, gute Laune? Wissenschaftler vermuten, dass Gene allgemein für ein Drittel bis die Hälfte unseres Wohlbefindens verantwortlich sind. Das würde erklären, warum manche Menschen von Natur aus glücklicher wirken als andere – bei ansonsten gleichen Umständen. Eineiige Zwillinge haben wiederum ein sehr ähnliches Glücksniveau, auch dann, wenn sie an unterschiedlichen Orten wohnen.

Am glücklichsten macht die meisten Menschen ein stabiles soziales Umfeld. Zuneigung und Liebe haben laut Forschern die nachhaltigste Wirkung. Wer sich in seiner Familie und unter Freunden angenommen fühlt, meistert auch schwierigere Lebensphasen leichter. Auch wer sich sozial engagiert, lebt im Schnitt zufriedener. Reichtum macht übrigens ab einer gewissen Grenze kaum noch glücklicher. Es müssen vor allem die Grundbedürfnisse befriedigt werden, im besten Fall mit einem kleinen Polster. Darüber hinaus steigt das Glück nur noch sehr langsam an.

Finnland wurde 2018 zum glücklichsten Land der Welt erkoren. Kein anderes Volk ist laut dem Weltglücksreport der Vereinten Nationen zufolge insgesamt langlebiger, freigiebiger und weniger korrupt als die Finnen. Auf den Plätzen folgen Norwegen, Dänemark und Island. Deutschland schafft es auf Platz 15.

Das erste Mal wurde in dem Bericht auch die Zufriedenheit von Einwanderern in 117 Ländern untersucht. Das Ergebnis: In Finnland leben auch die glücklichsten Migranten, Deutschland landet in dieser Kategorie "nur" auf Platz 28. Grund sei weniger die Migrationspolitik Deutschlands, erklärte Martijn Hendriks von der Erasmus Universität in Rotterdam, sondern die Herkunft der Einwanderer. Viele kämen aus Kriegsländern wie Syrien oder aus armen Ländern und seien damit schon in ihrer Heimat weniger glücklich gewesen.

Wie sieht es in Deutschland aus?

Was im Großen für die Welt gilt, gilt in Deutschland im Kleinen: Nordluft macht glücklich. In Hamburg und Schleswig-Holstein leben laut "Glücksatlas 2017" die zufriedensten Menschen. Auf einer Skala von 0 bis 10 erreichen die Deutschen insgesamt einen Wert von 7,07, Schleswig-Holstein kommt auf 7,43. Erfragt wurde die subjektive Lebenszufriedenheit. Die Deutschen sind also ziemlich happy, und das schon seit Jahren auf etwa diesem Niveau.

Die Forscher vermuten, dass vor allem die norddeutsche Mentalität für die Spitzenwerte verantwortlich ist - Gemütlichkeit ist eben Trumpf. Die östlichen Bundesländer belegen zwar die hinteren Plätze. Aber die Kluft zum Westen ist nur noch gering. Zwischen dem Erstplatzierten und dem Letzten (Sachsen-Anhalt) beträgt der Abstand nur 0,6 Punkte.

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